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Beiträge aus der Rubrik Neues von InWent
Hochwasserschutz in Nord und Süd
Katastrophen gibt es nicht nur in Afrika
Megacities
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InWEnt auf dem Weltinformationsgipfel
 01/2004
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[ Afrikanische Katastrophenschutz-Experten informieren sich in Ostdeutschland ]
Hochwasserschutz in Nord und Süd
[ Von Christina Kamlage und Dirk Asendorpf ] Naturkatastrophen sind keine Spezialität von Entwicklungsländern. Allerdings haben sie dort häufig verheerendere Auswirkungen als in reichen Ländern. Welche Lehren Deutschland aus dem Elbe-Hochwasser im August 2002 gezogen hat, davon konnten sich zehn Katastrophenschutz-Experten aus dem südlichen Afrika auf Einladung von InWEnt und des Auswärtigen Amtes ein Bild machen. Eine wichtige Erkenntnis der Studienreise: Ohne Problembewusstsein der Bevölkerung ist wirksamer Katastrophenschutz nicht möglich.
Die Spuren der Katastrophe sind noch nicht beseitigt. Lesoetsa Ntalenyane blickt auf die kahle Fläche. Im August 2002 hatte der Fluss an dieser Stelle den Deich durchbrochen und die Landstraße einfach weggespült. Oberhalb der inzwischen wieder frisch geteerten Straße sind die erodierten Flächen noch gut zu erkennen, unten sind Bagger und Planierraupen im Einsatz. Lesoetsa Ntalenyane ist der oberste Katastrophenschützer des südafrikanischen Kleinstaats Lesotho. Doch heute blickt er auf die Folgen des Hochwassers in Sachsen-Anhalt, am Rande der Chemiestadt Bitterfeld.
Zusammen mit neun weiteren Katastrophenschutz-Experten aus dem südlichen Afrika nahm Ntalenyane auf Einladung des Auswärtigens Amtes und der InWEnt-Abteilung Umwelt, Energie und Wasser im Oktober an der Zweiten Internationalen Konferenz zur Frühwarnung vor Naturkatastrophen (EWC II) in Bonn teil. Anschließend reisten sie durch die Überschwemmungsgebiete der ostdeutschen Hochwasserkatastrophe vom August 2002. Was tun Sie, um auf das nächste Hochwasser besser vorbereitet zu sein?, will Ntalenyane von seinem Bitterfelder Kollegen wissen. Wir verstehen jetzt viel besser, wie der Fluss funktioniert, antwortet Fred Walkow. Der Landkreis hat ein Hochwasserschutzkonzept erarbeitet, das gerade in ein Landeskonzept integriert wird. Fred Walkow ist davon überzeugt, dass die wichtigste Aufgabe sein wird, das Problembewusstsein in der Bevölkerung zu erhalten. Vor August 2002 dachten wir alle, Katastrophen finden vielleicht irgendwo in Afrika oder in Asien statt, aber nicht bei uns. Wenn wir nichts tun, werden die Leute bald wieder so denken.
Katastrophenschutz ist ein Thema für die Öffentlichkeit. Davon sind auch die Teilnehmer der Studienreise überzeugt. Seit zwei Jahren sind sie in Zusammenarbeit mit InWEnt dabei, den Katastrophenschutz im südlichen Afrika zu verbessern. Im Anschluss an die Studienreise nennen sie bei einem Planungsworkshop im Auswärtigen Amt den Aufbau eines internetgestützten Kommunikationsnetzes als wichtigste Aufgabe. Das Netz soll die grenzüberschreitende Kooperation verbessern und den Austausch von Vorwarnungen beschleunigen. Für die Zusammenarbeit mit lokalen Medien soll eine Strategie erarbeitet werden mit dem Ziel, die öffentliche Aufmerksamkeit dauerhaft zu erhöhen. Denn auch in Mosambik oder in Südafrika schlägt eine Naturkatastrophe kurzfristig hohe Wellen, verschwindet dann aber schnell wieder aus dem Bewusstsein.
Im Bitterfelder Überschwemmungsgebiet, davon können sich die Experten aus dem südlichen Afrika überzeugen, ist heute nichts mehr davon zu sehen, dass das Wasser der Mulde vor etwas mehr als einem Jahr durch viele Wohnhäuser schwappte. Die Fassaden sind frisch gestrichen, die Deiche wieder hergestellt, die Straßen repariert, und auch für das damals evakuierte Kreiskrankenhaus kehrt nach Abschluss der Sanierung der Alltag zurück. Woher hatten Sie das Geld für die Sanierung und nach welchen Kriterien haben Sie es verteilt?, fragt Silvano Langa, Direktor der Katastrophenschutzbehörde INGC in Mosambik. Die Antwort klingt verblüffend einfach. In der heißen Phase wurde gar nicht über Geld geredet, da haben wir einfach losgelegt, sagt Fred Walkow. Die ersten Entschädigungen für Schäden an Privathäusern und Fabriken wurden schnell ausgezahlt bis zu einem Betrag von 30 000 Euro sogar ohne amtliche Begutachtung. Und zur Finanzierung hat der Staat zusätzliche Schulden gemacht.
In Mosambik kann man erst anfangen, wenn die Mittel zur Verfügung stehen, stöhnt Yohannis Georgis, der für das UN-Entwicklungsprogramm UNDP als Katastrophenschutz-Berater in Maputo arbeitet. Ohne Geld rührt niemand einen Finger. Im Fall der Fälle geht es vor allem um die Mobilisierung ausländischer Hilfe, die Sache des Außenministeriums ist, wo der Katastrophenschutz angesiedelt ist. Ausländische Hilfe gab es auch in Sachsen: Das russische Militär schickte eine Einheit mit schwerem Räumgerät, China leere Sandsäcke. Die Katastrophenschutz-Experten aus Afrika sind auch beeindruckt von der Zusammenarbeit der professionellen Helfer mit Freiwilligen. Standen die freiwilligen Helfer den Profis nicht im Weg?, wollen sie wissen. Mit Soldaten kann man einfacher arbeiten, sagt Fred Walkow. Allerdings hätten die es allein nie geschafft, den Bitterfelder Schutzdeich zu errichten. Viele der freiwilligen Helfer waren gut geschult durch Mitarbeit beim Roten Kreuz oder dem Technischen Hilfswerk.
Ein Viertel der Bevölkerung im Landkreis Bitterfeld musste während der Flut evakuiert werden. Pläne gab es dafür nicht, trotzdem klappte die Räumung reibungslos. Die meisten sind bei Verwandten oder in Hotels untergekommen, sagt Fred Walkow. Das wäre in Afrika völlig anders. Eine Flutkatastrophe führt in Mosambik schnell zu zehntausenden Flüchtlingen, die in Camps untergebracht werden müssen, sagt Torsten Wegner, der das InWEnt-Projekt zur Personalentwicklung im Katastrophenmanagement in Maputo koordiniert. Bei der großen Flutkatastrophe Anfang 2000 mussten eine halbe Million Mosambikaner ihre Häuser verlassen, hunderte starben dabei. Auch in anderen Bereichen gibt es krasse Unterschiede zwischen den Problemen des Katastrophenschutzes in Deutschland und im südlichen Afrika. In Südafrika müssen Katastrophenschützer ihre hochmoderne technische Infrastruktur vor Vandalismus und Diebstahl schützen, in Sachsen sind allenfalls Graffiti ein Problem.
Über 100 Pegel an den Oberläufen aller Elbzuflüsse liefern Daten für Wasserstandsvorhersagen mindestens 24 Stunden im Voraus. In Zukunft soll in Kooperation mit Tschechien diese Vorwarnzeit auf 60 Stunden verlängert werden. Während der Flut im August 2002 war das System allerdings nutzlos. Schon in den ersten Stunden hatte das Hochwasser viele Pegel weggespült. Doch Wissenschaftler konnten die Daten im nachhinein rekonstruieren. Deshalb haben Hochwasserexperten inzwischen ein genaues Bild von den Ursachen der Flutkatastrophe an der Elbe. Das hat zu einem konzeptionellen Umdenken geführt. Früher hätte man einfach die Deiche erhöht, sagt Fred Walkow in Bitterfeld, jetzt versuchen wir, die Ausdehnungsflächen der Flüsse zu vergrößern und Überschwemmungsgebiete von Siedlungen und landwirtschaftlicher Nutzung freizuhalten. Das muss jedoch in vielen mühsamen Gesprächen durchgesetzt werden. Denn nur wenn die Bevölkerung davon überzeugt werden kann, dass die Maßnahmen sinnvoll sind, werden sie auch Bestand haben. (Siehe auch Seite 36.)
Dr. Dirk Asendorpf ist freier Wissenschaftsjournalist für Zeitungen und Hörfunk in Deutschland und der Schweiz, hat mehrere Jahre im südlichen Afrika gearbeitet und über den Wandel der politischen Kultur in Südafrika nach dem Ende der Apartheid promoviert.
Asendorpf@t-online.de
Dr. Christina Kamlage ist Projektleiterin in der InWEnt-Abteilung 5.03 Umwelt, Energie und Wasser .
christina.kamlage@inwent.org
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