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01/2005
 

[ Tropenkrankheiten ]

Forschung für die Menschheit

Die Pharmaindustrie interessiert sich vordringlich für Medikamente mit Marktpotenzial in reichen Ländern. Über die Bekämpfung und die Prävention von Tropenkrankheiten wird kaum geforscht. Öffentliche Stellen sollten gegensteuern und die Forschungsprioritäten so setzen, dass den Menschen geholfen würde, die am dringendsten Therapien brauchen.


[ Von Jörg Schaaber ]

Die Schlafkrankheit zählt zu den vernachlässigten Krankheiten. Obwohl Menschen in Ostafrika weiterhin an ihr leiden und sterben, gibt es keine adäquaten Medikamente. Das modernste Mittel heißt Melarsoprol und stammt aus dem Jahr 1940. Es wirkt aber längst nicht immer und ist so giftig, dass bis zu zehn Prozent der behandelten Personen daran sterben. Etwas besser ergeht es Menschen, die von der westafrikanischen Form der Schlafkrankheit befallen sind. Für sie gibt es ein zuverlässigeres und verträglicheres Medikament. Eflornithin stammt aus der Krebsforschung. Dass es gegen die Schlafkrankheit wirkt, wurde eher zufällig entdeckt. Die Versorgung mit dem Mittel ist aber alles andere als selbstverständlich. Die flüssige Variante, die in Westafrika gebraucht wird, ist stark korrosiv, greift die Produktionsanlagen an und ist deshalb für Hersteller wenig attraktiv.

Erst auf öffentlichen Druck hin verpflichtete sich Aventis 2001, das Mittel fünf Jahre lang weiterzuproduzieren und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kostenlos zur Verfügung zu stellen. Bristol-Myers Squibb (BMS) beteiligt sich an der Finanzierung – auch dieser Konzern war in die Kritik geraten, weil er Eflornithin zwar in Salbenform zur Bekämpfung des Damenbarts, nicht jedoch auch die flüssige Form gegen die Schlafkrankheit herstellte. Nun wird nach Firmen gesucht, die das Mittel auf Dauer produzieren.

Typisch am Fall Eflornithin ist, dass seine Afrika-spezifische Wirkung nicht gezielt gesucht wurde. Therapien für Tropenkrankheiten werden kaum systematisch erforscht. In den vergangenen 25 Jahren kamen knapp 1400 neue Medikamentenwirkstoffe auf den Markt. Nicht einmal ein Prozent davon war für Erreger konzipiert, die typischerweise Entwicklungsländer plagen (Trouiller et al, 2002). Die Tuberkulose hält Platz acht bei den häufigsten Todesursachen weltweit. Trotz der in den letzten Jahren bedrohlich ansteigenden Resistenzbildung sind kaum neue Medikamente entwickelt worden. Gegen AIDS (vierthäufigste Todesursache) wurden – nicht zuletzt mit staatlicher Hilfe – einige Medikamente entwickelt. Doch diese Seuche plagt eben auch reiche Staaten.

Forschungsprioritäten haben wenig mit der weltweiten Belastung durch Krankheit und Tod zu tun. Das Global Forum for Health Research (2000) ermittelte, dass sich weniger als zehn Prozent der Forschung mit Krankheiten beschäftigt, die 90 Prozent der weltweit verlorenen gesunden Lebensjahre ausmachen. Der wichtigste Grund für dieses Missverhältniss ist das gegenwärtige Anreizsystem. Der Patentschutz sichert neuen Präparaten auf kaufkräftigen Märkten hohe Preise und hohe Profite. Vernachlässigt werden Prävention und Versorgungsforschung. Derlei wäre zwar gesundheitspolitisch sinnvoll, ist aber nicht lukrativ. Dennoch funktioniert das System für reiche Länder bis zu einem gewissen Grade. Jedes Jahr werden etliche neue Substanzen eingeführt. Leider gibt es aber auch Ineffizienz: Laut US-Arzneimittelbehörde FDA (2003) bieten nur 23 Prozent aller neu eingeführten Medikamente einen therapeutischen Fortschritt, unabhängige Fachleute kommen zu einer noch wesentlich negativeren Bewertung.

Wegen des Patentschutzes sind neue Arzneimittel in der Regel extrem teuer – mit dem Nebeneffekt, dass ihre Hersteller zu den gewinnträchtigsten Unternehmen überhaupt gehören. Wegen der hohen Preise haben aber die meisten Kranken auf der Welt keinen Zugang zu den wichtigen Therapiemöglichkeiten. Sie sind einfach zu arm. Der Weltöffentlichkeit wurde das erst durch die AIDS-Krise deutlich. Trotz der gravierenden Nachteile des Patentschutzes, wurde er durch das TRIPS-Abkommen der Welthandelsorganisation globalisiert.


Finanzierungsmöglichkeiten

Wer den Patentschutz in der gegenwärtigen Form kritisiert, wird zu Recht gefragt, wie die teure Forschung denn sonst finanziert werden solle. Dazu sind zwei Dinge zu sagen: Erstens kostet die Entwicklung von Arzneien weniger als meist behauptet wird und zweitens stammt ein Großteil der Finanzmittel ohnehin aus öffentlichen Kassen. Die von der Industrie gern kolportierte Summe von 800 Millionen Dollar Forschaungsaufwand pro erfolgreichem Medikament ist nicht empirisch fundiert. Der wahre Betrag liegt für neue Wirkstoffe eher in der Höhe von 115 bis 240 Millionen Dollar (Global Alliance for TB Drug Development, 2001, Public Citizen, 2003).

Ohnehin stammen die Einnahmen der Phamaindustrie großenteils aus staatlich organisierten Solidarsystemen (Krankenkassen, Versicherungen) wohlhabender Länder. Zudem finanzieren Regierungen und Behörden direkt rund die Hälfte aller Gesundheitsforschung. Weitere acht Prozent stammen von gemeinnützigen Stiftungen. Öffentliche Forschung ist zwar überdurchschnittlich erfolgreich (National Institutes of Health, 2000), doch auch sie nützt nicht unbedingt den Armen. Öffentliche Stellen orientieren ihre Prioritäten eher an den im eigenen Lande vorherrschenden Krankheiten. Nicht selten wird öffentliche Forschung als ein Instrument der Wirtschaftsförderung verstanden; bei den meisten wirtschaftlich erfolgreichen Medikamenten hat staatliche Grundlagenforschung einen entscheidenden Anteil (Cockburn und Henderson, 1997).

Das muss jedoch nicht so sein. Im Prinzip kann öffentliche Forschung sich ebenso gut auf weniger lukrative Märkte und Bereiche wie Vorbeugung und Versorgung konzentrieren. Es gibt eine Reihe von Modellen, wie öffentlicher Einfluss auf Forschungsprioritäten verstärkt werden kann. Am weitesten entwickelt ist die gezielte Kooperation von öffentlichen Institutionen wie der WHO mit Privatfirmen und wissenschaftlichen Einrichtungen. Ein Beispiel bietet die Malariabekämpfung. Das Präparat Lapdap wurde unter Verzicht auf Patentrechte von GlaxoSmithKline, britischen und afrikanischen Universitäten unter Koordination der WHO entwickelt. Solche Kooperationen ändern allerdings nicht die Marktstrukturen zugunsten armer Länder: Das Wissen, die Technologie und Produktion verbleiben zum großen Teil bei den beteiligten Firmen im Norden.

Andere öffentlich-private Partnerschaften sind die Global Alliance for TB Drug Development oder die Initiative zur Entwicklung eines AIDS-Impfstoffs. Geprüft werden sollte dabei aber immer, welchen Einfluss die Privatindustrie auf die Zielsetzungen solcher Kooperationen hat. Der Global Alliance for Vaccines and Immunizations wurde zum Beispiel vorgeworfen, sie widme sich hauptsächlich der Entwicklung und der Einführung neuer (und teurer) Impfstoffe, statt die Versorgungsstrukturen zu verbessern (Starling et al., 2001). Eine höhere Durchimpfungsrate mit alten Mitteln ist aber nach allgemeiner Ansicht wichtiger als die Entwicklung neuer Wirkstoffe.

Einen anderen Weg geht die von Ärzte ohne Grenzen (MSF) initiierte Drugs for neglected Diseases Initiative (DNDi). Sie versucht, die Forschung durch die gezielte Kooperation von derzeit fünf öffentlichen Forschungseinrichtungen in Entwicklungsländern und dem Special Programme for Research and Training in Tropical Diseases (UNDP, Weltbank und WHO) zu verstärken. Unter anderem versucht sie, zusätzliche Finanzmittel aufzutreiben.

James Love und Tim Hubbard (2001) schlagen mit „R&D plus“ ein anderes flexibles System der Forschungsfinanzierung vor. Der US-Verbraucherrechtler und der britische Genomforscher schlagen internationale Abkommen vor, die am Volkseinkommen orientierte Mindestlevel für Gesundheitsforschung festlegen. Dadurch entstünde ein großer internationaler Finanztopf für sinnvolle Forschungsprojekte, die auch soziale Kriterien berücksichtigen würden.

Das aktuelle System der Forschungsförderung hat für die Mehrheit der Weltbevölkerung unakzeptable Nachteile. Zusätzliche Mittel sind ebenso notwendig wie eine Umverteilung der Ressourcen hin zu mehr öffentlich kontrollierter Forschung.




Im Internet:
Website der WHO Commission on Intellectual Property Rights, Innovation and Public Health (CIPIH)
http://www.who.int/intellectualproperty/en/

Literatur:
Cockburn, Ian, Rebecca Henderson, 1997: Public-private interaction and the productivity of pharmaceutical research. Cambridge: National Bureau of Economic Research, http://dsl.nber.org/papers/w6018.pdf, Zugriff am 27.12.2003

Trouiller, P. et al., 2002: Drug development for neglected diseases: a deficient market and a public-health policy failure, in: The Lancet, Nr. 359, S. 2188-2194

FDA, 2003: NDAs Approved in Calendar Years 1990-2002 by
Therapeutic Potentials and Chemical Types (updated 14 January 2003), http://www.fda.gov/cder/rdmt/pstable.htm, Zugriff am 15.11.2003

Global Alliance for TB Drug Development, 2001:
The economics of TB Drug Development. New York
Global Forum for Health Research, 2000: The 10/90 Report on Health Research. Geneva: WHO
Love, James und Tim Hubbard, 200: Making drugs affordable: Replace TRIPS-plus by R&D-plus, in: ICTSD, No. 6, June 2004, S. 3-4

NIH, 2000: NIH Contributions to Pharmaceutical Development.
(Administrative Document February 2000.) Bethesda: National Institutes of Health
Public Citizen, 2001: Tufts Drug Study Sample Is Skewed – True Figure of R&D Costs Likely Is 75 Percent Lower (Press release Dec. 4, 2001), Washington: Public Citizen
Starling, Mary, Ruairi Brugha, Gill Walt, Annie Heaton and Regina Keith, 2001: New Products into Old Systems: The Global Alliance for Vaccines and Immunization (GAVI) from a country perspective. London: London School of Hygiene and Tropical Medicine and Save the Children UK



Jörg Schaaber
ist Entwicklungssoziologe und Gesundheitswissenschaftler. Er arbeitet für die BUKO-Pharma-Kampagne und ist Chefredakteur des Pharma-Briefes. jschaaber@bukopharma.de