E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 7/8, Juli/August 1999,
S. 215-218)

Joseph A. Schumpeter (1883 1950)
Innovation und schöpferische Zerstörung: der Unternehmer als Motor der Entwicklung
Hans H. Bass

Schumpeter gehört zu den wenigen Wirtschaftswissenschaftlern, deren Vokabular in die Allgemeinsprache ausstrahlte: Begriffe wie "Innovation", "schöpferische Zerstörung" und "Schumpeterscher Unternehmer" sind heute Allgemeingut in wirtschaftspolitischen Debatten. Mit diesen Begriffen hat Schumpeter den Prozeß beschrieben, der zum Aufschwung im konjunkturellen Zyklus führt. Spätere Autoren haben das Modell zur Beschrei-bung des Aufschwungs in Entwick-lungsländern benutzt.
Auf Schumpeter als Gründungsvater berufen sich neuere Schulen der Wirtschaftstheorie ebenso wie Praktiker der Kleingewerbeförderung und der Technologiepolitik. Der Entwicklungstheorie im Sinne einer Theorie nachholender industrieller Entwicklung kann Schumpeter vermutlich nur Anregungen geben aber einige Autoren bezeichnen ihn als den wegweisenden Ökonomen für das beginnende 21. Jahrhundert.

I.
Joseph A. Schumpeter war ein Kind der "Belle Epoque", der fortschrittsoptimistischen Zeit stürmischer wirtschaftlicher und technischer Veränderungen zu Anfang unseres Jahrhunderts. Geboren 1883 in Triesch in Mähren, bezog Schumpeter 1901 die Universität Wien zum Studium der Volkswirtschaftslehre, das er 1906 abschloß. Seine in der Fachwelt wohlwollend aufgenommene, durchaus konventionelle Habilitationsschrift "Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie" entstand während einer Tätigkeit beim Internationalen Gerichtshof in Kairo. Dieses Werk brachte ihm 1909 eine Professur in Czernowitz (in der heutigen Ukraine) und 1911 in Graz (bis 1918) wurde von ihm selbst jedoch später als "Jugendsünde" abgetan.
Denn seinen Ruhm als origineller Wirtschaftstheoretiker verdankte Schumpeter den drei methodischen Neuerungen seines zweiten Hauptwerks, der "Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung", veröffentlicht 1911/12 (im folgenden: TWE). Dieses Werk ist, erstens, eine Synthese zwischen den formalen Theoremen der neoklassischen Ökonomen und dem beschreibenden Vorgehen der Historischen Schule. Anstelle einer auf Axiomen basierenden Konstruktion wirtschaftlicher Welten suchte Schumpeter einen empirischen Bezugspunkt etwa im Sinne der Idealtypenbildung Max Webers. Die TWE entwarf, zweitens, ein dynamisches Modell, das mit der Berücksichtigung von Zustandsveränderungen die statische Betrachtungsweise der neoklassischen Ökonomie überwand. Drittens überschritt Schumpeter mit seinem neuen Theorieentwurf die selbstgesetzten Grenzen der wirtschaftswissenschaftlichen Disziplin in Richtung Sozioökonomik.
Schumpeter verstand sich vor allem als Wissenschaftler. In seinen weiteren Veröffentlichungen betonte er wiederholt, daß er sich aller politischen Wertungen enthalte und allenfalls wirtschaftstheoretische Entscheidungshilfen für wirtschaftspolitische Maßnahmen geben wolle. Dennoch ist seine akademische Karriere von hochrangigen außerwissenschaftlichen Aufgaben ergänzt worden. Nach dem I. Weltkrieg wurde er Mitglied einer Kommission, die die post-revolutionäre Regierung in Deutschland in der Frage einer Sozialisierung der Großindustrie beraten sollte. Seine intellektuelle Unabhängigkeit in dieser Kommission mag eine Anekdote belegen: gefragt, warum er durchaus kein Sozialist diese Stelle angenommen habe, antwortete Schumpeter: "Wenn es schon einen Selbstmord gibt, sollte wenigstens ein Arzt zugegen sein."
Nach der Beendigung seiner Arbeit in dieser Kommission wurde Schumpeter, vermutlich auf Anraten marxistischer Studienfreunde, Finanzminister eines post-revolutionären österreichischen Koalitionskabinetts, und schließlich Privilegien aus dieser Zeit einbringend Privatbankier. Allerdings: Alle diese Engagements waren ebenso kurzfristig wie erfolglos. So kehrte Schumpeter zum akademischen Leben zurück: als Professor in Bonn (19251932) und Harvard (1932 bis zu seinem Tod 1950).
Zu seinen weiteren Veröffentlichungen gehören eine statistische Untermauerung seiner Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung ("Business Cycles", 1939), Arbeiten zur Dogmengeschichte der Wirtschaftstheorie (verschiedene Aufsätze, zusammengefaßt in "Ten Great Economists from Marx to Keynes", 1951), und die monumentale "History of Economic Analysis" (posthum 1954), sowie sein stark politikwissenschaftlich und soziologisch ausgerichtetes Spätwerk "Capitalism, Socialism, and Democracy" (1942, im folgenden: CSD). Dieses Buch markiert eine dritte Schaffensphase und modifiziert die dreißig Jahre zuvor erstmals geäußerten Thesen erheblich.
Im akademischen Leben trat Schumpeter zudem als Mitbegründer der Ökonometrischen Vereinigung und als Gründer eines Forschungszentrums für Unternehmergeschichte hervor, was seine mehrfach geäußerte hohe Wertschätzung für diese Subdisziplinen, insbesondere die Wirtschaftsgeschichte, unterstreicht.

II.
Entwicklungstheoretisch relevante Aspekte seines Werkes
Schumpeters Theorien zielen zunächst auf die Erklärung wirtschaftlicher Dynamik als Theorie der Wirtschaftskonjunkturen (durchaus kein unbeackertes Arbeitsfeld in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts), später treten Prognosen gesellschaftlichen Wandels hinzu. Eine im dauerhaften Gleichgewichtszustand befindliche ("stationäre") Volkswirtschaft wie sie den neoklassischen Modellen zugrunde liegt sei ein dem kapitalistischen Wirtschaftssystem inadäquates gedankliches Modell; in der Wirklichkeit seien die zeitgenössischen Industrieländer "dynamische" Ökonomien. Das bedeutet, daß Gleichgewichtssituationen nur in ganz bestimmten konjunkturellen Momenten möglich sind. Ansonsten werden Produktionsfaktoren immer wieder neu kombiniert, alte Strukturen werden durch neue ersetzt. Eine derartige "kreative Zerstörung" ermögliche zugleich ein Wachstum des Output-Niveaus: Beides sind für Schumpeter untrennbar zusammengehörende Aspekte der wirtschaftlichen Entwicklung 1. Obwohl Schumpeter später den Begriff "Entwicklung" im weiteren Sinne auch für die kontinuierliche Veränderung einer Wirtschaft, also für störungsfreie Wachstumsprozesse akzeptierte, behielt er den Begriff der wirtschaftlichen Entwicklung im engeren Sinne solchen Veränderungen vor, die aus der wirtschaftlichen Sphäre selbst herrühren und diskontinuierlich erfolgen.
Dies war für die akademische Wirtschaftswissenschaft eine wichtige Neuerung obwohl es am Ende des 19. Jahrhunderts in anderen Wissenschaftszweigen durchaus schon dynamische Erklärungsmodelle gab: Zu nennen sind vor allem die des Biologen Charles Darwin und des Soziologen Herbert Spencer (des Begründers des "Sozialdarwinismus") und natürlich das von Karl Marx verwendete Modell der "erweiterten" wirtschaftlichen Reproduktion und dessen "dialektisch-materialistische" Methode der Geschichtsdeutung. Allerdings wurde Marx von der akademischen Nationalökonomie nicht rezipiert, so daß Schumpeter 1937 im Vorwort zur japanischen Übersetzung seiner TWE seine eigene Verwunderung ausdrücken konnte, unabhängig von Marx das dynamische Prinzip in der Wirtschaftswissenschaft entdeckt zu haben.
Das antreibende Moment für die Veränderungen im Niveau der wirtschaftlichen Aktivität sind für Schumpeter technische und organisatorische Neuerungen, neue Kombinationen der Produktionsmittel die "Innovationen", durchgesetzt vom schöpferischen "Unternehmer" (im Gegensatz zum Protagonisten des statischen Wirtschaftsmodells, dem "Wirt", der sein Verhalten den vorgefundenen Gegebenheiten anpaßt).
Das Unternehmersein ist bei Schumpeter keine soziale Klassifikation, sondern eine separate wirtschaftliche Funktion neben den Funktionen des Erfinders, des Kapitalbesitzers und des Managers. Aber es ist trotz aller Abstraktion eine personengebundene Funktion: Zu den Unternehmerfähigkeiten gehören für Schumpeter Initiative, Begeisterungsfähigkeit; aber auch eine gewisse geistige Begrenzung, die eine Konzentration auf den unmittelbaren Vorteil erlaubt. Die intrinsische Motivation, "der Wille, ein privates Reich zu gründen", "der Siegerwille" und die "Freude am Gestalten" haben mit dem extrinsischen Motiv des "Gewinnstrebens" nur vermittelt zu tun.
Ein solches Unternehmerbild verrät ideengeschichtliche Einflüsse von Friedrich Nietzsche. Eine zeitbedingte Geistesverwandtschaft besteht auch zu der Figur des "charismatischen Führers" bei Max Weber oder zu Oswald Spenglers "faustisch" unternehmerischem Herrenmenschen, dem es auf Leistungen und Kräfte, nicht notwendigerweise aber auf Inhalte ankommt. Andererseits ist bei Schumpeter eine gewisse Distanz zum Typus des Unternehmers wahrzunehmen: Der Unternehmer ist für Schumpeter auch der Parvenü, dem er "Enge und Kulturarmut" attestiert. Schumpeters Biograph Swedberg leitet die "partielle Aristokratisierung" des Unternehmers psychologisch aus der familiären Konstellation in Schumpeters Kindheit ab (bürgerlicher Vater, adliger Stiefvater).
Paradox ist, daß der Entrepreneur, die zentrale Figur des Kapitalismus, essentiell nicht-kapitalistischen Motiven folgen soll. Schumpeters Unternehmer steht damit im scharfen Gegensatz zum ausschließlich gewinnmaximierenden, sich rational verhaltenden homo oeconomicus der ökonomischen Mainstream-Theorien. Aber gerade dies verleiht dem Schumpeterschen Bild trotz der Typisierung die Lebensnähe.
Schumpeters ökonomisches Grundmodell basiert auf zwei Voraussetzungen: Es gibt, erstens, einen ständigen Strom von wirtschaftlich potentiell relevanten Erfindungen und Entdeckungen; diese sind auch allgemein zugänglich. Dadurch entsteht ein kontinuierlich sich auffüllendes Reservoir menschlichen Wissens über die Produktion und die kommerzielle Distribution von Gütern. Zweitens sind unternehmerische Fähigkeiten wie viele andere Eigenschaften in einer ethnisch homogenen Bevölkerung annähernd normalverteilt: Einige Menschen haben wenig unternehmerisches Talent, die meisten haben ein mittleres Maß, einige ein hohes Maß dieser Fähigkeiten.
Unter Rahmenbedingungen, die eine zuverlässige Kalkulation von Risiken erlauben, nämlich in einem temporär stationären Zustand der Wirtschaft, beginnen die fähigsten Unternehmer (Pioniere), Innovationen zu verwirklichen, d. h. Erfindungen zu nutzen oder wirtschaftliche Verhältnisse grundlegend umzuorganisieren. Nachdem anfängliche Hürden für das Einführen von Neuerungen überwunden sind, kommen zunehmend Unternehmer zum Zug, die sich nur imitativ verhalten. Außerdem werden Multiplikatoreffekte wirksam, etwa indem Geschäftsabschlüsse nun leichter fallen, weil ein Produkt schon auf dem Markt eingeführt ist. Innovationen diffundieren jetzt. Damit generieren sie den Aufschwung im konjunkturellen Zyklus.
Der Aufschwung erlahmt, wenn in den besonders innovationsintensiven Sektoren zunehmend weniger Innovationen erfolgversprechend sind und die durch den Strukturwandel bedingten Preisturbulenzen dazu führen, daß die Planungssicherheit abnimmt. Schließlich klingt die Innovationswelle ab, die Volkswirtschaft gerät in eine Krise.
"Innovation" bedeutet für Schumpeter, daß Produktionsmittel ihrem früheren Gebrauch entzogen und neu kombiniert werden. Daher ist ein Innovator jemand, der zwar Ideen, aber häufig keinen Zugang zu Kapital hat, denn dieses ist ja noch in anderen Verwendungen gebunden und in der Verfügungsgewalt anderer Eigentümer: "Es waren [...] im allgemeinen nicht die Postmeister, welche die Eisenbahnen gründeten." Erst durch die Kreditvergabe der Banken können die Unternehmer den zweiten Schritt tun: investieren. Der Kredit hat damit eine wachstums- und konjunkturpolitische Schlüsselrolle, die Geschäftsbanken sind auch wirtschaftspolitische Akteure.
Ergänzt wird das Grundmodell später durch die Berücksichtigung von "langen Wellen" der Konjunktur, fünfzig bis sechzig Jahre umfassenden Zyklen industrieller Revolutionen und ihrer Absorption. Damit schließt Schumpeter sich dem russischen Forscher Nikolai D. Kondratieff (1922, 1926) an, der solche Zyklen erstmals statistisch nachzuweisen suchte. Diese Ergänzung des Schumpeterschen Grundmodells ist konsistent, denn Auslöser der Zyklen sind in beiden Betrachtungsweisen die Innovationen. Im Falle der langen Wellen handelt es sich jedoch um "Basisinnovationen", bahnbrechende und in viele Branchen ausstrahlende Neuerungen wie Dampfmaschine, Elektroenergie oder auch die Monopolbildung. Methodisch bedeutet diese Ergänzung, daß Schumpeter sich vom idealtypischen Verlaufsmodell dem wirtschaftsgeschichtlichen Realverlauf annähert.
Eine weitere Ergänzung erfährt das Modell in Schumpeters Spätwerk. Hier tritt zum einen die soziologische Komponente stärker auf, zum anderen die prognostische. Es geht um die Frage, ob das auf private Initiative gegründete Wirtschaftssystem langfristig überleben kann, es geht um die Zukunft des Kapitalismus. Nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern aus soziologischen Gründen ist Schumpeter pessimistisch: Die Funktion des Unternehmers verliere ihren gesellschaftlichen Rückhalt.
In engem Zusammenhang damit steht die später so genannte (neo-)Schumpetersche Hypothese, formuliert unter dem Eindruck der Vertrustung der Unternehmen in den USA. Sie besagt, daß die Fähigkeit zu technischen Innovationen positiv mit der Unternehmensgröße zusammenhänge. Die Unternehmen stehen nicht nur im Preis- und Qualitätswettbewerb, sondern auch in Konkurrenz um die Innovationsführerschaft ("Schumpetersche Konkurrenz"). Innovationen werden deshalb in den Entwicklungsabteilungen der Großunternehmen systematisch herbeigeführt. Damit werde in der spätkapitalistischen Epoche der individuelle Unternehmer obsolet: Nicht mehr der aggressive Kleinunternehmer, vom Drang nach Selbstverwirklichung und sozialem Aufstieg angetrieben (Schumpeter Mark I), sondern der beamtenähnliche Wirtschaftsverwalter in Großunternehmen (Schumpeter Mark II) treffe im monopolistischen Entwicklungsstadium des Kapitalismus die wirtschaftlichen Schlüsselentscheidungen ein Quasi-Sozialismus entstehe.
Das Schumpetersche Spätwerk ist organisch mit dem Grundmodell verbunden, andererseits aber durch eine abermalige Ausdehnung des Zeithorizontes ebenso gekennzeichnet wie durch eine weitere Veränderung der wissenschaftlichen Perspektive.

III.
Wirkungsgeschichte
a. Entwicklungstheorie
Schumpeters Theorien gaben vielerlei Denkanstöße nicht mehr, nicht weniger hat er selbst erwartet, sagte er doch in seiner Abschiedsrede in der Bonner Universität (1932): "Ich wünsche nie, Abschließendes zu sagen. Wenn ich eine Funktion habe, dann die, Türen nicht zu-, sondern aufzumachen, und niemals habe ich das Bestreben gehabt, so etwas zustande zu bringen wie eine Schumpeter-Schule. Es gibt sie nicht, und es soll sie nicht geben, sondern ich will nur, wie es mir die Stunde zuführt, Anregungen geben gute, wenn es geht, und schlechte, wenn es nicht anders geht."
Schumpeter stand viele Jahre im Schatten seines großen Antipoden, des gleichaltrigen Keynes. Erst seit Beginn der 90er Jahre hat sich, ausgehend von verschiedenen Elementen des Schumpeterschen Werkes, eine nun rasch wachsende neo-Schumpetersche Strömung in den Wirtschaftswissenschaften herausgebildet.
Einer ihrer Interessenschwerpunkte ist die Innovationsforschung: Welche Faktoren begünstigen das Auftreten von Innovationen? Welche Rolle spielt das Gefüge von Bildungs, Forschungs und Technologietransfer-Institutionen (das "Nationale Innovationssystem", wie es in Anlehnung an Friedrich List genannt wird) für die Innovationsfähigkeit von Volkswirtschaften? Läßt sich die Diffusion von Innovationen mathematisch simulieren?
In der Politikwissenschaft hat vor allem Schumpeters formalistische, die Vorzüge des Mechanismus herausarbeitende Demokratietheorie nachhaltigen Einfluß gehabt; der Theorie der Systemkonvergenz lieferte er gute, freilich durch den Zusammenbruch des Sowjetsystems empirisch widerlegte Argumente.
Demgegenüber kann man in der Entwicklungstheorie kaum von einer Schumpeterschen Richtung sprechen. Die wenigen, die sich in den 50er und 60er Jahren intensiver mit Schumpeter beschäftigten, kamen meist zu dem Ergebnis, Entwicklungsländer seien eine "nicht-Schumpetersche Welt" (Singer). William Arthur Lewis etwa meinte (The Theory of Economic Growth, 1955), daß Schumpeters TWE eine viel begrenztere Thematik habe, als der Titel nahelege, und noch in seinen zum Andenken Schumpeters gehaltenen Vorträgen (The Evolution of the International Economic Order, 1978) findet sich zu Schumpeter kaum mehr als der freundliche Hinweis auf dessen "glückliche Verbindung von Geschichte, Ökonomie und Statistik".
Eine Ausnahme unter den Entwicklungsökonomen war Ragnar Nurkse, der in seinem Hauptwerk (Problems of Capital Formation in Underdeveloped Countries, 1953) ein Schumpetersches Theorieelement als Rahmen wählt. Er knüpft an dessen analytische Unterscheidung zwischen stationärer und dynamischer Volkswirtschaft an. Für Nurkse sind dies die konkreten Bilder eines im "Teufelskreis der Armut" befangenen Niedrigeinkommenslandes mit eng begrenzten internen Absatzmärkten einerseits und einer sich entwickelnden Volkswirtschaft, in der Kapitalanwendungen in verschiedenen komplementären Industrien sich gegenseitig Märkte schaffen, andererseits.
Schumpeters herkömmlicherweise als Konjunkturerklärung verstandene Theorie sei in Wahrheit eine echte Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, da sie den Übergang von der einen Wirtschaftsweise zur anderen erklären könne: Im Vertrauen auf den Erfolg ihrer Handlungen antizipieren Innovatoren in einem bis dahin stationären Wirtschaftssystem die markterweiternden Effekte ihrer Investitionen und stoßen eine Welle von gleichzeitigen Investitionen in verschiedenen Industriezweigen an. Dies führe zu kurzfristigen Turbulenzen, aber zu langfristigem Wachstum des Produktionsniveaus.
Nurkse sieht mit Schumpeter die Reinvestition unternehmerischer Profite als wichtigste Quelle der Kapitalakkumulation in Industrieländern an und hält auf lange Sicht nur eine Wiederholung dieses Musters in Entwicklungsländern für effektiv. Jedoch akzeptiert er auch andere Akteure (den Staat) und externe Kapitalquellen.
Gegen diese Verwendung der Schumpeterschen Theorie ließe sich mancher Einwand formulieren; so hat Schumpeter, anders als Marx oder Max Weber, gerade keine genetische Theorie des modernen Wirtschaftssystems angestrebt. Diese Ummünzung des Schumpeterschen Ansatzes ist aber wohl von der Aussage Nurkses gedeckt, Schumpeters Theorie stelle die Gußform dar, die er für etwas andere Zutaten verwenden wolle.
Eine ideengeschichtliche Ironie liegt jedoch darin, daß während mehrerer Jahrzehnte Nurkse der einzige Vertreter der Entwicklungsökonomie war, der sich explizit Schumpeterscher Ideen bediente, obwohl er mit seinem entwicklungsstrategischen Vorschlag eines gleichgewichtigen Wachstums der Sektoren im nachholenden Industrialisierungsprozeß ("balanced growth") so stark im Gegensatz zu Schumpeter stand, der die strukturverändernde Ungleichzeitigkeit des Wirtschaftswachstums im Kapitalismus betont.
Andere Autoren, etwa Hans W. Singer (1953, in "Social Research", vol. 20), nannten vor allem zwei Momente, die Schumpeters Modell für Entwicklungsländer inkompatibel machen: die Bedeutung, die Schumpeter der Rolle des Unternehmers beimesse, und die Rolle der Innovationen. Der Prozeß der nachholenden Entwicklung wurde im wesentlichen interpretiert als Assimilation oder Imitation nicht als echte Innovation ("neu für die Welt"), die nur den hochentwickelten Industrieländern vorbehalten sei. Später zeigte jedoch der Neo-Schumpeterianer Christopher Freeman am Beispiel Japans (Technology Policy and Economic Performance: Lessons from Japan, 1987), daß dies kein Widerspruch sein muß: Anpassung finde auch bei entlehnten Technologien statt und könne kumulativ durchaus zu "echter" Innovation führen.
Auch das zweite Argument steht auf wackligen Beinen: Das Paradigma der nachholenden Entwicklung sah auch angesichts vermeintlich fehlender unternehmerischer Potentiale den Staat als entscheidenden Akteur in der Wirtschaft an und wertete deshalb den Schumpeterschen Ansatz als unpassend. Schumpeter hatte allerdings sehr wohl die Möglichkeit diskutiert, daß nicht individuelle Personen, sondern Kollektive, sogar der Staat, in unterschiedlichen wirtschaftsgeschichtlichen Epochen die Funktion ausfüllen könne, Innovationen im Wirtschaftsleben durchzusetzen.
Neuerdings jedoch hat die Schumpeter-Renaissance, die vierzig Jahre nach seinem Tod einsetzte, auch in der Entwicklungsökonomie Einzug gehalten. So sieht Michaela von Freyhold (1997, in R. Kappel [Hg.]: Weltwirtschaft und Armut) beispielsweise in den exportorientierten Bauern und den Aktiven des informellen Sektors, die Grenzen bisheriger Gewohnheiten und Traditionen überwinden mußten, hoffnungsvoll das Schumpetersche "Subjekt der Entwicklung in Afrika".

b. Entwicklungspolitik
Obwohl Schumpeter sich nicht explizit zur Wirtschaft der heutigen Entwicklungsländer äußerte und daher auch keine praktischen Lösungswege für Entwicklungsprobleme diskutierte, kann man doch sehen, daß er auf diesem Gebiet einen gewissen Einfluß ausübte.
Auf der Mikroebene ist die Förderung von Existenzgründungen in Entwicklungsländern inspiriert von Ideen des "frühen" Schumpeter, noch direkter allerdings von den Arbeiten von David C. McClelland ("The Achieving Society", 1961), der ganz im Sinne Schumpeters die Bedeutung intrinsischer Motivation für den Unternehmererfolg betont. Programme wie das CEFE ("Competency-based Economies through Formation of Enterprise") der GTZ sind darauf ausgelegt, "Schumpetersche" Unternehmer zu identifizieren und mit Kreditgebern zusammenzubringen.
Auf der staatlichen Ebene kann man Schumpeter als einen der Väter der von Japan und den ostasiatischen Schwellenländern praktizierten "Industriepolitik" sehen. Grundsätzlich hatte sich Schumpeter zwar stets skeptisch zu staatlicher Ausgabenpolitik geäußert, insbesondere da die umgekehrt notwendig werdende starke Besteuerung die dynamischen Kräfte der Wirtschaft lähme. Auch Krisen seien "wesentliches Element des Mechanismus der wirtschaftlichen Entwicklung"; eine antizyklische Konjunkturpolitik des Staates würde damit der immanenten Logik seiner Konjunkturtheorie widersprechen. Auch in seinem Spätwerk (dem CSD, 1942) befürwortete er noch, dem "Prozeß der schöpferischen Zerstörung" freien Lauf zu lassen.
Zugleich eröffnete Schumpeter hier aber eine neue Dimension wirtschaftspolitischen Handelns: die geordnete Abwicklung eines Strukturwandels, den "geordneten Vormarsch". Privatwirtschaftliche Instrumente dafür sind ihm Kartellabsprachen und andere Einschränkungen der freien Konkurrenz, denn es gelte, "daß Autos mit Bremsen schneller fahren, als sie es sonst täten, weil sie mit Bremsen versehen sind". Aber auch der Staat soll eine Rolle spielen können. Zwar gehe es nicht darum, eine veraltete Industrie zu erhalten, aber sinnvoll könne es sein, "ihren plötzlichen Zusammenbruch zu vermeiden und eine wilde Flucht, die zum Ausgangspunkt kumulativer, depressiver Wirkungen werden kann, in einen geordneten Rückzug zu verwandeln".
Wirtschaftspolitik im Sinne des späten Schumpeter ist damit sowohl Geburtshilfe für neue Industrien wie Sterbehilfe für alte. Solche Ideen sind vor allem über Shigeto Tsuru nach Japan gelangt. Tsuru war Student Schumpeters in Harvard und später trotz seiner sozialistischen Überzeugungen in den Schaltzentralen der japanischen Politik äußerst einflußreich.
1) 1) "Entwicklung" wurde in der englischen Ausgabe der TWE übersetzt mit "development". Schumpeter selbst benutzte in dem im Original amerikanisch geschriebenen CSD den Begriff "evolution", der wiederum ins Deutsche mit "Entwicklung" übertragen wurde.
Schriften von Joseph A. Schumpeter:
J. A. S.: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus. München 1911, 2., neubearb. Aufl. 1926, 8. Aufl. 1993
Capitalism, Socialism and Democracy. New York 1942 (dt.: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 7. Aufl. Tübingen 1993)
Ten Great Economists. From Marx to Keynes. New York 1951
History of Economic Analysis. New York 1954 (dt.: Geschichte der ökonomischen Analyse. Göttingen 1965)
Aufsätze zur Wirtschaftspolitik. Tübingen 1985
Schriften über Joseph A. Schumpeter:
R. L. Allen: Opening Doors The Life and Work of Joseph Schumpeter. New York 1994
H. Hanusch (ed.): The Intellectual Legacy of Joseph Alois Schumpeter. Cheltenham 1998
E. März: Zur Genesis der Schumpeterschen Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, in: Essays in Honour of Oskar Lange. Warschau 1964
Y. Shionoya, M. Perlman (eds): Schumpeter in the History of Ideas. Ann Arbor 1993
W. F. Stolper: Schumpeter der politische Ökonom für die 90er Jahre? in: D. Bös, H. D. Stolper (Hg.): Schumpeter oder Keynes. Berlin 1984
ders.: Joseph Alois Schumpeter, The Public Life of a Private Man. Princeton 1994
R. Swedberg: Joseph A. Schumpeter. Eine Biographie. Stuttgart 1994
J. C. Wood (ed.): J. A. Schumpeter. Critical Assessments. London / New York 1991 (4 Bde.)
Dr. Hans H. Bass ist Wissenschaftlicher Assistent im Institut für Weltwirtschaft und Internationales Management der Universität Bremen.

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