E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 5, Mai 2002, S. 135)


Sri Lanka - Frieden am seidenen Faden

Walter Keller


Kaum jemand hätte noch vor wenigen Wochen für möglich gehalten, was derzeit in Sri Lanka passiert. Die knapp 20 Millionen Einwohner können sich berechtigte Hoffnungen auf ein Leben in Frieden machen. Im seit den frühen 80er Jahren andauernden und von Fachleuten als schwer zu beendend eingestuften Bürgerkrieg ruhen seit Anfang des Jahres die Waffen. Ob auf Dauer oder nur vorübergehend - das werden die nächsten Monate zeigen.

Mindestens 80 000 Menschenleben haben die Auseinandersetzungen zwischen den Regierungstruppen und den separatistischen Rebellen der "Liberation Tigers of Tamil Eelam" (LTTE) gefordert, Hunderttausende wurden zu Flüchtlingen gemacht. Immense Verteidigungsausgaben von jährlich über einer Milliarde US-Dollar, zerstörte Infrastruktur, rückläufige Investitionen und die wiederkehrenden Krisen der Tourismusindustrie haben dem Land schweren Schaden zugefügt. Erstmals seit der Unabhängigkeit von 1948 verzeichnete die Wirtschaft von Sri Lanka im vergangenen Jahr kein Wachstum, sondern schrumpfte um etwa eineinhalb Prozent. Die Fortsetzung des Kampfes gegen die LTTE auf gleichem Niveau hätte sich keine Regierung leisten können.

So gab es nach den Parlamentswahlen im Dezember vergangenen Jahres und dem Wahlsieg der bisher oppositionellen "United National Party" (UNP) unter dem neuen Premierminister Ranil Wickremasinghe neue Annäherungsversuche zwischen den verfeindeten Parteien. Befördert wurden diese durch starken Druck vor allem der USA auf die "Tamil Tigers", die im Zusammenhang mit dem von den USA angeführten "Kampf gegen den internationalen Terrorismus" zum Einlenken aufgefordert wurden. Ein zwischen Regierung und LTTE Ende 2001 vereinbarter Waffenstillstand ging im Februar in ein von Norwegen vermitteltes und von den USA, der EU und Indien unterstütztes "Memorandum of Understanding" über. Dieses Abkommen - es wird seit Ende März von 23 skandinavischen Beobachtern überwacht - hat weitgehende Reiseerleichterungen vor allem für die tamilische Zivilbevölkerung gebracht. Die Wirtschaftsblockade der Regierung über weite Teile der von den LTTE kontrollierten Landesteile im Norden der Insel wurde fast vollständig aufgehoben. Selbst die seit über zehn Jahren geschlossene Landverbindung zwischen den südlichen Landesteilen und der Halbinsel Jaffna soll wieder geöffnet werden. Und Mitte April kündigte die Regierung an, das Verbot der LTTE aufzuheben; kurz zuvor war es den "Tigern" erlaubt worden, Büros auch in den bisher von Regierungstruppen kontrollierten Nordostgebieten zu eröffnen, um dort ihrer politischen Arbeit nachgehen zu können.

Freilich dürfen die Entwicklungen der letzten Wochen nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Schwierigste noch bevorsteht: Es muss eine langfristige Lösung für den Konflikt gefunden werden, und das ist nur möglich, wenn es durch alternative Angebote gelingt, die LTTE von ihrer Forderung nach einem eigenständigen Tamilenstaat abzubringen. Bei der Suche nach solchen Alternativen müssen nicht zuletzt auch die Forderungen und Ängste kleinerer Bevölkerungsgruppen berücksichtigt werden, etwa der muslimischen Minderheit, die befürchtet, von der zunehmenden politischen Dominanz der LTTE erdrückt zu werden.

Gefährlich werden könnten dem Kurs der Regierung zudem die Versuche von singhalesischen radikalen Parteien, die singhalesische Mehrheitsbevölkerung zum Widerstand gegen den "Ausverkauf des Landes an die Tamilen" anzustacheln und so die im Mai in Bangkok beginnenden Verhandlungen zwischen Regierung und LTTE zu torpedieren. Viele dieser Parteien fordern die endgültige militärische Zerschlagung der LTTE. Doch glücklicherweise hat die Regierung Wickremasinghe eingesehen, dass ein solcher militärischer Sieg nicht möglich ist. "Wir müssen nach einer politischen Lösung innerhalb eines geeinten Sri Lanka suchen", lautet folgerichtig die Devise.

So hängt ein dauerhafter Frieden in Sri Lanka zwar an einem seidenen Faden. Doch diesen zu zerschneiden wird gegenwärtig keine der Konfliktparteien wagen - die Auswirkungen wären fatal. Die Mehrheit der Bevölkerung ist nach 20 Jahren längst des Bürgerkriegs müde und genießt den "Hauch von Frieden".


Walter Keller ist freier Journalist mit dem Schwerpunkt Südasien sowie freier Mitarbeiter der "Vorbereitungsstätte für Entwicklungszusammenarbeit" (VEZ) von DSE, DED und GTZ in Bad Honnef.



E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE)

Redaktionsanschrift:
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
 
 

Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis Seitenanfang Seitenanfang
Deutsche Stiftung für internationale EntwicklungEntwicklungspolitisches ForumInternationales Institut für JournalismusFachgruppe BildungInformationszentrum Entwicklungspolitik (IZEP)Fachzentrum für Internationale Wirtschafts-, Finanz- und SozialpolitikZentralstelle für AuslandskundeFachgruppe Öffentliche VerwaltungZentralstelle für gewerbliche BerufsförderungFachzentrum für Ernährung, Ländliche Entwicklung und Umwelt (ZEL)Fachgruppe Gesundheit


Copyright © 2002, DSE, letzte Änderung 29.04.2002