Der Begriff der Nachhaltigkeit, im Umlauf seit 20 Jahren, ist zu einem der häufigst benutzten Begriffe in der Entwicklungs-und Umweltdiskussion geworden, aber jeder versteht etwas anderes darunter.
Petra Stephan macht den Versuch einer Abgrenzung unterschiedlicher Dimensionen des Begriffs und kommt zu dem Schluss, dass z. B. die Erarbeitung von Indikatoren für die Zielerreichung eine sinnvolle Lösung biete.
Auch fast zehn Jahre nach dem Umwelt- und Entwicklungsgipfel in Rio de Janeiro (1992) und nur wenige Monate vor dem Folgegipfel in Johannesburg existiert keine allgemeingültige Definition von "Nachhaltigkeit". Vielmehr ist es Praxis geworden, den Begriff den eigenen Interessen entsprechend zu interpretieren. "Nachhaltigkeit" gehört inzwischen zum alltäglichen Vokabular nicht nur der Nichtregierungsorganisationen und der Politiker, sondern auch der Chefetagen großer Konzerne. In Schweden baut die Regierung seit 1997 systematisch den Staatsapparat um mit dem Ziel, die Weichen für ein "nachhaltiges Schweden" zu stellen. In Deutschland hat der Staatssekretärsausschuss für nachhaltige Entwicklung im Dezember 2001 einen Entwurf für eine "Nationale Nachhaltigkeitsstrategie" vorgelegt. Die deutsche Entwicklungspolitik folgt dem Leitbild einer global nachhaltigen Entwicklung. Das "Forum Nachhaltige Entwicklung", als Initiative führender Unternehmen und Organisationen der Deutschen Wirtschaft, präsentiert erste Leitgedanken zur Bedeutung der Nachhaltigkeit für die deutsche Industrie. Man darf unterstellen, dass der Begriff "Nachhaltigkeit" überall mit unterschiedlichem Inhalt gefüllt wird.
1997 stellte die GTZ fest: "Der Vorwurf, Nachhaltigkeit sei ein mehrdeutiger Begriff, beruht auf einem sprachlichen Missverständnis: Selbstverständlich ist das Adjektiv "nachhaltig" mehrdeutig, solange nicht angegeben ist, was nachhaltig sein soll ... Daraus entstehende Unklarheiten sind nicht dem Begriff, sondern ausschließlich dessen Benutzern anzulasten. Missverständnisse können vermieden werden, wenn begrifflich zwischen Nachhaltigkeit von Projekten, nachhaltiger Ressourcennutzung und nachhaltiger Entwicklung unterschieden wird."1 Doch ganz so einfach lässt sich die Beliebigkeit im Umgang mit der Vokabel Nachhaltigkeit nicht auflösen. Eine mehr als 15 Jahre alte Diskussion zeigt, dass der Begriff bereits auf der Mikroebene der EZ sehr unterschiedlich interpretiert wird. So verknüpft der Bundestagsausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit (1998) den Bestand einer Maßnahme nach Beendigung der Förderung mit ihrer Wirkung auf das Projektumfeld: "Als nachhaltig ist eine EZ-Maßnahme dann einzustufen, wenn sie nach Abschluss der externen Förderung dauerhaft Bestand hat, d. h. einen eigenständigen Entwicklungsprozess angestoßen hat und auch im Projektumfeld fortwirkt."2 Andere Ansätze unterscheiden zwischen Nachhaltigkeit und Breitenwirksamkeit: "Nachhaltigkeit ist ... dann gegeben, wenn die Projekte nach Ende der Förderung weiterexistieren, dazu in der Lage sind, das einmal erreichte personelle, institutionelle und infrastrukturelle Leistungsniveau zu konsolidieren, sowie die Fähigkeit besitzen, sich an veränderte Bedingungen anzupassen".3
Das eigentliche Problem besteht aber darin, dass Projekte sich der Frage stellen müssen, was sie zur nachhaltigen Entwicklung ihres Umfeldes beitragen, und dass sich bei diesem Übergang auf die Makroebene die Begriffsinhalte und die Spannbreite der Auslegungsmöglichkeiten verändern - auch wenn dem Adjektiv ein Substantiv folgt. Dies gilt etwa für den Begriff "nachhaltige Ressourcennutzung", vor allem dann, wenn es um nicht-erneuerbare Güter geht, ebenso für den Begriff des "nachhaltigen Wirtschaftens", aber in besonderem Maße für das Leitbild der "nachhaltigen Entwicklung". Treffend brachte es Herman E. Daly, ein führender Vertreter der ökologischen Wirtschaftswissenschaften, 1996 auf den Punkt: "Sustainable development is a term that
everybody likes, but nobody is sure what it means4."
Eingeführt in die Fachdiskussion wurde das Konzept der nachhaltigen Entwicklung bereits 1980 durch die "World Conservation Strategy", die gemeinsam von den internationalen Naturschutzorganisationen IUCN (The Conservation Union) und WWF (World Wide Fund for Nature) sowie UN-Organisationen wie UNEP erarbeitet wurde.5 Zentrale These des Dokuments ist, dass wirtschaftliche Entwicklung ohne die Erhaltung der Funktionsfähigkeit der Ökosysteme auf lange Sicht nicht zu realisieren ist, und dass ökonomische Gewinne aus einer übermäßigen Ausnutzung der Natur nur auf Zeit möglich sind. Erweitert wurde die Strategie ca. 10 Jahre später in der Publikation: "Unsere Verantwortung für die Erde". Dort wurde nachhaltige Entwicklung definiert als "Verbesserung der menschlichen Lebensqualität innerhalb der Belastbarkeitsgrenzen der zugrundeliegenden Ökosysteme".6
Die inzwischen klassische Definition lieferte 1987 der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung: "Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können. Zwei Schlüsselbegriffe sind wichtig: Der Begriff der ,Bedürfnisse, insbesondere der Grundbedürfnisse der Ärmsten der Welt, die die überwiegende Priorität haben sollten; und der Gedanke von Beschränkungen, die der Stand der Technologie und sozialen Organisation auf die Fähigkeit der Umwelt ausübt, gegenwärtige und zukünftige Bedürfnisse zu befriedigen."7
Die Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio sorgte für eine weltweite Verbreitung dieses Leitbildes. Keine andere Leitvision für die Gestaltung der Weltgesellschaft hat in den vergangenen zehn Jahren eine auch nur annähernd große Verbreitung gefunden. Allerdings trägt die Agenda 21, das Aktionsprogramm von Rio, nur wenig zur Schärfung des Begriffs von "Nachhaltigkeit" bei. Obwohl sie in mehr als 40 Kapiteln auf über 300 Seiten Handlungsempfehlungen für eine umweltverträgliche, nachhaltige Entwicklung gibt, fehlt eine klare Definition. Sie spricht in der Präambel nur relativ vage von einer "Vereinigung von Umwelt- und Entwicklungsinteressen".8
Seitdem sind unzählige Varianten der Brundtland-Definition von Nachhaltigkeit entwickelt worden. So erläutert z. B. das BMZ im Zusammenhang mit den Zielen deutscher Entwicklungspolitik: "Sie folgt dabei dem Leitbild einer global nachhaltigen Entwicklung, die die Entfaltungsmögichkeiten der heutigen Generation gewährleistet, ohne die Chancen künftiger Generationen einzuschränken. Eine global nachhaltige Entwicklung setzt voraus, dass drei zentrale Belange verfolgt werden: produktives Wirtschaftswachstum, soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit. Die Entwicklungszusammenarbeit unterstützt die Umsetzung dieser drei Ziele in den Partnerländern, indem sie hilft, die Armut zu bekämpfen, wirtschaftliches Wachstum durch privatwirtschaftliche Entwicklung zu fördern und die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen. Das Ziel einer global nachhaltigen Entwicklung ist nur dann erreichbar, wenn auch in den Industrieländern notwendige Reformen und Strukturanpassungen auf allen Ebenen erfolgen."9
Das zur näheren Erklärung gerne genutzte "Nachhaltigkeitsdreieck" betrachtet Umwelt, Soziales und Wirtschaft als gleichrangige Elemente von Entwicklung, die miteinander in Einklang gebracht und gegeneinander ausbalanciert werden müssen. Dies führt zu Kompromissen, die in der Praxis häufig wenig tragfähig sind. Nicht immer lassen sich alle drei Ziele miteinander vereinbaren. Die Belastungsgrenzen der Ökosysteme sind nicht beliebig verschiebbar; vielmehr geben sie die Leitplanken für ökologische und soziale Ziele vor. Das Nachhaltigkeitsdreieck und die darauf aufbauenden Ansätze stoßen daher in Wissenschaft und Praxis zunehmend auf Kritik.
Inzwischen wird der dreidimensionale Erklärungsansatz häufig um die politisch-prozessuale Komponente "Institutionen" bzw. "Partizipation" erweitert. Dies geschieht z. B. innerhalb des UN-Indikatorenprogramms der Kommission für nachhaltige Entwicklung (CSD) bzw. mit dem Tetraëder-Modell des Forums Umwelt & Entwicklung.10 Hiermit soll der zentralen Bedeutung von partizipativen Entscheidungsmechanismen und Strukturen zur Umsetzung von Entscheidungen auf dem Weg hin zu einer nachhaltigen Entwicklung Rechnung getragen werden.
Weder auf nationaler noch auf internationaler Ebene zeichnet sich also eine Einigung auf eine allgemeingültige Definition von nachhaltiger Entwicklung ab. Die Enquête-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt" schlägt einen Ausweg aus dem Definitionsdilemma vor: Nachhaltige Entwicklung sei als "regulative Idee" zu verstehen, "für die es nur vorläufige und hypothetische Zwischenbestimmungen geben kann. Es ergibt sich nämlich nicht nur das Problem, dass die gesellschaftlichen Vorstellungen von nachhaltig zukunftsverträglicher Entwicklung sowohl zeit-, situations- als auch kultur- und wissensabhängig sind. Darüber hinaus hängen die mit dem Leitbild verbundenen Problemempfindungen und politischen Schwerpunktsetzungen vom jeweiligen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungsstand ab. Eine für alle Gesellschaften verbindliche Definition scheint deshalb ohne Aussicht auf Erfolg. Folglich kann auch nicht vorgegeben oder definiert werden, wie eine nachhaltig zukunftsverträgliche Gesellschaft oder eine nachhaltige Wirtschaft konkret auszusehen hat."11
Wichtiger als eine allgemein akzeptierte Definition, die auch vom Umwelt- und Entwicklungsgipfel in Johannesburg nicht erwartet werden sollte, ist es, die Operationalisierung von "nachhaltiger Entwicklung" innerhalb des jeweiligen Kontextes voranzutreiben. Es gibt vielfältige Versuche, der Beliebigkeit der Nachhaltigkeitsdebatte ein Ende zu setzen, indem man versucht, sich auf Ziele zu verständigen, etwa durch die Erarbeitung von Nachhaltigkeitsindikatoren. Die informieren darüber, ob der eingeschlagene Entwicklungsweg tatsächlich in Richtung Nachhaltigkeit führt, inwieweit politische und gesellschaftliche Ziele umgesetzt werden und was getan werden muss. In diese Richtung weisen auch die "21 Schlüsselindikatoren für eine nachhaltige Entwicklung", die ein zentrales Element der derzeit im gesellschaftlichen Diskussionsprozess befindlichen deutschen Nachhaltigkeitsstrategie sind.12