E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 5, Mai 1999, S. 123)
Der Kampf gegen AIDS hat gerade erst begonnen
Reinold E. Thiel
Ein verstärktes Auftreten des Kaposi-Sarkoms, einer bis dahin äußerst selten vorkommenden krebsartigen Hautkrankheit, beunruhigte die Ärzte in den USA im Jahr 1979. Nach einiger Zeit wurde klar, daß die Ursache in einer Immunschwäche der Kranken lag, die offenbar nicht angeboren, sondern erworben war, und die neue Krankheit erhielt ihren Namen: Acquired Immune-Deficiency Syndrome, abgekürzt AIDS. Als der Spiegel im Mai 1982 zum ersten Mal darüber berichtete, schien der Name den Redakteuren noch keiner Erwähnung wert; die Krankheit war "der Schreck von drüben". Aber schon waren die ersten Fälle auch in Deutschland aufgetreten, und das erschreckende Ausmaß der neuen Epidemie wurde erkennbar. Mitte 1983 hatte das Seuchenkontrollzentrum in Atlanta/Georgia weltweit 1.556 Fälle registriert.
15 Jahre später, Ende 1998, wird die Zahl der Menschen, die mit HIV, dem Human Immune-Deficiency Virus, infiziert sind, auf 33 Millionen geschätzt, und es wird deutlich, daß HIV/AIDS die verheerendste Krankheit ist, von der die Menschheit in ihrer Geschichte je heimgesucht wurde. Als im 14. Jahrhundert in Europa die Pest auftrat, starben 25 Millionen Menschen, ein Drittel der damaligen Bevölkerung. Bei den großen Pocken-Epidemien starb etwa ein Viertel der Infizierten. An Malaria und Tuberkulose sterben jährlich Millionen, aber die Mehrzahl der Erkrankten überlebt. An AIDS stirbt jeder, der die Krankheit einmal hat, und die Zahl der Infizierten wie der Sterbenden wächst jährlich um 10%. Täglich kommen 9.000 neue Infektionen dazu (laut UNAIDS; die Weltbank nennt 16.000). Im Jahr 2005 kann es 65 Millionen Infizierte geben, wenn bis dahin kein Impfstoff gefunden worden ist. Das Schlimmste haben wir noch vor uns.
In Europa und Nordamerika ist vom Ausmaß der Epidemie wenig zu spüren. Die Katastrophe findet in Afrika statt, und in der Karibik, und demnächst in Südasien. Für Simbabwe gab es Anfang 1999 die Prognose, daß innerhalb von vier Jahren das Bevölkerungswachstum von 2,2% auf 0% fallen werde. In Malawi sagt das Nationale AIDS-Programm voraus, in 10 Jahren werde die Hälfte aller Angestellten an AIDS gestorben sein. Wenn die Lehrer sterben, können die Kinder nicht mehr zur Schule gehen. Da diejenigen, die sich infizieren und einige Jahre später sterben, in erster Linie den arbeitsaktiven Altersgruppen angehören, sind die wirtschaftlichen Auswirkungen immens. Nach einer Schätzung der Weltbank verursacht eine Infektionsrate von 10% einen Rückgang des Nationaleinkommens um 33% (s. den Artikel von Ayres und Binswanger). Die Entwicklungsfortschritte, die in den vergangenen Jahrzehnten immerhin gemacht wurden, im Bereich der Bildung, der Gesundheit, auch des wirtschaftlichen Wachstums, werden durch AIDS wieder zunichte.
Das Ausmaß der Auswirkungen von AIDS ist lange Zeit unterschätzt worden. Schon 1991/92 hatte Roy M. Anderson, Biologie-Professor am Imperial College in London, in zwei Artikeln in Scientific American und in Nature auf die zu erwartenden Auswirkungen der Epidemie in einigen Ländern hingewiesen: "AIDS is likely to change population growth rates from positive to negative values in a few decades." Aber Andersons Warnungen wurden von anderen Wissenschaftlern für übertrieben erklärt und von Regierungen und internationalen Organisationen nicht ernst genommen. Erst 1995 begann UNAIDS, systematisch Zahlen über die Infektionsraten in einzelnen Ländern zu sammeln und auf deren Basis Modellrechnungen für die Ausbreitungsgeschwindigkeit zu entwickeln. 1997 lagen die ersten verläßlichen Ergebnisse vor ("Report on the global HIV/AIDS epidemic", Dezember 1997), und seitdem sind die internationalen und nationalen Entwicklungsorganisationen aufgeschreckt. Die Weltbank ergriff "eine neue große Initiative" (Ayres/Binswanger), andere Organisationen folgten ihr oder gingen ihr voraus.
Die GTZ hat seit vielen Jahren ein HIV/AIDS-Programm. Aber die dafür zur Verfügung stehenden Mittel waren, so sagt Ulrich Vogel, der Leiter des Programms, nur ein Tropfen auf den heißen Stein zu gering, um mehr als Achtungserfolge zu erringen. Vor allem aber: Die GTZ, wie alle anderen Organisationen auch, glaubte lange Zeit, der Epidemie mit Maßnahmen im Gesundheitssektor beikommen zu können. Aber die normalen epidemiologischen Instrumente Impfung und Therapie stehen hier nicht zur Verfügung. Nur Vorbeugung kann helfen. Erst spät wurde den Verantwortlichen bewußt, daß auch Projekte in anderen Sektoren, daß auch Verwaltungs- oder Schulprojekte, denen die Partner wegsterben, den Kampf gegen die Epidemie in ihr Programm aufnehmen müssen, daß alle Programme und Projekte es tun müssen, weil AIDS nicht in erster Linie ein Gesundheitsproblem, sondern ein soziales Problem ist. Klemens Hubert und Guenter Dresruesse beschreiben, was das für die künftige Projektarbeit bedeutet. Und wo der eigentliche Ansatzpunkt für den Kampf gegen AIDS liegt, zeigt Irmela Riedlberger: Nicht bei der Vermittlung von Informationen die hat inzwischen jeder , sondern bei der Veränderung der Wertvorstellungen im Verhältnis zwischen den Geschlechtern, die in ihrer traditionellen Form Prävention verhindern. Aber wie man diesen Werte- und Verhaltenswandel herbeiführen könnte, dafür weiß auch sie keinen Rat.
Untersuchungen wie die ihre gibt es bisher zu wenig. Von größter Bedeutung wäre es, mehr Geld für die Ursachen- und Verhaltensforschung zur Verfügung zu stellen. UNAIDS hat festgestellt, "that there were huge differences in the way the epidemic was developing in different countries and communities within the same region". Aber das ist zunächst nur eine statistische Feststellung. Warum sich HIV/AIDS im südlichen Afrika soviel schneller ausbreitet als in Westafrika, dafür hat man keine Erklärung. Liegt es daran, daß hier eine andere, aggressivere Variante des Virus vorherrscht als dort? Oder liegt es an unterschiedlichen Verhaltensweisen der Menschen? Das zu wissen, könnte den Kampf gegen die Epidemie einen entscheidenden Schritt voranbringen. Zwanzig Jahre nach Beginn der Epidemie fängt man gerade erst an, solche Fragen ernst zu nehmen. E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE) Redaktionsanschrift: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach 100 801, D-60008 Frankfurt
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