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01/2003 |
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Hilfe für die Helfer
Von Petra Wünsche und Karin Döhne
Fachkräfte des Entwicklungs- oder Friedensdienstes, die in besonders schwierigen Situationen arbeiten, vor allem im Rahmen der Konfliktbearbeitung, leiden häufig selbst unter Traumatisierungen. Der Evangelische Entwicklungsdienst erprobt ein Begleitprogramm, das ihnen psychotraumatologische Unterstützung sichert.
Seit mehr als 40 Jahren vermittelt Dienste in Übersee (DÜ), der Personaldienst der evangelischen Kirchen, Fachkräfte an Partnerorganisationen in Übersee. Dabei wurden Fachkräfte immer wieder mit schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen konfrontiert, bei denen sie Unterstützung von außen gebraucht hätten. Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen:
- ein Berufschullehrer in Kambodscha, der wegen Aktivitäten der Roten Khmer mehrfach evakuiert werden musste;
- eine Krankenschwester im Sudan, die verhaftet und verhört wurde und nur mit Mühe das Land verlassen konnte;
- eine Sozialarbeiterin in Zentralamerika, die mit schwer traumatisierten Flüchtlingen arbeitete.
Als 1999 durch die Bundesregierung das Programm des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) gegründet wurde, an dem auch DÜ/EED beteiligt ist, war von Anfang an klar, dass sich bei der Arbeit der Friedensfachkräfte verstärkt Situationen wie die oben geschilderten ergeben würden. Deshalb wurde diese Gelegenheit genutzt, die Frage der Supervision und Begleitung von Fachkräften auf der konzeptionellen Ebene zu bearbeiten. DÜ gab eine Studie zu dieser Frage in Auftrag. In einer intensiven Befragung einer kleinen Zahl von vermittelten und zurückgekehrten Fachkräften fand sich bei neun von elf Befragten ein hohes Risiko für Burnout. Deutlich wurden die Schwierigkeit, Privat- und Arbeitsleben zu trennen, das Fehlen eines sozialen Netzes und von Gelegenheiten zu Gesprächen. Im Ergebnis kam es oft zu Zweifeln an der eigenen beruflichen Eignung und zu Depressionen.
Belastungssituationen
Wie sehen die Belastungssituationen aus? Leben und Arbeiten in Übersee bedeutet immer ein gewisses Maß an Stress. Die Fachkraft muss sich in einer neuen Situation, mit einer fremden Sprache und Kultur zurechtfinden (Akkulturationsstress). Unrealistische und widersprüchliche Erwartungen werden mit der Rolle als Experten verknüpft, sprachliche und kulturelle Barrieren erschweren Kommunikation und Problemlösungsprozesse. Frustrationen bleiben nicht aus, so manche Fachkraft muss feststellen, dass ihre bisherigen professionellen Erfahrungen unter den spezifischen Bedingungen vor Ort nicht viel nutzen, was auf Dauer das professionelle Selbstbild gefährlich unterhöhlen kann.
Im Friedens- wie im Entwicklungsdienst kommen zusätzlich Situationen hinzu, in denen die Fachkräfte hoher psychischer Belastung ausgesetzt sind:
- Kriegs- und Nachkriegssituationen, soziale oder politische Unruhen, Naturkatastrophen, Evakuierungen;
- Ständige Bedrohung und Gefährdung in Situationen politischer und sozialer Gewalt;
- Arbeit mit sehr belasteten Partnern und Zielgruppen: Flüchtlinge, Überlebende von Katastrophen und Kriegen, HIV-Infizierte und deren Angehörige, Tätergruppen, Mitarbeit in Programmen für Traumabehandlung;
- Persönliche Krisen wie Unfälle, schwere Krankheiten, Tod von Angehörigen
Wichtige Ressourcen zur Stressbewältigung stehen nicht zur Verfügung: Man muss ohne das bewährte soziale Netz auskommen und es ist oft schwer, bei der Partnerorganisation oder den einheimischen Kollegen Unterstützung zu finden, weil deren Umgang mit Belastungen kulturbedingt ein anderer ist.
Ein weiterer Risikofaktor ist ein idealisiertes Helferbild: Wenn erwartet wird, dass Fachkräfte uneigennützig und tapfer sind, hat das zur Folge, dass ihnen notwendige Unterstützung nicht selbstverständlich zur Verfügung steht. Darum zu bitten wird dann leicht als beschämend empfunden, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen werden nicht mehr wahr- und ernstgenommen.
Auch die Situation in den armen Ländern befördert diesen Prozess. Der Widerspruch zwischen dem existentiellem Elend dieser Länder und der eigenen privilegierten Position lässt Schuldgefühle entstehen und die eigenen Bedürfnisse nichtig erscheinen. Die ständige Konfrontation mit Armut und Krankheit, mit Gewalt und Tod verstärkt den Wunsch zu helfen. Der tatsächliche Grad an Belastung wird nicht mehr wahrgenommen, und es wird nicht rechtzeitig für Entlastung gesorgt. Solche Bedingungen und Erfahrungen vermindern die Stressresistenz, das heißt, sie erhöhen das Risiko für berufliches Burnout und machen verwundbarer für zusätzliche Belastungen.
Unter beruflichem Burnout (psychischem Ausbrennen) versteht man den Zustand seelischer und körperlicher Erschöpfung, der als Folge andauernder Belastungen im langfristigen Einsatz für andere Menschen entsteht . Burnout bleibt oft lange Zeit unbemerkt. Auftretende Probleme werden nicht als Folgen von Überlastung erkannt, sondern persönlichen Schwierigkeiten der betroffenen Person zugeschrieben. Burnout beginnt mit verstärktem Arbeitseinsatz und dem Negieren eigener Bedürfnisse nach Ruhe und Entlastung. Von anderen wird ein ähnlicher Einsatz gefordert. Es kommt zu Frustrationen und Konflikten, Unterstützungsangebote von Freunden und Kollegen werden zurückgewiesen. In einer späteren Phase setzt eine Abwehrhaltung dem Klientel gegenüber ein, Klientenkontakte werden vermieden, die Klienten ablehnend bis zynisch beurteilt. (Die Frage, warum immer wieder Fachkräfte mit rassistischen Einstellungen aus Übersee zurückkehren, könnte hier eine Antwort haben.) Es folgt der Rückzug aus der Arbeitstätigkeit und ein Zustand tiefer Verzweiflung und Depression.
Traumatisierung
Krieg, Verfolgung, Vertreibung und Naturkatastrophen sind traumatische Situationen. Sie gehen mit dem Risiko einer direkten Traumatisierung einher, auch für nicht unmittelbar betroffene Personen wie Helfer und Helferinnen. Direkte Traumatisierung wird ausgelöst durch Ereignisse, die für die eigene Person oder für andere Personen lebensbedrohlichen Charakter haben, die große Angst und Entsetzen auslösen und denen man hilflos ausgeliefert ist. Die Auswirkungen solcher Erfahrungen sind vielschichtig. Neben der bekannten posttraumatischen Belastungsreaktion (PTSD) kann es zu tiefgreifenderen Veränderungen im Selbstbild, im Weltbild und in der Beziehung zu anderen Menschen kommen. Das gilt vor allem dann, wenn es sich um über längere Zeit anhaltende und von Menschenhand ausgelöste Traumatisierungen handelt.
Auch Belastungssituationen, die im einzelnen nicht traumatisch sind, können zu traumatischem Erleben akkumulieren (kumulative Traumatisierung). Fachkräfte sind z. B. oft Zeugen von Menschenrechtsverletzungen, von unkontrollierter sozialer Gewalt, von Hunger und Elend, Krankheit und Tod, Korruption und Rechtlosigkeit. Solche Zustände über längere Zeit mitzuerleben, ohne etwas dagegen ausrichten zu können, kann zur traumatischer Belastung werden.
Die Auswirkungen machen sich nicht sofort bemerkbar. Die Anhäufung der Ereignisse steigert die Vulnerabilität allmählich. Die betroffenen Personen werden zunehmend ängstlicher, verletzbarer und reizbarer, oder sie schotten sich hinter einem emotionalen Schutzwall ab, werden verbittert und zynisch. Weitere Auswirkungen können Alkoholmissbrauch und Depressionen sein, problematische Verhaltensweisen wie Aggressivität, Machtansprüche (als Reaktion auf die unerträgliche Ohnmacht), gefährliche Risikobereitschaft und ungenügender Selbstschutz durch schleichende Gewöhnung an die Gefahr. Solche Verhaltensweisen werden oft nicht als Ausdruck traumatischer Belastungsreaktionen erkannt. Selbst Fachleuten unterlaufen bei ungenügender Kenntnis dieser speziellen Problematik Fehleinschätzungen: wie auftretende Depressionen werden für Heimweh gehalten, Alkoholmissbrauch für ein persönliches Problem und Risikoverhalten für hohe Belastbarkeit.
Stellvertretende Traumatisierung
Die Erfahrung hat gezeigt, dass Trauma ansteckend sein kann. Bei Helfern und Angehörigen von traumatisierten Menschen kann es zu einer sekundären Traumatisierung kommen, zur Erschütterung des Selbst- und Weltbildes durch Konfrontation mit dem Leid der Opfer und der Fähigkeit des Menschen zum Bösen. Viele Fachkräfte müssen zudem erleben, wie ihre Bemühungen, das Schicksal der Betroffenen zu erleichtern, immer wieder scheitern. Aussichten auf Verbesserung der Lebensbedingungen werden durch Korruption und Machtpoker zunichte gemacht, die psychische Genesung der Opfer durch eine Politik des Vergebens und Vergessens verhindert.
Die Betroffenen beginnen, sich selbst als ohnmächtig und unfähig zu erleben und den Glauben an den Sinn und Erfolg ihres Tuns zu verlieren. Die durchaus berechtigte Empörung angesichts des Schicksals der Betroffenen kann sich so im eigenen Gefühlsleben einnisten, dass man allen, die man in irgendeiner Weise für mitschuldig oder nicht engagiert genug hält, mit Gereiztheit und Zorn begegnet. Schuldgefühle, selbst ein unverletzter Zuschauer zu sein, bewirken, dass man die alltäglichen Freuden des Lebens nicht mehr genießen kann. Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit machen sich im eigenen Leben bemerkbar.
Die Parteinahme für die Opfer kann so peinvoll werden, dass sie sich als psychologische Abwehr in eine Identifizierung mit den Tätern verkehrt (ähnlich der Identifikation mit dem Aggressor bei Opfern). Man beginnt, den Opfern nicht mehr recht zu glauben, ihre Geschichten für übertrieben zu halten oder ihnen selbst die Schuld an ihrem Schicksal zu geben. Gleichzeitig werden die Haltung und die Interessen der Täter irgendwie gerechtfertigt.
Auch die Auswirkungen stellvertretender Traumatisierung werden häufig nicht als solche erkannt. Sie werden als persönliche Probleme abgetan, statt sie als Folgen der intensiven Beschäftigung mit Trauma zu sehen. Vor allem Friedensfachkräfte, die mit Aufgaben wie Konfliktprävention oder Versöhnungsarbeit betraut sind, sind hier besonders gefährdet.
Begleitung und Coaching von Fachkräften
Auf der Basis der so gewonnenen Einsichten über Belastungssituationen und Gefahren der Traumatisierung hat der Evangelische Entwicklungsdienst (von dem DÜ inzwischen eine Teilorganisation ist) im August 2001 ein Begleitprogramm ins Leben gerufen, das von drei externen professionellen Berater/innen durchgeführt wird. Diese verfügen über Kenntnisse in der Psychotraumatologie und über interkulturelle Erfahrungen. Sie sind in ihrer Beratungstätigkeit unabhängig und können der vermittelten Fachkraft in Übersee die notwendige Vertraulichkeit zusichern. Das Begleitprogramm ist als Pilotphase konzipiert und soll Ende 2002 ausgewertet werden. Betreut werden in der Pilotphase zunächst sieben Fachkräfte.
Die Stressprävention für die vermittelten Fachkräfte beginnt mit der sorgfältigen Bearbeitung von Personalanforderungen:
- klare Rollen- und Aufgabendefinition sowie Regelung der Arbeitszeit;
- Trennung von Privat- und Arbeitsbereich, der Wohnbereich als sichere Rückzugsmöglichkeit;
- sichere Transport- und Kommunikationsmittel nicht nur im Krisenfall;
- Pläne für den Krisenfall vor dessen Eintreten;
- intensive Sprach- und landeskundliche Vorbereitung der Friedensfachkraft.
Die Begleitung der Fachkräfte (und ggf. ihrer Familien) setzt bereits in der Vorbereitungszeit ein: In einem zweitägigen Stress-Audit werden die persönlichen Strategien der Lebens- und Alltagsgestaltung beleuchtet und erste auf die Situation in Übersee bezogenen Überlegungen zur Bewältigung von Belastungen angestellt. Daneben werden thematisch relevante Kurse in die Vorbereitung eingebaut. Mit dem Stress-Audit in der Vorbereitung wird die Grundlage für eine fortdauernde Coaching- und Supervisionsbeziehung geschaffen, die nach der Ausreise über regelmäßige Kontakte per E-mail, Korrespondenz oder Telefongespräche fortgesetzt wird. Im ersten Jahr findet ein Besuch der Berater/in vor Ort statt, um die Ergebnisse der Vorbereitungszeit zu überprüfen. Vor Ort werden gemeinsame Überlegungen zu den Möglichkeiten der Vorbeugung von Burnout angestellt und als Ergebnis ein Präventionsplan erarbeitet, der die Möglichkeit einer Supervision vor Ort, Intervision unter Fachkräften, Aus-Zeiten, Erfahrungsaustausch, Fortbildungen etc. einbezieht.
Die bisherige Erfahrung zeigt, dass das Angebot des E-mail-Coaching von fast allen regelmäßig genutzt wird. Wenn diese Prävention gut in Gang kommt, kann in der Regel davon ausgegangen werden, dass weitere Besuche vor Ort nicht erforderlich sind und die Kontakte mit der Begleitperson seltener werden. Eine zusätzliche Intervention wäre dann nur im Krisenfall erforderlich. Die Begleitung ist aber damit nicht beendet; sie bleibt bestehen, auch wenn sie seltener aktiv wird. Abgeschlossen wird sie erst mit dem Gespräch nach der Rückkehr.
Dieses Begleitprogramm ist sicherlich ein teures Modell und muss deshalb auf seine Tauglichkeit genau überprüft werden. Aber der EED und sein Personaldienst ist den Fachkräften und den Partnerorganisationen gegenüber zu verantwortlichem Handeln verpflichtet. Eine Fachkraft mit Burnout-Symptomen kann leicht zu einer Belastung im Team der Partnerorganisation werden.
Wichtig ist, nicht nur bewährte Modelle aus unserem Arbeitskontext zu übertragen, sondern auch von Wegen zu lernen, die vor Ort beschritten werden. Jedoch stehen nach unseren Beobachtungen Supervision und Coaching in Übersee selten zur Verfügung. Eine Reihe von Partnern hat bereits Interesse an unseren Erfahrungen bekundet. Das Thema Care for Caregivers bedeutet damit auch eine Herausforderung an die Hilfswerke, sich intensiver mit den Arbeitsbedingungen vor Ort auseinanderzusetzen. Was bedeutet es, wenn in Nachkonfliktsituationen üblicherweise Mitarbeitende und Zielgruppen miteinander arbeiten, die beide traumatisiert sind? Kann man dann so wie üblich verfahren? Was müsste sich bei der Projektkonzeption ändern?
Auswirkung von Burnout auf die Inlandsarbeit
Ein weiterer, bisher wenig beachteter Aspekt betrifft die Auswirkungen von Burnout und Traumatisierung auf die Inlandsarbeit. Zurückgekehrte Fachkräfte, die unter solchen Symptomen leiden, ohne die damit verbundenen leidvollen Erlebnisse bearbeiten zu können, sind in hohem Maße dem Risiko ausgesetzt, von dem Erlebten überwältigt zu werden. Dies kann einen erheblichen Leidensdruck erzeugen und sich auch sehr nachteilig darauf auswirken, wie die Erfahrungen des eigenen Überseeaufenthalts rückblickend wahrgenommen und in der Öffentlichkeit dargestellt werden. In jedem Fall sind auch hier nachsorgende Maßnahmen angebracht.
1) P. Wünsche (1999): Unterstützende Begleitung und Nachbetreuung von Fachkräften im Zivilen Friedensdienst. Stuttgart, Dienste in Übersee
2) J. Fengler (1994): Helfen macht müde. Zur Analyse und Bewältigung von Burnout und beruflicher Deformation. München, Pfeiffer
3) K. W. Saakvitne, L. A. Pearlman (1996): Transforming the Pain. A Workbook on Vicarious Traumatization. New York, Norton
Petra Wünsche, Diplom-Psychologin, Beraterin für Stress- und Traumabewältigung, Koordinatorin des EED-Betreuungsteams für Fachkräfte in belastenden Einsätzen. pe.wuensche@snafu.de
Karin Döhne, Referatsleiterin (Afrika I) im Evangelischen Entwicklungsdienst. karin.doehne@eed.de
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