E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 7/8, Juli/August 2001,
S. 216 - 219)

Entwicklung unter dem Mikroskop
Der akteursorientierte Ansatz
Dieter Neubert

Entwicklungsprojekte sind oft deshalb ohne Erfolg geblieben, weil zu wenig beachtet wurde, dass unterschiedliche Beteiligte unterschiedliche Interessen haben. Die "Beteiligtenanalyse" soll dies zwar klären, macht aber oft den Fehler, die "Zielgruppe" als homogen aufzufassen. Tatsächlich kann aber die Verschiedenheit der Interessen dazu führen, so schreibt Dieter Neubert, dass Projekte neue Konflikte auslösen. Inzwischen gibt es zahlreiche Fallstudien, die diese Probleme unter einem "akteursorientierten" Ansatz untersuchen, um die Handlungsrationalitäten der Akteure nachvollziehbar und damit kalkulierbar zu machen. Der Ansatz bewährt sich auch auf der Ebene von Großkonflikten, die sich nur dann lösen lassen, wenn den Beteiligten Alternativen geboten werden, die für sie
von Vorteil sind.
Zu Beginn der 80er Jahre kam es in der Entwicklungssoziologie zu einer empirischen Wende. An die Stelle von großen Theorieentwürfen traten zunehmend empirisch dichte und fundierte Fallstudien, mit denen Entwicklungsprozesse auf der Mikroebene verfolgt wurden. Diese zeigten eine Vielzahl von Brüchen und höchst unterschiedliche Verläufe vermeintlich einheitlicher Entwicklungsprozesse und festigten die Kritik an den "großen" Entwicklungstheorien. Die Themen dieser Studien sind auch in der Entwicklungspraxis auf Interesse gestoßen (z. B. Kleingewerbe, Subsistenzproduktion, Überlebensstrategien, Moralökonomie, Ethnizität, Patron-Klient-Strukturen, Gewaltmärkte, Entwicklungsmakler, lokales Wissen).
Kritiker dieser Studien beklagen ihre eingeschränkte Aussagekraft und begrenzte Übertragbarkeit. Dies stimmt insoweit, als auf vereinfachende Generalisierungen verzichtet wird und empirische Untersuchungen an die Stelle theoretischer Ableitungen treten. Aber Fallstudien sind nicht zwangsläufig "konzeptlos". Sie folgen einem eigenen Zugang, der von Norman Long (1993) als "Akteursorientierung" beschrieben wurde. Es handelt sich um einen verstehenden Ansatz, der auf Beschreibung des Handelns von Menschen zielt und zugleich Unterschiede in den Organisationsformen und kulturellen Verhaltensmustern als Produkt menschlichen Handelns ansieht. Die Wurzeln des Ansatzes liegen in der verstehenden Soziologie (Max Weber) und in wissenssoziologischen Ansätzen (Berger/Luckmann 1977). Studien, die sich dieses
Ansatzes bedienen, haben zu wichtigen Einsichten bei der kritischen Analyse
der Entwicklungszusammenarbeit geführt (Bierschenk/Elwert 1993).

Begriffe und Grundkonzept
Ausgangspunkt dieses Ansatzes sind zwei Annahmen. Erstens wird davon ausgegangen, dass Menschen befähigt sind, soziale Erfahrungen zu verarbeiten. Innerhalb verfügbaren Wissens sind sie als soziale Akteure bewusst und kompetent. Ihr Handeln ist subjektiv, sinn-, zweck- und zielorientiert sowie durch soziokulturelle Werte, soziale Normen beeinflusst. Es folgt, kurz gesagt, einer benennbaren Rationalität, die kultur-, akteurs- und situationsspezifisch variieren kann.
Zweitens wird unterstellt, dass Entwicklungsprozesse wesentlich durch menschliches Handeln getragen und vollzogen werden. Menschen versuchen Probleme zu lösen und in Ereignisse einzugreifen, sie beobachten eigene Handlungen und die Reaktionen auf ihr Handeln. Auf diese Weise wirken sie, wenn auch in stark unterschiedlichen Umfang, an der Gestaltung ihrer eigenen sozialen Umgebung mit.
Die hier angesprochene Rationalität reicht über die des Kosten-Nutzen-maximierenden "homo oeconomicus" hinaus. Rationalität wird beim akteursorientierten Ansatz verstanden als das Abwägen sehr unterschiedlicher (mehrdimensionaler) Optionen, Verpflichtungen und Zwänge. Die jeweilige Handlungsrationalität ist der Schlüssel zum Verhalten der Akteure. Ein Ziel des akteursorientierten Ansatzes ist es, diese kontextspezifische Handlungsrationalität, die Entscheidungsgründe und die zugrunde liegenden Präferenzen, Ziele und Zwecke zu bestimmen.
Ein Beispiel: Ein lokaler Händler wird möglicherweise einem Kunden trotz hoher Schulden weiterhin Kredit geben, auch wenn keine Chance auf Rückzahlung besteht. Er erleidet einen ökonomischen Verlust und verhält sich ökonomisch irrational. Er sichert sich aber auf diese Weise die Anerkennung in der lokalen Gemeinschaft. Händler ohne direkte Einbindung in das lokale Beziehungsgeflecht, wie zugewanderte Minderheiten (Chinesen, Libanesen, Inder), sind weniger in soziale Verpflichtungen eingebunden und deshalb oftmals ökonomisch erfolgreicher (Evers/Schrader 1993).
Der Begriff des Akteurs weist über individuelle Menschen hinaus. Wir unterstellen, dass trotz vieler individueller Unterschiede Menschen in ähnlicher Lebenssituation ähnliche Probleme zu bewältigen haben, ähnlichen Zwängen und strukturellen Begrenzungen unterliegen und dabei typische Überlegungen anstellen und über eine begrenzte Anzahl von weit verbreiteten Sinn-, Zweck- und Zielorientierungen sowie ein ähnliches Handlungsrepertoire verfügen. Genau diese überindividuellen Gemeinsamkeiten nehmen dem sozialen Handeln die völlige Offenheit und machen es, sofern genügend Informationen über das Gegenüber vorliegen, plausibel und in Grenzen kalkulierbar.
Die Grenzen der Kalkulierbarkeit liegen erstens in der unvollständigen Information über das jeweilige Gegenüber. Zweitens mischen sich die kalkulierbaren Elemente mit individuellen Präferenzen und werden durch spontane Gefühle und Stimmungen zusätzlich gebrochen. Handlungsentscheidungen sind damit weder völlig vorhersagbar noch völlig beliebig.
Die Besonderheit des Begriffs "Akteur" besteht darin, dass sowohl einzelne Menschen wie agierende Gruppen oder auch Organisationen gemeint sein können. Entscheidend ist ihr einheitliches Auftreten in einer bestimmten Situation und ihre Wahrnehmung durch Andere als Einheit.
Im Rahmen von Entwicklungsprojekten gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure, die mehr oder weniger am Projekt interessiert sind (stakeholders). Dies sind z. B.:
- Verwaltungseinheiten, Verbände, Unternehmen (korporative oder institutionelle Akteure),
- Bürgermeister, Dorfchef, Führer von Bauernorganisationen (Individuen mit institutionalisierten Positionen),
- Marktfrauen, Familien, Klans (informelle Gruppen),
- mehr oder weniger einflussreiche Individuen.
Akteursorientierte Analyse zielt darauf ab, die Handlungsrationalitäten der Akteure innerhalb des spezifischen Kontextes zu bestimmen und auf diese Weise nachvollziehbar und im Idealfall kalkulierbar zu machen.
Methodisch stützen sich akteursorientierte Studien auf qualitative Sozialforschung (teilnehmende und nicht teilnehmende Beobachtung, halbstandardisierte und offene Interviews, Gruppendiskussionen, informelle Gespräche). Der akteursorientierte Ansatz dient dabei als Fragegerüst, Orientierungs- und Interpretationsrahmen für die Feldforschung. Im Unterschied zu klassischen ethnologischen Studien interessiert nicht die jeweilige Kultur und ihre Teilaspekte (Religion, Verwandtschaftssystem, Wirtschaft, materielle Kultur), sondern die handlungsbestimmenden Kalküle, Präferenzen, subjektive Sinn-, Zweck- und Zielorientierungen, eben die Handlungsrationalität.

Aufgaben eines akteursorientierten
Ansatzes in der Entwicklungspolitik
Der akteursorientierte Ansatz hat sich besonders bei der Untersuchung von entwicklungspolitischen Interventionen auf der Mikro- und Mesoebene bewährt. Die auf diesen Ebenen typischen Interventionen in Form von Entwicklungsprojekten treffen dabei auf ein komplexes soziales Feld, mit einem lokalspezifisch bestimmten Set von Akteuren und spezifischen Rahmenbedingungen. Das Handeln in diesen Feldern unterliegt einer Vielzahl von lokalen, nationalen und internationalen Einflussfaktoren. Diese sind auch mit großem empirischen Aufwand nicht entlang von quantifizierbaren kausalen Wirkverhältnissen eindeutig bestimmbar.
Die akteursorientierte Analyse von komplexen sozialen Feldern will deshalb wesentliche Veränderungsdynamiken erkennen. Dies soll erreicht werden durch die Identifikation relevanter Akteure, die Rekonstruktion von Zielen und Strategien und der spezifischen Handlungsrationalität, die Benennung wesentlicher Rahmenbedingungen für das Handeln der Akteure sowie die Benennung spezifischer Problemkonstellationen und Konflikte. Akteursorientierung hilft, die richtigen Fragen an die richtigen Personen zu stellen, und dient als Sensor für versteckte Probleme.
Ein Beispiel ist Nothilfe in Konfliktregionen, die für unterschiedliche Akteure unterschiedliche Bedeutung hat. Die Machthaber sehen Einnahmequellen (Zölle, Hafengebühren), eine Möglichkeit zur Versorgung ihrer Armee und eine Chance, über die Kontrolle der Hilfsgüter ihren Einfluss auf die Bevölkerung zu stärken. Lokale Produzenten und Händler sehen in Hilfsgütern eine mögliche Konkurrenz zu ihrem Warenangebot. Für Lokale Hotel- und Restaurantbesitzer oder Transportunternehmer sind Hilfsorganisationen und deren Personal wichtige Kunden. Innerhalb der Bevölkerung verfolgen die Einheimischen kritisch besondere Hilfe, die nur Flüchtlinge erhalten, Feldbauern sind skeptisch, wenn sich Nomaden aufgrund von Hilfsangeboten in der Nähe ihrer Felder vorübergehend niederlassen. Hilfsorganisationen beobachten mitunter skeptisch die Aktivität anderer Hilfsorganisationen und fürchten, bereits besetzte Handlungsfelder zu verlieren.
Auch im Falle einer Konfliktregulierung zeigt es sich, dass Friedensstiftung am ehesten erfolgreich ist, wenn die Perspektive der Beteiligten, hier also derkriegführenden Gruppen, berücksichtigt wird. In langanhaltenden Konflikten entstehen Kriegsherrenstrukturen und dezentrale Kämpfereinheiten, die letztlich zu Gewaltunternehmern werden. Ein Ende der Gewalt ist über Verhandlungen nur zu erreichen, wenn für diese Gruppen ein Frieden attraktiver ist als die Fortsetzung der Gewalt, d. h. wenn eine Friedensordnung ihnen attraktive politische bzw. ökonomische Perspektiven bietet. Außerdem wollen die Kämpfer, dass ihre Sicherheit vor Übergriffen der Gegner gewährleistet wird, und dass sie von Strafverfolgung verschont werden. Die Aussicht auf Entwaffnung, die Notwendigkeit, auf einem engen Arbeitsmarkt nach Beschäftigung zu suchen und von einem Gericht eines demokratischen Rechtsstaats wegen der Kriegsverbrechen belangt zu werden, ist für viele Kämpfer wenig motivierend, sich auf einen Frieden einzulassen.
In Entwicklungsprojekten treffen nicht nur unterschiedliche Interessengruppen mit variierenden Interessen aufeinander, sondern gerade bei basisorientierten Projekten grundsätzlich unterschiedliche Rationalitäten. Bekannt ist der Widerspruch zwischen der von vielen Entwicklungsprojekten verfolgten Logik der Ertragsmaximierung mit der sicherheitsmaximierenden Logik der Armutsbevölkerung. Subsistenzorientierte Kleinbauern verfolgen Anbaustrategien, die auch bei schlechten Ernten das Überleben sichern, und nehmen dafür in Kauf, im mehrjährigen Mittel deutlich weniger zu produzieren.
Im Bereich des Kleingewerbes erscheinen die Strategien von Kleinunternehmern sprunghaft und inkonsequent. Sie üben mehrere "Berufe" gleichzeitig aus, wenden knappes Kapital für soziale Aufgaben auf und lassen die konsequente Konzentration auf aussichtsreiche Unternehmungen vermissen. Dahinter verbirgt sich eine Strategie der Risikostreuung und der Absicherung über soziale Netzwerke, die beide der Sicherheitsmaximierung dienen.
Bereiche, in denen unterschiedliche Handlungsrationalitäten aus unterschiedlichen sozialen Ordnungen mit unterschiedlichen Werten aufeinandertreffen, nennt Norman Long (1993) "interface". Genau dort ist mit strukturellen Diskontinuitäten, mit gegenseitigen Verständnisproblemen und Konflikten zu rechnen. Häufig verläuft dieses "interface" zwischen lokalen und nicht-lokalen Institutionen, wie Verwaltung und Entwicklungsprojekten; dies ist aber nicht zwangsläufig der Fall. Die Deutsche Übersetzung des Begriffs als "Schnittstelle" ist unglücklich, da sie einen klaren Schnitt mit eindeutiger Grenze impliziert. Tatsächlich treffen unterschiedliche Rationalitäten in einem Übergangsbereich aufeinander, der als Verhandlungsraum definiert ist und in dem Akteure, die in beiden Rationalitäten agieren, als Vermittler auftreten können (Entwicklungsmakler). Häufig fallen in diesem Bereich wichtige Entscheidungen über den Verlauf der Entwicklungsprojekte schon allein durch die Einbeziehung bestimmter und die Ausklammerung anderer Akteure. Deshalb ist es besonders wichtig, bei der akteursorientierten Analyse diese Übergangsbereiche zu untersuchen.
Der akteursorientierte Ansatz zielt auf die Differenzierung auch der lokalen Akteure, verweist darauf, dass nahezu jede Entwicklungsintervention potenziell konfliktauslösend ist, und macht die Interessendivergenzen zum Thema. Gerade im Hinblick auf das Konzept von "Partizipation" als beliebter Lösungsformel zur Anpassung von Entwicklungsaktivitäten an lokale Bedingungen legen akteursorientierte Studien offen, dass Partizipationsprozesse selbst wieder Felder des Konfliktes und der Verhandlung sind. Es kann zwar eine Entscheidung "des Dorfes"
geben; diese wird aber von bestimmten Akteuren (Minder- oder Mehrheiten) getroffen. So werden etwa die Männer über das Dorf entscheiden, ohne die Frauen einzubeziehen. Andererseits sind die dörflichen Institutionen von den Wohlhabenderen unter den Kleinbauern besetzt, die andere Interessen haben als ärmere Kleinbauern. Eine akteursorientierte Analyse kann diese Entscheidungsprobleme nicht lösen, jedoch offenlegen, wie lokale Prozesse ablaufen.

Grenzen des Ansatzes
Die Stärken dieses Ansatze liegen in der Überzeugungskraft der Feldstudien, die in der Lage sind, an eng umgrenzten Realitätsausschnitten Entwicklungsprozesse, die dabei auftauchenden Probleme sowie das Scheitern von Entwicklungsaktivitäten in hohem Maße plausibel zu machen. Mit der handlungstheoretischen Orientierung wird die Existenz kompetenter reflexiver Akteure akzeptiert und der Marginalisierung lokalen Wissens entgegengetreten (Lachenmann 1994).
Mit Handlungsrationalität als Schlüsselkategorie besteht allerdings die Gefahr einer "Hyperrationalisierung" des Handelns. Menschliches Handeln ist nicht nur durch Rationalität, sondern in unterschiedlichem Umfang auch durch Emotionen, Unvernunft, Inkonsequenz oder schlicht Dummheit bestimmt und ist auch deshalb nicht völlig vorhersehbar. Die Akteursorientierung filtert rationale, kalkulierbare und nachvollziehbare Bestandteile heraus, macht sie durch Rekonstruktion der Analyse zugänglich und erlaubt, dies bei weiteren Aktivitäten ins eigene Kalkül zu ziehen. Trotzdem dürfen die nichtrationalen Bestandteile nicht unterschlagen werden.
Ein weiteres Problem liegt in der Fokussierung auf Handlungen. Bei der Analyse ist es deshalb besonders wichtig, wahrgenommene Zwänge und Handlungsbeschränkungen auszuarbeiten und mit strukturellen Problemen in Verbindung bringen.
Schließlich müssen die Analysen über Einzelfälle hinaus vorangetrieben werden. Grundlage dafür sind systematische Einzelfallvergleiche, die Ergebnisse anderer Studien als Ausgangskategorien verwenden und für den neuen Einzelfall ausdifferenzieren, verändern und weiterentwickeln und so zu breiter verwendbaren Kategorien kommen. Es geht nicht um Generalisierung, sondern um den Aufbau eines Wissensbestandes von typischen Problemkonstellationen, typischen Konflikten, typischen Akteuren mit typischen Rationalitäten sowie von möglichen Wandlungsprozessen, deren jeweilige Relevanz im Einzelfall zu überprüfen ist.
Dieser Wissensbestand kann als Baumaterial für eine Einzelfallanalyse angesehen werden, das durch weitere Bestandteile zu ergänzen ist. Allgemeine Aussagen werden dann möglich, wenn wesentliche Bedingungen benannt werden können, unter denen mit dem Auftreten von spezifischen Problemkonstellationen, Konflikten, Akteuren und Rationalitäten gerechnet werden kann. Der Verweis auf die Logik der Sicherheitsmaximierung ist ein Ergebnis solcher vergleichender Studien.
Damit unterscheidet sich dieser Ansatz von Ansätzen wie der rationalen Wahl (rational choice) oder der neuen Institutionenökonomie. Diese Ansätze streben die systematische Erfassung von Präferenzen und Entscheidungsgründen und deren Abbildbarkeit in einer einzelnen Ebene der Kosten-Nutzen-Kalkulation an. Diese Komprimierung wird wegen der Vielzahl von Wirkfaktoren und der mehrdimensionalen Präferenzstrukturen von den Vertretern des akteursorientierten Ansatzes als nicht praktikabel angesehen. Analysen sind Interpretationen, die mehr oder weniger wahrscheinliche Handlungsoptionen benennen, ohne diese zu quantifizieren. Wichtiger als die genaue Vorhersage ist das "Hineindenken" in die Akteure.
Dieses "Hineindenken" ist auch relevant für die alltägliche Entwicklungspraxis. Die grundlegende Vorgehensweise des akteursorientierten Ansatzes eröffnet im praktischen Handeln die Chance, die Perspektive des Gegenübers nachzuvollziehen. Dies erfordert Neugier und Offenheit gegenüber den fremden Sichtweisen, das Ernstnehmen der jeweiligen Vorstellungen, ohne diese direkt einer Wertung zu unterziehen. Wenn dies gelingen soll, ist es notwendig, von eigenen Normen, Werten, Vernunftvorstellungen zu abstrahieren, sich auf das Gegenüber einzulassen und die Realität aus seiner Perspektive wahrzunehmen. Probleme wie unzureichende Information, sprachliche und kulturelle Hürden lassen sich nur mit einem dauerhaften Interesse und Respekt für die anderen Akteure reduzieren. Gelingt eine erste Rekonstruktion der Rationalitätskriterien der anderen Akteure im jeweiligen Handlungsfeld, einschließlich einer sachlichen und vor allem ehrlichen Beschreibung der eigenen Perspektive, so lassen sich potenzielle Konflikte, aber auch Möglichkeiten der Annäherung schneller erkennen.
Der akteursorientierte Ansatz bietet bei allen Begrenzungen nicht nur die Möglichkeit, den Anwendungsbezug empirischer Studien zu stärken, sondern auch die Chance, praktisches Handeln besser auf konkrete komplexe soziale Felder abzustimmen.
Literatur
P. L. Berger, T. Luckmann (1977): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt/M.
T. Bierschenk, G. Elwert (Hg., 1993): Entwicklungshilfe und ihre Folgen. Frankfurt/M.
H.-D. Evers, H. Schrader (Hg., 1993): The Moral Economy of Trade. London
G. Lachenmann (1994): Systeme des Nichtwissens. Alltagsverstand und Expertenbewusstsein im Kulturvergleich, in: R. Hitzler, A. Honer, C. Maeder (Hg.): Expertenwissen. Die institutionelle Kompetenz zur Konstruktion von Wirklichkeit. Opladen, S. 285-305
N. Long (1993): Handlung, Struktur und Schnittstelle: Theoretische Reflektionen, in: Bierschenk, Elwert 1993, S. 217-248
N. Long, A. Long (Hg., 1992): The Battlefields of Knowledge: The Interlocking of Theory and Practice in Social Research and Development. London
Prof. Dr. Dieter Neubert ist Professor für Entwicklungssoziologie an der Universität Bayreuth. Seine Hauptarbeitsgebiete sind Politische Soziologie Afrikas, Soziologie der Entwicklungspolitik, Lokales Wissen und partizipative Forschung.
dieter.neubert@uni-bayreuth.de

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