E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 5, Mai 2001,
S. 156)

Der Bumerang-Effekt
Scharon und Arafat machen vor, wie man Terroristen schafft
Von Nicholas D. Kristof

Hinter dem alltäglichen Leiden im Nahen Osten verbirgt sich eine noch größere Tragödie für die internationalen Beziehungen: der Bumerang-Effekt. Denn letztlich sind es die ungeduldigen jungen Palästinenser selbst, die Ariel Scharon zum israelischen Ministerpräsidenten gemacht haben. Und mit jedem neuen Selbstmordanschlag erhöhen sie die Wahrscheinlichkeit, dass Scharons Nachfolger die einzige Person wird, die ihn als pazifistischen Schwächling erscheinen lassen könnte: Benjamin Netanjahu. Ebenso haben die Palästinenser es sich selbst zuzuschreiben, dass nach einer neueren Umfrage 46 Prozent der Bevölkerung Israels die Position der Hardliner unterstützen, die die Palästinenser in einer Art ethnischer Säuberung des Heiligen Landes von der Westbank vertreiben wollen.
Dieser Bumerang-Effekt gilt gleichermaßen für die Politik Scharons: Mit jedem arabischen Haus, das er niederwalzt, mit jedem Palästinenser, den er mitsamt seinen Hoffnungen tötet, schafft er neue Terroristen. Als Scharon Yassir Arafat gewaltsam daran hinderte, am arabischen Gipfel Ende März in Beirut teilzunehmen, ließ dieser sich von dem Hardliner Faruk Kaddoumi vertreten, der die Chance sogleich zu einem Treffen mit dem Hisbollah-Führer Scheich Hassan Nasralla nutzte. Das sagt eigentlich alles. Theoretisch ist ein schlimmerer Palästinenserführer als Arafat kaum vorstellbar. Aber die Palästinenser würden auch das noch hinkriegen.

Brutalität zahlt sich für
eine Demokratie nicht aus
Doch weiter reicht die Symmetrie nicht. Denn während der palästinensische Terrorismus am Ende irgendwelche verqueren und beschränkten Erfolge bringen könnte, ist Scharons Offensive in den besetzten Gebieten wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt. Denn eine Lehre aus der jüngeren Geschichte lautet, dass sich Brutalität für eine Regierung - insbesondere eine demokratische Regierung wie die Israels - kaum auszahlt, während für Aufständische Terrorismus sehr wirksam sein kann. In Algerien zum Beispiel übten sowohl die Franzosen als auch die Algerier Terror aus. Für die Franzosen endete das in einer Katastrophe, den Algeriern brachte es den Sieg. Auch in Kolumbien hat sich in den vergangenen Jahren Terror für die Guerillas durchaus bezahlt gemacht, während er für die Regierung ein totaler Fehlschlag war.
In der Wahrnehmung der Palästinenser sind die Terroranschläge ein Erfolg, und Scharon hat Arafat zu einem Helden gemacht, wie es ihm selbst nicht besser hätte gelingen können. Für Ariel Scharon indes erweist sich der Einsatz der Panzer auf der Westbank als ebensowenig erfolgreich wie seinerzeit im Libanon. Von der ethischen Beurteilung der israelischen Politik in den Autonomiegebieten einmal abgesehen: Auch aus praktischer Sicht, gemessen an den Interessen Israels, ist Scharons Politik bislang mehr als nur ineffektiv: Sie verschärft den Terrorismus.
Scharon beschwört die Beseitigung der "terroristischen Infrastruktur" , doch diese "Infrastruktur" besteht in der Wut und der Frustration einfacher Palästinenser. Viele Bomben der Selbstmordattentäter sind aus Zucker und Dünger hergestellt und kosten weniger als 150 Dollar. Unter solchen Umständen mögen ein Syrien oder ein Irak skrupellos genug sein, Unruhen dadurch zu unterdrücken, dass sie alles auslöschen, was sich bewegt. Ein demokratisches und empfindlicheres Israel kann das nicht.

Hat Scharon einen Ausweg
aus dem Schlamassel?
Die israelische Presse verfolgt Scharons Abenteuer mit zunehmender Kritik. Sie bescheinigt dem Ministerpräsidenten ein Talent dafür, in Schlamassel zu geraten, ohne sich über Auswege Gedanken zu machen. Nachdem er 1982 als Reaktion auf Provokationen und Terrorismus in den Libanon einmarschiert war, sah sich Israel die folgenden achtzehn Jahre in einen unpopulären und letztlich gescheiterten Krieg niedriger Intensität verstrickt.
Welche Handlungsmöglichkeiten bleiben Israel noch? Unter dem früheren Premier Ehud Barak hat es sich immerhin ernsthaft um Frieden bemüht, aber auch diese Bemühungen scheiterten - diesmal an Arafats Unentschlossenheit und mangelnder Führung. Doch Scheitern ist ein relativer Begriff. Baraks Politik scheiterte zumindest nicht auf die erbärmliche und blutige Weise wie die Scharons. Optimale Ergebnisse sind bei der Lösung dieses Konflikts kaum zu erwarten, bestenfalls solche, die weniger grauenhaft sind als die Situation, in die wir derzeit orientierungsloslos hineinrutschen.
Die Zeitung Ha'aretz zitierte Abraham Burg, den Sprecher der Knesset, mit folgenden Worten: "Müssen wir uns nur aufgrund der idiotischen Haltung der Palästinenser, nur weil sie den Terrorismus nicht überwinden können und sich mit Gewalt vom Friedensprozess verabschiedet haben, in diesen irrsinnigen Kreislauf begeben?" Die Antwort lautet nein. Hoffen wir, dass Sharon das bald erkennt, denn andernfalls wird der Himmel sich jahrelang von durch die Luft trudelnden Bumerangs verdüstern.
Nicholas D. Kristof ist Redakteur der New York Times, wo dieser Beitrag am 2. April zuerst erschienen ist.

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