E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 6, Juni 1999, S. 169-171)


Akamatsu Kaname (1896 ­ 1974)
Entwicklungstheorie in Ostasien: Das Gänseflug-Modell

Pekka Korhonen


In Europa wenig bekannt ist das von dem einflußreichen japanischen Ökonomen Akamatsu Kaname schon in den dreißiger Jahren entworfene Entwicklungsmodell, das er selbst als "Gänseflug-Modell" bezeichnet hat. Danach beruht wirtschaftliche Entwick-lung immer darauf, daß ein führendes Industrieland auslaufende Industrien und das entsprechende Know-how an Länder der nächsten Entwicklungs-generation weitergibt, die sich in sei-nem Windschatten entwickeln. Auf diesem Konzept basierte sowohl die "Groß-Ostasiatische Wohlstandssphäre" der dreißiger Jahre wie die Entwicklung in der Region nach dem 2. Weltkrieg.



I.

Akamatsu Kaname wurde am 7. August 1896 in Kurume, einer Kleinstadt im Norden der Insel Kyushu, geboren. Er studierte Ökonomie und deutsche Philosophie an der Tokyo School of Economics, und seine Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen mag dazu beigetragen haben, daß er ein starkes Interesse an marxistischen Ideen entwickelte. 1924 ging er für zwei Jahre nach Deutschland, wo er in Berlin und Heidelberg mit Friedrich Lists Ideen zur Nationalökonomie und mit der Hegelschen Philosophie vertraut wurde. In London besuchte er das Grab von Karl Marx, in Boston lernte er, an dem gerade neu gegründeten Harvard Bureau of Economic Statistics, die dort entwickelten Methoden der mathematischen Ökonomie kennen.

Nach seiner Rückkehr nach Japan im Juli 1926 lehrte er an der Universität Nagoya, wo er sich mit statistischen Untersuchungen der japanischen Industrieentwicklung, vor allem der in der Region von Nagoya konzentrierten Textilindustrie, befaßte. Diese Untersuchungen lieferten ihm die Basis für sein Konzept industrieller Entwicklung, das er zuerst 1932 veröffentlichte ("Die synthetischen Prinzipien der wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes" [jap.], 1932). 1939 ging er zurück an seine Alma mater, die inzwischen Tokyo University of Economics hieß (die heutige Hitotsuba-shi-Universität). Hier wurde er 1940 Forschungsdirektor am East Asian Economic Research Centre. Seine Untersuchungen zur ostasiatischen Wirtschaftsentwicklung setzte er ab 1943 in Singapur fort, wohin ihn die japanische Regierung entsandte. 1946 wurde Akamatsu Kaname als möglicher Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt, aber entlastet. 1953 wurde er Dekan der Wirtschaftsfakultät der Hitotsubashi-Universität. Er starb 1974.


II.

Akamatsu entwarf seine Theorie, die er das "Gänseflug-Modell der Entwicklung" (flying geese pattern of development, gankoo keitai hattenron) nannte, in den 30er Jahren, vor allem aufgrund seiner Beobachtungen der Entwicklung der japanischen Textilindustrie. Die Theorie erklärt, wie ein unterentwickeltes Land sich relativ schnell entwickeln kann. Das Land übernimmt geeignete arbeitsintensive Industrien aus weiter entwickelten Ländern. Die neuen Industrien produzieren zunächst für den Inlandsmarkt, beginnen aber zu exportieren, sobald sie stark genug sind. Zunächst sind ihre Produkte einfach, roh und billig, aber mit der Zeit wird der Qualitätsstandard angehoben. Dieser Prozeß wird immer aufs neue wiederholt und führt so zu einem schnellen Prozeß nationaler ökonomischer Entwicklung.

Die beteiligten Länder werden von Akamatsu in zwei Gruppen eingeteilt: "vorangehende Länder" (senshinkoku) und "nachfolgende Länder" (kooshinkoku). Dazu kommt als übergreifende Kategorie die der "neu aufsteigenden Länder" (shinkookoku); das sind solche, die sich schneller entwickeln als andere und daher in der Rangliste aufsteigen, möglicherweise sogar die bisher vorangehenden ablösen. Man kann sich die Gruppierung der Länder vorstellen wie die von Wildgänsen, die in Keilformation fliegen, mit der jeweils stärksten an der Spitze, die aber zurückfällt, wenn sie nach längerem Voranflug ermüdet.

In der pazifischen Situation, auf die sich Akamatsus Theorie bezog, war die Kategorie der senshinkoku vertreten durch die europäischen Länder und die USA, die der kooshinkoku durch die asiatischen Länder. Japan gewann als erstes asiatisches Land schon um die Wende zum 20. Jahrhundert die führende Position eines shinkookoku, aber noch während des 2. Weltkriegs wurde es von Akamatsu nicht als senshinkoku betrachtet.


Stadien der Entwicklung

Das erste Stadium der Entwicklung, durch die ein vorher isoliertes Land zu einem kooshinkoku wird, beginnt damit, daß das Land neue, interessante und nützliche Güter aus industrialisierten Ländern importiert, weil es deren "Verführung" erliegt. Dabei spielt es prinzipiell keine Rolle, ob das Land mit Gewalt für den Handel geöffnet wurde, wie Japan 1854, oder ob es sich durch die Aussicht auf ökonomischen Profit verführen ließ: In jedem Fall ist es jetzt in die internationalen Handelsnetze eingebunden. Im Falle von Japan waren die "verführerischen" Güter, die den Markt öffneten, weißer Zucker, Tabak, Seife, Flachglas und Uhren, aber auch Wollwaren, Baumwollgarn und -stoffe, die man zwar in Japan kannte, die aber als Industrieprodukte nun sehr viel billiger waren als zuvor.

Durch den Import billiger Industrieprodukte wird die handwerkliche Produktion in dem weniger entwickelten Land zerstört, und es kommt zu Armut und Verelendung. Dieser Prozeß hat in allen asiatischen Ländern stattgefunden, in Japan, Indien, China und anderswo. Der Handel mit einem fortgeschrittenen Land bedeutet einen Schock für die gesamte Kultur des weniger fortgeschrittenen Landes.

Aber dann beginnt die industrielle Produktion sich in dieses Land selbst zu verlagern, weil es über drei komparative Vorteile verfügt: niedrige Löhne, billige lokal produzierte Rohmaterialien und einen Käufermarkt ohne große Entfernungen. Akamatsu zeigt, daß der ursprüngliche Import ausländischer Güter immer die Voraussetzung für den Aufbau einer eigenen Industrie ist, weil erst durch den Import der Markt für solche Güter geschaffen wird.

Die lokale industrielle Produktion kann dann entweder von lokalem Kapital getragen werden, wie das in Japan der Fall war, oder von ausländischem Kapital, wie in Britisch-Indien oder in den amerikanischen Staaten zu einer Zeit, als diese noch Kolonien waren. Wenn die Entwicklung weitergehen soll, wird es aber nach einiger Zeit zur Verlagerung auf nationales Kapital kommen, wie in den nordamerikanischen Kolonien, als diese sich 1776 von England unabhängig machten. Nationales Kapital muß akkumuliert werden, und seine Verwendung muß durch eine nationale Industriepolitik festgelegt werden.

Das Ziel der lokalen Industrie wird nun sein, den Import ausländischer Güter zu verdrängen, durch niedrige Preise oder durch bessere und angepaßtere Qualität. Dabei kann es oft notwendig werden, daß der Staat protektive Maßnahmen gegen den Import anwendet, in Form von Zolltarifen oder von Importschranken.

Der sich darin ausdrückende wirtschaftliche Nationalismus, der oft ein Nebenprodukt des nationalen Kampfes um die Unabhängigkeit ist, kann für das aufstrebende Land sehr segensreich sein ­ falls die protektiven Maßnahmen nur in solchen Fällen angewandt werden, in denen die einheimische Industrie im Kern gesund ist und nur einen zeitweiligen Schutz braucht, bis sie mit ausländischen Produzenten konkurrieren kann. Falls jedoch die lokale Industrie sich nicht effizient entwickelt, kann die Protektion auch zur Verarmung der nationalen Ökonomie führen. Ein gewisses Maß an Konkurrenz mit effizienteren ausländischen Produzenten kann sich daher als durchaus heilsam erweisen.

Die Ausdehnung der lokalen Produktion bedeutet keineswegs das Ende für den Import, im Gegenteil: Technologie und Kapital müssen importiert werden, unter Umständen auch die Rohmaterialien. So mußten z. B. für die Baumwollindustrie in Japan in den 1880er Jahren Spinn- und Webmaschinen importiert werden, und da die in Japan produzierte Rohbaumwolle von schlechter Qualität war, kam auch Baumwolle aus dem Ausland.

Es kommt dann der Zeitpunkt, zu dem die lokale Produktion "plötzlich Kraft gewinnt" (bokkoo) und die importierten Konkurrenzprodukte überflügelt. Damit ist für Akamatsu das zweite Stadium im Gänseflug-Modell der Entwicklung erreicht.

Der Übergang zum dritten Stadium besteht darin, daß die nationale Industrie den Umfang und die Qualität ihrer Produktion weiter steigert und beginnt, ihre Produkte zu exportieren. Nach einiger Zeit wird der Export von Konsumgütern deren Import übersteigen, mit entsprechenden Folgen für die Handelsbilanz des Landes. Es werden aber weiter Kapitalgüter importiert, und auch die Einfuhr weiterer, neuer Konsumgüter wird der nationalen Industrie neue Impulse geben, weil sie zur Einrichtung neuer lokaler Produktlinien führt.

Der nächste Schritt ist nun der, daß auch die Investitionsgüter lokal produziert werden. Japan tat diesen Schritt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der Import von Textilmaschinen immer mehr reduziert wurde und schließlich japanische Textilmaschinen exportiert wurden. In den dreißiger Jahren hatte Japan in Europa den Ruf, extrem billige Textilwaren und Spielzeuge zu produzieren und zu exportieren, aber zugleich galten auch Textilmaschinen, allen voran der Toyoda-Webstuhl, international als Spitzenprodukt. Damit ist in Akamatsus Modell industrieller Entwicklung das vierte Stadium erreicht: Das "nachfolgende Land" (kooshinkoku) beginnt, Industriewaren in das "vorangehende Land" (senshinkoku) zu exportieren. Der Zyklus ist abgeschlossen (Akamatsu 1956).


Ausbreitung des Prozesses

Dieser Prozeß wiederholt sich nun. Andere Länder übernehmen die Rolle des kooshinkoku, importieren Technologien, bauen eigene Produktionen auf und werden ihrerseits zu Industrieländern. Das geschieht jeweils mit beträchtlicher zeitlicher Verschiebung. Als Japan um 1900 den Zyklus der Entwicklung einer eigenen Baumwollindustrie vollendet hatte, befand sich Indien im zweiten Stadium, dem einer wachsenden lokalen Produktion, während China noch im ersten Stadium zunehmender Importe verharrte. Anschließend kehrte sich das Verhältnis zwischen Japan und Großbritannien um: Japan wurde immer mehr zu dessen Konkurrenten auf den internationalen Märkten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Japan für den ostasiatischen Raum die Rolle des senshinkoku, des vorangehenden Landes, und die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung in den befreundeten ostasiatischen Ländern wurde zum Leithema der japanischen Außen- und Entwicklungspolitik.

Ein wichtiger Aspekt, der Akamatsu in eine deutliche Nähe zu List bringt, ist, daß für ihn Entwicklung immer eine Sache des nationalen Interesses ist und auf der Beteiligung und der Anstrengung der ganzen Nation beruht. Das bedeutet auch, daß ein Schlüsselfaktor für die Entwicklung der lokale Markt ist. Eine strategische Rolle spielen hierbei preiswerte Konsumgüter. Um die Industrien, die solche Güter herstellen, so zu stärken, daß sie mit ausländischen Produzenten konkurrieren können, muß es vorher auf dem einheimischen Markt eine große und lange Zeit andauernde Nachfrage gegeben haben. Der Staat hat die Aufgabe, die dafür erforderliche Kaufkraft zu schaffen.

In der ersten Phase der modernen japanischen Entwicklung geschah das dadurch, daß nach der Abschaffung der feudalen Tokugawa-Herrschaft in Japan im 19. Jahrhundert eine weitgehend egalitäre Gesellschaft entstand, in der Bauern und kleine Unternehmer zu Wohlstand kamen. Die frühen Exportgüter, wie Tee und Rohseide, verschafften diesen ein Einkommen, das ihnen ermöglichte, die neuen Fabrikprodukte zu kaufen, und auf diese Weise kam der Entwicklungsprozeß in Schwung.


Philosophischer Hintergrund

Akamatsu faßte den von ihm beschriebenen Prozeß der Entwicklung zunächst durchaus eindimensional als technologischen und industriellen Prozeß auf. Dennoch war ihm bewußt, daß dieser Prozeß kulturelle Auswirkungen hat. Der Import der Produkte einer fremden Kultur bedeutet für das importierende Land eine "Negation" (hitei) seiner ursprünglichen Kultur. Dieser Eingriff wird jedoch durch die lokale Herstellung der Produkte wieder aufgehoben; Akamatsu spricht von einer "Negation der Negation" (hitei no hitei), die schließlich für das betroffene Land eine Rückkehr zu sich selbst (jiko kanki) bewirkt (Akamatsu 1945).

Akamatsu bedient sich hier der Terminologie der Hegelschen Dialektik, um die durch die wirtschaftliche Entwicklung bewirkten Veränderungen der japanischen Kultur zu beschreiben. Die importierte Kultur wird zu einem essentiellen Teil des nationalen Selbstverständnisses und des Bildes, das diese Nation im Ausland von sich verbreitet. Eine ähnliche Produktionsweise führt zu einer ähnlichen Sozialstruktur und einem ähnlichen Lebensstil. Das hat zur Folge, daß Länder, die sich nach diesem Modell entwickeln, sich immer mehr einander angleichen werden, natürlich mit der oben beschriebenen Zeitverschiebung.

Andererseits nimmt Akamatsu an, daß es nie dazu kommen wird, daß für längere Zeit zwei Länder sich auf genau der gleichen Entwicklungsstufe halten. Das Verhältnis der Länder zueinander ist in ständigem Wandel begriffen. "Wenn eine Vollendung vollendet ist, so beginnt sofort daraus ein neuer Prozeß der Vollendung. Von Vollendung zu Vollendung geht die Wirklichkeit immer weiter," schrieb er (in deutscher Sprache) schon während seines Studienaufenthalts in Heidelberg (Akamatsu 1927).

Das Gänseflug-Modell zwingt die am meisten fortgeschrittenen Länder, sich ständig weiterzubewegen, in Richtung auf immer höher entwickelte Produkte. Die Länder konkurrieren miteinander, wobei jedes versucht, sich schneller zu entwickeln als andere, und einigen gelingt es, sich vorübergehend in die führende Position zu bringen, nur um diese nach einiger Zeit wieder an ein anderes abgeben zu müssen. Insgesamt ist Akamatsus Denken dabei jedoch von Optimismus geprägt, im selben Sinne wie Hegels Geschichtsphilosophie. Er vertritt die Hoffnung, daß der von ihm beschriebene "Geist der Industrialisierung" im Laufe der Zeit, über die Jahrtausende hinweg, die gesamte Menschheit auf ein immer höheres Niveau des Wohlstands und der Kultur heben wird.


III.

Akamatsus Entwicklungstheorie, das Gänseflug-Modell, war in Japan schon vor dem Zweiten Weltkrieg anerkannt und verbreitet. Während des Krieges wurde die Theorie von der staatlichen Propaganda-Maschinerie benutzt, um die japanischen Eroberungen durch die Idee einer "Groß-Ostasiatischen Wohlstandssphäre" zu rechtfertigen. Akamatsu selbst erklärt in seiner Autobiographie (1975), er habe Tokio verlassen, weil er vermeiden wollte, von der staatlichen Propaganda eingespannt zu werden. Statt dessen habe er in Singapur seine Studien fortgesetzt und seine Dissertation geschrieben. Trotzdem schien bei Kriegsende seine Theorie mit einem Makel behaftet, sie verschwand aus der internationalen Diskussion. Im japanischen Bewußtsein spielte sie jedoch weiter ihre Rolle als die große japanische Entwicklungstheorie.

Der Einfluß von Akamatsus Theorie macht vieles in der Nachkriegsentwicklung der japanischen Wirtschaft leichter verständlich. Bestimmte Industrien wurden von der staatlichen Wirtschaftsplanung als "Sonnenaufgangs-Industrien" (shinkoo sangyoo) bezeichnet, also als solche, die Zukunft haben und die deshalb vom Staat zu fördern seien, andere als "Sonnenuntergangs-Industrien" (shayoo sangyoo), deren Unterstützung allmählich abgebaut wurde.

Zur (aufsteigenden) Kategorie der shinkoo sangyoo wurden Ende der 40er Jahre die Kohlezechen gerechnet, in den 50er Jahren Metall, Chemie und Schiffbau, in den 60er Jahren die Autoindustrie, in den 70er Jahren Computer und Telekommunikation, in den 80er Jahren Flugzeugbau, Biotechnologie und neue Werkstoffe. Zur (absteigenden) Kategorie der shayoo sangyoo gehörten in den 50er Jahren Kohle, in den 60er Jahren Textil, in den 70er und 80er Jahren Schwermetalle, Chemie und Schiffbau, in den frühen 90er Jahren Kameras. Es ist schwierig, den Einfluß von Akamatsu auf diese Entwicklung im einzelnen nachzuweisen. Aber sicher ist, daß die Planer in den Ministerien, vor allem in dem wohlbekannten MITI, mit seinen Ideen bestens vertraut waren.

Auch in der Außenhandels- und Entwicklungspolitik ist Akamatsus Einfluß nicht zu übersehen. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Japan dazu beigetragen, die Nachbarländer in die internationalen Handelsverflechtungen einzubeziehen. In der Nachkriegszeit wurden Akamatsus Ideen vor allem durch Okita Saburo weiterverfolgt, der zwar nicht sein direkter Schüler war, aber seine Ideen übernahm.

1955 wurde Okita Direktor der Forschungsabteilung der Wirtschaftsplanungsbehörde. Er entwickelte das Konzept, den ärmeren Nachbarländern Kapital in Form von Kriegsreparationen und Entwicklungshilfe zur Verfügung zu stellen, um ihnen zu ermöglichen, aus Japan Konsum- und Investitionsgüter zu importieren. Dies bedeutete zugleich einen enormen Schub für Japans Chemie- und Metallindustrie. Die Nachbarländer bauten arbeitsintensive Leichtindustrien auf, die für sie "Sonnenaufgangsindustrien", für Japan aber "Sonnenuntergangsindustrien" waren. Okita hat diesen Prozeß in einer Reihe von Publikationen beschrieben.

Kojima Kiyoshi, der als Akamatsus wichtigster Schüler gelten kann, sagte 1962 voraus, daß in den 70er Jahren die ost- und südostasiatischen Länder die Erfolgs-Story der Welt schreiben würden. Kojima war es vor allem, der an der Hitotsubashi-Universität die Ideen von Akamatsu weiterentwickelte und sie mit dem Konzept der ausländischen Direktinvestitionen verknüpfte. Seine Tätigkeit und die anderer Ökonomen wie Ozawa Terutomo und Yamazawa Ippei führten dazu, daß man vom kontinuierlichen Wirken einer "Hitotsubashi School of Development Economics" sprechen kann.


IV.

Akamatsus Bedeutung besteht darin, daß sich in seiner Lehre die Blaupause für den Verlauf der ökonomischen Entwicklung nicht nur in Japan, sondern in ganz Ostasien findet. Dem japanischen Modell eiferten die anderen Staaten nach: Südkorea, Taiwan und Singapur seit den 60er Jahren, Südostasien im Jahrzehnt darauf, China in den 80er Jahren, und seit Beginn der 90er Jahre auch Länder in Südasien und Lateinamerika. Daß Akamatsus Name und der seiner Theorie in Europa und Nordamerika so wenig bekannt wurden, liegt daran, daß er lange Zeit mit der japanischen militärischen Expansion im Zweiten Weltkrieg verknüpft wurde und deshalb als anrüchig galt. Erst seit den 80er Jahren beginnt man im Westen, seine Bedeutung zu erkennen.


Schriften über Akamatsu Kaname
Kojima Kiyoshi (1977): Japan and a New World Economic Order. Tokio, Tuttle ­ (1978): Japanese Direct Foreign Inverstment. A Model of Multinational Business Operations. Tokio, Tuttle
Korhonen, Pekka (1994): The Theory of the Flying Geese Pattern of Development and its Interpretations, in: Journal of Peace Research, vol. 31, p. 93-108
­ (1998): Japan and Asia Pacific Integration. Pacific Romances 1968-1996. London / New York, Routledge
Okita Saburo (1956): Theory of South East Asian Development (jap.). Tokio


Dr. Pekka Korhonen, geboren 1955, männlich trotz seines Namens, ist Professor für Politische Wissenschaft an der Universität Jyväskylä (Finnland).



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