Die vorerst letzte Runde des innerkongolesischen Dialogs, die im April im südafrikanischen Sun City stattfand, ist gescheitert. Der angestrebte Konsens zwischen den drei wichtigsten Konfliktparteien wurde nicht erreicht, stattdessen schlossen zwei von ihnen - das Regime unter Präsident Joseph Kabila und die Rebellengruppe MLC unter Jean-Pierre Bemba - ein Separatabkommen: Kabila bleibt Präsident, Bemba soll Permierminister werden. Diesem Deal wollten sich die von Ruanda unterstützten Rebellen vom "Rassemblement Congolais pour la Democratie", kurz RCD-Goma, nicht anschließen, das ihnen angebotene Amt des Parlamentsvorsitzenden haben sie abgelehnt.
Regierung und MLC vereinen damit Macht über zwei Drittel des Kongo, aus einer Dreiteilung wird eine Zweiteilung des Landes, das militärische Kräfteverhältnis verschiebt sich erheblich. Ruanda drohte, gegen das neue Bündnis wieder in den Krieg zu ziehen, sollten die Verhandlungen in Sun City nicht weitergeführt werden. In seiner Opposition gegen das Abkommen von Kabila und Bemba wird der RCD-Goma vom neu gegründeten zivilen Oppositionsbündnis "Alliance pour la Sauvegarde du Dialogue inter-congolais" (ASD) unterstützt, dem unter anderem die größte zivile Partei des Landes, die UDPS von Etienne Tshisekedi, angehört.
Warum wurde in Sun City kein Konsens gefunden? Drei Faktoren sind maßgeblich: Erstens wollte Kabila unter keinen Umständen seine Machtposition aufgeben. Zweitens bestand er darauf, dass die Rebellen ihre Soldaten in die von ihm befehligte Armee eingliedern. Demgegenüber forderte der RCD sowohl die Gründung einer neuen kongolesischen Armee als auch Verhandlungen über das Präsidentenamt.
Der dritte Faktor ist der Einfluss der Nachbarländer auf den Kongo-Konflikt: Weder Simbabwe, das Kabila noch immer mit rund 10 000 Soldaten unterstützt, noch Ruanda, das die Feuerkraft des RCD-Goma aufrechterhält, dürften tatsächlich an einer Einigung der Kongolesen interessiert sein. Denn ihrem Zugriff auf die Rohstoffe des Landes - Gold, Diamanten, Kupfer und Kobalt - wäre damit wohl ein Ende gesetzt. Zudem befindet sich die ruandische Armee im Kongo offiziell "aus Sicherheitsgründen": Ohne Entwaffnung der so genannten "negativen Kräfte", also der am Völkermord von 1994 beteiligten ruandischen Hutu-Milizen und der ruandischen Ex-Armee, bleibt ein Rückzug Ruandas eine Wunschvorstellung.
Nach dem Scheitern der Gespräche in Sun City besteht die Gefahr, dass der Krieg im Kongo trotz der mittlerweile über 3700 Soldaten starken UN-Truppe in verstärktem Maße weitergeführt wird und durch die neu geschmiedeten Allianzen auf bisher nicht betroffene Gebiete übergreift. Die neue bipolare Konfliktkonstellation könnte in Kabila und Bemba die Hoffnung auf einen militärischen Sieg über den RCD-Goma bzw. Ruanda schüren. Doch die Leidensfähigkeit der Bevölkerung - mindestens drei Millionen Kongolesen sind seit 1998 Krieg, Vertreibung und Krankheit zum Opfer gefallen - ist längst überstrapaziert. Bislang gewaltlos agierende politische Gruppen haben bereits angekündigt, ihrerseits zu den Waffen zu greifen, sollte der Dialog zwischen den Kriegsparteien zu keinem Ergebnis führen.
Dennoch: Etwas Hoffnung bleibt nach Sun City. Die neuen Zweckallianzen haben die politische Landschaft im Kongo zwar erheblich verändert, doch sie bleiben brüchig. Die internen Spannungen vor allem mit Blick auf den jeweiligen alliierten Nachbarn, also im Verhältnis von Kabila zu Simbabwe und des RCD-Goma zu Ruanda, erfordern interne Reform- und Dialogfähigkeit, sollen die strategischen Bündnisse zwischen Kabila und Bemba beziehungsweise dem RCD-Goma und der ASD halten. Diese neue und politisch offene Lage bietet Chancen für neue Vermittlungsinitiativen der internationalen Gemeinschaft, die schon genutzt werden: Eine Mission des UN-Sicherheitsrats, die Anfang Mai für zehn Tage die Region bereiste, konnte den Kontrahenten offenbar wichtige Zugeständnisse abringen. Im Kongo sind solche guten Nachrichten jedoch mit Vorsicht zu genießen. Sicher ist nur, dass der Frieden den Kongo bestenfalls über Umwege erreichen wird.
Daniel Stroux ist Geschäftsführer des Bureau for Institutional Reform and Democracy (BiRD) in München, einer Consulting für Demokratieförderung und Konfliktprävention. Er arbeitet seit 1992 zum Kongo und der Region der Großen Seen.