E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 6, Juni 1999,
S. 172-175)

Dieter Senghaas (*1940)
Von Europa lernen: Autozentrierte Entwicklung und Zivilisierung
Wolfgang Hein

Dieter Senghaas hat wie kaum ein anderer Autor die kritische, interdisziplinäre entwicklungstheoretische Diskussion in Deutschland geprägt. Er hatte einen entscheidenden Anteil an der Rezeption der Theorien der Abhängigkeit und des peripheren Kapitalismus; seine eigenen entwicklungstheoretischen Arbeiten blieben eng mit dem Konzept der "autozentrierten Entwicklung" verbunden. Die Integration von Friedens- und Entwicklungsforschung, die seine Arbeit immer prägte, fand in den vergangenen Jahren ihren Ausdruck im Konzept des zivilisatorischen Hexagons.

I.
Dieter Senghaas wurde im Jahre 1940 geboren. Er studierte Politikwissenschaft, Philosophie und Geschichte in Tübingen und Stuttgart sowie an verschiedenen US-amerikanischen Universitäten. Sein Interesse richtete sich früh auf die systematische Analyse internationaler Politik und internationaler Beziehungen und in diesem Rahmen vor allem auf die Friedensforschung. Dabei war er stark beeinflußt von Karl W. Deutsch und Johan Galtung. Nach seiner Promotion in Frankfurt im Jahre 1967 arbeitete er mit am Aufbau der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), wo er von 1970 bis 1978 als Forschungsgruppenleiter tätig war.
Seit 1972 war er gleichzeitig Professor für internationale Beziehungen an der Universität Frankfurt, bis er 1978 an die Universität Bremen berufen wurde. Dort ist er am Institut für Interkulturelle und Internationale Studien als Professor für internationale Politik und Gesellschaft, insbesondere Friedens-, Konflikt- und Entwicklungsforschung tätig. Seit 1986 hatte er zweimal Forschungsprofessuren an der Stiftung Wissenschaft und Politik in
Ebenhausen inne (Themen: Regionalkonflikte in der Dritten Welt, Europäische Friedensordnung), in einer Vielzahl von Ländern stellte er seine Arbeiten auf Vortragsreisen vor.

II.
Dieter Senghaas hatte sich durch seine Beiträge zur Friedensforschung (vor allem sein Buch zum Thema "Abschreckung und Frieden" und den Begriff der "organisierten Friedlosigkeit") bereits einen Namen gemacht, bevor er 1972 mit der Herausgabe des Sammelbandes "Imperialismus und strukturelle Gewalt" der entwicklungstheoretischen (und später auch -politischen) Diskussion in der Bundesrepublik, aber auch seiner Disziplin Internationale Beziehungen einen kräftigen Impuls gab und dies durchaus entsprechend seinem Selbstverständnis als Friedensforscher, da es ihm im Sinne der "kritischen Friedensforschung" nicht nur um die Abwesenheit von Krieg, sondern auch um die Überwindung struktureller Gewalt ging. Dem ersten Sammelband folgte ein zweiter 1974 ("Peripherer Kapitalismus"), ein dritter 1979 ("Kapitalistische Weltökonomie").
Das 1977 erschienene Buch "Weltwirtschaftsordnung und Entwicklungspolitik Plädoyer für Dissoziation" war Senghaası erste Monographie zur Entwicklungstheorie und verknüpfte seinen Namen vor allem in den Augen seiner Kritiker untrennbar mit dem Begriff der "Dissoziation". Das Buch beginnt mit einer systematischen Herausarbeitung der entwicklungspolitischen Implikationen des Diskurses über Abhängigkeit und peripheren Kapitalismus: "Strukturelle Abhängigkeit" wird charakterisiert als "die Übertragung der Reproduktionsdynamik des metropolitanen Kapitalismus auf die Peripherien in einer sich verändernden, jedoch asymmetrisch bleibenden Beziehungsstruktur zwischen Metropolen und Peripherie".
Die mangelhafte Entwicklung der Massennachfrage angesichts der Marginalisierung großer Teile der Bevölkerung und der meist niedrigen Löhne auch im modernen Sektor führt selbst bei einer relativ erfolgreichen Importsubstitution, die sich auf die begrenzte Nachfrage der schmalen wohlhabenderen Schichten beschränkt zu einer in vielfacher Hinsicht bruchstückhaften Produktionsstruktur. Das Interesse der herrschenden Klassen am Fortbestand dieser Strukturen verhindert eine an der Befriedigung von Massenbedürfnissen orientierte industrielle Entwicklung, die einen weit weniger differenzierten Produktionsapparat voraussetzte und daher auch in peripheren Ländern integral zu entwickeln wäre. Angesichts dieser Interessenstruktur seien auch die Forderungen nach einer "Neuen Weltwirtschaftsordnung" wenig erfolgversprechend, da es dabei um einen "partikularen Verteilungskampf zwischen den Metropolen einerseits und den dominanten Klassen und Eliten der Peripherien andererseits" (1997, S. 61) gehe.
Senghaas spricht von einem internationalen Kompetenzgefälle, das einen starken Peripherisierungsdruck auf die weniger fortgeschrittenen Länder ausübe und ohne gezielte politische Intervention nicht überwunden werden könne. Er rekurriert dabei vor allem auf Friedrich Lists Theorie der produktiven Kräfte: Weniger fortgeschrittene Nationen können ihren Rückstand nur durch eine gezielte Politik der "allseitigen Produktivkraftentwicklung" aufholen, was ohne eine "Absonderung auf Zeit" aus dem Weltmarkt nicht möglich ist. Ausgangspunkt einer solchen "autozentrierten Entwicklung" müsse die Befriedigung von Grundbedürfnissen und die Eingliederung der Masse der Menschen in eine produktive Beschäftigung sein. Durch eine schrittweise, wechselseitige Verkettung von Landwirtschaft und Industrie könne die Grundlage für eine industrielle Entwicklung geschaffen werden, die schließlich den Aufbau komplexerer moderner Industriezweige und das Entstehen einer dichten Infrastruktur im Kommunikations-, Verkehrs- und Rechtswesen einschließt.
Das Entstehen einer solchen internen Dynamik setze im Falle bereits peripherisierter Ökonomien eine Abkoppelung "von den dominanten Strukturen des gegebenen kapitalistisch bestimmten Weltmarktes voraus, jedoch nicht notwendigerweise eine totale Abschottung" (1977, S. 277). Die dafür nötige politische Machtverlagerung in Peripherie-Gesellschaften setze eine Massenmobilisierung in enger Wechselbeziehung mit Ansätzen zur "self-reliance" in den entwicklungspolitischen Strategien voraus.
Zur gleichen Zeit initiierte Senghaas, nun schon als Professor in Bremen und in enger Zusammenarbeit mit Ulrich Menzel, zwei Serien von empirischen Studien, einerseits über sozialistische Länder in der Dritten Welt (Dissertationen über Nordkorea, China, Kuba und Albanien), andererseits über die Entwicklung kleinerer Gesellschaften im Norden. Auch die erste Gruppe von Studien verdient es, trotz einer (u. a. aufgrund der Abhängigkeit von staatlich kontrollierten Informationsquellen) häufig zu optimistischen Interpretation, weiterhin zur Kenntnis genommen zu werden. Sozialismus wird hier nicht als post-kapitalistische Produktionsweise interpretiert, sondern als Strategie der Überwindung des Kompetenzgefälles zu den fortgeschritteneren Industriegesellschaften. In dieser Hinsicht seien diese Gesellschaften in einer ersten Entwicklungsphase relativ erfolgreich gewesen; sie gerieten allerdings immer mehr in eine systemimmanente Krise, indem die autokratischen Regime nun begännen, den weiteren Entwicklungsprozeß, der angewiesen sei auf Dezentralisierung, partizipatorische Steuerungsmechanismen, Innovationsfreudigkeit usw., zu blockieren (so Senghaas 1982).
Das zweite der genannten Projekte führte zu den beiden entwicklungstheoretisch wohl wichtigsten Büchern des Autors, nämlich "Von Europa lernen" (1982) und, gemeinsam mit Ulrich Menzel, "Europas Entwicklung und die Dritte Welt" (1986) (wobei schließlich in diesem Zusammenhang auch die schon 1982 abgeschlossene Habilitationsschrift von Menzel, "Auswege aus der Abhängigkeit", Frankfurt/M. 1988, genannt werden muß)
Ausgangspunkt waren zwei Beobachtungen, die über die Dependenztheorie hinauswiesen und z. T. an dem vor allem mit dem Namen Wallerstein verbundenen Weltsystem-Ansatz anknüpften: Zum einen fanden ja auch die Entwicklungsprozesse der meisten alten Industrieländer unter den Bedingungen eines "internationalen Kompetenzgefälles" statt, zum anderen gelang nachholende Entwicklung in einer Reihe von Fällen durchaus über assoziative, weltmarktintegrative Entwicklungsstrategien. Neben den umfassenden historischen Informationen zu den Ländern Schweiz, Dänemark, Schweden und Kanada, die Menzel aufgearbeitet hatte, sowie zu den oben genannten sozialistischen Entwicklungsländern wurden die Entwicklungswege einer Reihe anderer Länder in die Analyse einbezogen (u. a. Finnland, Uruguay, Neuseeland, Irland).
Diese Studien verdeutlichten zum einen die zentrale Rolle von "Entwicklungskonfigurationen", d.h. der jeweiligen soziostrukturellen und institutionellen Kontexte, die bestimmen, ob einzelne Faktoren (etwa Exportförderung, aber auch Infrastrukturausbau, Technologietransfer usw.) entwicklungsfördernd oder -hemmend wirken. Als zentral erwiesen sich vor allem die historisch gewachsenen Institutionen der jeweiligen Gesellschaften, die Verteilung der Einkommen aus den Exporten und damit die gesamtwirtschaftlichen Ausweitungseffekte im Zusammenhang mit umfassenden Produktivitätsfortschritten.
Die Schlußfolgerungen der historischen Studien formulierte Senghaas erst 1986 (gemeinsam mit Ulrich Menzel) in "Europas Entwicklung und die Dritte Welt". Hier werden nun die Konzepte der "autozentrierten Entwicklung" und der "Abkopplung" explizit differenziert, und es wird diskutiert, unter welchen Bedingungen Weltmarktintegration autozentrierte Entwicklung fördert; die "Erschließung des gesamten linkage-Potentials des Exportsektors" sowie die "stufenweise Erschließung des gesamten Binnenmarktpotentials" werden als zentrale Kennzeichen erfolgreicher Exportökonomien bezeichnet (1986, S. 23). Schon sehr früh wurde die erfolgreiche Strategie Südkoreas und Taiwans als Kombination aus Exportorientierung und massiver Staatsintervention charakterisiert, was wie heute auch die Weltbank zugeben
würde viel besser zutrifft als die These von einer "Entwicklung durch Weltmarkt-integration".
Das Ergebnis der historischen Analyse war eine differenzierte Klassifikation von Entwicklungswegen im Sinne einer Typenbildung, die einerseits Typen soziopolitischer Grundkonstellationen (u. a. "vom Feudalismus unberührt", "erfolgreiche Entfeudalisierung", "koloniale Situation"; 1986, S. 49f.) zu identifizieren sucht und andererseits die Dimensionen der "Autozentriertheit" und der "Weltmarktintegration/Entkopplung" miteinander kombiniert (S. 62).
Das gemeinsam mit Menzel geplante Folgeprojekt einer theoretisch begründeten, historisch fundierten vergleichenden Typologie von Entwicklungsländern fiel jedoch der Mitte der 1980er Jahre vollzogenen "Rück"wendung Senghaası zur Rüstungs- und Konfliktproblematik "zum Opfer". Aspekte der Nord-Süd-Problematik wurden allerdings auch fortan keineswegs ausgeblendet (Regionalkonflikte, integrative Analyse von Konfliktformationen im internationalen System, vgl. das Buch von 1988).
Auch wenn Senghaas in die Aufarbeitung der sozioökonomischen Entwicklungsproblematik unter den Bedingungen postfordistischer Globalisierung nicht mehr einstieg, meldete er sich in den 1990er Jahren doch wieder in der entwicklungstheoretischen Diskussion zurück: Der Begriff der "Zivilisierung", u. a. anknüpfend an Norbert Elias, diente seit dem 1988 erschienenen Buch "Konfliktformationen im internationalen System" als verbindendes Konzept zwischen der Friedensforschung im engeren Sinne und einer erneuten Beschäftigung mit "Entwicklung".
1994 stellte er in "Wohin driftet die Welt?" das Konzept des "Zivilisatorischen Hexagons" vor. Moderne Gesellschaften seien gekennzeichnet durch eine Plurali-tät von Identitäten, einschließlich unterschiedlicher Gerechtigkeitsvorstellungen sowie gleichzeitig einer Pluralität von Interessen: Wenn solche Gesellschaften nicht in potentiell gewaltsamen Dauerkonflikten versinken sollen, bedarf es in ihnen politischer Vereinbarungen, d. h. der Verständigung über Wege der Koexistenz und der geregelten Konfliktlösung, gerade wegen der prinzipiell nicht überwindbaren Meinungs- und Interessenvielfalt. Das "Zivilisatorische Hexagon" ist durch die folgenden sechs Eckpunkte gekennzeichnet, deren gesellschaftliche Entwicklung eng miteinander verknüpft ist:
Entprivatisierung von Gewalt (Gewaltmonopol);
Kontrolle des Gewaltmonopols und Herausbildung von Rechtsstaatlichkeit (Verfassungsstaat);
Interdependenzen und Affektkontrolle (auch: nationale und regionale Identitäten);
Demokratische Beteiligung;
Soziale Gerechtigkeit;
Konstruktive politische Konfliktkultur.
Senghaas sieht das Hexagon als Ausdruck konfigurativen Denkens (1994, S. 27), wodurch das Verständnis der wechselseitigen Korrektive zwischen den einzelnen Komponenten möglich und eine verkürzte, sich auf einzelne Punkte konzentrierende Analyse ("schrumpftheoretisches Denken") vermieden wird. Er entwickelt seine Ideen zunächst in bezug auf den in den heutigen modernen Gesellschaften vollzogenen Zivilisierungsprozeß, diskutiert dann aber in den beiden weiteren Teilen des Buches auf dieser Grundlage sowohl die Problematik "nachholender Zivilisierung" als auch die Problematik der Zivilisierung internationaler Beziehungen. Auch wenn hier keine wirklich systematische Anwendung des "Hexagons"als analytisches Instrument vorgenommen wird, zeigen doch Arbeiten anderer Autoren (vgl. eine Reihe von Beiträgen in Jörg Calließ (Hg.): "Wodurch und wie konstituiert sich Frieden? Das zivilisatorische Hexagon auf dem Prüfstand". Loccum 1997) die typische Stärke vieler Arbeiten von Dieter Senghaas, nämlich die Produktion fruchtbarer wissenschaftlicher Konzepte.
Das neueste Buch mit dem zunächst etwas befremdend klingenden Titel "Zivilisierung wider Willen" führt die Arbeiten zu diesem Thema weiter in Richtung auf eine "zivilisierungsorientierte" Modernisierungstheorie und mischt sich gleichzeitig nachdrücklich ein in die Diskussion, die Huntingtons Buch zum "Zusammenprall der Kulturen" ausgelöst hat: "Zivilisierung", so die Auflösung des Titels, stellt das Ergebnis kollektiver Lernprozesse gegen die Prämissen herkömmlicher Kultur dar, geschieht also praktisch wider Willen und im Konflikt mit der eigenen Tradition. Im Rahmen gesellschaftlicher Modernisierung liegen die "markanten kulturellen Konfliktlinien der Gegenwart innerhalb der vielzitierten Kulturbereiche und in einzelnen Gesellschaften und keineswegs in erster Linie zwischen ihnen" (1998, S. 17).
Senghaas kritisiert in diesem Sinne sowohl die These vom "Zusammenprall der Kulturen" als auch einen generellen Kulturrelativismus; vielmehr geht es ihm um die Anerkennung allgemeiner Charakteristika des zivilisatorischen Prozesses, nämlich der Notwendigkeit der Entwicklung von Verfahren der friedlichen Konfliktregelung und der Monopolisierung legitimer Gewaltanwendung auf immer höherer Ebene im Zusammenhang mit der Differenzierung gesellschaftlicher Entwicklung und Arbeitsteilung.
Von hier ausgehend kritisiert er auch die Idee von der Überlegenheit "asiatischer" Werte im Rahmen eines weltweiten Wettbewerbs; er sieht gerade die kollektivistischen Werte und die hohe Akzeptanz von Autorität schlichtweg als "identisch mit den europäischen Werten von gestern" an und verweist darauf, daß Entwicklungserfolge unausweichlich Zugzwänge in Richtung auf eine (auch) politische Modernisierung schaffen, die diese Werte genau wie zuvor in Europa in Frage stellen wird.

III.
Nicht zu bestreiten ist die hervorragende Rolle, die Dieter Senghaas bei der Einführung der kritischen Friedens- und Entwicklungsländerforschung vor allem in die nicht-marxistische Diskussion in der Bundesrepublik spielte, auch wenn einige wichtige Arbeiten der Dependenzdiskussion schon vor den Senghaaschen Sammelbänden in Deutschland erschienen waren (vor allem: André Gunder Frank:
Kapitalismus und Unterentwicklung in Lateinamerika. Frankfurt/Main 1969 / Frank u. a.: Kritik des bürgerlichen Anti-Imperialismus. Berlin 1969) und zur gleichen Zeit auch Heinz Rudolf Sonntag erheblich zur Popularisierung der Abhängigkeitstheo-rie in der Bundesrepublik beitrug (Übersetzungen bzw. Herausgabe von drei Büchern zwischen 1969 und 1974). Zweifellos war es Senghaas, der diese Arbeitsperspektive am effektivsten in einem breiten Teil der sozialwissenschaftlichen Diskussion in Deutschland verankerte, vor allem durch seine Arbeit in der HSFK und der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung (GDFK).
Sein Ansatz war immer interdisziplinär; im "Mainstream" der einzelnen Disziplinen stießen Senghaası Arbeiten häufig auf Kritik etwa an seinen angeblich ökonomistischen Positionen einerseits, an seinen fachökonomisch angeblich unzureichenden Analysen andererseits , häufig wurden sie jedoch einfach ignoriert. So erwähnte der Ökonom Hans-Rimbert Hemmer in einem 1990 erschienenen langen Artikel ("40 Jahre Entwicklungstheorie und -politik", in: ZWS 1990) Senghaas lediglich als Herausgeber der Dependenz-Sammelbände und "bügelte" ihn damit implizit mit der Dependenztheorie gleich mit "ab".
Senghaas' Fachkollege, der Mainzer Politikwissenschaftler Manfred Mols, erwähnte in einem 1981 gehaltenen Vortrag zum Thema "Politikwissenschaft und Entwicklungsländerforschung in der Bundesrepublik Deutschland" (in: Nuscheler (Hg.): Politikwissenschaftliche Entwicklungsländerforschung. Darmstadt 1985) Senghaas nicht mit einem einzigen Wort (und das, obwohl mehrere der Senghaasschen Bücher in der Edition Suhrkamp mehrfach neu aufgelegt worden waren), wobei angenommen werden kann, daß er ihn schlichtweg unter die der "bürgerlichen" Entwicklungsländerforschung verlorengegangenen Anhänger einer "dependenztheoretisch vertieften Politischen Ökonomie" zählte, die verantwortlich dafür seien, daß der "internationale Kontakt mit den modernisierungstheoretischen Schulen" verkümmerte (vgl. ebd. 37).
Seine ganzheitliche Herangehensweise hat allerdings die deutsche entwicklungstheoretische Diskussion in den 1970er und 1980er Jahren letztlich mehr geprägt, als es seine Kritiker wahrhaben wollen. Die von ihm stimulierte breite Diskussion um die Möglichkeiten eigenständiger Entwicklungsprozesse trotz internationalen Kompetenzgefälles prägte lange Zeit viele politologische, aber auch soziologische Arbeiten in der Bundesrepublik in den Bereichen der Internationalen Beziehungen und der Entwickungsländerforschung vielleicht häufig mehr durch die Provokation von Kritik (von links und rechts) als durch die Entwicklung einer Senghaas-Schule im engeren Sinne des Wortes.
Allerdings knüpfen eine Vielzahl von Dissertationen und anderen Forschungsarbeiten (vor allem, aber nicht nur von Ulrich Menzel) an seine Ideen und Konzepte an. Man könnte vielfältige Linien zu Arbeiten ziehen, die z.T. gar nicht mehr explizit auf Senghaas rekurrieren, aber in einer Reihe von Aspekten an die von ihm initiierten Diskussionen anknüpfen; das gilt etwa für das Konzept der strategischen und konfliktfähigen Gruppen (Hans-Dieter Evers) in der Demokratisierungsdiskussion oder selbst für die Diskussion über systemische Wettbewerbsfähigkeit (Klaus Eßer, Dirk Messner).
Der Globalisierungsprozeß hat die Berücksichtigung globaler Strukturen in der Entwicklungsländerforschung mehr denn je notwendig gemacht. Senghaas hat mit seiner Analyse der Probleme nationaler Entwicklung im Zusammenhang einer ausgeprägt geschichteten internationalen Gesellschaft einen wesentlichen Beitrag zu einer derartigen globalen Perspektive der Entwicklungsländerforschung geleistet auch wenn im Festhalten an einer auf "nationale Entwicklung" fokussierten Optik zweifellos auch Grenzen des Senghaasschen Ansatzes zu finden sind (siehe
unten).
Wichtig ist aber auch sein Einfluß auf die entwicklungspolitische Diskussion man denke etwa an die häufige Diskussion der Arbeiten von Senghaas in kirchlichen und politischen Akademien; vielleicht ist dieser Einfluß noch nachhaltiger als im wissenschaftlichen Bereich. Vor allem in der NRO-Szene haben seine Überlegungen zur Dissoziation und zur autozentrierten Entwicklung eine z. T. bis heute prägende Wirkung gehabt, wobei natürlich häufig nicht explizit auf Senghaas Bezug genommen wird, aber doch der Bezug auf einen von ihm in erheblichem Maße mitgetragenen Diskurs deutlich ist. Z. T. finden wir hier bei seinen "Anhängern" (wie bei seinen Kritikern) ein Problem, das sich auch in der Nachfolge anderer Theoretiker findet, daß nämlich die einprägsamen einfachen Diagnosen und Thesen der früheren Arbeiten die Orientierung vieler stärker beeinflußt haben als die späteren, eher differenzierter argumentierenden Veröffentlichungen.

IV.
Die entwicklungstheoretische Bedeutung von Dieter Senghaas bestand sicherlich nicht nur darin, die Dependenztheorie in Deutschland zu verbreiten, sondern vor allem darin, die Strukturanalyse des internationalen Systems mit ihren Implikationen für nationale Entwicklung, in Wechselbeziehung zu den jeweiligen lokalen Voraussetzungen, weiterzutreiben. Das Ergebnis war eine differenzierte Typologisierung von Entwicklungsvoraussetzungen und -strategien. Seine Arbeiten verdeutlichen, daß eine Theorie der abhängigen Entwicklung sowohl mit einer Theorie kritischer Modernisierung als auch der Differenzierung innerhalb der Dritten Welt (Beschäftigung mit der Schwellenländerproblematik) zu verbinden ist ein Zusammenhang, den viele seiner Kritiker offenbar bis heute nicht verstanden haben.
Sicherlich sind einige der strategischen Grundannahmen von Senghaas angesichts des postfordistischen Globalisierungsprozesses so nicht mehr haltbar. Seine Fragen richten sich grundsätzlich auf die Bedingungen nationaler Gesellschaften in einer primär durch ungleiche internationale (wirtschaftliche wie politische) Beziehungen gekennzeichneten Weltgesellschaft. Gerade die Möglichkeiten nationalstaatlicher Intervention und einer integralen nationalen Entwicklung müssen heute sehr viel zurückhaltender betrachtet werden, und das gilt sowohl für den Bezugspunkt der Entwicklung nationaler Gesellschaften als auch für die etatistische Komponente des Ansatzes.
Allerdings verliert der Grundaspekt der autozentrierten Entwicklung nicht an Bedeutung: Die Diskussion über systemische Wettbewerbsfähigkeit hat gerade die Aspekte der Linkages zwischen verschiedenen Wirtschaftsbereichen und der institutionellen Entwicklung hervorgehoben. Eine Rückbesinnung auf die Arbeiten von Dieter Senghaas (und Ulrich Menzel) aus den 70er und 80er Jahren kann dabei helfen, dieser Diskussion mit der Frage nach den Möglichkeiten der produktiven Integration der Massen der Bevölkerung und zumindest in den ärmsten Gesellschaften mit einem erneuten Blick auf die Integration von Landwirtschaft und Industrie (ergänzt durch den Bereich einfacher Dienstleistungen) wieder eine soziale Dimension zurückzugewinnen. Auch bei der Diskussion einer optimalen Strategie der Weltmarktintegration und der Förderung von Wettbewerbsfähigkeit stellt sich weiterhin die Frage, ob dies aus der Perspektive einer möglichst breiten
Integration der lokalen Bevölkerung oder der bornierten Interessen der verhandelnden Eliten geschieht.
Es darf nicht vergessen werden, daß Senghaas für die Vermittlung eines kritischen Verständnisses von "Entwicklung" und Entwicklungspolitik in eine breite
Öffentlichkeit und eine praxisbezogene Diskussion hinein bis heute eine wichtige Rolle spielt, in letzter Zeit vor allem in der Diskussion über "Zivilisierung" und "Kulturkonflikt".
Schriften über Dieter Senghaas
Samir Amin: Comment on Senghaas, in: Review, Bd. 11, Nr. 1, Winter 1988, S. 55-66
Lars Mjoeset: Comparative Typologies of Development Patterns. The Menzel-Senghaas Framework, in: ders. (Hg.): Contributions to the Comparative Study of Development. Proceedings from Vilhelm Aubert Memorial Symposium 1990, vol. 2, Oslo 1992, p. 96-161
Dr. Wolfgang Hein ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Übersee-Instituts in Hamburg. Er veröffentlichte u. a.: Autozentrierte agroindustrielle Entwicklung eine Strategie zur Überwindung der gegenwärtigen Entwicklungskrise? Hamburg 1994. Unterentwicklung Krise der Peripherie. Opladen 1998

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