E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 6, Juni 1999, S. 159)


Editorial

Entwicklungstheorie ­ Wer ist Wer ?

Reinold E. Thiel


Am 9. August 1853 erreichte die russische Fregatte Pallas den japanischen Hafen Nagasaki. Der sie befehligende Vizeadmiral Putjakin hatte den Auftrag, die Japaner zur Aufnahme von Handelsbeziehungen mit Rußland zu bewegen, und zwar möglichst, bevor dies den Amerikanern gelänge. Begleitet wurde Putjakin von dem jungen Schriftsteller Iwan Gontscharow, der einen Reisebericht verfassen sollte (und der später mit seinem Roman "Oblomow" berühmt wurde). Gontscharow begriff nicht viel vom Verhalten und von der Mentalität der Japaner. Aber er notierte eine Beobachtung, die, von heute aus betrachtet, erklärt, warum die Japaner sich so hartnäckig weigerten. Die Russen hatten ihren Gesprächspartnern Geschenke überreicht, u. a. dem japanischen Bevollmächtigten Kawazi eine luxuriöse astronomische Uhr. Befragt, warum Japan einen Vertragsabschluß ablehne, erklärte Kawazi: "Der Handel (mit dem Ausland) ist für uns etwas ganz Neues, Ungewohntes. Wir müssen erst gründlich überlegen, womit wir handeln sollen ... Es wäre schön, wenn die Fremden uns Fische, Reis, Glas und ähnliche nützliche Dinge brächten. Wenn sie aber solche Uhren bringen, wie sie mir gestern eine geschenkt haben ­ wir waren alle ganz hingerissen! Und dann ist der Japaner imstande, sein Letztes wegzugeben."

Die japanische Ökonomie war damals eine "Ökonomie des Genug", eine, in der Wachstum und Akkumulation keine Rolle spielten, und sie wurde (durch Europäer und Amerikaner) konfrontiert mit einer Ökonomie, die an Wachstum und Profit orientiert war. Japan versuchte, diesen fremden Einfluß von sich fernzuhalten. Das gelang nicht, die Fremden waren stärker, und Japan übernahm die kapitalistische Wirtschaftsweise. Was dabei geschah, hat Akamatsu Kaname beschrieben: Der Markt der unterentwickelten Länder wird für Waren aus den entwickelten Ländern geöffnet, weil diese Waren "verführerisch" sind, und eine der Waren, die Akamatsu bei der Öffnung Japans nennt, sind Uhren. Als ob er Gontscharows Bericht gelesen hätte! (Oder kannte er den Bericht von Kawazi?)

Wer ist Akamatsu? Der japanische Ökonom und Philosoph, der in den 20er Jahren u. a. in Berlin, Heidelberg und Harvard studierte, veröffentlichte Anfang der 30er Jahre sein "Gänseflug-Modell der wirtschaftlichen Entwicklung", das in Europa und den USA kaum bekannt wurde, das aber von größtem Einfluß auf die Entwicklung Japans und der kleinen Tigerstaaten in Ost- und Südostasien war. Von westlichen Ökonomen kann man hören, daß diese Entwicklung für sie deshalb so überraschend kam, weil sie keinem der vorab entworfenen ökonomischen Modelle entsprach. Das ist nichts als ein Zeichen ihrer Ignoranz: Sie entsprach dem Modell, das Akamatsu entworfen hatte (und das die meisten der westlichen Autoren wohl auch heute noch zurückweisen würden, nach dem Motto: "That's good in practice, but don't you see: / It doesn't work out in theory"). Akamatsu selbst hat nicht mehr als zwei Artikel auf englisch veröffentlicht, keines seiner Bücher wurde in europäische Sprachen übersetzt. Die westliche Entwicklungstheorie war sich selbst genug. Einer der wenigen hiesigen Wissenschaftler, die sich mit dem Japaner beschäftigt haben, ist der Finne Pekka Korhonen. Er stellt Akamatsus Theorie in diesem Heft vor.

Akamatsu dürfte nicht der einzige Theoretiker außerhalb Europas sein, den wir nicht zur Kenntnis genommen haben. Wer kennt die Konzepte des Chinesen Y. C. James Yen oder des Beniners P. M. Tévoédjre? Warum sind die Ansätze von Julius Nyerere und von Gandhi gescheitert? Arthur Lewis, Nobelpreisträger von 1979, ist heute praktisch vergessen: auch er aus der Dritten Welt, aus der Karibik. Seine entwicklungspolitischen Theorien stellt in diesem Heft Herward Sieberg dar.

Die neue Serie, die in diesem Heft beginnt, wird Darstellungen der theoretischen Ansätze dieser Autoren aus der Dritten Welt bringen, und sicher gibt es noch weitere, die ich hier nicht genannt habe. (Natürlich vor allem die aus Lateinamerika.) Aber auch wenn ich die nicht-westlichen Autoren zuerst nenne, weil sie sonst immer zuletzt genannt werden: Das Ziel der Serie ist weiter gesteckt. Sie soll einen Überblick geben über die Autoren, die die entwicklungstheoretische Diskussion geführt oder beeinflußt haben. Die Namen vieler von ihnen sind geläufig, aber mancher täte sich schwer, wenn er ihre theoretischen Ansätze erläutern sollte. Andere sind trotz großen Einflusses auf die theoretische Diskussion oder die praktische Politik weitgehend unbekannt geblieben. Nicht alle, die hier vorgestellt werden sollen, sind reine Entwicklungstheoretiker, manche kommen aus anderen Richtungen, manche sind auch Politiker, spielen aber eine Rolle in der Diskussion zu diesem Thema. Das Ziel ist, eine Sammlung zusammenzustellen, in der man nachschlagen kann. Ein solches Nachschlagewerk gibt es bisher nicht.

Dieses Heft enthält, außer den zwei erwähnten Namen, noch Darstellungen zu Friedrich List, Dieter Senghaas und Paul Krugman ­ eine Spanne von fast zwei Jahrhunderten. Das soll auch künftig das Konzept der Reihe sein: die Klassiker vorzustellen, aber ebenso die Heutigen. Dabei wird sich auch herausstellen, auf wessen Schultern die Heutigen stehen (oder zu wessen Füßen sie sitzen). Weitere Beiträge, einer in jedem Heft (und manchmal wieder ein Sammelheft), sind verabredet zu folgenden Namen: Almond, Altvater, Amin, Boeserup, Cardoso, Eisenstadt, Fajnzylber, Frank, Freire, Friedman, Gandhi, Hirschman, Ibn Khaldun, Illich, Keynes, Marx, Myrdal, Nyerere, Prebisch, Schumpeter, Sen, de Soto, Sunkel, Wallerstein, Weber. Da fehlen noch viele Namen, bekannte und weniger bekannte, und es werden Autoren gesucht, die bereit sind, über die Fehlenden zu schreiben.

Diese Zeitschrift gründet auf dem Konzept, daß die Auseinandersetzung mit der Praxis der Entwicklungszusammenarbeit einer Basis bedarf, die durch die Auseinandersetzung mit der Theorie geliefert wird. Die vor einiger Zeit abgeschlossene Sammlung "neuer Ansätze zur Entwicklungstheorie" (die demnächst als Buch erscheinen wird) hat dafür Material geliefert. Mit der neuen Serie wird die Materialsammlung fortgesetzt.



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