E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 6, Juni 1999, S. 176-178)


W. Arthur Lewis (1915 ­ 1991)
Duale Wirtschaft und ein unbegrenztes Angebot an Arbeitskräften

Herward Sieberg


Der aus Britisch-Westindien stammende Ökonom William Arthur Lewis beriet schon in den 40er Jahren das britische Kolonialministerium in Fragen wirtschaftlicher Entwicklung. Parallel zu seiner wissenschaftlichen Karriere in Manchester und Princeton diente er später etlichen neuen Staaten in Übersee als Planungsexperte. In den Wirtschaftswissenschaften galt er als führender Neoklassiker. Für die Dritte Welt entwickelte Lewis wachstumstheoretische Modelle gegen die Armut. Den typischen Wirtschaftsdualismus vieler überseeischer Länder erklärte er mit einem "unbeschränkten Angebot an Arbeitskräften". Nur durch ein gleichgewichtiges Wirtschaftswachstum, so seine Überzeugung, könnten die nachteiligen Folgen des starken Bevölkerungswachstums behoben werden.



I.

W. Arthur Lewis wurde am 23. Januar 1915 als Sohn eines Lehrer-Ehepaars auf der britischen Antilleninsel St. Lucia geboren. Nach kurzem Schulbesuch und vierjähriger Angestelltentätigkeit erhielt er 1932 ein Regierungsstipendium zum Studium an der London School of Economics (LSE). Dort zählten Sir Arnold Plant und Friedrich August von Hayek zu seinen einflußreichsten Lehrern. Deren Wirtschaftsliberalismus lehnte er jedoch ab; politisch fühlte er sich der britischen Labour Party verbunden, zu der er enge Kontakte unterhielt.

1937 bestand Lewis sein Examen als bester Student in der bisherigen Geschichte der LSE. Nach mehrjähriger Lektorentätigkeit an der LSE und an der Londoner Universität wurde er 1948 Professor für Politische Ökonomie an der Universität Manchester. Zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen machten ihn bald international bekannt.

Ab Mitte der 50er Jahre wechselte er mehrfach als hochrangiger Administrator von der Wissenschaft in die Entwicklungspraxis. So trat er nach einer einjährigen Gastprofessur an der Universität von Kalifornien in den Dienst der Vereinten Nationen und war dort am Aufbau des UNDP beteiligt. Von 1959 an leitete er das University College of the West Indies in Jamaika. 1963 übernahm Lewis den Woodrow-Wilson-Lehrstuhl für Wirtschaft an der Princeton-Universität, New Jersey (USA). Fünf Jahre später wechselte er an der gleichen Universität auf den James-Madison-Lehrstuhl. Von dort ließ er sich 1970 bis 1974 beurlauben, um in Barbados als Gründungspräsident die Karibische Entwicklungsbank aufzubauen. 1983 nahm er in Princeton seinen Abschied. Lewis starb am 15. Juni 1991 in Barbados.


II.

Leben und Werk von W. Arthur Lewis wurden stark von der kolonialen Situation geprägt, der er entstammte. Als (Afro-) Westinder hatte er Armut als entscheidendes Merkmal von Unterentwicklung erfahren. Mit ihrer massenhaften Armut, Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung galten die britischen Antillen als Slums of the Empire. Wege aus der Armut zu weisen ­ das wurde folglich ein wissenschaftliches Hauptanliegen von Lewis. Dabei verfügte er über ein breites Methodenrepertoire. Er galt gleichermaßen als Wirtschaftstheoretiker, Wirtschaftshistoriker und Statistiker, weshalb er verschiedentlich mit Joseph A. Schumpeter verglichen wurde.

In Manchester widmete sich Lewis in Lehre und Forschung vor allem zwei Bereichen: Das war zum einen die Geschichte der Weltwirtschaft von 1870 bis 1940, worüber er das Buch "Economic Survey" (1949) veröffentlichte. Entwicklungs- und Planungsprobleme in Übersee waren sein anderer Schwerpunkt. Auf dem Gebiet der Entwicklungsplanung hatte er durch zeitweilige Mitarbeit im Londoner Kolonialministerium praktische Erfahrungen gesammelt. Einem ersten kritischen Aufsatz mit dem Titel "An Economic Plan for Jamaica" (in: Agenda, Bd. 3, Nr. 4, 1944, S. 154-163) folgte später das Buch "The Principles of Economic Planning", das vom Fabian Colonial Bureau der britischen Labour Party herausgegeben wurde (London 1949). Diese Veröffentlichung, in der Lewis als erster definitorisch "starre Planung durch Anordnung" (planning by direction) von "flexibler Planung durch Marktkräfte" (planning through the market) unterschied, steht ganz am Anfang eines neuen Forschungszweiges; hier wurde er bald führender Experte. 1966 veröffentlichte er als Summe seiner praktischen Erfahrungen und theoretischen Untersuchungen "Development Planning. The Essentials of Economic Policy". Dieses Lehrbuch hatte bald den Rang eines Klassikers.

Während "Kontrollpläne" von kommunistischen Staaten zwingende Vorgaben enthielten, besaßen die Entwicklungspläne von Dritte-Welt-Ländern (indicative plans) keine bindende Wirkung. Dies führte dazu, daß viele solcher Entwicklungspläne unrealistisch waren oder bloß Alibifunktionen erfüllten. Nachdrücklich plädierte Lewis für einen wirklichkeitsorientierten Ansatz. In seinem Buch "The Theory of Economic Growth" (London 1955) stellte er apodiktisch fest, Zweck jeder staatlichen Entwicklungsplanung sei die Ankurbelung von Wirtschaftswachstum ("planning growth") (S. 26). Der starke Bevölkerungsanstieg, so Lewis, läßt gar keine andere Wahl. Eine unabhängige Entwicklung auf der Grundlage von Subsistenzwirtschaft ist nicht möglich. Deshalb beginnt Wachstum in armen Entwicklungsländern mit dem Export von landwirtschaftlichen Erzeugnissen und von Bodenschätzen. Geographische Vorteile wie Klima, Anbaumöglichkeiten und Mineralien, über die jedes Land auf individuelle Weise verfügt, müssen von Entwicklungsplanern erkannt und genutzt werden. Erst auf einer nächsten Stufe kann es zum Aufbau einer importsubstituierenden Industrie oder gar einer Exportindustrie kommen.

Als nachteilig erkannte Lewis die einseitige Abhängigkeit vieler Entwicklungsländer von schwankenden Weltmarktpreisen. Gewisse Abhilfe versprach ein verstärkter Handel der Dritte-Welt-Staaten untereinander, und zwar auf der Grundlage einer arbeitsteiligen Spezialisierung ("It will always pay to specialize", S. 43). Seine auch andernorts wiederholte Empfehlung, "that the underdeveloped countries should do more to develop their trade with each other", kann als frühes Plädoyer für Dissoziation gelten ("Some Aspects of Economic Development", Accra 1969, S. 16).

Ausgiebig diskutierte Lewis Möglichkeiten und Grenzen makroökonomischer Planung, insbesondere deren Abhängigkeit von verläßlich erhobenem statistischen Material. Jeder "Urplan" müsse erst einmal Ordnung in die Staatsverwaltung und vor allem in die Haushaltsführung bringen. Erst danach sei eine Planungsstrategie sinnvoll, die folgende Bereiche in eine interdependente Beziehung setze: Entwicklungspotentiale, Infrastruktur, Bildung, Rechtswesen, Markt, Investitionen und Sparen der öffentlichen Hand.

Bemerkenswert war der Vorschlag von Lewis, alle Planungsarbeit auf das Ziel einer gleichgewichtigen Entwicklung hin zu orientieren und deshalb Vorsicht walten zu lassen bei jeder zusätzlichen Förderung von Städten mit einer Bevölkerung von mehr als 500 000 Einwohnern. Eine Konzentration auf die Belange riesiger Städte bewirke nur zusätzliche Landflucht. Die wirtschaftlich optimale Größe von Städten in Entwicklungsländern liege bei etwa 300 000 Einwohnern, weshalb eine Mehrzahl solcher Städte vorteilhafter sei als eine einzige Metropole, deren Probleme sich verselbständigten: "I know that capital cities exploit the rest of the country" ("Unemployment in Developing Countries", in: World Today, Bd. 23, Nr. 1, 1967, S. 16).

Der falsche Entwicklungsoptimismus der 50er Jahre, der auf Kapitalinvestitionen und Industrialisierung setzte, wurde von Lewis nicht geteilt. Als Industrieökonom (er hatte 1940 mit einer industriewirtschaftlichen Arbeit promoviert) relativierte er die Bedeutung der Industrialisierung im Entwicklungsprozeß der Dritten Welt. Völlig ablehnend stand er allen Groß- und Prestigeprojekten gegenüber. Andererseits hielt er den Aufbau einer importsubstituierenden Industrie für unumgänglich. Rohstoffarme Länder mit rasch wachsender Bevölkerung und einem Bedarf an Nahrungsmittelimporten müßten zudem eine exportorientierte Industrialisierung anstreben, um ihre Lebensmitteleinfuhren bezahlen zu können.

Es fällt auf, daß Lewis das Thema der Industrialisierung der Dritten Welt seit Anfang der 50er Jahre nicht weiter vertiefte ("I dropped it!"), außer in einigen Schriften zur Industrialisierung von Westindien, denen im wesentlichen regionale Bedeutung zukam (u. a. "The Industrialisation of the British West Indies", in: Caribbean Economic Review, Bd. 2, 1950, S. 1-61). An ihnen orientierte sich die Industriepolitik etlicher britischer Territorien.

Lewis' Vorgabe lautete: Staatliche Industrieförderung durch geeignete Infrastrukturmaßnahmen und Investitionsanreize, Überwindung von kleinen Märkten durch Zollunionen, steuerliche Begünstigung von arbeitsintensiven und energiesparenden Branchen, gegebenenfalls auch Währungsabwertungen, um Importe zu verteuern und Ausfuhren zu begünstigen.

Generelle Bedeutung beanspruchte er mit seiner Forderung, eine Industrialisierung dürfe niemals isoliert, sondern nur im Einklang mit einer klugen Agrarpolitik betrieben werden. Zwischen beiden Bereichen bestehe Interdependenz: Die Industrie nehme landwirtschaftliche Produkte ab und hebe solchermaßen die bäuerlichen Einkommen; diese wiederum würden zur kaufkräftigen Nachfrage nach industriellen Erzeugnissen.

Zu wichtigen Erkenntnissen gelangte Lewis aufgrund seiner interdisziplinär angelegten Forschung. Als Wirtschaftshistoriker beschäftigte er sich intensiv mit der Industriellen Revolution in England. Dabei fiel ihm auf, daß die Löhne in der Zeit von 1780 bis 1840 nahezu konstant geblieben waren. Mit herkömmlichen Theorien ließ sich dieser Umstand nicht erklären, da es doch hieß, daß bei steigenden Investitionen auch die Löhne steigen und sich demzufolge die Kapitalverzinsung reduziert. Lewis fand die eigentlich naheliegende Lösung des Problems: In den Anfangsjahrzehnten der Industriellen Revolution stiegen die Löhne deshalb nicht, weil es ein "unbegrenztes Angebot von Arbeitsuchenden" gab. Diesen Gedanken übertrug er auf die Verhältnisse in Entwicklungsländern. Sein Aufsatz "Economic Development with Unlimited Supplies of Labour" (in: The Manchester School, Bd. 22, 1954, S. 139-191) machte ihn schlagartig berühmt.

Lewis stellte ein ökonomisches Modell vor, mit dem er die Terms of Trade zwischen Industrie- und Entwicklungsländern zu erklären suchte, und das ihn in eine gewisse Nähe zu dem Klassiker David Ricardo brachte. Er nahm eine weitgehend arbeitsteilige Weltwirtschaft an, wobei der "Norden" Stahl und Lebensmittel, der "Süden" hingegen Kaffee und Lebensmittel produzierte. Entscheidend war also, daß Nord und Süd in einem Erzeugnis übereinstimmten (Lebensmittel), in einem anderen jedoch differierten (Stahl/ Kaffee). In seinem Modell ging Lewis ferner davon aus, daß im Norden eine Arbeitseinheit 5 Einheiten Lebensmittel oder 1 Einheit Stahl erzeugte, während im Süden eine Arbeitseinheit entweder 1 Einheit Lebensmittel oder 1 Einheit Kaffee produzierte. Tauschten nun Nord und Süd jeweils Stahl gegen Kaffee, so entsprach 1 Einheit Stahl 5 Einheiten Kaffee. Mit anderen Worten: Der Norden tauschte eine eigene Arbeitseinheit gegen fünf Arbeitseinheiten aus dem Süden.

Daß der Süden bei diesem Tauschgeschäft derart benachteiligt wurde, erklärte Lewis mit jenem lohndrückenden "unbegrenzten Arbeitsangebot", das auf Bevölkerungsexplosion, Migration und die Zunahme von Frauenarbeit zurückging.

Die Schlußfolgerung des Entwicklungstheoretikers lautete: Die Länder der Dritten Welt sollten alle Anstrengungen zur Modernisierung der Landwirtschaft unternehmen, um auf diese Weise den Arbeitswert im Agrarbereich zu erhöhen. Erst dann könnten sich die Terms of Trade für sie günstiger entwickeln. Im übrigen wollte Lewis sein Modell nicht nur auf die Nord-Süd-Beziehungen angewandt wissen, sondern auch auf den Wirtschaftsdualismus (dual economy) in einzelnen Entwicklungsländern; denn zwischen dem "kapitalistischen Sektor" und dem "traditionellen Sektor" herrschten nach seiner Überzeugung ganz ähnliche Verhältnisse. Es kam eigentlich nur darauf an, ob man bei der Modellbetrachtung von einer geschlossenen Volkswirtschaft oder von einer offenen, d. h. in den Weltmarkt integrierten Ökonomie ausging.

Die Bedeutung von Lewis liegt also darin, daß er frühzeitig ökonomisches Modelldenken in die entwicklungspolitische Debatte einbrachte. Wegweisend wurden seine Ausführungen zum Wirtschaftsdualismus, mit dem er sich in etlichen wissenschaftlichen Beiträgen auseinandersetzte. Zugleich vertiefte er damit seinen bekannten Ansatz von 1954.

Als typisches Merkmal von Entwicklungsländern galt ihm die Existenz von zwei unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen: "Most countries in the early stages of economic development have not one economy, but two" ("Employment Policy in an Underdeveloped Area", in: Social and Economic Studies, Bd. 7, 1958, S. 42). Dabei handelt es sich um den modernen Sektor (Hochlohnsektor) und den traditionellen Sektor (Niedriglohnsektor). Der eine betrifft im wesentlichen große Städte, die Plantagenwirtschaft und den Bergbau, der andere vor allem die kleinbäuerliche Subsistenzökonomie. Eine klare Trennlinie zwischen beiden Bereichen gibt es nicht, da der Niedriglohnsektor in die Städte hineinreicht; betroffen sind z. B. Gelegenheitsarbeiter, Handwerker, Kleinhändler oder das Dienstpersonal.

Wichtig aber ist, daß die Lohndifferenz mindestens 50% beträgt und häufig sogar weit darüber hinausgeht. Sie sorgt dafür, daß dem modernen Sektor ein unbegrenztes Arbeitskräftereservoir aus dem traditionellen Bereich zur Verfügung steht. Bei unverändertem Lohnniveau stößt jede Ausweitung des Stellenangebots auf eine vollständig elastische Nachfrage, d. h. für jeden freien Arbeitsplatz gibt es eine Vielzahl von Bewerbern.

Über längere Zeit beschäftigte sich Lewis mit der Interaktion zwischen beiden Wirtschaftsbereichen; denn anhand dieser Wechselbeziehung konnte er eine Reihe entwicklungsrelevanter Phänomene erklären: etwa Arbeitslosigkeit, das Stadt-Land-Gefälle oder die Landflucht. Lewis stellte fest, daß sich die Schere zwischen modernem und traditionellem Bereich bis zu einem gewissen Entwicklungsstand tendenziell vergrößert, da das durchschnittliche Lohnniveau im modernen Sektor weiter ansteigt, z. B. aufgrund von gewerkschaftlichem Druck. Ungeachtet der Tatsache, daß der Hochlohnbereich nur in begrenztem Umfang Arbeitsplätze zur Verfügung stellt und nur in bescheidenem Umfang (etwa durch Geldüberweisungen von Arbeitskräften) dem Niedriglohnbereich zugute kommt, löst er direkte und indirekte Anreize für eine Landflucht aus: Geweckt wird die Hoffnung auf Arbeit und auf Teilhabe an städtischen Versorgungsleistungen (Verkehr, Wasser, Elektrizität, Bildung); überdies locken kulturelle und sonstige Unterhaltungsangebote.

Ländliche Unterbeschäftigung, stellte Lewis fest, verwandelt sich durch Abwanderung in städtische Arbeitslosigkeit, die statistisch meßbar ist. Je mehr Arbeitsplätze der moderne Sektor bereitstellt, um so mehr Menschen drängen in die Städte nach, so daß auf dem freien Land zuweilen sogar Arbeitskräftemangel entsteht. Dieser wird aber nur spürbar, wenn die Abwanderung ein bestimmtes Ausmaß übersteigt. Zunächst treten im traditionellen Bereich keine Produktionseinbußen auf, weil die verbleibenden Arbeitskräfte "mehr als früher arbeiten" ("Reflections on Unlimited Labour", in: L. E. di Marco (Hg.): International Economics and Development, New York 1972, S. 76).

Mit seinem Modell konnte der Autor erklären, warum Entwicklungsländer mit hohem realen Wirtschaftswachstum eine oft dramatisch steigende Arbeitslosigkeit aufweisen. Diese Arbeitslosigkeit ist für ihn geradezu ein Indiz für beschleunig- te Wirtschaftsentwicklung. Aus diesem Grund plädierte er dafür, Entwicklung nicht länger in Korrelation zur Arbeitslosigkeit zu sehen, sondern auf die tatsächliche Anzahl neu geschaffener Arbeitsplätze zu beziehen. Im übrigen empfahl Lewis, den Hochlohnbereich kräftig zu besteuern; die dadurch gewonnenen Staatseinnahmen sollten landesweit für notwendige Infrastrukturmaßnahmen verwandt werden, und zwar im Interesse einer gleichgewichtigen Entwicklung. Indessen sei die Überwindung von Arbeitslosigkeit nur langfristig möglich, und die Voraussetzung sei, daß der moderne Sektor dauerhaft stärker als die Bevölkerung wächst und die Landflucht allmählich versiegt.


III.

Das wissenschaftliche Lebenswerk von W. A. Lewis umfaßt eine Vielzahl von Fachbüchern und Aufsätzen zur Dritte-Welt-Problematik. Hinzu kommt manches unveröffentlichte Material, das sich u. a. in britischen Archiven befindet. Als Entwicklungstheoretiker hat sich Lewis fast allen relevanten Sachfragen zugewandt und die internationale Entwicklungsdebatte vor allem der 50er und 60er Jahre maßgeblich geprägt. Einen hohen Bekanntheitsgrad erreichte er in der angelsächsischen Welt, in vielen Commonwealth-Staaten, in seiner Heimat Westindien und in Skandinavien.

Als Hochschullehrer hat er Tausende von Studenten betreut, darunter sehr viele aus der Dritten Welt, von denen später etliche in ihren Heimatstaaten Leitungsfunktionen übernahmen. Eine ausgedehnte Vortragstätigkeit an Universitäten zahlreicher Länder und seine Teilnahme an vielen internationalen Fachtagungen trugen dazu bei, daß seine entwicklungstheoretischen Vorstellungen weite Verbreitung fanden.

Die Rezeption im deutschsprachigen Raum blieb eigentümlich verhalten. Nur eines seiner Werke wurde ins Deutsche übersetzt, "Die Theorie des wirtschaftlichen Wachstums" (Tübingen 1956). Die Sprachbarriere zeigte Wirkung. Ein Grund ist auch, daß die deutsche entwicklungspolitische Debatte erst in den 70er Jahren voll in Gang kam und Lewis' wachstumstheoretischer Ansatz unter damaligen Bedingungen auf wenig Resonanz stieß. Die Überzeugungskraft seiner Schriften beruht auf Impulsen, die Lewis aus seiner praktischen Entwicklungsarbeit zog. Er war u. a. Berater der Karibischen Kommission, Direktor der britischen Colonial Development Corporation, Sachverständiger der Vereinten Nationen, Berater der Wirtschaftskommission für Asien und den Fernen Osten, maßgeblicher Entwicklungsplaner in Ghana sowie in Trinidad and Tobago. Höhepunkt auf diesem Feld war seine mehrjährige Tätigkeit beim Aufbau der regionalen Karibischen Entwicklungsbank.


IV.

Im Jahr 1979 erhielt W. A. Lewis zusammen mit dem amerikanischen Agrarwissenschaftler Theodore W. Schultz (Chicago) den Wirtschaftsnobelpreis, und zwar für "pionierhafte Forschungen zur wirtschaftlichen Entwicklung unter besonderer Berücksichtigung der Probleme der Entwicklungsländer". Besonders gewürdigt wurden vom Nobelkomitee die modelltheoretischen Arbeiten, mit denen Lewis hervorgetreten war und mit denen sein Name dauerhaft verbunden bleibt.

Als Vertreter der Dritten Welt hat Lewis bei vielen Gelegenheiten harsche Kritik geäußert, und zwar gleichermaßen in Richtung Nord wie Süd. Die Staaten der Dritten Welt nannte er ungerührt "unterentwickelte Länder", und vielen Regierungen dort bescheinigte er Unfähigkeit und Ressourcenverschwendung. Im Gegenzug hielt man ihm gelegentlich "seine Verbindung zum britischen Kolonialismus" vor. Tatsächlich markiert sein Lebenswerk den Übergang von British Colonial Development zur postkolonialen Entwicklungshilfe.


Schriften von W. Arthur Lewis:
W. A. L.: The Principles of Economic Planning. London 1949
­ Economic Development with Unlimited Supplies of Labour, in : The Manchester School, Bd. 22, Nr. 2 (1954), S. 139-191
­ The Theory of Economic Growth, London 1955
­ Development Planning. The Essentials of Economic Policy. London 1966
­ Some Aspects of Economic Development. Accra 1969
­ Selected Economic Writings (ed. by Mark Gersovitz). New York 1983

Schriften über W. Arthur Lewis:
Mark Gersovitz u. a. (Hg.): The Theory and Experience of Economic Development. Essays in Honor of Sir Arthur Lewis. London 1982
Robert Lalljie: Sir Arthur Lewis, Nobel Laureate. A Biographical Profile. Castries, St. Lucia, West
Indies 1996
Herward Sieberg: Koloniale Industrialisierung. Die Diskussion um Britisch-Westindien (1944-1952), in: Peter Hablützel u. a. (Hg.): Dritte Welt ­ Historische Prägung und politische Herausforderung. Festschrift für Rudolf von Albertini. Wiesbaden 1983, S. 57-80
ders. : Colonial Development. Die Grundlegung moderner Entwicklungspolitik durch Großbritannien 1919-1949. Wiesbaden 1985


Dr. Herward Sieberg ist Professor für Politische Wissenschaft am Institut für Sozialwissenschaften, Universität Hildesheim.



E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
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