Meinung

Leserbriefe

Ohne Bildung keine Wissensgesellschaft


01/2004
 

Leserbriefe

[ Ghana unter Rawlings und Kufuor,
E+Z 2003:10, S. 368 ]


Reformunfähig
Die meisten Feststellungen im Beitrag von Heinrich Bergstresser sind zutreffend. Zu kurz kommt jedoch, dass die heutigen wirtschaftlichen und finanziellen Probleme Ghanas überwiegend von den Gebern zu verantworten sind. Internationaler Währungsfonds und Weltbank haben mit ihrem Finanzmonitoring grässlich versagt und Ghana von 1997 bis 2001 in eine schlimme Inflation treiben lassen. Dass die ghanaische Regierung ebenfalls ein gerütteltes Maß an mangelnder politischer wie wirtschaftlicher Professionalität zu verantworten hat, ist unbestritten.

Alle bilateralen Geber haben Ghana inzwischen zum Schwerpunktland gekürt, das mit der daraus resultierenden Überförderung überfordert ist. Nicht das, was Land und Wirtschaft brauchen, wird gegeben, sondern das, was ideologisch motivierte Geber meinen geben zu müssen. Was mit den Finanzmitteln gemacht wurde, interessiert kaum jemanden. Post-Evaluation: völlig unbekannt. Dazu kommt noch der Unsinn, dass Nahrungsmittelhilfe gewährt wird, obwohl genügend im Land produziert wird. Und es könnte noch viel mehr produziert werden, wenn man nur den Bauern marktorientierte Anreize und eine Infrastruktur geben würde. Stattdessen werden sie mit neuen Anbautechnologien und neuem Saatgut traktiert, das keiner haben will.
Die Entwicklungshilfe ist – leider – zu einer internationalen Arbeitsbeschäftigungsmaßnahme der Geber geworden. Der qualifizierte Ghanaer sucht schleunigst einen gut bezahlten Posten im Ausland, weil er zu Hause nicht zum Zuge kommt. Dafür entsenden vor allem die multilateralen Geber so genannte Experten von oft zweifelhafter Qualität, die – noch ehe sie das Land betreten haben – alles besser wissen. Und das BMZ beschäftigt sich nur noch mit den „entwicklungspolitischen Kolossalfresken“ (obwohl der Teufel bekanntlich im Detail steckt) und überlässt mehr oder weniger ohne Monitoring die Tagesarbeit den Vorfeldorganisationen, die ihrerseits die Durchführung an das Büro vor Ort delegieren.

Ob Bundeskanzler Schröder ein sachkundiges Briefing bekommt, ehe er am 23. Januar 2004 in Ghana für wenige Stunden „einfallen“ wird? Wahrscheinlich nicht, es dürfte ihn auch nicht unbedingt interessieren, hat er doch zu Hause ganz andere Probleme. Und doch haben beide Länder einen wesentlichen Aspekt gemeinsam: Ghana und Deutschland sind im höchsten Grade reformunfähig.

Christian Potyka,
Ministerialrat a. D., Accra




[ Die neue amerikanische Entwicklungshilfe, E+Z 2003:4, S. 140 ]


US-Politik zu wenig sensibel
Es ist mittlerweile unstrittig, dass während des Kalten Krieges die wichtigste Funktion amerikanischer Entwicklungshilfe darin bestand, mit der Sowjetunion um die so genannten blockfreien Staaten zu wetteifern. Der Entwurf des Millennium Challenge Account hinterlässt den Eindruck, als solle damit ein ähnlicher Ansatz verfolgt werden – diesmal zugunsten der nahezu evangelikalen globalen Mission der USA und ihrer Interessen. Das Wesen von sozioökonomischer Entwicklung scheint selbst von den am besten informierten Wissenschaftlern wie Carol Lancaster zu wenig verstanden zu werden – Lancaster erkennt das klugerweise an und schreibt, Entwicklungshilfe habe „stets auch einen experimentellen Charakter“. Die stark ideologisch orientierte derzeitige US-amerikanische Regierung und die Entscheidungsträger im Kongress sind allem Anschein nach noch viel weniger informiert und motiviert, so dass sie kaum etwas zur Erreichung der Millennium-Entwicklungsziele und zur Armutsbekämpfung beitragen dürften.

Entwicklung bedeutet mitunter tief greifenden kulturellen Wandel, und Lancaster weist zu Recht auf die Komplexität und schwer absehbaren Folgen des Bemühens hin, solchen Wandel herbeizuführen. Dieser Versuch erfordert unter anderem, dass alle Beteiligten, die aus dem Ausland kommen und mit Planung oder Durchführung befasst sind, möglichst schon vorher enge Beziehungen zum Empfängerland sowie Kenntnisse über dessen Geschichte, Kultur, Geographie und Regierungsführung hatten. Ist dieser Hintergrund nicht gegeben, sollte einer intensiven Vorbereitung und Beschäftigung genügend Zeit eingeräumt werden, bevor die substanzielle Programm- oder Projektarbeit beginnt. Freilich widerspricht dieses Prinzip allen bisherigen Verhaltensmustern der US-amerikanischen politischen Kultur. Doch wenn die US-Politik sich in dieser Hinsicht nicht ändert, dann werden amerikanische „Experimente“ mit Armutsreduzierung – sollte dieses Ziel jemals Priorität der USA werden – langfristig nur sehr niedrige Erfolgsquoten haben.

Alvin G. Edgell,
Kent, Ohio, USA