E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 7/8, Juli/August 2001,
S. 233 - 235)

Manfred A. Max-Neef (* 1932)
Entwicklung nach menschlichem Maß
Gerhard Drekonja-Kornat

Der Chilene Manfred Max-Neef, der Ökonomie studiert hatte und als Mitarbeiter von Shell Karriere machte, wandte sich 1957 von der Industrie ab und den Problemen der Armen in der Dritten Welt zu. Er arbeitete für UN-Organisationen und an verschiedenen Universitäten in den USA und Lateinamerika, u. a. am Bariloche-Institut in Buenos Aires. Angeregt durch Schu- machers Diktum "Small is beautiful" entwickelte er Thesen zu einer "Barfuß-Ökonomie" und einer "Entwicklung nach menschlichem Maß", deren Kriterien er schon in den 80er Jahren in einer Matrix an zehn von ihm definierten menschlichen Grundbedürfnissen orientierte. In den 90er Jahren formulierte er mit seiner Hypothese vom Kipp-Punkt die Einsicht, dass von einem bestimmten Punkt wirtschaftlicher Entwicklung an die Lebensqualität der Menschen abnehme.

I.
Vor den biografischen Daten steht die Leibhaftigkeit des Chilenen Manfred A. Max-Neef: Ein bärtiger Riese, der seinen massigen Körper nur ungern in den Anzug zwängt. Praktische Arbeitskluft wird bevorzugt. Hat so ein Prophet aus dem Alten Testament ausgesehen?
Geboren wurde Max-Neef am 16. Oktober 1932 im chilenischen Valparaíso, als Sohn deutscher Eltern, die allerdings nicht der klassischen (bis heute introvertierten) deutschsprachigen Migration des 19. Jahrhunderts angehörten, sondern erst nach dem 1. Weltkrieg endgültig nach Südamerika übersiedelten. Die Mutter vermittelte humanistische Bildung und Musikliebe; der Vater, einer der Mitbegründer der chilenischen Nationalökonomie, sorgte für den Praxisbezug. So studierte der Sohn fast unvermeidlich Wirtschaftswissenschaften, um nach 1953 im internationalen Shell-Konzern rasch zu einer führenden Position aufzusteigen.
Dann, 1957, die elementare, musikalisch inspirierte Bekehrung: Max-Neef ließ die konventionelle Karriere im Stich und stieg aus, um sich einer intellektuellen Vagabondage zu verschreiben. Mit seinem wachsenden Interesse an Entwicklungsfragen hieß ihn die Academia der USA willkommen, wo er ab 1961 in Berkely in Kalifornien lehrte und dabei die rebellische Jugend der Vereinigten Staaten mit ihrem Engagement gegen den Vietnam-Krieg betreute.
Für den polyglotten, entwicklungstheoretisch beschlagenen Lateinamerikaner häuften sich dazwischen Aufträge für Projektleitungen bei den Vereinten Nationen (insbesondere der FAO) und der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS). 1973 nahm er eine Berufung an die Universidad de Chile an - was ihn zum Militärputsch gegen die Unidad-Popular-Regierung Salvador Allendes gerade zurechtkommen ließ. Exil auch für ihn. Max-Neef konnte mit der argentinischen, stark von Carlos Mallmann geprägten Fundación Bariloche weiterarbeiten, wo man Naturwissenschaften, Mathematik und Musik symbiotisch betrieb. Damals erschien gerade "Grenzen des Elends" von Herrera und Scolnik, worin das "Bariloche-Modell" vorgestellt wurde: als Antwort auf das Katastrophenszenario von Dennis L. Meadows "Limits to Growth" ein alternatives, auf Gleichheit und Deckung der Basisbedürfnisse ausgerichtetes Weltmodell, das ohne globalen Kollaps auskam. Auch die schwedische Dag- Hammarskjöld-Stiftung begann sich für den unkonventionellen Chilenen zu interessieren und ihn editorisch zu betreuen.
Zwischen Projektarbeit und theoretischer Reflexion (die Max-Neef mehrfach auch zu DSE-Seminaren führte) wuchs das Ideengut, das schließlich 1983 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde.
Mit dem Preisgeld gründete Max-Neef in Santiago de Chile das (heute nicht mehr existierende) CEPAUR-Institut (Centro de Estudio y Promoción de Asuntos Urbanos y Rurales), um die praktische Anwendung seiner Vorschläge einer "Entwicklung nach menschlichem Maß" (Human Scale Development) voranzubringen. Internationale Auszeichnungen häuften sich. Max-Neef wurde Mitglied des Club of Rome, der Leopold-Kohr-Akademie in Salzburg sowie der Schumacher Society in England. 1993 kandidierte er für die Grünen - im Wirtschaftswunderland aus hoffnungsloser Position - bei den chilenischen Präsidentschaftswahlen als unabhängiger Kandidat. Heute führt Max-Neef mit fordernder Professionalität und passioniertem Einsatz das Rektorat der kleinen, aber fachlich überzeugenden Universidad Austral in Valdivia ("eine Stadt im menschlichen Maßstab") im paradiesisch schönen Süden Chiles, wo eine kompromisslos exportorientierte Wirtschaftspolitik noch keine sichtbaren Schrammen verursacht hat. Jedoch nicht einmal ein alternativer Nobelpreisträger kann es allen Studenten recht machen: gegenüber dem Rektorat hat ein Dissident, durchaus poetisch, auf die Mauer gepinselt: "Sr. Rector, la Universidad no es un Banco" - Herr Rektor, die Universität ist keine Bank. Max-Neef schmunzelt und gibt keinen Auftrag, das Graffito zu übertünchen.

II.
Eigene intellektuelle Unruhe, Mitgefühl für einfache Menschen, Schumachers "Small is beautiful", Leopold Kohrs Obsession für überschaubare Einheiten, alternatives Denken der Bariloche-Stiftung und vor allem eigene Projektarbeit verdichteten Max-Neefs Tasten nach brauchbaren Vorschlägen zur Verwirklichung seiner "Entwicklung nach menschlichem Maß". Entwicklung wird dabei als "Freisetzen von kreativen Möglichkeiten" bei allen Mitgliedern einer Gesellschaft definiert, sauber getrennt von Wirtschaftswachstum, nicht unabdingbar für dieses.
Stationen auf dem Weg dorthin waren Projekteinsätze während der 70er Jahre in Ecuador und Brasilien, die "Experiences in Barefoot Economics" hervorbrachten. So lautet der Untertitel einer seiner frühen Publikationen "From the Outside Looking In", publiziert 1982 von der Dag-Hammarskjöld-Stiftung. In beiden Projekten - in Ecuador mit indianischen Kleinbauern der regenreichen Pazifikregion (was ihm von der damaligen Militärregierung den Landesverweis einbrachte), in Brasilien als Versuch der Revitalisierung einer historisch-architektonisch interessanten, aber verödeten Kleinstadt in der Bergbauprovinz Minas Gerais - überwältigten Max-Neef der Ideenreichtum und die Kreativität einfacher Bürger an der Peripherie, sobald ihnen Solidarität gezeigt, Wissen vermittelt und Türen geöffnet wurden.
Genau an solchen Gruppen versagen Lösungsvorschläge der klassischen Nationalökonomie, die auf Gewinn setzt und dafür eine kritische Masse braucht, die am Rand einer Gesellschaft einfach nicht zu finden ist. Eine alternative "Barfuß-Ökonomie" mit Akzent auf Kleinheit und passioniertem Engagement soll die Lücke füllen. "So much can be achieved by thinking and acting small. This should not be surprising, because, after all, smallness is nothing but immensity on the human scale" (From the Outside Looking In, p. 205).
Inspiriert von der Dag-Hammarskjöld-Stiftung, die für den eigenen globalen Report "What New: Another Development" (1975) sektorale Aspekte alternativer Entwicklung in Lateinamerika benötigte, reifte Max-Neef Mitte der 80er Jahre das Instrumentarium seiner "Human Scale Development" aus. Da Entwicklung nicht als Oktroy von oben kommen, sondern an der Basis wachsen soll, baute Max-Neef an einer Vorgehensweise, die echte Bedürfnisse und Wunscherfüllung einfacher Menschen feststellen kann.
Wonach er suchte, vermittelt am eindringlichsten der Verweis auf den Akt des Stillens eines Babys durch die Mutter: Ein Neugeborenes hat ein Grundbedürfnis (need) - Subsistenz; es findet dafür Befriedigung (satisfaction) durch Stillen, einen Akt, der wiederum andere Bedürnisse weckt - Schutz, Liebe, Identität - und gleichzeitig deren Erfüllung stimuliert.
Nach diesem Modell konstruierte Max-Neef eine Grund-Matrix mit neun Grundbedürfnissen (ein zehntes, Suche nach Transzendenz, erschien damals als zu
gewagt), die axiologisch mit vier Kategorien der Bedürfnisbefriedigung vernetzt werden. Die neun Grundbedürfnisse
sind: Subsistenz, Schutz, Zuneigung, Verstehen, Teilhabe, Müßiggang, kreatives Schaffen, Identität und Freiheit. Die vier Entsprechungen auf der Ebene der Satisfiers lauten: Sein, Haben, Tun, Interaktion (Max-Neef 1991, S. 32 ff.) Dies ergibt für das erste Grundbedürfnis, als Beispiel, nebenstehende Sequenz:
In der Weiterführung entsteht eine Groß-Matrix mit 36 Einzelfeldern. Den positiven Satisfiers stehen negative Satisfiers, Pseudo-Satisfiers oder limitierende Satisfiers gegenüber, die falsche Bedürfnisbefriedigung anbieten. Rüstung zum Beispiel verspricht Schutz, vermindert jedoch das Stillen anderer Bedürfnisse wie Subsistenz, Zuneigung, Teilhabe oder Freiheit; chauvinistischer Nationalismus offeriert Identität, zerstört indessen in anderen Bereichen; Paternalismus drängt Schutz auf, jedoch auf Kosten von Verstehen, Teilhabe, Freiheit und Identität.
Im Rahmen einer Projektvorbereitung werden die Teilnehmer angehalten, zuerst in kleinen Gruppen diskutierend die positiven und negativen Antworten auf dieses Matrix-Schema zu suchen, um anschließend in der Großgruppe die einzelnen Matrix-Inhalte zu bündeln und zu systematisieren. Damit werden viele Ziele erreicht. Vorrangig diese zwei: Es lassen sich auf lokaler Ebene die tatsächlichen Bedürfnisse, aber auch Ängste, Traumata und Bedrohungen ermitteln; und es wird ein starker gruppendynamischer Effekt erzielt, der die Mitglieder einer Gemeinschaft kreativ inspiriert, sie zum kritischen Denken anhält und sie einander näherbringt.
Übungen dieser Art wurden ursprünglich, d. h. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre, an mehreren Orten Lateinamerikas durchgeführt; später folgten Anwendungen außerhalb, auch in entwickelten Gesellschaften. Anhand der damit gewonnenen Erfahrungen kristallisierte sich damals schon ein Ergebnis heraus, das in der späteren Denkarbeit von Max-Neef einen zentralen Stellenwert einnahm: Es gibt, so seine These, eigentlich keine Korrelation zwischen dem Grad an (industrieller) Wirtschaftsentwicklung und dem (relativen) Glück der dabei involvierten Bürger; auch scheint der Grad an Einsamkeit und Entfremdung in entwickelten Gesellschaften zuzunehmen.

Solche Entwicklungen steuerten Max-Neef in den 90er Jahren zur These vom "Kipp-Punkt" (Threshold Hypothesis; Punto Umbral): Bei einem bestimmten Grad von Wirtschaftswachstum mit Industrialisierung bisheriger Machart beginnt die Lebensqualität der Bürger abzunehmen - eine Tatsache, die wir als Mitglieder europäischer Industrienationen intuitiv erfassen. Max-Neef hat auf der Basis des UN Index of Sustainable Economic Welfare (ISEW) in wissenschaftlicher Auftragsarbeit diese Hypothese verifzieren lassen: Österreich, als zaudernder Modernisierer, schneidet dabei besser ab als Deutschland, die Kontinentaleuropäer erleiden den Kipp-Punkt weniger dramatisch als England oder die USA (wo die früh einsetzende neoliberale Politik Wachstum und Lebensqualität besonders krass auseinander klaffen lässt).
Es ergibt sich daraus der Schluss: "Quantitative growth must be metamorphosed into qualitative development" (Ecological Economics, p. 117). Indes, qualitative Entwicklung bedeutet nach Max-Neef keineswegs ein Zurückstecken bei Grundbedürfnissen oder Lebensqualität; auch muss keineswegs auf hohe Wissenschaftlichkeit und reife Technologien verzichtet werden.
Um das Argument schärfer herauszuarbeiten, schuf Max-Neef (parallel zu Hans-Peter Dürrs "The 1.5 Kilowatt Society") den Begriff des ECOSON. Dieses Akronym steht für "Ecological Person" und kalkuliert den Energiebedarf eines Bürgers bei vernünftiger Grundbedürfnisbefriedigung sowie ohne Ausgrenzung der anderen. Ein Ecoson liefert also einen Indikator, der sich sowohl auf die Verfügbarkeit der Energiemenge als auch
auf dessen möglichst gleiche Verteilung bezieht.
Angesichts einer Weltbevölkerung von inzwischen sechs Milliarden Menschen sollte der energetische Pro-Kopf-Verbrauch die Menge von 1,5 kWh in der Stunde (= 13 000 kWh im Jahr) nicht übersteigen. Legt man diese Messzahl auf die Weltbevölkerung um, ergibt sich - nicht überraschend - die Einsicht, dass die reifen Industrienationen, obschon bevölkerungsmäßig in der Minderheit, einen Exzess an Ecoson-Einheiten (also an Energieverbrauch) aufweisen, während im Süden die Bevölkerungsmehrheit nur über bescheidene Ecoson-Anteile verfügt.
Daher darf es nach Max-Neef primär nicht um Geburtenkontrolle im Süden gehen, sondern es muss im Norden Ecoson-Einsparungen geben. "It can be shown that if the ten richest countries of the world would reduce their populations of Ecosons by 5%, it would amount to almost two hundred millions, which is the equivalent to the weight of all India." (Paper, Club of Rome, p. 4).
Solche Statements sollen nicht als eine Art ökologischer Antiimperialismus missverstanden werden. Vielmehr ist es genau dieser Ecoson-Exzess bei den reichen Nationen, welcher die Zukunft einer nachhaltigen Entwicklung ernsthaft bedroht.

III.
Für jeden entwicklungspolitisch Engagierten bedeuten solche Aussagen kein Novum. In diesem Sinne ist Max-Neef weniger ein Theorie-Schöpfer als ein Pragmatiker des Vernünftigen und Machbaren, der als "Barfuß-Ökonom" einfache Menschen an geographischen und gesellschaftlichen Peripherien zu Eigeninitiative, Selbstverantwortung und Identitätsfindung inspirieren will. Er ist auch kein Begründer einer eigenen Denkschule, sondern er bewegt sich innerhalb von Parametern, die andere vor ihm absteckten: Schumacher, Kohr, das Bariloche-Institut, die Dag-Hammarskjöld-Stiftung. Max-Neef will im Chor der Alternativen eine Stimme sein. Und er ist eine störrische und stark tönende. Auch erzählt er mit Stolz davon, dass seine Anleitung zur Need-Satisfyer-Matrix zu einer der meistkopierten Unterlagen für entwicklungspolitische Gruppen geworden ist, in Lateinamerika, in Europa, in der Dritten Welt; heute mit besonders starker Anwendung in Südafrika und Australien.
Indes, Max-Neef weiß es nur zu gut, dies ändert noch lange nicht den problematischen Entwicklungslauf unserer Welt. Bei seinen unablässigen Reflexionen über die Zukunft der Menschheit sieht er, wie andere auch, mögliche Szenarios zwischen Untergang und Machbarkeit. Totale oder partielle Auslöschung der Menschheit, als nuklearer Holocaust oder als Umweltkatastrophe, kommen als Möglichkeit vor; eine Diskussion darüber erübrigt sich. Den wirklichen Schrecken birgt für Max-Neef das Szenario einer aufsteigenden Mad-Max-Welt, als Konkretisierung der Science fiction, in Annahme einer polarisierten Barbaren-Gesellschaft, in der die Reichen (ansatzweise so bereits in einigen lateinamerikanischen Metropolen) hinter Stacheldraht, Hochspannungsgittern, flaschenscherbenbespickten Mauern und schwerbewaffnetem Wachpersonal sich einbunkern, während ringsum in gespenstischen Trümmerlandschaften die Ausgesperrten räuberisch nomadisierend umherschweifen. Dem würde sicherlich ein repressiver Techno-Faschismus entwachsen, der den Armen zusätzliche Lasten aufbürdet.
Demgegenüber bevorzugt Max-Neef sein positives Zukunftsszenario: eine Gesellschaft mit "sharing and solidarity", mit Teilen, Solidarität und Gleichheit. Aber wie kommt man dorthin? Darauf kann auch Max-Neef nicht mit sicheren Strategien antworten. Hilfreich werden sein die kleinen Schritte des "Barfuß-Ökonomen", solidarische Aktionen unter den Armen, Widerstand von unten gegen die außer Rand und Band geratene Modernisierungsmaschine, Besinnung auf Kleinheit, Akzeptieren des Ecoson-Maßes, alternatives Engagement, liebevoller Umgang mit Mensch, Tier und Natur.
Max-Neef will auch den auseinander strebenden Wissenschaftskulturen unserer modernen Welt entgegentreten, indem er an der Universidad Austral in Zusammenarbeit mit dem Club of Rome eine Serie von internationalen Tagungen zum Thema Wissenschaft, Politik und Glauben ("Ciencia, Cultura, Politica, Etica y Fe") vorbereitet. Damit nimmt die zehnte Need-Kategorie aus seiner Erhebungsmatrix, Transzendenz, vielleicht doch noch ihren Rang ein.
Max-Neef bewegt sich heute zunehmend in Bereichen, die vor ihm bereits Sokrates, die Evangelien oder Franz von Assisi absteckten. Ohne Zweifel, er wächst in die Rolle des Propheten hinein. Nicht die des Unheilverkünders. Sondern die des trotz allem optimistischen Sehers, der Orientierungen anbietet.
Was tun? Max-Neef antwortet immer häufiger in Gleichnissen oder mit Parabeln. Zum Beispiel sollen wir "Hängematten" knüpfen, um Abstürze im modernen Sektor aufzufangen. Denken wir nur an die europäische BSE-Krise: kein globaler Kollaps, aber eine regionale, aus der unmenschlichen Massentierhaltung resultierende Katastrophe; die "Hängematte" verkörpern in diesem Fall der Öko-Bauer oder die Öko-Bäuerin, die mit naturnahen Angeboten den Ausfall wettmachen können.
Eine Parabel, die Max-Neef gerne erzählt, ist die vom Rhinozeros. Kann man einem Nashorn (= Modernisierungsungetüm) mit einem Knüppel entgegentreten und es verjagen? Wohl kaum. Aber Myriaden von Moskitos (die ohne Hierarchie auftreten und sich spontan zusammenballen) mögen dem Rhinozerus das Leben derart sauer machen, dass es sich davonmacht. Zugegeben, ernsthafte Zoologen mögen diese Geschichte nicht goutieren. Aber als Parabel reflektiert sie den Optimismus von Max-Neef, der trotz der Schrecken des verflossenen 20. Jahrhunderts an eine viable Zukunft im neuen Jahrhundert glaubt. Nur: Wir Menschen müssen wollen!
Aber wollen wir? Statt einer Antwort erzählt der Rektor verschmitzt gleich eine weitere Geschichte: Seit seiner Kindheit habe ihn die Frage beschäftigt, was den Menschen einzigartig mache und ihn vom Tier unterscheide. Die Antwort aus der Kindheit, nur Menschen besäßen eine Seele, die Tiere aber nicht, zerbröckelte bald. Es folgte die Erklärung, Tiere besäßen nur Instinkte, aber keine Intelligenz wie der Mensch: Ebenfalls eine Annahme, die später die Tierforschung falsifizierte. Aber nur der Mensch kann Werkzeug schaffen? Falsch! Auch Tiere, jeder Vogelbeobachter oder Affenliebhaber kann es bestätigen, bauen und benützen Werkzeuge. Dann doch einmal, scheinbar, die gültige Aussage: Nur der Mensch hat Humor. Nein, auch diese These hält nicht, weil auch Vögel und andere Tiere Spaß haben und übereinander "lachen". "Schließlich wollte ich schon aufgeben", erzählt Max-Neef, " als ich in meiner Frustration noch einmal mit meinem Vater darüber sprach. Dieser schaute mich an und sagte: Versuch es mit Dummheit!" Zuerst sei er schockiert gewesen, aber dann hätte nichts gegen diese sichtlich skandalöse These gesprochen, und die Jahre seien vergangen, und die Annahme gelte noch immer: "Nur wir Menschen sind dumm!"
Offensichtlich müssen wir damit leben. Weniger dumm zu sein ist also nach Max-Neef der erste wichtige Schritt in Richtung auf Überleben.
Schriften von Manfred A. Max-Neef
- 1982: From the Outside Looking In. Experiences in Barefoot Economics. Foreword by Leopold Kohr. Uppsala, Dag-Hammarskjöld-Foundation (Neuauflage London, Zed Books 1992)
- 1989, mit Antonio Elizalde:Sociedad Civil y Cultura Democrática: Mensajes y Paradojas. Santiago, CEPAUR
- 1991: Human Scale Development. Conception, Application and Further Reflections. New York, London, Apex Press
- 1992: Real-Life Economics. Understanding Wealth Creation. Edited by Paul Ekins and Manfred Max-Neef. London, New York, Routledge
- 1995: Economic Growth and Quality of Life: A Threshold Hypothesis, in: Ecological Economics, 15 (1995) 115-118
- 1999: Limits to Anthropic Manipulation of the Biosphere. Paper, Universidad de Chile and the Club of Rome, 1999
Manfred Max-Neef schreibt vor allem Manuskripte für Vorträge, Essays, Projektberichte und Papers, die nach ausführlichen Diskussionen endgültige Form als Artikel oder als Buchbeitrag annehmen. www.max-neef.cl
Prof. Dr. Gerhard Drekonja-Kornat war (u. a.)
Lateinamerika-Referent der DSE. Er ist heute Professor für außereuropäische Geschichte an der Universität Wien. gerhard.drekonja@univie.ac.at

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