E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 5, Mai 1999,
S. 140)

Sexualverhalten junger Menschen in Afrika und AIDS
Ein Seminar der DSE-Zentralstelle für Gesundheit
Barbara Kloss-Quiroga

Seit der Weltbevölkerungskonferenz 1994 in Kairo sind Jugendliche als Zielgruppe gesundheitspolitischer Maßnahmen in den Vordergrund gerückt. Das schnelle Fortschreiten der weltweiten HIV/AIDS-Epidemie trifft besonders junge Menschen. Die Gesundheitsdienste allein bieten Jugendlichen weder im Aufklärungs- und Vorsorgebereich noch im Versorgungsbereich angemessene Dienste an. Sie müssen künftig neue Akzente im Hinblick auf intersektorale Zusammenarbeit setzen, die Inhalte der Dienstangebote den Interessen der Jugendlichen anpassen und die Jugendlichen dort aufsuchen, wo sie anzutreffen sind.
Sowohl politische Entscheidungsträger als auch die Jugendlichen selbst müssen für die gesundheitliche und gesellschaftliche Bedrohung durch AIDS sensibilisiert werden. Auch dies ist keine gesundheitsdienstspezifische Aufgabe, sondern muß von verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren gemeinsam geleistet werden.
Die Zentralstelle für Gesundheit der DSE hat mit einem Seminar "Sexualerziehung und reproduktive Gesundheit von unverheirateten jungen Menschen aus Subsahara-Afrika", das vom 6. bis 13. September 1998 in Berlin-Reiherwerder stattfand, für diese Fragen ein Diskussionsforum geboten.
Teilnehmer des Seminars waren Gesundheitsfachkräfte, Sozialarbeiter und politische Entscheidungsträger aus Kenia, Tansania, Uganda, Ghana und Simbabwe, die in Programmen zur Förderung sexueller und reproduktiver Gesundheit arbeiten.

Jugendliche als Risikogruppe
Der erste Teil des Seminars befaßte sich mit der Situation von Jugendlichen als Risikogruppe. Bei diesem Problem sind zwei Dimensionen zu berücksichtigen. Die eine ist die hohe Anzahl von Teenager-Schwangerschaften, die sowohl demographische als auch gesundheitliche Probleme aufwirft. Die zweite Dimension ist die HIV/AIDS-Epidemie mit ihren Auswirkungen auf Jugendliche.
Auch wenn festgestellt wurde, daß die Kenntnisse über die menschliche Sexualität, die HIV/AIDS-Infektion und den möglichen Schutz gegen die Übertragung gewachsen sind, wurde deutlich, daß Jugendliche wenig über reproduktive Gesundheit und ihre eigene Biologie wissen und vielfach Mißkonzeptionen über Risiken und Gefahren ungeschützten Geschlechtsverkehrs haben. Vielfältige Hindernisse für die Entwicklung von Programmen zum Thema Reproduktive Gesundheit wurden festgestellt:
- In den meisten Ländern fehlt eindeutige politische Unterstützung für die Erarbeitung solcher Programme. Eine Ausnahme ist Uganda, das eine aktive AIDS-Politik betreibt und damit die Infektionsrate mit dem HIV-Virus verringern konnte.
Starke kulturelle und politische Widerstände führen zu "unheiligen Allianzen" zwischen katholischer Kirche und islamischen Führern.
In der Regel sind bestehende Programme auf Familienplanung und sexuelle Krankheiten konzentriert und gehen damit am Bedarf und an den Bedürfnissen der Jugendlichen vorbei.
Die Programme befassen sich mit isolierten Einzelthemen, eine Vernetzung unterschiedlicher Aktivitäten im Gesundheitssektor und mit anderen Sektoren findet nicht statt.
Auch Nichtregierungsorganisationen, die im Bereich Sexualaufklärung und reproduktive Gesundheit für Jugendliche arbeiten, sind nicht vernetzt.
Viele Programme werden als kurzfristige Pilotprogramme durchgeführt, wissenschaftliche Untersuchungen sind häufig auf kleine Territorien (Städte) begrenzt, die Erfahrungen gehen nicht in ein nationales Programm ein und sind damit verloren.
Die Gesundheitsdienste arbeiten auf niederem Niveau und mit mangelhaft ausgebildetem Personal, sie wenden sich nicht spezifisch an Jugendliche.
Es fehlt eine Differenzierung im Hinblick auf Hochrisikogruppen; weder spezifische Altersgruppen noch Geschlechterunterschiede werden berücksichtigt.

Erfahrungsaustausch
Der zweite Teil des Seminars galt dem Erfahrungsaustausch zwischen europäischen und afrikanischen Programmen. Im Vordergrund standen hierbei Themen wie: Arbeit mit Jugendlichen in und außerhalb der Schule; Peer-Education-Programme, in denen Jugendliche selbst Aufklärungsarbeit übernehmen; die Erarbeitung von Kriterien für jugendfreundliche Gesundheitsdienste und Jugendkliniken; Strategien zur Sensibilisierung von politischen und sozialen Schlüsselgruppen.

Strategieentwicklung
Der dritte Teil des Seminars war der Strategiediskussion gewidmet. Als wichtige Basis für die Entwicklung wirksamer Strategien wurde die Identifizierung der bedürftigen Bevölkerungsgruppen betrachtet, unter Beachtung ihrer Unterschiedlichkeit nach Geschlechtszugehörigkeit, Altersgruppen, sozialem Status, ökonomischer Klasse etc.
In der Regel wird eine Entscheidung zu fällen sein über die Priorisierung von Risikogruppen: Jugendliche, die keine Schule besuchen, auf der Straße leben, suchtkrank und gesellschaftlich desintegriert sind, stellen eine kleine Gruppe mit hohem sexuellen Risikoverhalten dar, sind aber schwer erreichbar für jede Art formaler Dienste; Interventionen in dieser Gruppe sind mit großem finanziellen und personellen Aufwand verbunden und haben geringe Aussicht auf Erfolg. Jugendliche im formalen Schulsystem sind leicht erreichbar und stellen eine große Gruppe dar, haben allerdings ein wesentlich geringeres Risiko; der Einsatz begrenzter finanzieller und personeller Mittel ist möglicherweise mit größerem Erfolg gekrönt.
Bei der Suche nach wirksamen Strategien zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung ist es wichtig, Sachverhalte einfach und konkret darzustellen, mit den Gemeinden zusammenzuarbeiten, gemeinsame Themen von Jugendlichen und Entscheidungsträgern zu identifizieren und vorhandene Massenkommunikationsmittel zur Sensibilisierung und Öffnung breiter Bevölkerungsgruppen zu nutzen.
Als wichtige Herausforderung für die Zukunft wurde die notwendige Änderung der Blickrichtung auf Jugendliche gesehen: Jugendliche sollen nicht länger als Problem und damit als Objekte präventiver Interventionen gesehen werden, sondern als Akteure in eigener Sache. Die Aufklärungs- und Arbeitsansätze nicht nur der Gesundheitsdienste können erfolgreicher sein, wenn sie die Jugendlichen bei der Lösung der anstehenden Probleme aktiv mit einbeziehen.
Dr. Barbara Kloss-Quiroga ist Fachbereichsleiterin in der Zentralstelle für Gesundheit der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung in Berlin.

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