E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 6, Juni 2001,
S. 188 - 191)

Umstrittene Entwicklung
Die Staudammprojekte der Türkei an Euphrat und Tigris
Dieter Brauer

Zu den umfangreichsten Entwicklungsprojekten der Welt gehören die Anstrengungen der Türkei zur Entwicklung der Region Südostanatolien.
32 Milliarden Dollar sollen bis 2010 ausgegeben werden, um die enormen Wasserressourcen von Euphrat und Tigris für Stromerzeugung und Bewässerung nutzbar zu machen. Kritiker des Projekts weisen auf die schwerwiegenden Folgen für die soziale Entwicklung und die Umwelt hin und beklagen den Verlust wertvoller kultureller Stätten.
Dieter Brauer hat die Region besucht und kommt zu dem Schluss, dass der Nutzen des Projekts seine Nachteile bei weitem aufwiegt.
Das Gebiet des Südostanatolien-Projekts - bekannt unter seinem türkischen Kürzel GAP (Güneydogu Anadolu Projesi) - liegt entlang der syrischen und irakischen Grenze im äußersten Südosten der Türkei. Es umfasst den nördlichen Teil der mesopotamischen Ebene, der Wiege der menschlichen Zivilisation, wo der Ackerbau seinen Anfang nahm und einige der ältesten städtischen Siedlungen zu finden sind. In modernen Zeiten ist die entlegene Gegend jedoch lange vernachlässigt worden. Ihr trockenes Klima und die langen heißen Sommer ließen eine gewinnbringende Landwirtschaft kaum zu, und die bewaffneten Konflikte zwischen der überwiegend kurdischen Bevölkerung und der türkischen Zentralregierung stellten ein gewichtiges Hindernis für jede Entwicklung dar.
GAP soll all dies verändern. Ein Gesamtplan für die Entwicklung der Region, der 1989 fertiggestellt wurde, sieht den Bau von 22 Staudämmen und 19 Wasserkraftwerken in den Flussbecken von Euphrat und Tigris vor, um Wasser und Elektrizität in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen. 1,7 Millionen Hektar Land sollen bewässert werden - eine Fläche von mehr als der halben Größe Belgiens - und der durch die Dämme erzeugte Strom soll 22 Prozent des prognostizierten Gesamtbedarfs der Türkei abdecken. So könnte die Region wieder zu dem Garten Eden werden, der sie im Altertum war, bevor die Böden austrockneten und die Mongolen im dreizehnten Jahrhundert ihre blühenden Städte zerstörten.
Sanliurfa ist eines der größeren städtischen Zentren in der GAP-Region, die rund 75 000 km2 oder 9,7 % des türkischen Staatsgebiets umfasst. Die Stadt geht auf prähistorische Zeit zurück. Gemäß der Legende haben Noah, Abraham, Hiob und andere Figuren des Alten Testaments hier gelebt, und zahllose Zivilisationen haben ihre Spuren in der Stadt hinterlassen.
Heute gibt es hier eine malerische Altstadt und einen Markt, der durch sein arabisches Gepräge die Nähe der Grenze zu Syrien verrät, und rasch wachsende Vororte mit den landesüblichen hässlichen Wohnblocks, die den Zustrom der Bevölkerung von inzwischen mehr als einer halben Million bewältigen müssen. Aber der Fluss Karakoyun, der sich durch die Stadt windet und einst Wasser für ihre Bürger und die Bauern in der angrenzenden Harran-Ebene brachte, ist heute fast ausgetrocknet. Ohne eine alternative Wasserversorgung könnte die Stadt nicht leben.

Wasser vom Euphrat
Die Lösung kam mit dem Bau des gigantischen Atatürk-Staudamms am Euphrat 50 Kilometer nordwestlich von Sanliurfa. Der Damm, 1992 fertiggestellt, ist der größte in der Türkei und einer der größten in der Welt. Er kann bis zu 84 Milliarden Kubikmeter Wasser aufstauen und bildet einen künstlichen See von 817 km2. Die acht Turbinen seines Kraftwerks haben eine Kapazität von 2400 Megawatt. Zwei enorme Tunnel mit einem Durchmesser von jeweils 7,62 Meter und einer Länge von 26,4 Kilometer können 328 m3 Wasser pro Sekunde aufnehmen und damit das Wasser des Euphrats nach Sanliurfa und darüber hinaus in die fruchtbare Harran-Ebene transportieren, wo 150 000 Hektar Land bewässert werden sollen. Wenn alle Bewässerungsvorhaben abgeschlossen sind, soll der Atatürk-Stausee eine Fläche von 882 000 Hektar Land mit Wasser versorgen.
Die Vorteile für die Entwicklung der Landwirtschaft in der Region sind gewaltig. In Teilen der Harran-Ebene, die von den Bewässerungskanälen noch nicht erreicht werden, lässt sich heute noch beobachten, wie das Land aussah, bevor das Projekt begann: staubige Böden, ausgedörrt von einer erbarmungslosen Sommerhitze, die lediglich eine magere Ernte von Wintergetreide zuließen und während des restlichen Jahres allenfalls als erbärmliche Weide für Schafe und Ziegen dienten. Mit der Ankunft des Wassers aus dem Euphrat wurde nun Baumwolle zum Hauptanbauprodukt, und die Einkommen der Bauern sind in den letzten Jahren um das Achtfache gestiegen. Auch für andere landwirtschaftliche Produkte wie Weizen und Gerste, Linsen, Gemüse, Sojabohnen, Erdnüsse, Mais, Bohnen und Sonnenblumen werden beträchtliche, manchmal auch dramatische Ertragssteigerungen erwartet.

Vorteile für die Region
Wenn das GAP-Projekt verwirklicht ist - geplant ist die Fertigstellung für das Jahr 2010 -, sollen auf den 1,7 Millionen Hektar Bewässerungsland nicht nur Nahrungsmittel für die lokale Bevölkerung und für den Export produziert werden, sondern auch landwirtschaftliche Rohstoffe für die aufblühende Industrie in der Region. Nach den Projektionen von GAP sollen 3,5 Millionen neue Arbeitsplätze in Südostanatolien entstehen und damit neue Chancen für die 6 Millionen Menschen der Region, die zu den ärmsten der Türkei gehört. Die Regierung hofft, dass durch die Entwicklung der Landwirtschaft und die Schaffung neuer Einkommensmöglichkeiten die Abwanderung aus den ländlichen Gebieten in die überfüllten städtischen Zentren gebremst werden kann. Aber auch die Städte sollen profitieren: Wenn alle vorgesehenen 19 Wasserkraftwerke in Betrieb sind, wird es genügend Elektrizität für industrielle Nutzungen geben, und die Stauseen werden genügend Wasser für die rasch wachsenden Städte wie Sanliurfa, Gaziantep, Diyarbakir und andere liefern.
Das GAP-Projekt sollte auch zur Entschärfung des Konflikts zwischen der türkischen Zentralregierung und den Kurden in der Region führen, deren Kampf für mehr Autonomie unter anderem auch durch Jahrzehnte der wirtschaftlichen Marginalisierung und äußersten Armut verursacht wurde.
Trotz seiner offensichtlichen wirtschaftlichen Vorteile sind das GAP-Projekt und damit der Bau großer Staudämme an Euphrat und Tigris scharfer Kritik ausgesetzt, besonders von Seiten verschiedener Aktionsgruppen außerhalb des Landes. Die Einwände beziehen sich auf soziale Aspekte, besonders die Umsiedlungsfragen, Umwelt- und kulturelle Aspekte sowie auf die politische Frage der Wasseraufteilung zwischen den Anrainerstaaten von Euphrat und Tigris - Türkei, Syrien und Irak.

Die Umsiedlungsfrage
Wie bei anderen großen Staudammprojekten in der Welt hat auch in der Türkei die Umsiedlung der von der Aufstauung betroffenen Bevölkerung viele soziale Probleme mit sich gebracht. Am Euphrat trat diese Frage zuerst in den Jahren 1965 bis 1975 beim Bau des Keban-Staudamms flussaufwärts von der heutigen GAP-Region auf. Die betroffenen Menschen hatten die Wahl, entweder auf Kosten des Staates in ländliche oder städtische Gebiete umzusiedeln oder sich eine finanzielle Entschädigung für den Verlust ihres Eigentums auszahlen zu lassen. Beide Optionen erwiesen sich als unbefriedigend: Die Umsiedler beklagten sich über ihre neuen Behausungen und über fehlende Einkommensmöglichkeiten; und jene, die Entschädigungszahlungen vorgezogen hatten, hatten die oft unangemessen kleinen Summen bald ausgegeben und landeten in den Slums der Großstädte.
1994 veröffentlichte die GAP-Behörde eine soziologische Studie über die "Probleme hinsichtlich Beschäftigung und Umsiedlung in Gebieten, die von Stauseen in der GAP-Region betroffen sind". Die Studie schätzte, dass rund 180 000 Personen (gemäß dem Zensus von 1990) wegen des Baus von acht Staudämmen in dem Gebiet umgesiedelt werden müssten, darin eingeschlossen die Dämme Karakaya und Atatürk am Euphrat sowie Batman, Dicle und Ilisu am Tigris. Die Studie identifizierte die folgenden Probleme:
- Zwangsumsiedlungen und der Widerstand dagegen;
- Auflösung der bestehenden Produktionssysteme;
- schwindende Einkommensquellen;
- Veränderungen in traditionellen Macht-/Autoritäts-/Solidaritäts-Beziehungen und in kultureller Identität;
- Probleme im Zusammenhang mit dem Prozess der Anpassung und Integration an neue Verhältnisse.
Die Ergebnisse einer fehlgeschlagenen Umsiedlungspolitik werden von der GAP-Behörde mit erstaunlicher Offenheit diskutiert. Der Bau der Dämme "hat zur Entstehung einer großen Zahl von verzweifelten, enttäuschten und unzufriedenen Migranten geführt", heißt es in einer offiziellen GAP-Broschüre. In Reaktion auf Fehler der Vergangenheit hat sich GAP offiziell auf eine Politik der "nachhaltigen menschlichen Entwicklung" verpflichtet, deren Grundprinzipien sich lesen wie die, die unlängst von der Weltkommission für Dämme (WCD) veröffentlicht wurden:
- öffentliche Partizipation;
- Gerechtigkeit und Fairness bei der Entwicklung;
- Nachhaltigkeit;
- Entwicklung der menschlichen Ressourcen im GAP-Gebiet.
Der Bau des Bireçik-Damms unterhalb des Atatürk-Damms von 1995 bis 2000 wurde als Pilotprojekt genutzt, um die neue Umsiedlungsstrategie umzusetzen. Mehr als 30 000 Menschen verloren in dem von dem Stausee überfluteten Gebiet ihre Wohnungen oder ihr Land, am augenfälligsten in der Stadt Halfeti, die zur Hälfte in den Fluten versank.
GAP-Offizielle zeigen den Besuchern stolz eines der Umsiedlungsdörfer, das auf einer Anhöhe ein paar Kilometer vom Fluss entfernt errichtet wurde. Saubere Reihen von Häusern in verschiedenen Farben, alle mit Wasser- und Stromanschluss, ein rechtwinklig angelegtes Straßennetz mit Straßenlaternen und neu gepflanzten Bäumen bieten den Umsiedlern ein neues Zuhause. Aber dem Dorf fehlt das Leben, es gibt kein Anzeichen für die vielen informellen Beschäftigungsmöglichkeiten eines traditionellen anatolischen Dorfes. Kein Wunder, dass nur wenige Menschen sich für die Umsiedlung in dieses oder andere ähnliche Dörfer entschieden; die große Mehrheit der Aussiedler zog es vor, in neue Wohnungen in den städtischen Zentren der Region umgesiedelt zu werden.
Was das Prinzip der Partizipation bei der Planung und Ausgestaltung des Projekts angeht, sollte man nicht allzu viel von einer Gesellschaft erwarten, die immer noch von patriarchalischen und feudalen Strukturen auf dem Land und von mächtigen, oft korrupten Staatsbürokratien beherrscht und an Entscheidungen von oben nach unten gewöhnt ist. Die Zivilgesellschaft, die bei partizipatorischen Prozessen eine Rolle spielen könnte, ist schwach, und der schwelende türkisch-kurdische Konflikt erleichtert demokratische Prozesse nicht gerade.
Olcay Ünver, der Präsident von GAP, ist ein weltgewandter, eloquenter Mann von 42 Jahren, ein Bauingenieur, der in Amerika studiert und gearbeitet hat. Er spricht mit Überzeugung über die Notwendigkeit, eine "nachhaltige menschliche Entwicklung" in Gang zu setzen, die Unzufriedenheit der Aussiedler auf ein Minimum zu beschränken und Lebensbedingungen und ein sozioökonomisches Umfeld für die vom Dammbau direkt Betroffenen zu schaffen, "das auf jeden Fall besser ist als die vorher bestehende Situation". Ünver nimmt für GAP in Anspruch, dass es in seinen Mehrzweck-Gemeindezentren (Multi-Purpose Community Centres, CATOM) "das größte Frauenförderungsprogramm der Welt" betreibt. Das GAP-Projekt und der von ihm ausgelöste Modernisierungsprozess könne der Katalysator für den Wandel der sozialen und politischen Strukturen in der ganzen Region werden, meint Olcay Ünver.

Umweltaspekte
Umweltargumente, die oft von den Gegnern der türkischen Dammbauprojekte vorgebracht werden, scheinen bei den verantwortlichen Funktionsträgern von GAP und der türkischen Wasserbehörde (DSI) selten eine große Rolle zu spielen. Sie betonen, dass die Nutzung von Wasserkraft für sich allein schon ein Beitrag zum Schutz der Umwelt sei, denn die Alternative wären entweder Kraftwerke auf der Basis von fossilen Brennstoffen mit all ihren negativen Folgen für das Weltklima oder Atomkraftwerke mit ihren unkalkulierbaren Risiken, besonders in einer Region mit häufigen Erdbeben. Angesichts der rasch zunehmenden Bevölkerung in der Türkei - die jetzt bei rund 65 Millionen liegt - und einer ebenso raschen Urbanisierung und Industrialisierung des Landes ist es in der Tat schwierig, eine Alternative zur Nutzung der Wasserkraft als erneuerbarer Energiequelle zu sehen.
Ernster zu bewerten sind die Risiken, die mit einer großflächigen Bewässerungswirtschaft verbunden sind. Versalzung der Böden ist die Hauptgefahr, aber nach Angaben von Agrar- und Wasserspezialisten beim Internationalen Zentrum für Agrarforschung in Trockengebieten (ICARDA) in Aleppo (Syrien) lassen sich diese Gefahren durch richtige Behandlung der Böden beherrschen. Dazu gehört eine ordentliche Drainage der Felder und das Ausschwemmen der Böden mit Frischwasser zur Beseitigung von Salzablagerungen. Allerdings stellen die Intensivierung der Landwirtschaft und der erhöhte Einsatz von Agrochemikalien eine Gefahr für das Grundwasser dar, und wenn die Abwässer aus Drainagekanälen ungereinigt in die Flüsse zurückgeleitet werden, droht ein Verlust der Wasserqualität. Bis jetzt scheint dies noch kein großes Problem zu sein, denn das größte bis jetzt in Betrieb gegangene Bewässerungsprojekt - das in der Harran-Ebene - hat keine direkte Verbindung zum Euphrat. In Zukunft wird sich die türkische Regierung jedoch dieses Problems annehmen müssen.
Jedes Großprojekt ist ein Eingriff in die Natur und wird Auswirkungen auf die örtliche Ökologie haben. Der Bau des Bireçik-Damms gefährdet zum Beispiel das Habitat einer seltenen Vogelart - der Waldrappen (Black Ibis) - die in den Uferfelsen des Euphrat nisten. Umweltaktivisten in Europa fürchten darüber hinaus, dass die Veränderungen im lokalen Klima durch die Schaffung großer Wasserreservoirs das Auftreten von Pilzkrankheiten in den großen Pistazienplantagen im trockenen und gebirgigen Hinterland begünstigen und Ernteausfälle mit sich bringen werden. Aber selbst wenn diese negativen Auswirkungen tatsächlich eintreten sollten, muss man sie doch in ein Verhältnis zu den beabsichtigten sozioökonomischen Vorteilen des Projekts setzen. Letztendlich sollten es die betroffenen Menschen selbst sein, die diese Abwägung vornehmen, und nicht Umweltaktivisten in fernen Ländern.

Kulturelle Aspekte
Südostanatolien liegt im Einzugsbereich der ältesten Zivilisationen. Das Land ist voll von äußerst bedeutenden archäologischen Fundstätten aus fast allen Geschichtsepochen. Es ist kein Zufall, dass einige dieser Stätten entlang der großen Flüsse Euphrat und Tigris zu finden sind. Einige davon sind bereits unter den aufgestauten Wassern verschwunden, darunter Samsat, das antike Samosata, das im Atatürk-Reservoir unterging.
Ein besonders bekanntes Beispiel, über das in allen internationalen Medien berichtet wurde, ist der Fall der römischen Stadt Zeugma (Belkis) nahe dem Bireçik-Damm. Die Lage der Stadt wurde erst in den 70er Jahren wiederentdeckt, aber eine größere Grabung fand nicht statt. Durch den Bau des Dammes drohten die Überreste nun für immer unter den Fluten des Euphrat zu verschwinden.
Aufgeschreckt von einer internationalen Kampagne entschlossen sich die türkischen Behörden im letzten Moment zur Rettung der bedeutenden Kulturdenkmäler und setzten die größte Notgrabung der Geschichte in Gang. Unterstützt durch eine großzügige 5-Millionen-Dollar-Spende des amerikanischen Packard Humanities Institute legten 100 Archäologen aus mehreren Ländern und 250 türkische Arbeiter innerhalb weniger Monate große Teile der unteren Stadt frei und retteten eine große Zahl der wertvollen Kunstwerke, darunter Mosaike von einzigartiger Qualität, die Besucher demnächst im Museum des nahegelegenen Gaziantep bewundern können. Die Archäologen arbeiteten unter unvorstellbarem Zeitdruck im Angesicht des ständig steigenden Wasserspiegels, aber sie schafften es, die Teile der Stadt, die vom Stausee überflutet werden, für die Nachwelt und die wissenschaftliche Forschung zu dokumentieren. Die Ausgrabung der restlichen Stadt kann nun warten, denn sie liegt oberhalb der Wasserlinie.
Die Geschichte von Zeugma liefert Argumente für, aber auch gegen den Bireçik-Damm: Auf der einen Seite wäre die Stadt ohne den Dammbau vermutlich in absehbarer Zeit nicht ausgegraben worden, weil dafür kein Geld zur Verfügung gestanden hätte; mit dem Erfolg der Notgrabung wissen wir nun mehr über die Periode in römischer und nahöstlicher Geschichte, als Zeugma in Blüte stand. Außerdem können die Menschen in der Region nun von dem Tourismus profitieren, der von den spektakulären Funden, inbesondere den Mosaiken, ausgelöst werden wird.
Auf der anderen Seite ist nun ein guter Teil der Stadt für immer unter den Fluten verschwunden. Selbst wenn der Rest Zeugmas eines Tages ausgegraben wird, werden der Eindruck und unser Wissen immer unvollständig bleiben.
Kulturelle Werte können nicht in Geldwerten ausgedrückt werden. Das macht es schwierig, ihr Gewicht im Verhältnis zu anderen Aspekten eines Projekts zu bewerten. Der am Tigris geplante Ilisu-Damm - ein weiteres in Europa höchst umstrittenes GAP-Projekt - soll einen Teil der alten Stadt Hasankeyf überfluten, in der sich bemerkenswerte Überreste aus seldschukischer, arabischer und kurdischer Zeit finden, darunter die Reste einer Brücke aus dem Mittelalter. Der Verlust dieser Kulturdenkmäler, die zur Zeit durch das türkische Kulturministerium ausgegraben werden, ist sicherlich bedauerlich. Jedes historische Monument ist auf seine Art einzigartig und nicht zu ersetzen. Auf der anderen Seite können die Menschen nicht allein von den Überresten der Geschichte leben. Alte Ruinen schaffen keine Elektrizität für ihre Häuser und kein Wasser für ihre Felder. Aus diesem Grund hat selbst in reichen Ländern wie Deutschland die moderne Entwicklung oft den Vorrang vor der Archäologie.

Politische Aspekte
Die Dammbauten entlang der Flüsse Euphrat und Tigris haben geharnischte Proteste von Seiten der Nachbarstaaten Syrien und Irak ausgelöst. Für Syrien ist der Euphrat die wichtigste Quelle für seine Wasserversorgung, der Irak nutzt vor allem den Tigris. Beide Staaten argumentieren, dass sie durch die türkischen Projekte vom Wohlwollen der türkischen Regierung abhängig würden, die nach Gutdünken die Wasserversorgung auf- und zudrehen könne. Die Türkei setzt dagegen, dass sie von dem gesamten Wasserdurchfluss der beiden Flüsse - 50 Milliarden m3 im Jahr, davon 30 Milliarden im Euphrat und 20 im Tigris - nur etwa 17 Milliarden m3 für die eigenen Projekte benötige. In einem Protokoll aus dem Jahre 1987 sicherte die Türkei den Syrern eine durchschnittliche Versorgung von 500 m3 pro Sekunde zu, was mehr als der Hälfte der auf 950 m3 pro Sekunde geschätzten durchschnittlichen Wassermenge entspricht. Aber Syrien, das ebenfalls eine Reihe von Dämmen am Euphrat errichtet hat, darunter den riesigen Assad-Damm, verlangt eine Wassermenge von 700 m3 pro Sekunde. Syrien nutzt 83 Prozent seines Wassers für die Landwirtschaft, vor allem für die großen Bewässerungsanlagen im Norden das Landes.
Bisher gibt es keine internationale Konvention, die völkerrechtlich bindende Regeln für die Aufteilung von Wasserressourcen von Flussanrainern festlegen könnte. Die UN International Law Commission (ILC) stellte im Jahre 1991 einige Prinzipien auf, darunter die einer "gerechten Verteilung" des Wassers unter den Flussanrainern und der "Verpflichtung, keinen größeren Schaden für die Unterlieger zu verursachen".
Die Türkei glaubt, dass sie fair mit Syrien umgeht, wenn sie dem Nachbarland mehr als die Hälfte des Euphratwassers überlässt, obwohl der größte Teil dieses Wassers aus der Türkei stammt und das Land mit 65 Millionen Einwohnern gegenüber Syriens 15 Millionen einen höheren Bedarf hat. Die Verantwortlichen der türkischen Wasserbehörde führen auch ins Feld, dass der Bau der Euphratdämme die Wasserführung des Flusses verstetigt und vorhersehbar gemacht habe, was im Interesse beider Länder liege.
Immerhin ist es bemerkenswert, wie gut die Türkei und Syrien mit der extremen Dürre der letzten beiden Jahre fertig geworden sind: Ein Besuch am Assad-Damm im Oktober letzten Jahres zeigte, dass der Stausee noch ordentlich gefüllt war und es auch in den großen Städten Syriens oder den Bewässerungsgebieten entlang des Euphrat keinerlei Anzeichen für Wassermangel gab.
Nach Ansicht der türkischen Wasserbehörde haben die Auseinandersetzungen mit Syrien über das Wasser vor allem politische Gründe. Syrien beansprucht die Hoheit über die türkische Provinz Hatay an der Mittelmeerküste und hat jahrelang den Kämpfern der kurdischen PKK, darunter ihrem Führer Abdullah Öcalan, Schutz geboten und ihren Guerrillakrieg gegen Ankara unterstützt. Auf der anderen Seite hat die Türkei eine enge militärische Zusammenarbeit mit Israel begonnen.
Trotz dieser Probleme hat sich die Türkei bisher an ihre Verpflichtung gehalten, die versprochenen 500 m3/sec des Euphratwassers an Syrien zu liefern. Wasserexperten beider Länder tauschen regelmäßig Informationen über Abflussmengen und den Wasserstand in den Stauseen aus. Das oft heraufbeschworene Szenario eines Krieges beider Länder über Wasser scheint wenig mit der Wirklichkeit zu tun zu haben.
Die Situation zwischen der Türkei und Irak ist anders. Während Syrien fast völlig auf Wasser aus der Türkei angewiesen ist, kann Irak zu 40 Prozent auf eigene Wasserressourcen zurückgreifen. Selbst wenn das Wasser aus dem Euphrat auf Grund der Projekte in der Türkei und Syrien weiter abnimmt, wird der Tigris genug Wasser liefern, um die Bedürfnisse der 20 Millionen Iraker abzudecken. GAP plant, nur ein Drittel des Tigris-Wassers für Bewässerungsprojekte in der Türkei zu nutzen.

Schlussfolgerung
Wenn man alle Aspekte der Wasserprojekte in Südostanatolien in Betracht zieht, bleiben sicherlich viele offene Fragen. Aber was sind die Alternativen? Die Entscheidung, das Wasser- und Energiepotential der beiden mächtigen Flüsse in dieser sonst trockenen Region nicht zu nutzen, würde bedeuten, dass man die Bevölkerung zu weiterer Armut verurteilt. Letztendlich hätten sie keine andere Wahl als in die großen Städte abzuwandern und sich dort einen Lebensunterhalt zu suchen. Natürlich muss die Umsiedlung von Staudamm-Betroffenen auf eine sozial vertretbare Weise geschehen; die Schäden für die Umwelt müssen auf ein Mindestmaß beschränkt werden; die kulturellen Stätten müssen so weit wie möglich gerettet werden. Die Richtlinien der Weltkommission für Dämme bieten einen exzellenten Rahmen für den Umgang mit diesen Problemen. Aber wenn es um Optionen in Südostanatolien geht, scheint mir, dass die Aufstauung der Flüsse und die Nutzung ihres Potentials an sauberer Energie die beste Möglichkeit ist, eine bisher vernachlässigte Region zu entwickeln.
Dieter Brauer ist Chefredakteur unserer Schwester-Zeitschrift "Development and Cooperation".
hdbrauer@cs.com

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