E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 5, Mai 2001, S. 139)
Reorganisation im Zeichen des Internet
Reinold E. Thiel
Im Koalitionsvertrag vom Oktober 1998 war das Ziel formuliert worden, "die staatliche Entwicklungszusammenarbeit (zu) straffen und die Zusammenlegung verschiedener Durchführungsorganisationen (zu) prüfen". Im Mai 2000 erteilte das BMZ dem Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) den Auftrag, "die künftige Rolle von Aus- und Fortbildung in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit zu untersuchen und vor diesem Hintergrund einen Vorschlag zur institutionellen Neuordnung des Aufgabenbereichs von CDG und DSE zu erarbeiten". Im Dezember 2000 lag die endgültige Fassung des DIE-Gutachtens vor. Es empfahl, nachdem eine Zeitlang andere Modelle erwogen worden waren, die völlige Verschmelzung der beiden Organisationen (s. E+Z 2001:3, 96). Damit hatte eine jahrzehntelange Diskussion einen vorläufigen Endpunkt erreicht.
Die Deutsche Stiftung für internationale Entwicklung (DSE) und die Carl Duisberg Gesellschaft (CDG) haben beide als Aufgabe die "Aus- und Fortbildung von Fach- und Führungskräften aus Entwicklungs- und Transformationsländern". Daneben gibt es einige zusätzliche Arbeitsbereiche: Bei der DSE sind dies das Informationszentrum Entwicklungspolitik, d. h. die zentrale Dokumentation und Bibliothek, ferner die Vorbereitung deutscher Fachkräfte für die Arbeit in Entwicklungsländern und der internationale Politikdialog, den vor allem das Entwicklungspolitische Forum organisiert. Bei der CDG gibt es einen starken Schwerpunkt in der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, im ASA-Programm organisiert sie Auslandsaufenthalte von Studenten, und sie betreibt stärker als die DSE entwicklungspolitische Inlandsarbeit. So unterschiedlich manche Akzente gesetzt sein mögen, die Arbeitsfelder von DSE und CDG haben insgesamt große Ähnlichkeit miteinander. Dass es bisher zwei Organisationen gibt, hat historische Gründe, die hier nicht erörtert werden müssen. Seit vielen Jahren wurde eine Zusammenlegung vorgeschlagen und diskutiert. Einer der Gründe, die das erschwerten, war lange Zeit die enge Verbindung der CDG mit der Wirtschaft. Dieser Grund fällt weg in einer Zeit, in der die Entwicklungspolitik ihrerseits auf stärkere Zusammenarbeit mit der Wirtschaft setzt. Alles sprach also für eine Zusammenführung beider Organisationen. Die Entscheidung ist gefallen. Nun kommt die Kleinarbeit. Wie die Zusammenarbeit im Einzelnen aussehen wird, welche organisatorischen Veränderungen daraus folgen, wo eingespart werden kann (etwa bei der Verwaltung), wo die Arbeit und die Strukturen ausgebaut werden sollen (etwa bei der Inlandsarbeit), das muss in langwierigen Einzelverhandlungen festgelegt werden. Ende des Jahres hofft man so weit zu sein. Dieses Heft wird dem nicht vorgreifen - über die Struktur der neuen Organisation kann heute noch nichts gesagt werden. Nicht einmal der Name steht fest - der vom Gutachter vorgeschlagene ("Deutsche Gesellschaft für Internationale Bildungszusammenarbeit", GIB) stößt auf wenig Gegenliebe.
Was dieses Heft bringt, sind vier Beiträge aus den beiden Organisationen, die eher grundsätzliche Erörterungen anstellen. Zwei davon (Bernd Schleich, Manfred Wallenborn) befassen sich mit der Zukunft der internationalen Personalentwicklung, einer (Gudrun Kochendörfer-Lucius) mit dem entwicklungspolitischen Dialog, einer (Ellen Drünert) mit der Inlandsarbeit. In allen vier Beiträgen geht es eher um das, was man die Philosophie der Entwicklungspolitik nennen könnte.
Das überwölbende Thema dabei ist die Weltgesellschaft, die Globalisierung aller Beziehungen durch die Informationstechnologie. DSE und CDG wurden aufgebaut in einer Zeit, in der das noch keine Rolle spielte; mit dem Wachsen dieses Aspekts haben sie sich verändert, aber womöglich nicht so radikal, wie es geboten gewesen wäre. Das Entstehen einer neuen Organisation bietet die Möglichkeit, alles neu zu erfinden - das ganze Programmangebot. Es geht nicht mehr um eine Grundausbildung für Techniker oder Landwirte, es geht um die weltweite Vernetzung der "Verantwortungselite" (Schleich), die zwar die persönliche Begegnung braucht, aber viel seltener als früher, weil sie ihren Informationsstand über das Internet weiter ausbauen und jederzeit Kontakte wiederaufnehmen kann.
Allerdings besteht dabei auch eine Gefahr. Die weltweite Vernetzung findet statt zwischen Frankfurt, London, New York, Rio de Janeiro, Johannesburg, Kuala Lumpur, Shanghai und ein paar weiteren Knotenpunkten. Das sind die Inseln der Weltgesellschaft, das ist der "Archipel". Dazwischen liegt "das versunkene Land", das in Gefahr ist, vergessen zu werden. Als die Entwicklungspolitik begann, vor vier oder fünf Jahrzehnten, sprach man von einer "dualen Gesellschaft", womit nicht nur das Gegenüber von armen und reichen Ländern, sondern auch das von Armen und Reichen in den Ländern gemeint war. Aber der Dualismus, den es damals gab, ist nichts gegen den von heute; von Konvergenz ist wenig zu sehen, die Schere hat sich weiter geöffnet. Wer hochgemut davon spricht, dass die Verantwortungselite der Welt miteinander vernetzt werden soll, muss acht geben, dass er die, die nicht dabei sind, nicht vergisst. Die Armutsbekämpfung, die das Entwicklungsministerium auf seine Fahnen geschrieben hat, muss auch die neue Organisation als ihre Aufgabe betrachten. Die Verantwortungselite ist oft unverantwortlich genug, das aus dem Auge zu verlieren. Früher sprach man vom "Development Set" - der Name passt immer noch. Und die im Schatten sieht man nicht.
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE) Redaktionsanschrift: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
| |
| Inhaltsverzeichnis | Seitenanfang |