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Meinung
Afghanistan: Die Zusammenarbeit der Geber muss besser werden
Schutz der Armen statt Schutz von Patenten

01/2003 |
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Afghanistan: Die Zusammenarbeit der Geber muss besser werden
Neue Impulse für die Zukunft Afghanistan sollte die internationale Konferenz Anfang Dezember auf dem Petersberg bei Bonn bringen. Die hat das Land auch bitter nötig, sagt Bernt Glatzer, der kurz vor der Konferenz am Hindukusch war und an einer Studie für die GTZ und die Friedrich-Ebert-Stiftung zur Sicherheitssituation mitgearbeitet hat. Glatzer ist Mitarbeiter der InWEnt-Vorbereitungsstätte für Entwicklungszusammenarbeit in Bad Honnef und Vorsitzender der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft Afghanistan. Er beschäftigt sich seit über dreißig Jahren intensiv mit dem Land und hat dort mehrere Jahre gelebt und gearbeitet.
Herr Glatzer, Präsident Hamid Karsai hat auf dem Petersberg gesagt, in einem Jahr solle es in Afghanistan keine Soldaten mehr außerhalb der nationalen Armee geben. Ist das realistisch?
Nein, in einem Jahr ist das nicht zu schaffen. Das Land ist übersät mit Milizen; jeder Polizeichef in der Provinz versucht, seine eigene Privatarmee aufzubauen.
Wie kann das denn unterbunden werden?
Zunächst einmal müsste Karsais Regierung mehr werden als bloß die Stadtverwaltung für Kabul. Im Hinterland hat die Regierung kaum Macht, ja sie verfügt für weite Teile der Bevölkerung nicht einmal über Legitimität.
Die Ausweitung des Machtbereichs der Regierung ist also nicht nur ein technisches Problem?
So ist es. Jetzt zeigt sich, wie stark bei der Loya Dschirga im Sommer manipuliert wurde. Die mächtigen Vertreter der Pandschiris Verteidigungsminister Mohammed Fahim, Außenminister Abdullah und der jetzige Schulminister Yunis Qanuni bilden das Triumvirat, das die Regierung beherrscht und gleichzeitig seine Fäden zu vielen Polizei-, Armee-, und Geheimdienstchefs in den Provinzen gesponnen hat. Das wird außerhalb des Pandschir-Tals von der Bevölkerung einfach nicht akzeptiert. Und Karsai ist nicht in der Lage, diese Leute unter Kontrolle zu bringen.
Für das Ziel, Afghanistan zu stabilisieren, sind das düstere Aussichten.
Ja, und mir fällt auch keine einfache Lösung ein. Vielleicht muss das Ausland viel mehr Druck machen als bisher, um die mafiosen Strukturen in der staatlichen Verwaltung zu zerschlagen.
Das Ausland hat aber auch eigennützige Interessen
Ich glaube schon, dass die meisten ausländischen Akteure an Stabilität interessiert sind. Allen voran die Amerikaner, die Zugang zu den Öl- und Gasvorkommen in den Ländern nördlich von Afghanistan haben wollen
die Amerikaner rüsten doch die Milizen kräftig auf als Verbündete im Kampf gegen den Terrorismus.
Das stimmt, die Politik der Vereinigten Staaten ist widersprüchlich. Einerseits unterstützen sie Karsai, andererseits unterminieren sie durch ihre Zusammenarbeit mit den Warlords den letzten Rest an Autorität, den die Zentralregierung noch hat.
Was hat ein Jahr internationale Entwicklungszusammenarbeit mit Afghanistan gebracht?
Die Erfolge kann man vor allem in den Städten sehen. Da passiert enorm viel, auch an privatwirtschaftlicher Initiative. Gleichzeitig allerdings gibt es sehr viele Landflüchtlinge, die keine Perspektive in ihren Heimatprovinzen haben. Flächendeckend geschieht einfach zu wenig. Die Helfer haben sich gewissermaßen in Kabul verschanzt und trauen sich nicht heraus, weil es im Hinterland angeblich zu unsicher ist.
Zu Unrecht? Es sind doch im November zwei deutsche Helfer überfallen worden?
Ja, aber das war praktisch noch in Kabul. In West-Afghanistan zum Beispiel ist die Sicherheitssituation viel günstiger als in Kabul. Trotzdem geht da kaum einer hin. Aber auch das ändert sich: Ab nächstem Jahr soll es deutsche Entwicklungszusammenarbeit ja auch in den Provinzen geben.
Die Bundesregierung zeigt sich zufrieden mit ihrer Hilfe für Afghanistan. Sind Sie es auch?
Natürlich trifft man überall auf Spuren der deutschen Zusammenarbeit; man sieht, dass Schulen gebaut und Krankenhäuser instandgesetzt wurden. Wenn ich Schulen sehe, dann frage ich mich aber auch, wer bezahlt die Lehrer, die darin unterrichten sollen, wer bildet sie aus. Wenn man mit Lehrern spricht, dann hört man, dass die monatelang kein Gehalt kriegen, und wenn sie welches bekommen, dann ist es so gering, dass sie davon nicht leben können.
Hat sich denn niemand Gedanken darüber gemacht, wie die Lehrer bezahlt werden sollen?
Offiziell gibt es eine internationale Arbeitsteilung. Es ist schon sinnvoll, dass Deutschland Schulen aufbaut. Aber dann muss es auch ein anderes Land geben, das sicherstellt, dass in diesen Schulen regulärer Unterricht stattfinden kann. Ich sehe nicht, dass das funktioniert.
Die deutsche Hilfe soll künftig auf die Sektoren Trinkwasser, Energie und Förderung der Privatwirtschaft beschränkt bleiben. Wäre es nicht gut, wenn Deutschland das ja hohes Ansehen in Afghanistan genießt sich auch um solche strukturpolitisch relevanten Bereiche wie Verwaltungsreform oder institution building kümmern würde?
Ja, ich glaube schon, dass das gut wäre. Die drei Bereiche haben die Deutschen sich auf der Geberkonferenz in Tokio vor einem Jahr und später dann auch von der afghanischen Regierung ein Stück weit aufdrängen lassen. Ich denke, Deutschland hätte mehr Möglichkeiten gehabt, die Aufteilung der Aufgaben zu beeinflussen. Aber auch in den Sektoren, die wir jetzt haben, kann man viel erreichen vorausgesetzt, die Kooperation zwischen den Gebern wird besser. Andernfalls werden wir in Afghanistan irgendwann einmal lauter weiße Elefanten stehen haben, die nur als Denkmäler unserer Unfähigkeit taugen.
Die Fragen stellte Tillmann Elliesen.
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