Meinung

Leserbriefe

Ohne Bildung keine Wissensgesellschaft


01/2004
 

Ohne Bildung keine Wissensgesellschaft

[ Von Hans Dembowski ] Beim Genfer Weltgipfel über die Informationsgesellschaft war der entwicklungspolitische Nutzen der Telekommunikation ein zentrales Thema. Im Mittelpunkt standen dabei nicht nur Technik und Geld – zu Recht. Denn der digitale Graben zwischen Telekommunikationsnutzern und denen, die keinen Zugang haben, spiegelt nicht zuletzt eine ältere Kluft wider: die zwischen gebildeten Eliten und ungebildeten Ausgegrenzten.

In angelsächsischen Ländern geht die Angst vor „Offshoring“ um. Gemeint ist die Verlagerung von Dienstleistungsarbeitsplätzen in ferne Länder. Es geht um Computerprogramme, Call-Center-Auskünfte und Buchhaltung. Es geht um Betriebe in Indien, Malaysia oder auf den Philippinen. Mehr als drei Millionen Jobs werden laut einer Schätzung von Forrester Research in den USA bis 2015 verschwinden und anderswo wieder auftauchen. Das Schlagwort „Wissensgesellschaft“ beschreibt in manchen Regionen der armen Welt bereits heute eine ökonomische Realität.

Entwicklungspolitisch bleibt derweil das Schlagwort „Digital Divide“ en vogue. Es bezeichnet die Kluft zwischen denjenigen Menschen, die moderne Informationstechnik nutzen, und denjenigen, die dazu keinen Zugang haben. Der Weltinformationsgipfel hat im vergangenen Monat in Genf unter anderem darüber beraten, wie dieser Graben verkleinert werden kann. Dabei wurde nicht nur über Infrastrukturprojekte, Ingenieurleistungen und Investitionssummen geredet. Zu Recht ging es auch um Bildung. Der globale Informationsfluss bringt eben nur denen wirtschaftlich etwas, die lesen können – und zwar möglichst auf Englisch oder zur Not auch in einer anderen Weltsprache.

Sicherlich ist die technische
Infrastruktur teuer. Allerdings zeigt die Erfahrung in Bangladesch, dass auch in armen Agrarregionen Mobilfunknetze recht schnell und kostengünstig entstehen können – ohne material-, arbeits- und kostenintensive Verkabelung aller Haushalte. Die teuren Handys werden dann gemeinschaftlich genutzt. Die rührigen Telefonladies der Grameen Bank verdienen ihr Geld bekanntlich damit, dass sie Nachbarn aus ihren Dörfern für Anrufe bezahlen lassen. Natürlich ist das Land im Gangesdelta wegen seiner dichten Besiedelung ein Sonderfall – aber Funkoptionen verbilligen auch anderswo die Investitionen. Obendrein drücken technischer Fortschritt und der harte Wettbewerb der Telekommunikationsausrüster auf die Kosten. Und Internetcafés bieten – ähnlich wie die Handyvermietung der Grameen-Bank-Frauen – Netzzugang für Menschen ohne eigene Hardware.

Die (ohne Zweifel sinnvolle) Tätigkeit der Telefonladies lässt freilich niemand im Westen um den Job bangen. Wer im größeren Stil Kapital aus der Telekommunikation schlagen will, braucht zusätzliche Qualifikationen. Und so klafft denn auch der digitale Graben nicht nur zwischen Bangalore und dem Hinterland auf – er trennt auch die Eliten von ihren ahnungslosen, analphabetischen Dienstboten in der Siliconmetropole selbst. In diesem Sinne ist die digitale Kluft nur eine Vertiefung der älteren Kluft zwischen gebildeten und ungebildeten Schichten.

Fachleute debattieren gern darüber, wie Internet und Mobilfunk entwicklungspolitisch genutzt werden können. Was muss geschehen, damit die Technik die Bildungschancen der Armen erhöht, mehr Frauen die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglicht und den Einfluss von bisher Benachteiligten auf Regierungshandeln steigert? Weil solche Überlegungen immer wieder mal eine gute Idee produzieren, sind sie nicht völlig müßig. Dennoch zäumen sie das Pferd von hinten auf. Telekommunikation ist ein Empowerment-Instrument zweiter Ordnung: Wer lesen und schreiben kann und durch politische Rechte staatsbürgerlich ermächtigt ist, wird seine Interessen mittels Anschluss, Modem und Rechner zielstrebiger verfolgen. Aktive, aufgeklärte und selbstbewusste Bürger, denen der zweite Schritt vorenthalten wird, werden sich dafür engagieren, derlei endlich zu bekommen.

Staaten, die die Chancen der Wissensgesellschaft nutzen wollen, brauchen Technik und möglicherweise auch finanzielle Unterstützung. Wichtiger ist aber, dass die sozialen Grundlagen geschaffen werden – durch solide Schulbildung inklusive Fremdsprachenunterricht. Das ist die wichtigste soziale Transformation, die weitere Entwicklung möglich macht.








Dr. Hans Dembowski leitet vom Februarheft an die Redaktion E+Z / D+C. hans.dembowski@fsd.de