E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 9, September 1998, S. 223)


Editorial

Die frustierte Moderne des Islam

Reinold E. Thiel


In keiner anderen Weltregion hat sich das europäisch-nordamerikanische Modell von Demokratie so wenig durchsetzen können wie in Nordafrika und im Nahen Osten, auch darüber hinaus in Ländern wie Iran, Pakistan und Indonesien, kurz: im islamischen Raum. Es liegt nahe, die Ursachen dafür in der Religion zu suchen, und so ist vielfach argumentiert worden. Die Vertreter eines fundamentalistischen Islam selbst, wie Maududi oder Qutb, bestehen darauf, daß die Vorstellung einer Souveränität des Volkes mit dem islamischen Glauben unvereinbar sei, weil für diesen alle Souveränität bei Gott liege. Und da es nur eine Wahrheit gebe, könnten nicht mehrere Parteien miteinander um die Wahrheit streiten.

Aber solche Vorstellungen hat es in früheren Phasen des Christentums auch gegeben, sie sind nicht spezifisch islamisch. Sie sind spezifisch für eine Gesellschaft, die die Trennung zwischen der religiösen und der staatlichen Sphäre (noch) nicht vollzogen hat, die ein Zeitalter der Aufklärung (noch) nicht durchlaufen hat. Ist die islamische Gesellschaft dazu nicht in der Lage, oder wenn doch, was hat sie daran gehindert?

Ob der Islam von sich aus die Möglichkeit zur Hervorbringung eines aufklärerischen Denksystems hätte, ist eine müßige Frage. Die Zeit, in der Gesellschaften sich isoliert von äußeren Einflüssen entwickeln können, ist vorbei – spätestens seit dem 19. Jahrhundert, als Europa die ganze Welt kolonisierte. Aber zu diesem Zeitpunkt, als die Gedankenwelt der europäischen Aufklärung für die islamischen Intellektuellen verfügbar wurde, gab es bei ihnen die Hoffnung, diese müsse sich aneignen und zur Modernisierung des Islams nutzen lassen. Große Hoffnungen richteten sich auf Europa: Hoffnungen auf eine politische wie geistige Befreiung und Selbstbestimmung.

Diese Hoffnungen jedoch, das ist die These von Werner Rufs Beitrag in diesem Heft, wurden frustriert durch den Hochmut des europäischen Kolonialismus, der sich am Exotismus des Orients delektierte, aber auf die geistige und politische Schicht dieser Länder hinabblickte und in ihnen keine gleichberechtigten Gesprächspartner suchte. Die großen ägyptischen Reformer und Modernisierer Mehmed Ali und Ismail, die ähnlich wie in Japan der Meji-Kaiser einen Anschluß an die europäische Entwicklung suchten, wurden in finanzielle Abhängigkeit gebracht und entmachtet. Nach dem selben Schema wurden am Ende des I. Weltkriegs auch die Länder der Levante kolonisiert.

Diese Erfahrungen mit Europa prägten die islamische Welt für zwei Jahrhunderte. Die Zurückweisung der Modernisierungsbestrebungen durch Europa, mit dem man doch die gleichen geistigen Wurzeln in der Philosophie des Aristoteles zu haben glaubte, führte zu einem anderen, entgegengesetzten Prozeß der Selbstfindung: einem, der auf die Wurzeln des islamischen Glaubens zurückführte. Hier ist der Ursprung des islamischen Fundamentalismus von heute. Er ist entstanden in der Auseinandersetzung mit einem Europa, das einen aufgeklärten Islam so lange für unmöglich erklärte, bis dies von den Islamisten als Selbstbild übernommen wurde.

Heute wird, Volker Perthes beschreibt es, der gesamte arabisch-islamische Raum dominiert vom Modell des „arabischen Sicherheitsstaates“. In einigen Ländern gibt es Parlamente (Majlis al-Watani) und Wahlen, die aber nicht so angelegt sind, daß sie zum Wechsel der Machthaber führen können, in anderen (der Mehrzahl der Golfstaaten) gibt es nur beratende Versammlungen (Majlis al-Shura), deren Mitglieder vom autokratischen Herrscher selbst berufen werden.

Kurz nach dem 2. Golfkrieg schien es für einen historischen Moment, als ob sich hier etwas ändern könnte. Die Frage drängte sich auf, ob denn die Bevölkerung Kuwaits oder Saudi-Arabiens mehr demokratische Freiheiten genieße als die des Irak, und welche Systeme hier eigentlich vom Westen verteidigt wurden. Der französische Präsident Mitterrand machte den vernünftigen Vorschlag, die reichen Ölstaaten (das BIP pro Kopf in Kuwait war zehnmal so hoch wie das im Irak) sollten einen Fonds gründen, aus dem die ärmeren Nachbarländer (wie Jordanien und Jemen) bezuschußt werden könnten, und in einigen der Ölstaaten wurde die Einrichtung demokratischer Parlamente diskutiert. Dazu hätte es, neben eigener Einsicht, des Drucks aus dem Westen bedurft, der damals Erfolg hätte haben können. Aber die USA zeigten sich an dieser Frage desinteressiert, und alles blieb beim alten. Auch das 1975 aufgelöste Parlament von Bahrain wurde nicht wiederhergestellt.

Während am Golf die alten Herrscherfamilien mit religiöser Begründung Wahlen verweigern, wollen in Algerien und der Türkei religiös orientierte Parteien gerade durch Wahlen den Gottesstaat herstellen, und man wird vermuten dürfen, daß sie die Demokratie rasch wieder abschaffen würden, wenn es ihnen gelänge, die Macht zu übernehmen.

Findet sich also nirgends in dieser Region Demokratie im westlichen Sinne? Es gibt sie, dem Anschein nach, in Israel. Die Emigranten aus Europa, die diesen Staat gründeten, haben die demokratischen Ideale Europas mitgebracht, und das israelische Parteiensystem ähnelt in vielem dem der europäischen Staaten. Aber die Emigranten haben auch die im kolonialen Europa verwurzelten Vorstellungen von Apartheid mitgebracht, und so hat ein knappes Fünftel der Bevölkerung, die Araber, nur stark eingeschränkte Bürgerrechte. Und auch in den palästinensischen Gebieten gibt es ein demokratisches Parteien- und Wahlsystem nur dem Namen nach. Arafat findet es schwer, die autokratischen Allüren des Chefs einer Befreiungsorganisation abzulegen, und diejenigen Palästinenser, die nicht in der Emigration waren, finden sich unterrepräsentiert. Der Rücktritt von Hanan Ashrawi hat den Konflikt gerade wieder deutlich gemacht.

So hat es den Anschein, als ob in dieser wichtigen Weltregion, die Europa geographisch so nahe liegt und die, in der ersten Hälfte dieses Jahrtausends, einen so bedeutenden geistigen Einfluß auf Europa ausübte, die Entwicklung zu Demokratie und Rechtsstaat am weitesten zurückliegt. Um so aufmerksamer muß man beobachten, welche Auswirkungen der Versuch der EU haben wird, im Rahmen des „Barcelona-Prozesses“ im Mittelmeerraum „Frieden, Stabilität und Wohlstand, eine Stärkung der Demokratie und die Achtung der Menschenrechte“ zu fördern.



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