E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 7/8, Juli/August 1999,
S. 200-202)


Bedeutung und Zukunft der Personellen Zusammenarbeit

Heidemarie Wieczorek-Zeul

Logo 40 Jahre DSE

Die Personelle Zusammenarbeit hat über die Jahre ihre Funktion verändert. Ging es früher darum, auch für Basisberufe einheimisches Personal auszubilden und deutsches zu entsenden, so liegt heute der Schwerpunkt auf der Vermittlung von Management- und Planungsfähigkeiten, auf wissenschaftlicher Fortbildung und auf der Förderung des internationalen Dialogs. Entscheidendes Ziel ist, die Eigenanstrengungen der Partner zu unterstützen.


Menschen und ihr Wissen zu fördern ­ das ist einer der zentralen Aspekte der Entwicklungszusammenarbeit. Ein besonderes Instrumentarium dazu liefert die sogenannte Personelle Zusammenarbeit (PZ): hierbei kann es sich um eine Fachkraft aus einem Entwicklungsland handeln, die in Deutschland eine zusätzliche Spezialausbildung erhält; um ausländische Mitbürgerinnen oder Mitbürger, die in ihr Heimatland zurückkehren, oder auch um eine deutsche Fachkraft, die ihren Beruf für einige Zeit in einem Entwicklungsland ausübt, da ihr spezielles Fachwissen in dem Land anders nicht verfügbar wäre.

Wichtig ist in all diesen Varianten: Es geht in erster Linie um den Menschen als Zentrum der Entwicklung, sein Wissen und seine Fähigkeiten; denn Globalisierung macht sich nicht allein in rapide steigenden Finanzflüssen bemerkbar, die Grenzen haben sich nicht nur für Güter- und Kapitalflüsse geöffnet, sondern auch für Menschen. Dabei müssen Menschen sich nicht tatsächlich bewegen, um global beweglich zu sein: Die neue Technologie ermöglicht den Menschen per Internet die grenzenlose Vernetzung.

Vor diesem Hintergrund wird das Wissen der Menschen zentraler denn je. Wir können uns glücklich schätzen, daß sich aus der Tradition der deutschen Entwicklungszusammenarbeit diese Vielzahl an Instrumenten entwickelt hat, mit denen Menschen ausgebildet und Netzwerke geschaffen werden.

Dabei hat sich die Personelle Zusammenarbeit über die Jahre ebenso geändert wie die Situation in den Entwicklungsländern. Dort herrscht heute in vielen Bereichen kein Mangel an Fachkräften mehr. Im Gegenteil, mitunter gibt es sogar ein Überangebot gut ausgebildeter Menschen, die Schwierigkeiten haben, einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden, an dem sie ihre Kenntnisse und Fähigkeiten optimal einsetzen können.

Vielfach fehlt es auch an anwendungsorientiertem Wissen, Management- und Planungsfähigkeiten und wissenschaftlicher Fortbildung, um international mithalten zu können. Weltweite Wandlungsprozesse, wachsendes Wissen in Wissenschaft und Technik, immer schnellerer und intensiverer Informationsaustausch erfordern eine ständige Fortbildung und Vernetzung von Institutionen und Personen und einen ständigen Erfahrungsaustausch.


1. Wie sehen die Instrumente der PZ aus?

1.1 Aus- und Fortbildung von Fach- und
Führungskräften der Partnerländer

Der Qualifizierungsbedarf der Länder Lateinamerikas, Afrikas und Asiens hat sich erheblich verändert. Die berufliche Grundausbildung leisten die Partnerländern weitgehend aus eigener Kraft. Für unsere Zusammenarbeit geht es darum, Fachleuten mit einer abgeschlossenen qualifizierten Ausbildung zusätzliche Spezialkenntnisse zu vermitteln und sie in den internationalen Erfahrungsaustausch einzubeziehen. Hauptzielgruppe sind dabei Nachwuchsführungskräfte und Ausbilder, vor allem solche, die ihrerseits Trainingspersonal fortbilden.

Dies gilt auch, und in ganz besonderem Maße, für Fach- und Führungskräfte aus Ländern Mittel- und Osteuropas sowie den zentralasiatischen und kaukasischen Staaten, für die wir spezielle, auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Fortbildungsmaßnahmen anbieten.

Zunehmende Bedeutung erlangt ­ und das wird sich voraussichtlich fortsetzen ­ die Fortbildung auf der Hochschulebene. Dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) kommt hierbei eine Führungsrolle zu. Mit seinem Stipendienangebot vor Ort (sur place) leistet er im Entwicklungsland einen wichtigen Beitrag zur Bereitstellung von hochqualifizierten Fach- und Führungskräften in Handel, Wirtschaft, Verwaltung und Hochschulen.

Allein 1200 Studenten pro Jahr werden auf diese Weise weltweit in Afrika, Asien und Lateinamerika gefördert. Hinzu kommen noch ca. 600 Studenten pro Jahr, die ein über ein Stipendium gefördertes Studium in Deutschland aufnehmen können.

Universitäre Fortbildungen werden zunehmend in Fremdsprachen (in der Regel in englischer Sprache) angeboten; die Abschlüsse sind auch international anerkannt und können daher als Karrierebaustein eingesetzt werden.

Unser Augenmerk richtet sich nicht nur auf diejenigen, die sich zur Zeit in Deutschland fortbilden ­ aus eigener Initiative, finanziert aus Mitteln ihres Landes oder aus der Entwicklungszusammenarbeit ­, sondern auch auf die große Anzahl derer, die dies in der Vergangenheit konnten und nun wieder im Berufsleben stehen. Diese Menschen können Netzwerke bilden, was wir durch besondere fachliche Fortbildungsangebote zunehmend fördern. Hierfür sind Rückkehrer-Vereinigungen oder auch das Internet wichtig.

Die Sektoren, in denen die Bundesregierung Fortbildungsmöglichkeiten für Angehörige aus Entwicklungs- und Transformationsländern zur Verfügung stellt, sind vielfältig:

  • Die Carl-Duisberg-Gesellschaft (CDG) konzentriert sich fachlich auf Umwelt- und Ressourcenschutz (z. B. Wasserenergie, betrieblicher Umweltschutz), auf Infrastruktur, Kommunikation, internationales Marketing, Produktionsorganisation, Instandhaltung, Technologie und Qualitätsmanagement.
  • Die Deutsche Stiftung für internationale Entwicklung (DSE) hat ihre Schwerpunkte bei Bildungssystemen und Grundbildung, bei Wirtschafts- und Sozialpolitik (einschließlich Finanz-, Geld- und Währungspolitik), der öffentlichen Verwaltung im weitesten Sinne, gewerblicher Berufsförderung, Gesundheitspolitik, ländlicher Entwicklung und Waldwirtschaft sowie im Printmedienbereich.
  • Über die Deutsche Welle wird eine Fortbildung für Rundfunk- und Fernsehjournalisten ermöglicht.
  • Über den DAAD, die Alexander-von-Humboldt-Stiftung und die Deutsche Forschungsgemeinschaft werden im Wissenschaftsbereich Stipendien, Promotionen, Forschungskooperationen, Hochschulpartnerschaften, Gastdozentenprogramme und Masterprogramme in entwicklungsrelevanten Bereichen (z. B. ingenieurwissenschaftliches Austauschprogramm mit Indien und Brasilien) angeboten.


1.2 Förderung der Reintegration

Unter den in Deutschland lebenden Angehörigen der Entwicklungsländer gibt es ein großes Potential an Fachkräften, die in ihren Heimatländern dringend gebraucht werden. Das Reintegrationsprogramm des BMZ wendet sich an diejenigen Fachkräfte, die im Prinzip an einer Rückkehr in ihre Heimat interessiert sind und für die sich dort Einsatzmöglichkeiten finden, die unter entwicklungspolitischen Gesichtspunkten wichtig sind.

Das Programm gibt durch fachliche Vorbereitung und durch Übergangs- und Starthilfen Anreize zur Rückkehr ­ und zwar sowohl für abhängig Beschäftigte als auch für Existenzgründer. Für die verschiedenen Förderansätze wendet das BMZ jährlich knapp 40 Mio. DM auf. Ziel des Programms ist es, das Know-how, das die Fachkräfte hier in Deutschland erworben haben, für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung ihrer Heimatländer zu nutzen.

In den letzten fünf Jahren hat das BMZ ca. 5000 aus Deutschland in ihre Heimatländer zurückgekehrte Fachkräfte bei der Wiedereingliederung in den heimischen Arbeitsmarkt durch Einarbeitungs- und Gehaltszuschüsse unterstützt. Etwa 1000 Rückkehrer erhielten Existenzgründungszuschüsse für den Aufbau eines selbständigen Betriebes. Aus den gemeinsamen Kreditfonds wurden seit Bestehen des Programms ca. 6400 Kredite für Unternehmensgründungen bewilligt, mit deren Hilfe knapp 50 000 Arbeitsplätze geschaffen wurden.

Wir werden in diesem wichtigen Bereich auch zukünftig vielfältige Instrumente einsetzen, um die in Deutschland erworbenen fachlichen und auch gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Wissens- und Erfahrungspotentiale der rückkehrenden Menschen bestmöglich für die Entwicklung ihrer Heimatländer zu nutzen. Sie bilden wichtige Brücken zwischen den Weltteilen, zumal über Fachkräftevereinigungen der Kontakt aufrechterhalten wird.


1.3 Entsendung, Vermittlung und
Einsatz von Fachkräften

Im Rahmen deutscher entwicklungspolitischer Zusammenarbeit werden den Partnerländern Fachkräfte mit spezifischen Anforderungsprofilen zur Verfügung gestellt. Auch hier ist das Ziel die Förderung des einheimischen Potentials. Nur wenn im Partnerland für ein spezielles Programm keine Fachkraft vorhanden ist, wird sie extern vermittelt. Und nur, wenn das Partnerland diese externe Fachkraft nicht selbst bezahlen kann, wird sie extern finanziert. Mit wachsendem Erfolg werden seit einigen Jahren Fachkräfte aus Entwicklungsländern auch in der bilateralen staatlichen Entwicklungszusammenarbeit eingesetzt. Ziel ist die größtmögliche Eigenverantwortlichkeit und Nutzung der Ressourcen des Partners, die Mobilisierung des im Partnerland vorhandenen Potentials, insbesondere durch den Einsatz einheimischer Fachkräfte und Produkte. Die Betonung der eigenverantwortlichen Leitung eines Vorhabens durch den Partner bedeutet gleichzeitig die Verringerung der Zahl entsandter Fachkräfte in der Projektförderung.

In einer Zeit, in der vermehrt einheimische Fachkräfte solche Aufgaben übernehmen, die früher entsandte Fachkräfte übernommen haben, werden Fragen der Programmentwicklung, Projektfindung und -evaluierung um so wichtiger, aber auch schwieriger. Vor allem den Fragen der Auswahl des Trägers und der Trägerförderung kommt eine noch größere Bedeutung zu. Vermehrtes “capacity buildingł ist erforderlich, jedoch in einer Weise, die den jeweiligen soziokulturellen Hintergrund sorgfältig berücksichtigt. Dies bewirkt nicht nur hohe Ansprüche an die lokalen Expertinnen und Experten, sondern führt auch zu einem neuen Anforderungsprofil an entsandte Fachkräfte.

Auf dieser Grundlage wird der Einsatz ausländischer Experten bei vielen Aufgaben nach wie vor unumgänglich sein. Neben der reinen Wissensvermittlung sind dies zunehmend Funktionen zur Verbesserung der Kommunikation verschiedener Interessengruppen untereinander, der Wirkungsüberprüfung und der Finanzkontrolle. Je stärker einheimische Fachkräfte in die Entwicklungszusammenarbeit einbezogen werden, desto berechtigter ist aber auch die Hoffnung, daß dies die Nachhaltigkeit der Projekte der Entwicklungszusammenarbeit fördert.


2. Zukünftige Herausforderungen
der Personellen Zusammenarbeit

Die geschilderten Maßnahmen der PZ stärken das größte Potential unserer Partnerländer, nämlich die Menschen und ihre Fähigkeiten. So wird eine Teilhabe an globalisierten Prozessen möglich.

Ich beabsichtige, diese Fähigkeiten auch in einem weiteren Bereich zu stärken. Heute mehr denn je sind wir uns der Krisen und Kriege in und zwischen unseren Partnerländern bewußt. Die Entwicklungspolitik steht vor der Herausforderung, gemeinsam mit anderen Politikfeldern dazu beizutragen, das Entstehen von Krisen und gewaltsamen Auseinandersetzungen möglichst zu verhindern. Ein Mittel dazu soll der Zivile Friedensdienst (ZFD) sein. Der ZFD stellt besondere Anforderungen an seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Eine Mitarbeit im ZFD erfordert eine Zusatzqualifikation im Bereich professioneller, ziviler Konfliktbearbeitung. Dieser für die Zukunft der Entwicklungszusammenarbeit wichtigen Aufgabe muß und wird sich die Personelle Zusammenarbeit stellen.

Doch auch in den existierenden Institutionen und Instrumenten sehen wir einigen Herausforderungen entgegen. Wir müssen uns stets von neuem daran messen, ob unsere Programme dem Bedarf unserer Partnerländer gerecht werden. Dies erfordert einen permanenten Prozeß inhaltlich-programmatischer und auch institutioneller Anpassungen, der uns immer wieder vor erhebliche Herausforderungen stellt.

So ist in sektoraler Hinsicht davon auszugehen, daß in Zukunft die Bedeutung einzelner Fortbildungsbereiche relativ zurückgehen wird, und zwar zugunsten von Fortbildungsangeboten in den Bereichen Demokratisierung, Prävention von politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krisen, Umweltaspekte im öffentlichen und privaten Sektor, um nur einige aktuelle Beispiele zu nennen. Wichtiger werden übersektorale Fortbildungen, Führungsfähigkeiten und Kommunikation.

Auch die noch stark einseitige Orientierung auf den staatlichen Bereich muß zugunsten einer gleichgewichtigen Förderung von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des öffentlichen und privaten Bereichs einschließlich NROs verändert werden. Erreicht werden kann das durch verstärkte Steuerung der Programme und der Inhalte, aber auch durch Umorientierung von einer angebotsorientierten Förderpolitik (Programmkatalog) hin zu einer auf die Nachfrage und damit auf die genau definierten Bedürfnisse in den Partnerländern ausgerichteten Fortbildung.

Ein weiterer Bereich liegt mir besonders am Herzen ­ die gleichberechtigte Förderung von weiblichen Fachkräften aus Entwicklungsländern. Hier haben wir zwar schon Erfolge zu verzeichnen, aber es bedarf noch einiger besonderer Anstrengungen, um die Zielgröße zu erreichen, daß insgesamt die Hälfte aller Stipendiaten weiblich ist. Dabei kann es natürlich von Fachbereich zu Fachbereich Abweichungen geben.


3. Fazit:
Die Eigenanstrengungen der Partner unterstützen

Entscheidend für den Erfolg der Personellen Zusammenarbeit wie auch der Entwicklungspolitik insgesamt ist also, daß wir helfen, solche Strukturen aufzubauen, die die Eigenanstrengungen unserer Partner zur Wirkung kommen lassen. Alle unsere Projekte und Programme werden in Zukunft nicht zuletzt daran gemessen werden, wieviel eigenes Können unserer Partner sie mobilisieren, und in welchem Umfang sie die Bemühungen der Institutionen in den Partnerländern unterstützen und die erforderlichen Strukturen fördern.

Dies könnte durch die Übernahme von mehr Verantwortung für die Planung, Durchführung und Kontrolle der Vorhaben durch die Empfängerländer erreicht werden. Nicht zuletzt ist zu fragen, in welchem Umfang dezentrale und nichtstaatliche Akteure in den Entwicklungsländern bei der Formulierung des Bedarfs und der Interessen an den Vorhaben einbezogen werden sollen. Dadurch wird das Selbsthilfepotential und vor allem ­ dies wird nach meiner Auffassung noch zu wenig gewürdigt ­ das Selbstvertrauen, das Selbstwertgefühl vieler unserer Partner gestärkt, ihre Probleme zunehmend eigenständig lösen zu können.

Ich bin sicher, daß die programmführenden Organisationen, die sich in der Vergangenheit stets als fähig erwiesen haben, flexibel auf Änderungen zu reagieren, auch in Zukunft die erforderlichen Anpassungen zeitnah vollziehen werden.

Dies wird der Institutionenvielfalt auch dadurch leichter fallen, daß die DSE, der DED und das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE) noch im Jahr 2000 nach Bonn umziehen werden und dort den Kern des Zentrums für Internationale Zusammenarbeit bilden werden. Wir erwarten durch diese Konzentration, durch Neuordnung und Aufgabenerweiterung der einzelnen Institutionen neue Impulse für den Fortbildungs- und Dialogbereich, auch durch die Zusammenarbeit mit den in Bonn ansässigen nationalen, internationalen und VN-Institutionen sowie mit den multilateralen Organisationen weltweit.


Heidemarie Wieczorek-Zeul ist Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.



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