Editorial


01/2003
 

Ein neuer Start

In neuem Gewand zeigt sich Entwicklung und Zusammenarbeit mit dem ersten Heft für 2003. Dem sind lange Diskussionen vorausgegangen. Das bisherige Lay-out war altmodisch, aber gerade dadurch ein Markenzeichen geworden – der Grund, es so lange beizubehalten. Nun ist die Entscheidung für die Modernisierung gefallen. Das neue Lay-out wird noch für einige Zeit gewöhnungsbedürftig sein, für die Redaktion wie für die Leser.

Was bedeutet das für den Inhalt? Auch hier gab es Diskussionen, auch hier wurden Veränderungen angedacht. Am Ende stand die Entscheidung, dass E+Z bleiben soll, was es seit vielen Jahren war: ein Forum für die fachliche und politische Diskussion in der entwicklungspolitischen Community, in dem Dreieck zwischen Praxis, Forschung und Politik. Für diese Entscheidung ist die Redaktion der Leitung von InWEnt und der Leitung des Ministeriums dankbar. In den vergangenen Jahren hat sich immer wieder gezeigt, dass E+Z mit diesem Konzept eine wichtige Funktion hat. Die Diskussion wurde aus engen Zirkeln in eine breitere Fachöffentlichkeit getragen, um möglichst vielfältige Erfahrungen und Anregungen nutzbar zu machen. In E+Z schrieben Autoren aus den staatlichen Durchführungsorganisationen wie aus Nichtregierungsorganisationen, aus Hochschulen und Instituten, aus dem Bundestag wie aus dem BMZ und anderen Ministerien. Hier wurde Meinungsstreit ausgetragen, hier durfte Kritik geübt werden und war sogar erwünscht – nie allerdings Polemik: Kritik soll in E+Z immer konstruktiv sein. Unser wichtigstes Ziel ist: beizutragen zur Weiterentwicklung der entwicklungspolitischen Konzepte und Strategien.

Auch in unserer Leserschaft spiegelte sich diese Vielfalt der entwicklungspolitischen Community. Allerdings gab es immer auch Leser darüber hinaus. E+Z wurde in der politischen Bildung genutzt, in vielen Schulen als Unterrichtsmaterial verwendet, von zahlreichen allgemein Interessierten gelesen. Das wollen wir in Zukunft ausbauen, eine noch breitere Leserschaft ansprechen. Politische Diskussion, und ganz gewiss eine Diskussion, die es mit weltweiter friedlicher und nachhaltiger Entwicklung zu tun hat, geht alle Bürger an. (Dazu gehört auch die Diskussion über E+Z, über unser inhaltliches Konzept wie über unsere neue Gestalt: Wir würden uns freuen, wenn wir dazu Reaktionen von unseren Lesern bekämen.)

Ausgeweitet werden soll die Reichweite von E+Z auch dadurch, dass sie künftig parallel und inhaltsgleich in einer deutschen und einer englischen Ausgabe erscheint. Die deutsche entwicklungspolitische Diskussion war bisher im internationalen Raum zu wenig vernehmbar, wie immer wieder in Gesprächen mit Partnern aus den internationalen Organisationen, aus anderen Geberländern und aus der Dritten Welt deutlich wurde. Wenn in der Weltbank nach Referenten für internationale Konferenzen gesucht wurde, fielen nur selten deutsche Namen, weil man sie nicht kannte. Dass sich das künftig ändert, dazu soll die englischsprachige Ausgabe von E+Z beitragen. Leider muss gleichzeitig mitgeteilt werden, dass unsere (inhaltlich selbstständigen) Schwesterzeitschriften D+C in englischer, französischer und spanischer Sprache eingestellt werden. Die Zwänge des Bundeshaushalts machten diese Entscheidung wohl unvermeidbar. Das ist ein großer Verlust. Die Redaktion von E+Z spricht den Kollegen Dieter Brauer, Reinhold Meyer und Jorge Pablo Kummetz ihren herzlichen Dank für die langjährige enge und freundschaftliche Zusammenarbeit aus.

Schwerpunktthema dieses Heftes sind Friedensdienst und Konfliktbearbeitung. Entwicklungspolitik hat sich in den letzten Jahren radikal verändert – jedenfalls in ihren Konzepten, wenn auch nicht immer schon in der Praxis. Wo wir früher von Rahmenbedingungen sprachen, die unsere Arbeit beeinflussten, die aber selbst unserem Einfluss entzogen waren, da wissen wir heute, dass es vor allem darauf ankommt, diese Rahmenbedingungen zu verändern. Entwicklungspolitik muss Strukturpolitik sein, auf globaler wie auf nationaler Ebene. In einer zunehmenden Anzahl von Ländern wird Entwicklung durch kriegerische Auseinandersetzungen unmöglich gemacht. Darauf muss Entwicklungspolitik reagieren, aber auch die Politik anderer Ressorts. Dazu gehört, dass der Norden den betroffenen Ländern hilft, die sozialen Probleme zu lösen, die vielfach die Konflikte auslösen; dazu gehört aber auch die unmittelbare Bearbeitung der Konflikte. Die Antwort auf diese Herausforderung ist das Konzept der zivilen Konfliktbearbeitung und des zivilen Friedensdienstes.

Seit 1998 gehört internationale Konfliktprävention zu den Prioritäten der Bundesregierung; so steht es in der ersten rot-grünen Koalitionsvereinbarung. Die ersten praktischen Erfahrungen mit dem Zivilen Friedensdienst hat das BMZ evaluieren lassen, Christine Freitag berichtet darüber. Einstweilen überwiegen die Schwierigkeiten: Woher nimmt man eigentlich Leute, die die Fähigkeit haben, in Konflikten zu schlichten, wie bereitet man sie vor, wie sehen die Konzepte für diese Arbeit aus? Auch die „Friedensfachkräfte“ selbst können durch die Konflikte, in denen sie tätig sind, traumatisiert werden – brauchen sie Betreuung? Diese Frage untersuchen Petra Wünsche und Karin Döhne vom Evangelischen Entwicklungsdienst. In den USA sind Vertreter von mehr als 100 internationalen Friedensorganisationen zusammengekommen, um ihre Erfahrungen auszutauschen: Reflecting on Peace Practice; darüber berichtet Wolfgang Heinrich. In Deutschland gibt es inzwischen eine Initiative zur konkreten Friedensarbeit auch im Auswärtigen Amt, nicht als Konkurrenz zu den Aktivitäten des BMZ, sondern als Ergänzung auf anderer Ebene. Das AA hatte ein Gutachten von dem Friedens- und Konfliktforscher Winrich Kühne erbeten und ihn dann beauftragt, ein Zentrum für Internationale Friedenseinsätze aufzubauen; seine Mitarbeiterin Monika Benkler berichtet darüber. Ist das alles Entwicklungspolitik, oder brauchen wir ein neues Wort dafür? Oder fangen wir jetzt erst an zu verstehen, was Entwicklungspolitik bedeutet?


Von Reinold E. Thiel