E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 9, September 1999, S. 231)
Neue Diagnose für Afrika
Reinold E. Thiel
Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes schien es für kurze Zeit, als breche auch in Afrika eine neue Ära an, eine Ära der Demokratie, des wirtschaftlichen und sozialen Aufschwungs. Aber die Hoffnungen erfüllten sich nicht, oder doch nur in wenigen Staaten. Auch eine kurze Episode im vorigen Jahr, als die USA mit großem Public-Relations-Getöse eine "afrikanische Renaissance" verkündeten und Bill Clinton den Kontinent bereiste, ist vorübergegangen, ohne Spuren zu hinterlassen. Cord Jakobeit beschreibt es in diesem Heft. Die Heroen der angeblichen Renaissance haben inzwischen neue Kriege vom Zaun gebrochen oder die alten weitergeführt. Heute ist Afrika wieder, was es schon lange war, der Kontinent der Krisen, und die Zeichen der Hoffnung sind rar. Sicher ist richtig, was Uschi Eid schreibt, dass man die Länder des Kontinents nicht über einen Kamm scheren darf; die Differenzierung hat sich in den letzten Jahren eher noch vertieft. In einigen Staaten gibt es weiterhin Hoffnung weniger in den von Bill Clinton gepriesenen, zwischen Eritrea und Ruanda, die sämtlich enttäuschten aber zum Beispiel in Mali, einem der ärmsten Länder, das sich dennoch entschieden bemüht, die Armut zu bekämpfen und die Bevölkerung am politischen Prozess zu beteiligen. Länder wie dieses verdienen eine entschlossene Förderung. Es sind wenige.
Worin kann die Förderung bestehen? Es gibt bisher in Afrika kaum Erfolgsgeschichten der Entwicklungszusammenarbeit (jedenfalls wenn man von der staatlichen Ebene spricht). Der erste große Versuch, Afrika auf den Weg in die Moderne zu helfen, waren die vor 20 Jahren lancierten Strukturanpassungsprogramme (SAP) von Weltbank und IWF. Die Programme begannen damit, die ausgewucherten Beamtenapparate der afrikanischen Staaten zu reduzieren; dies erreichten sie, aber die Verwaltungen waren anschließend ineffizienter als vorher, weil jeder, der Initiative hatte, seine Abfindung nahm und in die Privatwirtschaft ging die Unfähigen blieben. Auch sonst hatten die SAPs das Ziel, die Staatshaushalte einzuschränken also wurden die Ausgaben für Erziehung und Gesundheit gekürzt, aber die fürs Militär eher noch gesteigert, weil man möglichen Unruhen vorbeugen musste. Auf wirtschaftlichem Gebiet sollten, nach neoliberalem Rezept, die "Rahmenbedingungen" für Wachstum geschaffen werden, vor allem für einen Anschluss der afrikanischen Länder an den Weltmarkt, an den Globalisierungsprozess. Aber das führte nur dazu, dass Afrika verstärkt das lieferte, was es schon immer geliefert hatte: Rohstoffe. Und je mehr das Rohstoffangebot auf einem bereits gesättigten Markt wuchs, umso mehr sanken die Preise. Zum Aufbau von verarbeitenden Industrien kam es in den seltensten Fällen. Der senegalesische Finanzexperte Sanou Mbaye, der diesen Mechanismus untersuchte1, kam zu dem Schluss: "Die Globalisierung bannt Schwarzafrika in die Rolle des Rohstofflieferanten." In diesem Heft berichten Barbara Unmüßig, Miriam Walther und Helmut Asche über die SAPs und damit zusammenhängende Initiativen. Ihr Resümee: Die Wirtschaft wächst, die Armut bleibt.
Wenn also die makroökonomischen Rezepte der neoliberalen Schule, des "Washington Consensus" nicht in der Lage waren, Afrika zu helfen, woran lag das? Der wichtigste Grund ist, dass man sich vor der Rezeptur nicht die Mühe gemacht hatte, eine gründliche Diagnose zu stellen. Das Instrumentarium der Strukturanpassungsprogramme und der Globalisierung wurde entworfen in den Theorie-Seminaren US-amerikanischer Universitäten, ohne Kenntnis der Realität afrikanischer Politik- und Wirtschaftsprozesse. Ulrich Schiefer, der lange Jahre in Afrika gearbeitet hat, unternimmt in seinem Beitrag zu diesem Heft den Versuch, die Besonderheiten afrikanischen Wirtschaftsdenkens zu beschreiben, das sich inzwischen weitgehend auf "Renteneinkommen", auf die mühelosen Transfers der Entwicklungshilfe, der Öllizenzen und des Diamantenschmuggels eingestellt hat. Aber diese Transfers führen nicht zu Entwicklung, sie versickern ohne Spur. Schiefer spricht von einer "dissipativen Ökonomie". Dazu kommt, wie Thierry Michalon zeigt, dass das in Afrika vorherrschende Staatssystem, das an Frankreich und den USA orientierte Modell der Präsidialherrschaft (mit seiner "fast monarchischen Machtfülle"), den Aufbau demokratischer Kontrollsysteme ebenso wie marktorientierter Wirtschaftssysteme verhindert, weil das wichtigste Herrschaftsinstrument die Vergabe von Pfründen ist. Der Präsident, wie der traditionelle König oder Häuptling, hat für die Mitglieder seines Klans zu sorgen.
Aber es gibt auch Hoffnung. Die für Afrika wichtigste Entwicklung der letzten Jahre hat sich nicht dort, sondern in Washington abgespielt. Die Weltbank hat begriffen, dass mit rein ökonomischen Programmen Afrika nicht zu helfen ist, dass, wie Joseph Stiglitz sagt, Entwicklung ein Transformationsprozess der ganzen Gesellschaft ist, dass man zwar in die Wirtschaft investieren, zugleich aber auch die sozialen Strukturen fördern muss, in einem alles umfassenden, integrierten Programm. Weltbank-Präsident Wolfensohn nennt das ein "comprehensive development framework". Und noch mehr: In einer umfassenden Studie2, dem wichtigsten Buch, das in den letzten Jahren zur Entwicklung Afrikas geschrieben wurde, hat die Bank sich von einem afrikanischen Sozialwissenschaftler, Mamadou Dia, eine neue Diagnose der afrikanischen Probleme aufschreiben lassen, deren Angelpunkt darin besteht, dass die modernen Institutionen, die aus Europa importierten Spielregeln der Industriegesellschaft, den traditionellen Institutionen Afrikas nur übergestülpt, nicht aber mit ihnen versöhnt wurden. Was Dia fordert, ist also, das kulturelle und gesellschaftliche Erbe Afrikas ernst zu nehmen und zum Ausgangspunkt für Veränderungen zu machen, statt einfach so zu tun, als existiere es nicht. Erst wenn dies geschieht, sagt Mamadou Dia, kann es in Afrika Entwicklung geben. Nun darf man gespannt sein, ob die Weltbank diese von ihr selbst in Auftrag gegebene Studie in ihrer Arbeit ernst nimmt. Und auch der deutschen EZ kann die Diagnose von Mamadou Dia nicht dringlich genug ans Herz gelegt werden. 1) Sanou Mbaye, in: Le Monde Diplomatique, Juni 1997 E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE) Redaktionsanschrift: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach 100 801, D-60008 Frankfurt
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