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Jugend im Kampf gegen Armut

Bittere Zuckerpolitik

Angst vor der asiatischen Konkurrenz


01/2005
 

[ Krisenstaaten ]

Jugend im Kampf gegen Armut

Die Förderung von Jugendlichen zeigt Wirkung: Eine Evaluierung des Entwicklungsministeriums kommt zu dem Ergebnis, dass die jungen Generationen in den Partnerländern einen signifikanten Beitrag zur Armutsbekämpfung leisten. Erfolge tragen zudem in von Konflikten traumatisierten Gesellschaften zur Gewaltprävention bei.


[ Von Heike Drotbohm ]

In den von Bandenkriminalität besonders betroffenen Townships von Kapstadt erhalten Jugendliche nun eine Kurzausbildung als Community Peace Worker. Noch vor wenigen Monaten machten sie selbst die Straßen unsicher. Heute patrouillieren sie in den Stadtteilen paarweise durch die Straßen und tragen zur Deeskalation von Konflikten bei. Uganda bildet junge Frauen und Männer zu Jugendleitern aus, die sich später bei der Erstellung von lokalen Gemeindeentwicklungsplänen zu Wort melden. Sri Lanka unterstützt Jugendliche dabei, ein kleines Unternehmen zu gründen.

Solche Projekte sind beispielhaft für die Jugendförderung, auf die das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) setzt. Dass das sinnvoll ist, zeigt eine aktuelle Evaluation von 13 staatlichen und nicht-staatlichen Vorhaben in Guatemala, Uganda, Südafrika und Sri Lanka.

Kinder und Jugendliche machen in den meisten Partnerländern zwischen 50 und 80 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Sie als gesellschaftliches Problem oder Entwicklungshemmnis anzusehen, wäre völlig falsch. Junge Menschen bilden das Fundament einer zukunftsfähigen Entwicklung und die wichtigste Zielgruppe für Human Ressource Development. Diese Einsicht setzt sich seit einem Jahrzehnt zunehmend durch. Für das BMZ stellte sich die Frage, welche Erfolge und Hindernisse – besonders mit Blick auf Armutsbekämpfung – zu verzeichnen und welche Schlüsse daraus zu ziehen sind.


Erfahrungen in Konfliktstaaten

Alle vier Länder, die nun untersucht wurden, sind von Krisen und Gewalt geprägt – akute oder schwelende Konflikte innerhalb der Bevölkerung. Jugendliche kommen dabei sowohl als Opfer als auch als Täter vor. Der Gewaltkontext ist für die Arbeit mit ihnen besonders relevant. Mehr noch als bei Erwachsenen führt Traumatisierung bei jungen Menschen zu einer „Konfliktkultur in den Köpfen“, polarisiertem Denken und der Wahrscheinlichkeit erhöhter Gewaltbereitschaft. Auch Erwachsene bewerten die Gewalt von und unter Jugendlichen als deutliche Bedrohung.

Die evaluierten Vorhaben leisten einen deutlichen Beitrag zur Gewalt- und Krisenprävention in den Ländern. Ausbildung und sozialpädagogische Hilfen fördern Haltung und Kompetenz der Jugendlichen im Hinblick auf eine friedliche Konfliktaustragung. In den urbanen Armutsvierteln von Guatemala-City etwa werden junge Menschen im Rahmen eines von der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) unterstützten Projektes über mobile, niedrigschwellige und aufsuchende Jugendarbeit angesprochen und mit bereitgestellten Spielen, Bastelmaterialien, Sportgeräten und Filmen zu gemeinsamen Aktivitäten motiviert und angeleitet. Konflikte unter rivalisierenden Jugendbanden werden so reduziert. Gemeinsam genutzte Angebote erleichtern es, bei den Zusammenkünften auch über Konfliktvermeidung und Gewalt zu sprechen.

Die Verknüpfung von ganzheitlicher Pädagogik, Friedensarbeit und beruflicher Bildung hat sich als idealer Ansatz in der Jugendförderung erwiesen. Berufliche Bildung, ein klassisches Thema der deutschen EZ, kann vor allem dann zur Bekämpfung der Jugendarmut beitragen, wenn sie durch ganzheitliche und innovative Qualifizierungsangebote ergänzt wird. In Sri Lanka gelang das über die Erweiterung eines klassischen Frauenausbildungsprogramms um arbeitsmarktorientierte kurzen Ausbildungsgänge zur Förderung der Beschäftigung von Jugendlichen.

In Uganda wurden Jugendliche zu Promotoren ausgebildet, die in kurzen Ausbildungseinheiten Altersgenossen praxisnahe Kompetenzen vermitteln und ihre Eigeninitiative anstoßen. Hühnerzucht, Donuts-Verkauf, ein Jugendcafé, ein Handy-Geschäft – den Jugendlichen gelang es auf verschiedenen Wegen, sich ein elternunabhängiges Einkommen zu schaffen. Die Beispiele machen deutlich, dass die Vermittlung der jungen Menschen in eine Beschäftigung ausschließlich in enger Kooperation mit der lokalen Wirtschaft, den Gemeinden und den Familien gelingt.


Freie Träger

Besonders erfolgreich sind die Ansätze der freien und kirchlichen Organisationen. Sie haben mit integrativen Erziehungs- und Bildungsansätzen ein ganzheitliche Konzepte zur Rehabilitierung und Reintegration von jungen Menschen aus armen Verhältnissen entwickelt. Dabei gehen sie weit über formale Bildungs- und Ausbildungsansätze hinaus. Caritas International, das Kolpingwerk, der Evangelische Entwicklungsdienst oder die Don Bosco-Aktion Jugend Dritte Welt fördern die Vermittlung von praktischen Kenntnissen in enger Verzahnung mit beruflicher und technischer Ausbildung. Der Salesianer-Orden setzt zusätzlich auf die Integration der Jugendlichen in ihre Gemeinden und Familien. Sie werden in die Planung der Projekte und die Begleitung der Jugendlichen im Anschluss an die Ausbildung einbezogen.

Der systemische Ansatz, der die Jugendlichen im Kontext ihrer Familien und Gemeinden sieht, wirkt der Landflucht entgegen. Er fördert die Entwicklung der Kommunen, weil die Projektarbeit das visionäre Denken der jungen Menschen stärker auf ihr unmittelbares Umfeld ausrichtet. Die Kooperation von Jugendlichen und Gemeinden wirkt autoritären und patriarchalen Hierarchien entgegen, die das Entwicklungspotenzial der nachfolgenden Generationen vielerorts hemmen und ihre Mitbestimmung behindern.

Die Förderung einer Kultur des Dialogs, der Diskussion und der demokratischen Entscheidungsfindung stellt einen Pfeiler deutscher Armutsbekämpfungsstrategien dar. Die Partizipation von Jugendlichen an zivilgesellschaftlichen Prozessen kann dabei auf zwei Ebenen erfolgen. Es ist sinnvoll, sie in die Planung, Durchführung, Bewertung und Weiterentwicklung von Projekten einzubeziehen und sie an soziopolitischen Prozessen zu beteiligen. Ein möglicher Anknüpfungspunkt sind Jugendräte, die über landesweite Wahlen repräsentative Strukturen schaffen sollen und an politischen Entscheidungen beteiligt werden. Solche Räte gibt es bereits in vielen Ländern. Die Evaluierung machte aber deutlich, dass sie häufig schlecht ausgestattet sind und unter Instrumentalisierungsversuchen der Parteien leiden.

Ein interessantes Beispiel aus Guatemala ist das Radio Juvenil, das lokale Jugendradio. Auch in anderen Ländern mit hohem Analphabetismus stellt der Hörfunk ein geeignetes und kostengünstiges Medium dar, Jugendliche selbst in entlegenen Regionen zu erreichen und ihre gesellschaftliche Teilhabe zu unterstützen. Im ländlichen Uganda gelang es der GTZ, Jugendliche in die Formulierung von Gemeindeentwicklungsplänen einzubeziehen und ihre konkreten Ideen über ihr Leben und die ökonomische Entwicklung einfließen zu lassen.


Mädchen bleiben außen vor

Große Schwierigkeiten macht indessen die gleichberechtigte Förderung der Geschlechter. Trotz koedukativer Aktivitäten, Quotenregeln und klassischer Mädchenförderung litten junge Frauen nach Projektteilnahme oft an stärkeren Einschränkungen als Männer. Kinderbetreuung, Feld- und Hausarbeit, aber auch die Abneigung der Eltern gegen wirtschaftliche, politische oder soziale Aktivitäten ihrer Töchter, machen es nötig, weibliche Jugendliche umfassender zu fördern. Sonst bleibt ihr Potenzial vermutlich ungenutzt. Auch hier zeigt sich, dass es wichtig ist, mit Eltern und Gemeinden zu kooperieren, um Bewusstseinswandel zu unterstützen.
Die Evaluierung der 13 Vorhaben unterstreicht die Relevanz der Jugendförderung als Beitrag zur Armutsbekämpfung und Krisenprävention. Sie verdeutlicht auch die Expertise, auf die das BMZ zugreifen kann, um sich international zu positionieren. Denn mittlerweile haben multilaterale Akteure wie die Weltbank die Bedeutung des Themas erkannt und beginnen mit dem Aufbau von Strukturen und Kompetenzen. Bei der Entwicklung der Poverty Reduction Papers erhält das Thema ebenfalls allmählich Gewicht. Im Rahmen dieses Trends kann die Jugendförderung, wie sie im Verlauf der vergangenen fünfzig Jahre in Deutschland gewachsen ist, mit ihren verschiedenen Instrumenten von Bildung, Förderung, politischer Beteiligung bis hin zur Sozialarbeit eine Vorreiterrolle übernehmen.







Dr. Heike Drotbohm
ist Ethnologin und arbeitet an ihrer Habilitation an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Als freie Gutachterin engagiert sie sich im Bereich der Kinder- und Jugendförderung der deutschen EZ. heike.drotbohm@ethno.uni-freiburg.de


Der Artikel gibt die persönliche Meinung der Gutachterin wieder. Der gemeinsam mit Norbert Frieters entwickelte Synthesebericht der Evaluierung sowie die Einzelfallstudien
können im Evaluierungsreferat des BMZ angefordert werden unter richterf@bmz.de.