E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 9, September 2001, S. 3)
Vorschläge für eine Afrika-Strategie
Reinold E. Thiel
In der entwicklungspolitischen Debatte geht es zu wie im wirklichen Leben: Kaum ist ein Thema als wichtig erkannt und
einige Wochen lang diskutiert worden, schon drängen sich andere Themen neu in den Vordergrund. Im November vorigen Jahres hatte eine Gruppe deutscher Afrika-Wissenschaftler ein "Memorandum zur Neubegründung der deutschen Afrikapolitik" veröffentlicht (E+Z 2000:12, 340). Im März druckte E+Z eine Sammlung von Reaktionen darauf, auch die anderen entwicklungspolitischen Zeitschriften befassten sich mit dem Thema. Im April fand eine intensive Expertendiskussion im Arnold-Bergstraesser-Institut in Freiburg statt. Im Mai veröffentlichte die Ministerin ihr Afrika-Konzept ("Eckpunkte einer strategischen Afrikapolitik", E+Z 2001:5, 158), und das Ministerium veranstaltete zusammen mit dem Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) ein Afrika-Symposion. Und danach war schon wieder die Luft aus dem Thema heraus. Die Probleme Afrikas sind aber zu dramatisch, als dass die Debatte wieder einschlafen dürfte. Damit das nicht geschieht, sind dieses und das kommende Oktober-Heft von E+Z erneut dem Thema Afrika gewidmet. In diesem Heft tragen vier Mitarbeiter des DIE ihre Strategie-Vorschläge für eine wirkungsvollere Afrikapolitik vor, im nächsten soll versucht werden, Antworten auf die Frage zu finden, warum Afrika seit Jahrzehnten stagniert.
Afrika ist der Kontinent, der bis heute am stärksten landwirtschaftlich geprägt ist. 70 % der Beschäftigten sind in diesem Sektor tätig. Zugleich ist paradoxerweise die eigenständige Versorgung mit Nahrungsmitteln prekär geblieben. Die Landwirtschaft, sagt Uwe Otzen, ist "der Schlüsselsektor für die volkswirtschaftliche Entwicklung und die Reduzierung der Armut" in Afrika. Ausgangspunkt ist eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion. Dazu muss die "Unterkapitalisierung" der Landwirtschaft beseitigt werden, d. h. es muss investiert werden, allerdings nicht mit dem Ziel, Arbeitskräfte freizusetzen (da es keinen genügend absorptionsfähigen industriellen Sektor gibt), sondern zur Steigerung der Flächenproduktivität, der Produktqualität und der Vermarktbarkeit. Das müssen zum Teil Investitionen in öffentliche Güter sein, wie Transportwege, Bewässerungssysteme, Veterinäreinrichtungen und Beratungsdienste, und für diese ist der Staat gefragt. Zum anderen Teil geht es aber um betriebliche Investitionen; Otzen sagt wenig darüber, woher die Mittel dafür kommen sollen, aber aus einer kurzen Bemerkung wird klar, dass er an Finanzdienstleister denkt, die Kleinkredite vergeben. Ferner sind dazu Bodenrechtsregelungen erforderlich, die den Produzenten den Zugang zu den Ressourcen verschaffen, wobei (wieder im Interesse der Erhaltung von Arbeitsplätzen) in erster Linie an bäuerliche Betriebe zu denken ist. Der nächste Schritt wäre die Förderung einer landwirtschaftsnahen Industrialisierung, d. h. sowohl die Produktion von Geräten und anderen Inputs als auch die Weiterverarbeitung von Agrarprodukten; und schließlich müssen die Märkte der Industrieländer für Importe aus Afrika geöffnet werden. Dies alles gilt allerdings nur für Teile Afrikas. Die ariden und semiariden Gebiete, so macht Otzen klar, werden auf Dauer ohne Subventionen von außen nicht lebensfähig sein.
Das ist ein Programm, das im Großen und Ganzen die Entwicklung in Europa und Ostasien als Modell hat, und das, strikt durchgeführt, die Basis für eine gesamtwirtschaftliche Entwicklung wenigstens der humiden Breiten in Afrika schaffen könnte. Allerdings ist es ein idealtypisches Programm, das viele real existierende Faktoren außer Acht lässt. Der Artikel von Tillmann Elliesen macht dagegen deutlich, wie stark inzwischen afrikanische Landwirtschaft durch Entwicklungs- und Nothilfe korrumpiert und dem Ziel der Selbstversorgung - oder gar der Markt- und Exportfähigkeit - entfremdet worden ist. Die Lobby der US-amerikanischen Farmer (die den Großteil der internationalen Getreidehilfe liefern), Organisationen wie World Food Program und bestimmte NROs, die einheimischen Behörden, die die Hilfe verwalten, das lokale Transportgewerbe und die Händler haben ein Interesse daran, dass auch bei Abwesenheit von Notsituationen weiter Nahrungsmittel geliefert werden, weil sie alle davon profitieren - und die Bauern? Warum sollten sie mühsam ihr Land bebauen, wenn ihnen das Getreide geschenkt wird?
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE) Redaktionsanschrift: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
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