E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 9, September 2001, S. 252-256)


Afrikas Chancen zu weltwirtschaftlicher Reintegration
Opfer oder Mitspieler der Globalisierung?

Regine Qualmann, Jürgen Wiemann


Bloße Handelsliberalisierung, wie in vielen Strukturanpassungsprogrammen vorgeschrieben, hat die weltwirtschaftliche Marginalisierung Subsahara-Afrikas nicht aufgehalten. Die Vielzahl sich gegenseitig verstärkender Strukturdefizite afrikanischer Länder macht ein strategisches Vorgehen erforderlich, zu dem nur entwicklungsorientierte Regierungen, getragen von Koalitionen gesellschaftlicher Reformkräfte, imstande sind. Für eine solche Regierung, unterstützt von großzügiger Entwicklungszusammenarbeit, eröffnen sich drei Optionen:
1. Rückgewinnung verlorener Weltmarktanteile bei Primärgütern,
2. Einstieg in nichttraditionelle Agrarexporte und
3. auf ausländische Investitionen gestützte Nutzung der zunehmenden Lohnkostenvorteile für den Export verarbeiteter Industriegüter.



Fortschreitende Marginalisierung
Subsahara-Afrikas

Der Anteil Subsahara-Afrikas (SSA) am Welthandel hat sich über einen langen Zeitraum kontinuierlich zurückentwickelt; von 3,1 % (1950) über 2,4 % (1980) auf 0,85 % (1999). Rechnet man die Republik Südafrika hinzu, so ergibt sich ein Welthandelsanteil (Exporte) SSAs von 1,33 %1. Drei Faktoren lassen sich für diese scheinbar unaufhaltsame Marginalisierungstendenz verantwortlich machen:

  • Zum einen haben die Rohstoffe, die in den meisten SSA-Ländern noch immer den Hauptanteil der Exporte ausmachen, im Welthandel langfristig an Gewicht verloren;
  • zum anderen haben die afrikanischen Länder selbst bei den traditionellen Rohstoffen Weltmarktanteile an produktivere Erzeuger, auch andere Entwicklungsländer, verloren;
  • schließlich ist es - abgesehen von Mauritius und Südafrika - kaum einem afrikanischen Land gelungen, seine Exporte zu diversifizieren und an den Wachstumsmärkten für nichttraditionelle Agrarprodukte und verarbeitete Industriegüter zu partizipieren.


    Anhaltende Strukturdefizite

    Die diversen Strukturanpassungsprogramme der 80er und 90er Jahre haben den langfristigen Marginalisierungstrend offenbar nicht aufhalten oder gar umkehren können. Eine Erklärung dafür ist, dass die von außen "erkauften" wirtschaftspolitischen Reformen oft nur halbherzig umgesetzt und nicht selten wieder zurückgenommen wurden (policy reversals), sobald die Kosten der Strukturanpassung größere innenpolitische Widerstände hervorriefen. Die tiefere Ursache dürfte jedoch in den fundamentalen Strukturdefiziten afrikanischer Länder zu suchen sein, die nur durch eine grundlegende Neuorientierung der gesamten Entwicklungsstrategie und Wirtschaftspolitik eines Landes behoben werden können:

    • Das Hauptproblem ist die geringe Investitionsneigung infolge der hohen politischen Risiken, der fehlenden oder unzulänglichen rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen, insbesondere der kaum entwickelten finanziellen Infrastruktur. Deutlichster Indikator für das schlechte Investitionsklima ist die enorme Kapitalflucht aus Afrika. Vermögende Afrikaner, so wird geschätzt, legen im Durchschnitt etwa 39 % ihres fungiblen Vermögens außerhalb Afrikas an, und dies, obwohl Afrika mit Abstand die kapitalknappste Weltregion ist. Für Südasien hingegen wird der Kapitalfluchtanteil am privaten Vermögen auf 3 %, für Ostasien auf 6 %, für Lateinamerika auf 10 % geschätzt2. Wenn Afrikaner selbst die Investitionsrisiken ihrer Länder so pessimistisch beurteilen, ist es kaum verwunderlich, dass Afrika kein Magnet für ausländische Direktinvestitionen ist - abgesehen von großen ausländischen Rohstoffunternehmen, die in ihren Projekten in Afrika den Mangel an öffentlichen Gütern (Infrastruktur, Sicherheit) mit eigenen Transportwegen und Sicherheitsdiensten überbrücken.
    • Zu den politischen Risiken kommen noch die hohen Kosten der Interaktion zwischen wirtschaftlichen Akteuren (Transaktionskosten), nicht nur wegen der unzureichenden Kommunikationsinfrastruktur, sondern vor allem wegen fehlender oder unzureichender rechtlicher und institutioneller Rahmenbedingungen. Ohne funktionierende Zivilgerichtsbarkeit bedarf es informeller Absicherungen, um die Einhaltung von Verträgen zwischen privaten Unternehmern durchzusetzen, oder hoher Risikoaufschläge für den Fall der Nichterfüllung.
    • Aufgrund der großen Entfernungen, der Binnenlage vieler afrikanischer Länder und der unterentwickelten Transportinfrastruktur sind die innerafrikanischen Transportkosten höher als in anderen Weltregionen. Im Export wird dieser Nachteil durch hohe Frachtraten infolge geringen Transportaufkommens und fehlenden Wettbewerbs zwischen meist staatlichen Schiffahrts- und Fluggesellschaften noch verstärkt.
    • Ein weiteres Strukturdefizit sind der niedrige Bildungs- und Ausbildungsgrad der Arbeitsbevölkerung und die geringe Zahl an qualifizierten Technikern, Ingenieuren und Managern, ein Problem, das durch Abwanderung noch verstärkt wird. Zusätzlich sehen Unternehmen die Früchte ihrer Ausbildungsleistungen nun noch durch die in Subsahara-Afrika besonders hohe HIV-Rate gefährdet.
    • Schließlich wurde der strukturelle Nachteil geringer Marktgröße durch die von den meisten afrikanischen Staaten verfolgte Importsubstitutionspolitik noch verschärft. Nachwirkungen dieser Politik in Form investitions- und exporthemmender Wechselkurse und noch immer überdurchschnittlich hoher Zölle sind noch in vielen afrikanischen Ländern vorhanden.

    Angesichts der vielen Strukturdefizite läßt sich Hoffnung auf eine Trendumkehr wohl nur darauf gründen, dass es sich (abgesehen von den klimatischen Risiken und den langen Transportwegen zumal für land-locked countries) überwiegend nicht um natürliche und damit unveränderliche Gegebenheiten handelt, sondern um historisch gewachsene und durch politische Entscheidungen gemachte Rahmenbedingungen, die auch verändert werden können. Eine besonders tiefe Krise kann die Regierungsübernahme der durch eine Koalition entwicklungsorientierter Reformkräfte erzwingen, die einen radikalen Kurswechsel der Wirtschaftspolitik durchsetzen kann. Ghana, Uganda, vielleicht auch Mosambik sind Beispiele für einen - hoffentlich - dauerhaften Kurswechsel.


    Strategische Option 1:
    Rückgewinnung verlorener Weltmarktanteile
    bei Primärgütern

    Verbreitet ist die Vorstellung, dass Afrika sich nicht aus der in der Kolonialzeit entstandenen Fixierung auf Rohstoffexport habe lösen können und durch den sinkenden Anteil der Primärgüter am Welthandel zwangsläufig marginalisiert worden sei. Dies ist aber nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich ist der Anteil der Primärgüter am gesamten Welthandel infolge geringer Einkommenselastizität der Nachfrage nach Rohstoffen, der zunehmenden Materialeffizienz industrieller Fertigung und der technologischen Substitutionskonkurrenz langfristig rückläufig, doch hat Afrika infolge seiner internen Angebotshemmnisse auch noch Anteile an diesem abnehmenden Weltmarktsegment eingebüßt. So ist der Weltmarktanteil Afrikas (einschließlich Nordafrika, aber ohne die Republik Südafrika) von 1970 bis 1997 bei Nahrungsgütern von 7,7 % auf 3,2 %, bei Agrarrohstoffen von 7,2 % auf 3,9 %, bei Erzen und Metallen von 10,2 % auf 2,5 % und bei Erdöl von 14,0 % auf 11,8 % gesunken3.

    Daraus ergibt sich die erste Empfehlung, dass es zumindest den afrikanischen Reformländern möglich sein sollte, verlorenes Terrain auf den Rohstoff-Weltmärkten zurückzuerobern. Die Befürchtung, dass eine Steigerung der afrikanischen Rohstoffexporte einen Verfall der Weltmarktpreise auslösen könnte, ist angesichts der inzwischen geringen Weltmarktanteile afrikanischer Länder kaum gerechtfertigt, zumal die bevölkerungsreichen asiatischen Länder dank ihrer Industrialisierungsdynamik zunehmend als Nachfrager auf den Weltrohstoffmärkten auftreten werden.

    Schätzungen zufolge verfügt Afrika über beträchtliche noch unerschlossene Vorkommen mineralischer Rohstoffe. Stabile politische Rahmenbedingungen und ein verbessertes Investitionsklima würden mehr ausländisches Engagement bei der Rohstoffexploration anregen. Ausländische Investitionen könnten zur Produktivitätssteigerung beim Abbau und zu mehr Wertschöpfung durch Weiterverarbeitung mineralischer Rohstoffe beitragen. Damit der durch Abwertungen allmählich sich herausbildende Lohnkostenvorteil afrikanischer Länder gegenüber anderen Rohstoffproduzenten wirksam wird, sind außerdem Investitionen in die Verbesserung der Transportinfrastruktur unerläßlich.

    Die Beispiele erfolgreicher Schwellenländer wie Malaysia oder Chile zeigen zudem, dass sich durch Agrarforschung die Erträge auch klassischer Agrarrohstoffe erheblich steigern lassen. So erzielen z. B. malaysische Palmölerzeuger doppelt so hohe Hektarerträge wie afrikanische Produzenten. Hinzu kommt die Vernachlässigung der Plantagen in den afrikanischen Bürgerkriegsländern. So erklärt sich, dass Malaysia und Indonesien ihren Anteil an der Welt-Palmölproduktion von zusammen 17 % Anfang der 60er Jahre auf 75 % Anfang der 90er Jahre erhöhten, während Afrikas Anteil im gleichen Zeitraum von 75 % auf 14 % zurückging4.

    Die erfolgreichen asiatischen Rohstoffexportländer, aber auch Botsuana und Mauritius, zeigen, dass es möglich ist, die Gewinne aus den Rohstoffexporten zur Verbesserung von Infrastruktur und Humankapital und zur Diversifizierung der Produktionsbasis und der Exporte zu nutzen. Insofern ist die Empfehlung, die Rohstoffexporte nicht zu vernachlässigen, kein Rezept für Stagnation und Unterentwicklung5.


    Strategische Option 2:
    Chancen bei nichttraditionellen Agrarexporten nutzen

    In vielen afrikanischen Ländern gibt es noch ungenutztes Potential für erhöhte Agrarproduktion durch Flächenerschließung, Agrarreformen und Produktivitätssteigerung6. Durch die wettbewerbsverzerrende Agrarpolitik der Industrieländer wurde die Nutzung dieses Potentials für den Export bisher erheblich behindert. Hier eröffnen die jüngsten Initiativen der EU und anderer Industrieländer zur Handelsliberalisierung vor allem für die am wenigsten entwickelten Länder neue Perspektiven. Eine neue WTO-Runde sollte darüber hinaus zu einer generellen Absenkung der Handelshemmnisse und wettbewerbsverzerrenden Subventionen im Agrarsektor führen.

    Allerdings ist die Senkung oder Beseitigung der Handelshürden nur eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für den Einstieg in den Export nichttraditioneller Agrarprodukte. Der Export verderblicher Gartenbauerzeugnisse (Gemüse, Obst, Schnittblumen) bedarf hochentwickelter Logistik und Qualitätskontrolle, um die Produkte schnell und in gewünschter Qualität an die Endverbraucher zu bringen. Hier bleibt den afrikanischen Newcomers zunächst einmal nichts anderes übrig, als das Know-how und die Finanzkraft europäischer Importfirmen mit ihren eingespielten Vermarktungskanälen in Anspruch zu nehmen. Dies gilt um so mehr, als die Nervosität der Verbraucher in Europa nach den diversen Agrarskandalen die Einführung immer neuer Umwelt- und Gesundheitsanforderungen erzwingt, die unmittelbar auch alle importierten Güter betreffen. Schon heute sehen die afrikanischen Länder darin die viel schwieriger zu überwindenden nichttarifären Importbarrieren. So wird z. B. geschätzt, daß allein die Verschärfung der Aflatoxin-Standards der EU für Getreide und Getreideprodukte, Trockenfrüchte, Gemüse und Nüsse die betroffenen Exporte afrikanischer Länder um die Hälfte verringern und Exporteinbußen von mehreren hundert Millionen US$ nach sich ziehen könnte7.

    Die afrikanischen Entwicklungsländer werden sich darauf einstellen müssen, ihre institutionelle Infrastruktur zur Kontrolle, zum Testen und Zertifizieren von Agrarprodukten nach den Standards der Exportmärkte auszubauen. Eine wichtige Aufgabe der Entwicklungszusammenarbeit wird es sein, die Partnerländer bei der Einhaltung der Gesundheits- und Umweltstandards der EU zu unterstützen, damit sie die neuen Exportchancen auf den europäischen Märkten auch nutzen können. Wenn die entsprechenden Institutionen zur Kontrolle von Produktionsmethoden und zum Testen und Zertifizieren von Produkten vorhanden sind, könnten afrikanische Produzenten und Exporteure sogar Ökoprodukte exportieren8.


    Strategische Option 3:
    Exportorientierte Industrialisierung

    Während Süd- und Südostasiens Weltmarktanteil bei verarbeiteten Industriegütern von 3,3 % 1970 auf 21,4 % im Jahre 1997 anstieg, verharrte Afrikas Anteil im selben Zeitraum bei 0,4 % (Afrika ohne RSA, aber einschließlich Nordafrika)9. Hat Afrika keine komparativen Vorteile für Industriegüterexporte? Tatsächlich wurde und wird diese Frage oft verneint, indem gesagt wird, Afrikas komparative Vorteile lägen aufgrund seiner natürlichen Ausstattung bei den Primärgütern, während eine exportorientierte industrielle Entwicklung wegen des relativ hohen Reallohnniveaus und der Kapitalknappheit weder möglich noch sinnvoll sei10. Doch sprechen immer mehr Argumente für die Wahrnehmung auch der industriellen Exportoption.

    Zum einen hat sich der komparative Vorteil bei den Primärgütern, wie oben dargelegt, aufgrund einer wenig dynamischen Weltnachfrage, sinkender Terms of trade und begrenzter Verflechtungseffekte vor allem des Bergbausektors mit der übrigen Wirtschaft für Afrika zu einem Nachteil entwickelt. Zum anderen erzeugt die zunehmende Verstädterung auch in Afrika einen immer größeren Bedarf an gewerblichen Arbeitsplätzen, und der frühere Wettbewerbsnachteil relativ hoher Reallöhne verliert durch Lohnanpassungen und Abwertungen zunehmend an Gewicht. Und schließlich zeigen die Exporterfolge der südost- und ostasiatischen Schwellenländer, dass die komparativen Vorteile durchaus nicht unveränderbar sein müssen. Dies gilt sogar für Länder, deren komparative Vorteile in früheren Jahren eindeutig bei Rohstoffen zu liegen schienen, wie z. B. Kautschuk, Palmöl und Zinn für Malaysia.

    Nun werden die afrikanischen Entwicklungsländer kaum die anspruchsvolle strategische Industrialisierungs- und Exportdiversifizierungspolitik kopieren können, mit der die asiatischen Schwellenländer die Chancen der Globalisierung aktiv genutzt haben.

    Statt ihre Steuerungskompetenz zu überfordern, müssen afrikanische Staaten sich auf eine moderne Rollenteilung mit der privaten Wirtschaft einlassen. Der Staat muss dauerhaft export- und investitionsförderliche Rahmenbedingungen schaffen und alle Hindernisse aus dem Weg räumen, damit die privaten Unternehmen Exportchancen wahrnehmen können. Dazu gehören nicht nur eine leistungsfähige Transport- und Kommunikationsinfrastruktur und ein den Anforderungen der Industrie angepasstes Ausbildungswesen, sondern auch ein von Zöllen und administrativen Importhemmnis- sen unbehinderter Zugang zu den für moderne industrielle Fertigung benötigten Inputs sowie ein angemessener realer Wechselkurs. In Exportfreizonen oder mit Duty-draw-back-Systemen lassen sich auch ohne vollständige Öffnung des gesamten Binnenmarktes annähernd Freihandelsbedingungen für Exportindustrien gewährleisten11.

    Je mehr die afrikanischen Länder den bisherigen Anti-export-bias ihrer Wirtschaftspolitik korrigieren, um so mehr kommen sie auch als Standorte für Auslagerungsinvestitionen multinationaler Unternehmen in Frage. Wenn dabei einheimische Unternehmen zunächst als Zulieferer nur indirekt am Export verarbeiteter Industriegüter beteiligt sind, ist dies kein Nachteil, sondern der erste Schritt des Learning by doing, bei dem Erfahrungen mit modernen Technologien, Fertigungs- und Vermarktungsmethoden sowie Qualitätsmanagement gesammelt werden, die Voraussetzung für spätere eigene Exporterfolge sind12. Bislang konnte Afrika dieses Potential der Globalisierung kaum nutzen: Von den insgesamt 205 Mrd. US$ ausländischer Direktinvestitionen (Foreign Direct Investment, FDI), die 1999 in Entwicklungsländern getätigt wurden, entfielen nur 6,3 Mrd. US$, also knapp 3 %, auf SSA (ohne Südafrika). Selbst davon flossen mehr als die Hälfte in die beiden "Rohstoffgiganten" Angola und Nigeria, und auch generell geht der Löwenanteil der FDI weiterhin in den Bergbausektor13.

    Dass auch in Afrika eine strategisch ausgerichtete Exportindustrialisierung möglich und erfolgreich ist, zeigt das Beispiel Mauritius. Das Land hat über Jahre hinweg hohe Wachstumsraten bei den Exporten verarbeiteter Industriegüter, einen hohen Exportanteil an der gesamten industriellen Wertschöpfung und einen vergleichsweise hohen Grad der Exportdiversifizierung. 1999 erreichte der Anteil der verarbeiteten Industriegüter am Gesamtexport von Mauritius 74,4 %14. Sicher könnten andere afrikanische Länder von Mauritius lernen, aber größere Ausstrahlungseffekte für die Region sind allein von Südafrika zu erwarten. Das würde jedoch erfordern, dass dieses Land ähnlich wie Südkorea oder Chile seinen traditionellen Primärgütervorteil gezielter als bisher in arbeits- und wissensintensivere Branchen ummünzen muss.

    Auch in anderen afrikanischen Ländern demonstrieren Unternehmen, dass sie exportieren können: Über 70 % der Industriebetriebe mit mehr als 100 Beschäftigten in Ghana, Kamerun, Simbabwe und Kenia exportierten Mitte der 90er Jahre regelmäßig - aber kaum ein Unternehmen exportierte mehr als 30 % seiner Produktion15. Neben einer Mindestunternehmensgröße ist offenbar die notwendige Risikostreuung ein wesentlicher Grund für die geringe Exportspezialisierung afrikanischer Unternehmen. Infolge unsicherer Rahmenbedingungen wie Wechselkursschwankungen sowie unzuverlässiger Verfügbarkeit von Krediten, Devisen und Inputs können afrikanische Exporteure kaum längerfristige oder große Serien umfassende Lieferbeziehungen eingehen, selbst wenn die betrieblichen Voraussetzungen hierfür vorhanden sind. Das Risiko der policy reversals läßt Unternehmer nur sehr zögerlich auf exportförderliche Reformen der Makropolitiken reagieren. Reformen schlagen daher nur langsam an, während verschlechterte Rahmenbedingungen sich unmittelbar und nachhaltig negativ auswirken16.


    Flankierung durch regionale Integration

    Neben den Reformoptionen auf nationaler Ebene bieten in jüngerer Zeit auch verschiedene Vorhaben der regionalen Integration in Subsahara-Afrika eine Reihe von Ansatzpunkten, die eine aktive Weltmarktintegration der afrikanischen Ökonomien deutlich erleichtern könnten. Wichtig ist, dass sich heute auch die afrikanischen Regierungen zum "neuen Regionalismus" bekennen, der im Gegensatz zu den reihenweise fehlgeschlagenen Integrationsexperimenten der 60er und 70er Jahre von einer größeren Weltmarktoffenheit gekennzeichnet ist.

    Die positive Wirkung der Regionalintegration beruht dabei nicht in erster Linie auf den Handelswirkungen des Zollabbaus. Dazu sind die Exportstrukturen der beteiligten Länder zu ähnlich, der Anteil des intraregionalen Handels an den Gesamtexporten liegt bei 10 %.

    Die eigentliche Chance der Regionalintegration liegt vielmehr darin, die Strukturdefizite afrikanischer Volkswirtschaften überwinden zu helfen und die Voraussetzungen für dynamisches Wachstum und Weltmarktintegration zu verbessern: Die Schaffung größerer integrierter Märkte ist eine Voraussetzung für die Ansiedlung von Industrien, die auch im extraregionalen Export Wettbewerbschancen wahrnehmen können, die Verbesserung der regionalen Infrastruktur trägt zur Senkung der Kosten für Transport, Kommunikation und Energie bei, die Harmonisierung der Steuern und des Handelsrechts fördert Transparenz und Berechenbarkeit der Rahmenbedingungen für Investoren - policy reversals mit negativen Folgen für das Investitionsklima sind im regionalen Verbund weniger leicht möglich (Locking-in-Effekt der Abgabe wirtschaftspolitischer Souveränität) -, und schließlich lassen sich das Bildungsniveau und die technologische Kapazität afrikanischer Länder durch Aufbau und Nutzung gemeinsamer Bildungs- und Forschungseinrichtungen schneller dem internationalen Niveau annähern, als wenn jedes kleine Land derartige Einrichtungen in unteroptimaler Größe und Ausstattung schüfe17.

    Zur Hoffnung auf makroökonomische Stabilisierung durch regionale Integration - die wohlgemerkt nur Katalysator und nicht Ersatz für nationale Wirtschaftspolitik sein kann - kommt in jüngerer Zeit noch die Aussicht hinzu, mit Hilfe der Regionalorganisationen funktionsfähige regionale Konfliktbearbeitungsmechanismen zu etablieren, die zur politischen Stabilisierung beitragen. Sowohl die ECOWAS als auch die SADC haben in diesem Bereich positive Initiativen vorzuweisen, die jedoch konsequent weitergeführt werden und an Autorität gewinnen müssen.


    Unterstützung durch die Industrieländer

    Auch wenn die Hauptverantwortung für die Schaffung investitionsförderlicher Rahmenbedingungen und exportfördernde wirtschaftspolitische Reformen bei den afrikanischen Regierungen liegt, können die Industrieländer die notwendigen Reformprozesse durch Beseitigung noch vorhandener Handelsbarrieren wesentlich unterstützen. Hier gibt es in jüngster Zeit ermutigende Signale.

    So hat die EU ab März 2001 die Importe aus den 48 am wenigsten entwickelten Ländern (LDC) von allen Zöllen und mengenmäßigen Beschränkungen befreit. Ausgenommen von der Liberalisierung sind lediglich Waffen und Munition - daher die Bezeichnung Everything-but-arms-Initiative - sowie die drei Agrarprodukte Zucker, Reis und Bananen, für die nur eine schrittweise Beseitigung der Zölle bis 2009 vorgesehen ist18. Im Prinzip haben sich auch die anderen Industrieländer bereit erklärt, die Exportanstrengungen der least developed countries durch vollständige Marktöffnung zu unterstützen.

    Es wird geschätzt, dass die 37 LDCs in Subsahara-Afrika durch die angekündigten Marktöffnungen der EU, der USA und Japans mit einem Anstieg der Exporte (außer Öl) von 14 % und einem davon ausgelösten Einkommenszuwachs von 1 % rechnen können19. Dabei unterschätzen ökonometrische Modellrechnungen üblicherweise die positiven Wirkungen von Handelsöffnungen, weil sich die dynamischen Effekte, die ein vergrößerter Zustrom ausländischer Direktinvestitionen zur Folge hat, nur schwer prognostizieren lassen.

    Die übrigen afrikanischen Entwicklungsländer, also die Nicht-LDCs, genießen im Rahmen des EU-AKP-Abkommens von Lomé schon lange weitgehend freien Zugang für verarbeitete Industriegüter, den sie bisher wegen der angebotsseitigen Engpässe nur wenig nutzen konnten. Eingeschränkt ist dies durch Ursprungsregeln, die eine Mindestverarbeitungstiefe in Afrika voraussetzen. Dank der Lomé-Assoziation Südafrikas können aber die übrigen Lomé-Länder nun auch südafrikanische Inputs für zollfreie Exporte in die EU verwenden.

    Auch diese Länder können mit weiteren Verbesserungen des Marktzugangs nach Europa, insbesondere für Agrarprodukte, rechnen. Zum einen sollte die nächste WTO-Runde dazu beitragen, dass die zur Zeit teilweise noch sehr hohen Agrarzölle der EU gesenkt und die wettbewerbsverzerrenden Subventionen abgebaut werden. Zum anderen wurden mit dem Cotonou-Abkommen die Weichen für eine schrittweise Verwirklichung (ab 2008) interregionaler Freihandelsbeziehungen zwischen der EU und regionalen Integrationsräumen von AKP-Ländern gestellt. Die Einbeziehung des Agrarsektors sollte eine sichere Grundlage für export-orientierte Investitionen bieten. Mit dem Angebot interregionaler Freihandelsbeziehungen schafft die EU zugleich einen Anreiz für die afrikanischen Länder, ihre Regionalintegrationsansätze zu vertiefen.

    Darüber hinaus kann die Entwicklungszusammenarbeit einen wesentlichen Beitrag für eine aktive weltwirtschaftliche Integration Afrikas leisten, indem sie die Länder dabei unterstützt, die Transaktionskosten des Wirtschaftens deutlich zu senken und technologische Kompetenz aufzubauen.

    Dies geht über die - weiterhin notwendige - Verbesserung der physischen Infrastruktur weit hinaus und umfasst Bereiche wie die Modernisierung des Bildungswesens, insbesondere des tertiären Bildungssektors, den Aufbau von wirtschaftsnahen Technologie- und Forschungsinstitutionen sowie die Förderung eines privaten Unternehmertums, das in der Lage ist, die bestehende Produktivitätslücke zu schließen und eigene technologische Kompetenz zu erwerben. Selbst wenn ein technologisches "leap-frogging" für viele Länder des Kontinents kaum möglich sein wird, muss Afrika bei der Einführung und Nutzung neuer Kommunikations- und Informationstechnologien unterstützt werden, damit der "digitale Graben" nicht noch größer wird. Südafrika könnte hierbei für den Kontinent eine Schlüsselrolle spielen.


    1) UNCTAD: Handbook of International Trade and Development Statistics. New York 1991 - 2000, Tab. 1.9.

    2) Paul Collier, Jan Willem Gunning: Explaining African Economic Performance, in: Journal of Economic Literature, Jg. 37, März 1999, S. 64-111, hier: S. 92 f.

    3) UNCTAD: Handbook of International Trade and Development Statistics 1991, Tab. 3.3 / UNCTAD: Handbook of Statistics 2000, Tab. 3.2.

    4) World Bank: Global Economic Prospects and the Developing Countries 1996, Kap. 4: Integration of successful commodity producers, S. 47 ff., hier: S. 53

    5) Vgl. Adrian Wood, Jörg Mayer: Africa’s Export Structure in a Comparative Perspective, in: Cambridge Journal of Economics, Vol. 25, 2001, S. 369-394

    6) Vgl. den Beitrag von Uwe Otzen in diesem Heft.

    7) Tsunehiro Otsuki, John S. Wilson, Mirvat Sewadeh: A Race to the Top? A Case Study of Food Safety Standards and African Exports. World Bank Research Working Paper Nr. 2563. Washington Febr. 2001

    8) UNCTAD: Ways to Enhance the Production and Export Capacities of Developing Countries of Agriculture and Food Products Including Niche Products, such as Environmentally Preferable Products (TD/B/COM.1/EM.15/2). 11.05.2001 Vgl. auch Jürgen Wiemann et al.: Challenges and Opportunities for Zimbabwean Exports Arising from Environmental Requirements in Europe. Berlin, DIE 1998

    9) wie Endnote 3

    10) Zuletzt Adrian Wood, Jörg Mayer: Africa’s Export Structure..., a.a.O. En. 5

    11) Vgl. Peter Harrold, Malathi Jayawickrama, Deepak Bhattasali: Practical Lessons for Africa from East Asia in Industrial and Trade Policies. World Bank Discussion Papers, Nr. 310. Washington 1996

    12) Ibrahim A. Elbadawi: Can Africa Export Manufactures? The Role of Endowment, Exchange Rates and Transaction Costs, World Bank Research Working Paper Nr. 2120. Washington o.J.

    13) UNCTAD: Handbook of Statistics 2000, Tab. 5.3.

    14) UNCTAD: Handbook of Statistics 2000, Tab. 4.1.

    15) Dies belegen die Panel-Daten der Industrial-Surveys-in-Africa-Gruppe, Arne Bigsten et al.: Exports of African Manufactures - Macro Policy and Firm Behaviour, in: Journal of International Trade and Economic Development, Vol. 8, 1999, Nr. 1, S. 53-71

    16) Vgl. z. B. Regine Qualmann: SMEs Adjusting to the CFA Franc Devaluation in Senegal, in: Small Enterprise Development, Vol. 8, 1997, Nr. 3, S. 26-34

    17) Zu den Chancen von Locking-in- und Konvergenz-Effekten in der SADC vgl. Hartmut Brandt et al. (2000): Ansatzpunkte zur Förderung der Regionalintegration in der Southern African Development Community (SADC). Bonn, DIE, S. 66-84, sowie Carolyn Jenkins (2001): Integration and Co-operation in Southern Africa. OECD Development Centre Technical Papers No. 172. Paris, March 2001,S. 26

    18) Verordnung (EG) Nr. 416/2001 des Rates v. 28. Februar 2001, in: Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften Nr. L 60/43-50 v. 1.3.2001

    19) Elena Ianchovichina, Aaditya Mattoo, Marcelo Olarreaga: Unrestricted Market Access for Sub-Saharan Africa: How much Is it Worth and Who Pays? World Bank Research Working Paper Nr. 2595. Washington April 2001


    Regine Qualmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Afrika-Abteilung des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) und arbeitet über Privatwirtschaftsförderung und regionale Integration in Subsahara-Afrika.
    regine.qualmann@die-gdi.de

    Dr. Jürgen Wiemann ist stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) und Experte für Welthandelsthemen.
    juergen.wiemann@die-gdi.de



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