E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 7/8, Juli/August 2001,
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| Editorial |
Reinold E. Thiel
Als ich Mitte der 70er Jahre die sudanesische Regierung beim Aufbau eines ländlichen Fernsehprogramms beriet, kam eines Tages der Staatssekretär des BMZ ins Land. Der Botschafter rief die "Projektleiter" zusammen, damit sie dem Besucher aus Bonn über ihre Arbeit berichteten. Ich begann zu erklären, ich wolle in meinem Projekt herausfinden, ob es einen komparativen Vorteil für landwirtschaftliche Beratung durch Fernsehen gegenüber der Beratung durch Feldbesuche gebe, aber der Staatssekretär schnitt mir das Wort ab: "Sie sollen hier nichts herausfinden, Sie sollen etwas machen!" Diese Anekdote fällt mir ein, wenn ich in dem Artikel von Dieter Neubert in diesem Heft lese, zu Beginn der 80er Jahre sei es zu einer "empirischen Wende" in der Entwicklungssoziologie gekommen; an die Stelle der großen Theorieentwürfe seien kritische Fallstudien getreten. Auch die deutsche Entwicklungshilfe jener Zeit ging davon aus, dass der Berater der Experte sei, der mit fertigen Lösungen kommt und diese vermittelt, der also über eine Theorie verfügt. Die neue Einsicht allerdings kam in Deutschland später als anderswo. Es müsste einmal untersucht werden, warum z. B. die Methode des "Action Research", die in den USA (ausgelöst durch den deutschen Emigranten Kurt Lewin) schon seit den 50er Jahren und etwas später auch in England verbreitet war, erst so spät in Deutschland Fuß fasste, aber sicher hat Neubert recht, wenn er zu dieser Zeit eine Wende feststellt. Ausgestorben ist das andere Modell dabei nicht, beide existierten nebeneinander. In der Praxis hat lange noch das Blueprint-Konzept dominiert.
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Was die kritischen Fallstudien für die Soziologen, hätte die "Zielorientierte Projektplanung" für die Technische Zusammenarbeit sein sollen, ebenfalls seit Anfang der 80er Jahre. Aber die Schwächen der ZOPP wurden bald deutlich, obwohl für längere Zeit ihre Diskussion als unerwünscht galt. Im Rahmen von ZOPP war die "Beteiligtenanalyse" einer der Schritte, die zu mehr "Partizipation" in der Projektarbeit führen sollten, aber allermeist kam dabei heraus, dass eine homogene "Zielgruppe" definiert wurde. Die Methode sah nicht vor, dass es auf der Seite der Partner unterschiedliche Interessen geben könnte, die zu unterschiedlichen Zielsetzungen geführt hätten. Ein Projekt durfte nur ein "Projektziel" haben. Damit hatte man sich den Zugang zur gesellschaftlichen Realität der Partnerländer von vornherein vermauert. Erst sehr viel später hat man begriffen, dass die EZ mit bestimmten Projekten ihrerseits Konflikte auslösen kann, wenn bei der Projektplanung die Existenz unterschiedlicher Gruppen mit unterschiedlichen Interessen übersehen wird.
Hier setzt der Artikel von Dieter Neubert an. Der Ansatz, den er (mit Norman Long) als "Akteursorientierung" bezeichnet, liefert die Denkwerkzeuge, mit denen kultur-, situations- und akteursspezifische Verhaltensweisen ("Handlungsrationalitäten") erkannt, eingeordnet und zur Grundlage von Projektstrategien gemacht werden können. Hieraus kann sich dann ein wirklich partizipativer Projektverlauf ergeben. Zugleich wird dabei auch deutlich, dass die Handlungsrationalität des "homo oeconomicus", die einseitig auf Gewinnmaximierung orientiert ist, keineswegs die einzige ist, die gesellschaftliche Realität bestimmt. So hat man sich etwa in Projekten der Agrarentwicklung lange gefragt, warum denn afrikanische Bauern (als "innovationsfeindlich" gebrandmarkt) den Anbau ertragreicherer neuer Sorten verweigerten, bis man entdeckte, dass diese mit ihrem höheren Bedarf an Wasser und Dünger das Ernterisiko erhöhten und deshalb mit der bäuerlichen Rationalität der Sicherheitsmaximierung in Konflikt gerieten.
Besonders hilfreich sind Überlegungen zur Handlungsrationalität angesichts der neueren Fokussierung der EZ auf Konfliktmanagement. Bei ZOPP lag immer die Gefahr nahe, dass potenzielle Konflikte wegdiskutiert wurden. Eine akteursorientierte Analyse macht Konflikte zwischen Individuen und Gruppen sichtbar und ermöglicht erst ihre Bearbeitung.
Auf der Ebene darüber setzt Siegmar Schmidt an, der die der Gesellschaft inhärenten Konflikte unter demokratietheoretischen Aspekten untersucht. Mit der schlichten Begrifflichkeit, die Demokratie schon da sehen will, wo gewählt wird, hat er wenig Geduld, weil Wahlen sich häufig als kompatibel mit autoritärer Herrschaft erwiesen haben. Wichtig erscheint ihm, dass die Konflikte in einer Gesellschaft nach demokratischen Spielregeln ausgetragen werden, dass die "formalen Institutionen" der Demokratie respektiert werden, weil "informale Institutionen" (wie Klientelismus, Korruption und Patronage) die Demokratie untergraben. Und auch die Chancen wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung untergraben sie, weil mit ihnen kein Vertrauen in die Verlässlichkeit staatlicher Entscheidungen entstehen kann.
Verwirrend wirkt allerdings seine Einengung des Begriffs der "informalen Institutionen", mit dem er solche Politik bezeichnet, die nur der Herrschaftsclique nützt. Einleuchtender erscheint mir hierfür der Begriff der "informalen Politik", wie ihn etwa Gero Erdmann verwendet. Der Begriff der "informalen Institutionen" sollte in seiner nicht wertenden Funktion erhalten bleiben, er schließt auch positive Erscheinungen ein, vor allem den ganzen Bereich der vormodernen, traditionellen Institutionen.
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