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01/2005
 

Südliches Afrika:
Nicht alle Befreier sind Demokraten

Henning Melber (Hg.): Limits to Liberation in Southern Africa.
The Unfinished Business of Democratic Consolidation.

Kapstadt, HSRC Press, 2003, 231 S., 18,00 Euro, ISBN 0-7969-2025-7 (Bestellungen in Europa nur über das Nordic Africa Institute)


Wie demokratisch sind die ehemaligen Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika? Dieser Frage gehen Henning Melber und zehn weitere Autoren in einem Sammelband des südafrikanischen Human Sciences Research Council nach. Grundlage ihrer Studien ist die Feststellung, dass sich ehemalige Befreiungsorganisationen an der Regierung – Beispiel Simbabwe – häufig zu autoritären und korrupten Regimen wandeln.

Der Erfolg der Bewegungen im Befreiungskampf macht es einfach, das Gleichsetzen von Partei, Regierung und Staat zu legitimieren. Und er ermöglicht es, jede Form von Kritik als unpatriotisch zu brandmarken. Im Gegensatz dazu zeigen Botswana und Lesotho, die ihre Unabhängigkeit weitgehend ohne Widerstand erlangten, nach Ansicht von Melber „alle Kennzeichen einer Mehrparteien-Demokratie“. Der Band will „Mythen und Legenden“ auf-decken, die die ehemaligen Befreiungskämpfer bis heute umgeben und Gründe für weitverbreitete „anti-demokratische Tendenzen“ der neuen Eliten finden. Die vor allem aus dem südlichen Afrika stammenden Autoren versuchen das in Kapiteln zu Simbabwe, Botswana, Lesotho, Namibia und Südafrika.

Zwei Ursachen schälen sich dabei heraus: Zum einen förderte der Befreiungskampf hierarchisches und militärisches Denken – selbst innerhalb der Organisationen kam es zu Unterdrückung und Gewalt. Von einer demokratischen Grundhaltung könne deshalb keine Rede sein. Zum anderen fehlen bis heute politische Gegengewichte zu den Regierenden: Die Opposition ist zerstritten, die Zivilgesellschaft schwach und vereinnahmte Medien sind zu einer wirksamen Kontrolle nicht fähig.

Allerdings weisen die Autoren auch auf autoritäre Tendenzen in den insgesamt als positiv bewerteten Ländern Lesotho und Botswana hin. Die einprägsame Gegenüberstellung von Simbabwe und Namibia auf der einen und den „gemäßigten“ Beispielen ohne Befreiungskampf auf der anderen Seite, wird somit durch die Fallstudien nicht gedeckt. Zudem erscheint das weitgehende Gleichsetzen der politischen Verhältnisse in Simbabwe und Namibia zweifelhaft. Davon abgesehen bleibt die Suche nach den Folgen des Befreiungskampfes auf das spätere Verhalten als Regierungspartei von hoher Relevanz. Auffällig sind dabei der unterschiedliche theoretische Gehalt sowie die Qualität der Aufsätze. Während einige eher beschreibend vorgehen (zum Beispiel Ian Taylor in seiner Analyse der Regierungspartei BDP in Botswana), orientiert sich Martin Legassick in seiner Darstellung des ANC-Widerstands explizit an „Arbeiterdemokratie“ und Sozialismus.

Henning Melber sieht in der Feststellung, dass die politischen Systeme in Simbabwe und Namibia in sich elitär und potentiell autoritär sind, einen entscheidenden Schritt vorwärts in der Diskussion über die demokratische Konsolidierung im südlichen Afrika. „Limits to Liberation in Southern Africa“ stellt den Beginn einer realistischeren Bewertung ehemaliger Befreiungsbewegungen dar. Nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger – und das macht seinen Wert aus.

Christian von Soest