Paul R. Krugman, 1953 in Albany, New York, geboren, hat bereits mit 21 Jahren an der Yale University sein Studium mit einem BA in Ökonomie abgeschlossen. Im Alter von 24 Jahren erwarb er am Massachusetts Institute of Technology (MIT), der Hochburg der ökonomischen Theoriebildung, seinen PhD, um anschließend als Assistenzprofessor in Yale und schließlich als Professor am MIT zu wirken. Mehrmals wechselte er aus dem akademischen Bereich in die angewandte Forschung (z. B. beim National Bureau of Economic Research und beim Council of Economic Advisers), um dort Studien u. a. für die Regierung Reagan anzufertigen. Regelmäßig kehrte er anschließend, enttäuscht vom Niveau der Praxis, in die akademische Forschung und Lehre zurück.
Zu Krugmans Lehrern gehörten während seiner "frühen Lehrlingsausbildung" (so in seiner Selbstdarstellung, s. Krugman 1999) so bekannte Wirtschaftswissenschaftler wie William Nordhaus, Tjalling Koopmans, Rüdiger Dornbusch, Robert Solow, Paul Romer und Paul Samuelson. Sicher trug dies dazu bei, daß es ihm gelang, sich selbst in kürzester Zeit in diesen Kreis von Nobelpreisträgern bzw. Nobelpreis-verdächtigen Ökonomen aufzuschwingen. Innerhalb eines Jahrzehnts schrieb Krugman mehr als 10 Bücher und 80 Aufsätze, die in führenden Verlagen und Fachzeitschriften erschienen, und die sich durch ungewöhnlich hohe theoretische Kompetenz und Innovation auszeichneten. Auf drei Gebieten ragen seine bahnbrechenden Kenntnisse besonders heraus: Internationaler Handel, Regionalökonomie und entwicklungstheoretische Modelle.
Ich werde mich im folgenden lediglich so weit auf die zwei ersten Gebiete beziehen, wie darin ein direkter Bezug zur Entwicklungstheorie und -ökonomie auszumachen ist. Denn im eigentlichen Sinne ist Krugman kein Entwicklungstheoretiker (von denen er zudem bislang ignoriert wird), obwohl er zahlreiche Aufsätze und mehrere Bücher veröffentlicht hat, in denen er sich direkt mit Entwicklungsfragen auseinandersetzt (s. Lit. 19871996).
Von besonderer Bedeutung für die Entwicklungstheorie sind jene grundlegenden Untersuchungen zur Handelstheorie und zur Raum- und Regionalökonomie, die auf besondere, innovative Weise dazu beitragen, unsere Einsichten in die Unterentwicklung zahlreicher Länder zu erweitern. Innovativ ist auch seine Methode: "Es gibt zwei Typen von Theoretikern: Generalisierer und jene, die Spezialfälle illuminieren möchten. Ich gehöre sehr stark in die zweite Kategorie Š Es ist eine Art Blitzkriegsansatz. Anstatt auf breiter Front weiterzukommen, versucht man so weit wie möglich in einem engen Korridor zu reüssieren, wobei man Vorteile durch alle schwachen Punkte, die man findet, erreicht" (1999, S. 9).
Bis in die 70er Jahre hinein stützte sich die Theorie des internationalen Handels (im Rahmen der neoklasssischen Wirtschaftstheorie) auf ein allgemeines Gleichgewichtsmodell, bei dem die Angebotsseite durch konstante Skalenerträge und die Märkte durch vollständige Konkurrenz gekennzeichnet waren. Die Beteiligung am internationalen Handel wurde also nicht durch diese Faktoren, sondern durch Unterschiede in der Faktorausstattung (z. B. Afrika als Rohstoffexporteur), in der Produktionstechnik und in den Präferenzen erklärt. Die Theorien versuchten zu zeigen, daß der Freihandel am besten die Weltwohlfahrt steigere: Die Ansätze des Heckscher-Ohlin-Theorems basierend auf der Theorie der komparativen Kostenvorteile von David Ricardo dienten als Grundmodell für den Nachweis, daß Spezialisierung im internationalen Handel vorteilhaft sei. Unerklärt blieb dabei aber, weshalb der Welthandel zu 80% intra-industrieller Handel innerhalb der OECD-Welt war.
a) daß steigende Grenzkosten in der Produktion durch die Aufnahme von Handel vermieden werden können und
b) daß steigende Skalenerträge (economies of scale, also zunehmende Gewinne bei Massenproduktion) und Konsumdifferenzierung den internationalen Handel erklären. Zudem ging er
c) von der Modellannahme der vollständigen Konkurrenz ab.
Mit diesen Erkenntnissen begründete Krugman die "neue Außenhandelstheorie" zusammen mit anderen Ökonomen, mit denen er, wie z. B. mit Elhanan Helpman (Krugman 1987, 1993, 1994 a), kooperierte. Ihre Überlegungen zeigen, daß die Handelspolitik unter unvollkommener Konkurrenz zu anderen Ergebnissen führt, als die Modelle der traditionellen Außenhandelstheorie zeigten.
Obwohl die Untersuchungen der neuen Handelstheorie sich vor allem mit den Handelsbeziehungen zwischen Industrieländern befassen, sind, wie Krugman zu Recht ausführt, die Handelsbeziehungen der Länder der Dritten Welt besser geeignet, die Fehler der traditionellen Handelstheorie deutlich zu machen, "da Skalenerträge und unvollkommener Wettbewerb für Entwicklungsländer wahrscheinlich in gewissem Maße wichtiger sind als für Industrieländer" (Krugman 1987).
Wohlfahrtsverluste wie auch -gewinne können durch Handel entstehen. Aber es gibt keinen Automatismus zur Gleichverteilung von Wohlfahrtsgewinnen zwischen Regionen durch Handelsliberalisierung. Eher, sagt Krugman, komme es zu einer wachsenden Ungleichheit, und die Gewinne werden in den bereits existierenden Wohlfahrtsinseln gemacht. Damit lieferte er eine wichtige Erklärung dafür, warum Entwicklungsländer geringere Vorteile von der globalen Handelsliberalisierung haben als Industrieländer.
Die Annahme unvollkommener Märkte brachte Krugman dazu, sich in zahlreichen Veröffentlichungen auch der Handelspolitik zu widmen (Krugman 1994 b, 1994 c). Vor einigen Jahren fragte er "Is free trade passé?", um dies sogleich zu verneinen; Aber das Leitbild des Freihandels sei angekratzt worden, weshalb Regierungen immer wieder zu Handelsinterventionen tendierten. Im internationalen Handel lägen Verzerrungen vor, die sich aus der Unvollkommenheit des Wettbewerbs ergeben. Durch Protektionismus könnten Staaten Vorteile erzielen, allerdings nur kurzfristig. Eindeutige Lösungen gebe es, "was die handelspolitischen Konsequenzen betrifft", nicht.
Dies läßt zeigt sich konkret an folgendem theoretischen Fall illustrieren: Im sog. Reciprocal Dumping Model kommt Krugman (1994 a) zu dem Ergebnis, daß es zwischen zwei Ländern dann zum intra-industriellen Güteraustausch kommt (wobei in jedem Land ein das Gut produzierender Monopolist existiert), wenn unterschiedliche Nachfrageelastizitäten existieren. Nimmt eine Firma an, daß im Ausland eine höhere Nachfrageelastizität herrscht als im Inland, so bietet sie auf dem Auslandsmarkt zu einem niedrigeren Preis an. Auf diese Weise werden die Monopolisten in beiden Ländern zu Preidiskriminierern. Sind die zusätzlichen Transportkosten durch den Handel nicht niedriger als der durch den Wettbewerb zwischen den beiden Firmen entstandene Wohlfahrtsgewinn, so tritt ein Nettowohlfahrtsverlust für beide Länder ein.
Betreibt einer der Staaten interventionistische Politik, indem er beispielsweise in seinem Gebiet durch Forschungssubventionen Produktinnovationen und damit die Exportmöglichkeiten der Unternehmen fördert, so erhöht sich die Wohlfahrt dieses Landes durch einen größeren Marktanteil. Für das andere Land ergibt sich jedoch ein Wohlfahrtsverlust. Handeln beide Länder so, dann ist eine große Verschwendung von Ressourcen die Folge. Es verlieren beide, wenn beide Schutzpolitik betreiben. Diese Argumentation liefert also eine Rechtfertigung für den Freihandel jedenfalls unter gleichen Partnern.

Raum- und regionalwirtschaftliche
Ansätze
Die Bedeutung des Raums für eine Theorie der internationalen Arbeitsteilung ist nach den Anfängen mit Thünens "isoliertem Staat" (1826) lange Zeit nicht erkannt worden. Erst die neoklassischen Außenhandelsmodelle nehmen den räum-lichen Aspekt in Gestalt der Transportkosten wieder in ihre Analyse auf. Ihre Erkenntnisse laufen darauf hinaus, daß bestimmte Güter aufgrund von Transportkosten keinen Exportmarkt finden, sondern ihnen nur der einheimische Markt offensteht. Transportkosten stellen also ein Handelshemmnis dar.
Paul Krugmans Ansatz der Kern-Rand-Beziehungen bzw. der Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie (vgl. Krugman 1991, 1994 a) setzt sich mit verschiedenen Konzepten der Entstehung von industriellen Zentren auseinander. Aber die bloße Einbeziehung von Transportkosten oder nicht-handelbaren Gütern ändert noch nicht viel. Entscheidend, sagt Krugman, sei die Annahme, in urbanen Zentren und industriellen Kernen entstünden durch die größeren Märkte steigende Skalenerträge und eine hochspezialisierte Produktion.
In ein einfaches allgemeines Gleichgewichtsmodell mit zwei möglichen Standorten, von denen einer landwirtschaftliche Güter und der andere verarbeitete Produkte herstellt, bezieht Krugman Transportkosten mit ein. Diese entstehen, weil sich die Märkte gegenseitig versorgen. Er nimmt weiter an, daß die landwirtschaftliche Produktion homogen ist. Sie produziert unter den Bedingungen vollständiger Konkurrenz gleichbleibende Erträge. In der verarbeitenden Industrie werden hingegen verschiedene Produkte mit steigenden "economies of scale" hergestellt. Die Konsumenten haben die gleichen Konsumpräferenzen. Der Wohlstand wird mit der Cobb-Douglas-Funktion bestimmt, die eine Beziehung zwischen dem Input an Arbeit und Kapital und dem durch die Wertschöpfung gemessenen Output herstellt. Zahlreiche zusätzliche Annahmen werden formuliert: Die Farmer produzieren lediglich landwirtschaftliche Güter, die Arbeiter lediglich industrielle Produkte. Der Transport der landwirtschaftlichen Güter wird im Krugman-Modell als kostenlos angenommen. Gibt es nun eine stabile Beziehung zwischen dem Ort A und dem Ort B? Die Schlußfolgerung des Krugman-Modells ist, daß es mehrere stabile Gleichgewichtssituationen geben kann.
Drei Parameter sind entscheidend für die Standortwahl: 1. ausreichend starke economies of scale, 2. ausreichend niedrige Transportkosten und 3. ein ausreichend großer Anteil solcher Produktion, die nicht an Naturressourcen gebunden ist (Krugman 1991, S. 22). Interessant ist, daß Krugman das Transportnetz als eine unabhängige Quelle der geographischen Konzentration von Industrie ansieht.
Wie nun verändern sich die Beziehungen zwischen einem Industriezentrum (im Modell verarbeitendes Gewerbe) und der Peripherie (im Modell Landwirtschaft)? Generell gilt, daß die Erwartungen der Arbeitskräfte und der Unternehmen zentrale Bestimmungsgrößen für Wanderungsbewegungen von einem Ort A zu einem Ort B sind. Dabei sind folgende Faktoren von Belang:
- Die Abwanderungsgeschwindigkeit von A nach B muß schnell genug sein, um die Zukunftsvorteile in der einen Region schneller zu sichern als in der anderen.
- Steigende Erträge müssen sich als sicher genug erweisen, so daß es auch zur Migration kommt, die höhere Löhne verspricht.
- Die Ausgangslagen der Regionen A und B dürfen nicht zu ungleich sein, andernfalls hätte eine Region von vornherein einen zu großen Vorteil, der nicht aufgeholt werden kann.
Wichtig für die Herausbildung von Agglomerationen sind darüber hinaus Verstärkerfaktoren, die etwa darin bestehen, daß lokale Kaufleute, Handelskammern etc. auswärtige Firmen überzeugen, sich anzusiedeln, da ein sich selbst tragender Entwicklungsprozeß entstehen wird. Allerdings kann es auch Reversivreaktionen geben, d. h. Abwanderung von Firmen und Arbeitskräften aufgrund negativer Ausstrahlungseffekte.
Alfred Marshalls schon 1890 beschriebenes Konzept der "externen Effekte" (d. h. der Auswirkungen der Aktivität einer Wirtschaftseinheit auf eine andere, ohne daß es dafür einen Preis gibt) und der Gründe für die Standortkonzentration von Unternehmen (billige Inputs, ausgebildete Fachkräfte und technologische Spill-overs) wird von Krugman durch verschiedene Modellvariationen erweitert. Dabei konzentriert er sich auf
- Labour market pooling: Gibt es zusätzlichen Nutzen für die Industrie in bezug auf die Anwerbung von Arbeitskräften, wenn sie sich an einem Ort konzentriert?
- Intermediäre Inputs: Wo werden Vorprodukte bei unterschiedlichen Transportkosten produziert? Gibt es eine Tendenz zur Kernbildung? In industriellen Zentren werden sich nicht mehr verarbeitende Betriebe per se niederlassen, sondern vor allem Produzenten von Vorprodukten und intermediären Inputs, also Zulieferbetriebe, die einen entsprechenden Markt vorfinden. So entstehen Linkage-Effekte. Zu dem beschriebene Modell der Zentrum-Peripherie-Beziehungen gehört, daß Transportkosten negativ wirken; positiv wirken sich hingegen die Nachfrage nach intermediären Industrien und die economies of scale aus.
- Kompetenzerweiterung und technologische Spill-overs: Krugman macht auch auf die Rolle von technologischen Externalitäten aufmerksam: Zentren entstehen in "High-Technology-Sektoren", Wissenspole breiten sich aus und Megatrends setzen sich durch. Zugleich aber arbeitet er präzise heraus, daß industrielle Zentren auch die neuen "High Technology Clusters" weniger ein Produkt des engagierten Unternehmertums, sondern von "visionären Bürokraten" sind (1991, S. 64). Diese Auffassung wird durch neue regionalwirtschaftliche Studien und vor allem durch die Erfahrungen in Ostasien bestätigt.
Zusammenfassend lassen sich die raumtheoretischen Erkenntnisse von Krugman auf folgenden Nenner bringen: Wirtschaftliche Agglomerationen entstehen in seinem Zentrum-Peripherie-Modell durch Auswirkungen der Marktgröße. Transportkosten bringen die Produzenten dazu, sich in der Nähe großer Märkte anzusiedeln; dies führt zur Entstehung großer Zentren, wo sich Produzenten konzentrieren. Diese Konzentration führt zu steigenden Skalenerträgen, d. h. zu höheren Gewinnen durch Massenproduktion etwas, das in den Modellen der neoklassischen Ökonomie nicht berücksichtigt war und zu positiven externen Effekten, vor allem durch Verbreitung technologischer Neuerungen.
Die großen Märkte sind nicht national organisiert, sie bilden sich über die Grenzen hinweg (z. B. Luxemburg, Holland, Belgien). Nationale Bedingungen und damit auch der Nationalstaat spielen eine Rolle, weil nationale staatliche Politik den Austausch von Gütern und Faktoren beeinflußt.
Die Ausführungen von Krugman werden in einem einfachen Modell der Kern-Peripherie-Beziehungen illustriert. In diesem Zwei-Regionen-Modell haben die Transportkosten (TK) folgenden Einfluß: Sind die TK hoch, gibt es keinen Handel, also auch keine Kern-Peripherie-Muster. Eine leichte Senkung der TK führt zur Aufnahme von Handel und damit auch zu leichten Wohlfahrtsgewinnen. Fallen jedoch die TK stärker, wird der kritische Punkt erreicht, wo es zur Herausbildung eines industriellen Kerns und einer landwirtschaftlichen Peripherie kommt. Bei TK von Null erreichen beide Regionen das gleiche Wohlstandsniveau, das höher ist als im Falle hoher TK. Es gibt also eine U-förmige Beziehung zwischen Integration und Wohlstand abhängig von den TK (vgl. Krugman 1991, S. 89).
Die Konsequenzen, die sich aus diesem Modell ergeben, sind überraschend:
Eine Reduktion der Transportkosten würde nicht zu einer Verlagerung der Industrie in die Peripherie (weil dort etwa niedrige Löhne existieren) führen, sondern genau das Gegenteil bewirken. Angenommen, eine Industrie könnte sich sowohl in der Peripherie wie im Zentrum ansiedeln. Im Zentrum sind die Lohnkosten und die gesamten Produktionskosten hoch, aber es besteht ein einfacher Zugang zu den Märkten, d. h. niedrige Transportkosten. Die Peripherie-Nation hat niedrige Produktionskosten, aber der Zugang zu den Märkten ist nicht leicht. In dieser Situation wird die Produktion eher im Zentrum bleiben, denn die Senkung der Transportkosten hat zwei Wirkungen: Sie vereinfacht die Möglichkeiten, dort zu produzieren, wo die Kosten niedrig sind, aber sie erleichtert auch die Konzentration der Produktion in einer Region, von wo aus nach überallhin geliefert werden kann und wo infolgedessen economies of scale realisiert werden können. Dies ist der Fall in den Kerngebieten.
Sinken jedoch die Transportkosten auf Null (im angenommenen Extremfall), so führt dies zu einer Begünstigung der Peripherie, die nun ihre niedrigen Lohnkosten nutzen kann, weil sie durch die Auflösung der Transportkosten faktisch zum Zentrum gehört. In diesem Falle sind die Hochlohnländer betroffen.
Das Krugmansche Zentrum-Peripherie-Modell ist trotz restriktiver Annahmen ein einfaches Erklärungsmodell für die Notwendigkeit eigenständiger Entwicklungen in der Peripherie. Weder Marktzugang noch die Senkung der Transportkosten können dazu beitragen, daß die Peripherie sich selbst zu einem Wachstumspol entwickelt. Die globale Integration wird von steigenden Ungleichheiten zwischen den Nationen begleitet. Krugmans Modellableitungen betonen, wie wichtig eine eigene Strategie zur Entwicklung von industriellen Kernen ist, um dann nachdem die Produktionskosten gesenkt wurden und economies of scale auch im eigenen Land entstanden sind in einen Austausch einzutreten, der nicht zu Peripherisierung führt. Zwar knüpfen die Überlegungen Krugmans letztendlich an das Infant-Industry-Argument an und stehen damit in der Tradition Lists und des Protektionismus, bei ihm sind die Begründungen aber andere.
Es bleibt jedoch das Problem, daß der Globalisierungsprozeß fortschreitet, die Transportkosten-Revolution weitere Kostensenkungen herbeiführen wird und damit künftig größere Ungleichheiten zwischen Nord und Süd entstehen werden. Dabei kann es auch zu einem Punkt kommen, an dem Teile der Peripherie definitiv gewinnen werden:

Big Push und die
"hohe Entwicklungstheorie"
Zu einer Vertiefung seiner handels- und raumtheoretischen Ansätze gelangt Krugman in einem schmalen Band zu "Entwicklung, Geographie und Wirtschaftstheorie" (1996), indem er sie mit zwei
wesentlichen entwicklungstheoretischen Strängen aus den 40er und 50er Jahren verknüpft. Damals habe es, mit den Konzepten von Albert O. Hirschman und Paul Rosenstein-Rodan, eine Blüte grundlegender Einsichten gegeben: Arbeitsteilung werde durch die Größe des Marktes bestimmt, die Marktgröße wiederum vom Grad der Arbeitsteilung beeinflußt. "Die Zirkularität dieser Beziehung bedeutet, daß Länder eine sich selbst erzeugende Industrialisierung (oder deren Scheitern) und Regionen eine sich selbst erzeugende Agglomeration erfahren" (1996, S. 3).
Mit dem Wiederaufgreifen der Konzepte von Hirschman und Rosenstein-Rodan läßt Krugman diesen beiden Autoren eine späte Ehrung zuteil werden. Während Arthur Lewis in den 40er Jahren ein statisches Modell in der damaligen neoklassischen Tradition (Annahme vollständiger Konkurrenz und sinkender Skalenerträge) entwickelte und damit zu großer Anerkennung gelangte (für Krugman zu Unrecht), hätten Hirschman und Rosenstein-Rodan (Vertreter der von Krugman so genannten "hohen Entwicklungstheorie") bereits 1943 bzw. 1958 mit ihren "Big-Push"-Modellen die Bedeutung "externer Effekte" und steigender Skalenerträge erkannt (im Gegensatz zu Lewis). Sie seien allerdings von der Wirtschaftstheorie nicht zur Kenntnis genommen worden, weil sie ihre Ergebnisse nicht mathematisch formulierten.
Krugman sieht darin und in ihren marktfernen entwicklungspolitischen Empfehlungen (Wirtschaftsplanung, Industrialisierung durch Importsubstitution) den Grund für das Scheitern der "hohen Entwicklungstheorie". In einem Modell "auf drei Seiten Papier, mit zwei Gleichungen und einem Diagramm" holt Krugman die Formalisierung nach, um zu demonstrieren, wie bedeutsam die damaligen Erkenntnisse über "backward and forward linkages", kumulative Verursachungen und "big-push"-Industrialisierung bis heute sind, und welche Rolle steigende Skalenerträge und externe Effekte sowie unvollkommene Märkte für eine Fundierung dieser Theorie spielen.

IV.
Krugman ist ein innovativer ökonomischer Denker, dessen grundlegende Beiträge zur Entwicklungstheorie erst noch zu entdecken sind. Seine modellmäßigen Darlegungen haben einige von Entwicklungsökonomen und Soziologen behauptete Zusammenhänge auf eine beweisbare Basis gestellt. Mit seinen wegweisenden Neuerungen in bezug auf steigende Skalenerträge hat er sowohl die handelstheoretische Fundierung der Unterentwicklung in einigen Regionen dieser Welt wie auch die Dynamik eines Zentrum-Peripherie-Modells in raumtheoretischer Sicht neu bewertet. Die Wiederaufnahme der Ideen von Hirschmann und Rosenstein-Rodan ist sehr bedeutsam, weil diese vor 40 oder 50 Jahren ein nicht-formalisiertes Konzept entwickelt haben, das vom Mainstream-Denken in der Ökonomie abgelehnt werden konnte, weil es
einer modelltheoretischen Fundierung entbehrte und keine mathematischen Beweise vorlegen konnte. Mit Hilfe der theoretischen Fundierung steigender Skalenerträge und unvollkommener Märkte hat Krugman dies nun nachgeholt.
Es ist Krugmans Verdienst, hier mit Hilfe seiner bereits Anfang der 80er Jahre entwickelten Ansätze neue Impulse für die Entwicklungstheorie geliefert zu haben, ohne daß diese sie bislang systematisch aufgegriffen hätte. Wenn Krugman formuliert, die Entwicklungstheorie alten Zuschnitts sei tot, so hat er zugleich mit seinen Erkenntnissen der Fundierung einer neuen Entwicklungstheorie wesentliche Anregungen gegeben.
In der wirtschaftspolitischen Diskussion gilt Krugman heute als "Star" (manchen gar als "Enfant terrible"), der wissenschaftliche Kompetenz mit medienwirksamer Ideenvermarktung verknüpft. Inzwischen scheint alle Welt seine Kommentare zu wünschen. Das war nicht immer so. Denn seine theoretischen, sehr komplexen Beiträge waren vor mehr als einem Jahrzehnt noch höchst umstritten. Aber gerade diese seine Beiträge zur Wirtschaftstheorie sind (mehr als die tagespolitischen Beiträge) bahnbrechend und wegweisend.
Sein Urteil über die Politik, in der er immer wieder tätig war, ist harsch: "Nach einer gewissen Weile begann ich zu entdecken, wie politische Entscheidungen tatsächlich fallen. Tatsache ist, daß die meisten ,senior officialsŒ keinen blassen Schimmer von dem haben, worüber sie sprechen. Diskussionen auf ,high-level meetingsŒ sind höchst primitiv ... Viele einflußreiche Menschen nehmen lieber Ratschläge von jenen an, die ihnen komfortable Antworten präsentieren, als von
jenen, die sie zu eigenem Nachdenken zwingen" (Krugman 1999, S. 4). Immer wieder setzt er sich massiv mit "primitiven" Vorstellungen in der Wirtschaftspolitik und auch von einzelnen Wirtschaftswissenschaftlern auseinander, die er häufig in Grund und Boden kritisiert, so z. B. Lester Thurow (sein Kollege am MIT) oder Robert Reich (ehemals Arbeitsminister in der Regierung Clinton), denen er Unwissenschaftlichkeit und Panikmache vorwirft (vgl. hierzu Uchitelle 1999). In den letzten Jahren hat er sich in zahlreiche aktuelle Diskussionen eingemischt, etwa zur asiatischen Finanzkrise, zur Nachfragesteuerung und zu Währungsfragen.
Schriften von Paul R. Krugman
Zahlreiche Veröffentlichungen sind über Krugmans Website erhältlich: http://web.mit.edu/krugman
P. K. mit Elhanan Helpman (1987): Market structure and foreign trade increasing returns, imperfect competition, and the international economy. Cambridge (Mass.)
P. K. (1991): Geography and trade. Leuven/Cambridge (Mass.)
(1993): Strategic trade policy and the new international economics. Cambridge (Mass.)/London
(1994 a): Rethinking international trade. Cambridge (Mass.)/London
mit Anthony J. Venables (1994 b): Globalization and inequality. London 1994 (CEPR Discussion Paper Series No. 1015).
mit Maurice Obstfeld (1994 c): International economics. New York.
(1996): Development, geography, and economic theory. Cambridge (Mass.)/ London
(1998): The return of demand side economics. Vortrag zur Verleihung der Ehrendoktorwürde des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften der Freien Universität Berlin am 4.12.1998
(1999): Incidents from my career (http://web.mit.edu/krugman/www/incidents.html) Dort zahlreiche Hinweise zu seinem wissenschaftlichen Werdegang.
Schriften über Paul R. Krugman
Eine knappe und gute Zusammenfassung des wissenschaftlichen Denkens von Krugman gibt die Laudatio von Karlhans Sauernheimer von der Universität Mainz zur Verleihung des CES-Preises 1997 der Universität München. Ferner:
Robert Kappel: Kern und Rand in der globalen Ordnung, in: Peripherie 15, 59/60, 1995, S. 79-117.
Zur Auseinandersetzung zwischen Krugman und anderen amerikanischen Ökonomen siehe: Louis Uchitelle (1999): Economic rivals (http://web.mit. edu/krugman/www/ thurow. htm)
Prof. Dr. Robert Kappel lehrt Wirtschaftswissenschaft am Institut für Afrikanistik der Universität
Leipzig

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