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Angst vor der asiatischen Konkurrenz
 01/2005
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[ Süd-Süd-Handel ]
Angst vor der asiatischen Konkurrenz
Südafrika steigert rasant die Wareneinfuhr aus China und baut die diplomatische Kooperation aus. Handelspolitisch neigt Pretoria aber eher zu globalen Lösungen im WTO-Rahmen als zu neuen Abkommen mit Schwellen- und Entwicklungsländern. Die Regierung wittert im Geschäft mit reichen Ländern Chancen, fürchtet aber die asiatische Konkurrenz.
[ Von Johannes Dieterich ]
Die Invasion begann im EP-Shopping Center im Johannesburger Stadtteil Ellis Park. Irgendwann ließ sich in dem schmucklosen Betonklotz ein chinesisches Lädchen nieder, das Acryldecken und Schuhe feilbot. Wenig später kam ein zweites Lädchen mit Plastiktäschchen und Nippes hinzu. Binnen eines Jahres war der gesamte Komplex von asiatischen Händlern eingenommen, die Waren aus der Volksrepublik verkaufen. Ellis Park war nur der Anfang. Längst arbeiten chinesische Händler nicht nur in Südafrika sondern auch in anderen Staaten des Kontinents. Gegenwärtig sind laut Angaben der südafrikanischen Behörde für Handel und Industrie 577 chinesische Unternehmen in 49 afrikanischen Ländern tätig, meist mit Export- und Import-Niederlassungen. Allein zwischen Südafrika und China wies der Handel in der vergangenen Dekade jährliche Wachstumsraten um 30 Prozent auf.
1993, im Jahr vor der Wende in Südafrika, lieferte das Reich der Mitte nur Güter im Wert von umgerechnet rund 125 Millionen Euro ans Kap der Guten Hoffnung. Im vergangenen Jahr betrug das Volumen zwei Milliarden Euro. Die Wachstumsraten der südafrikanischen Ausfuhren nach China waren zwar ähnlich rasant, dennoch belief sich der Gesamtwert 2003 angesichts der winzigen Ausgangsbasis nur auf 32 Millionen Euro. Tatsächlich ist die Expansion der Handelsbeziehungen vor allem dem ökonomischen Erwachen des ostasiatischen Riesen mit Wachstumsraten um zehn Prozent pro Jahr zu verdanken. Ähnliche Erfolge, hoffen Entwicklungsexperten, könnten sich auch anderswo einstellen. Neben China gelten Indien, Brasilien, die südostasiatischen Schwellenländern und in eingeschränkten Maß auch Südafrika als Kandidaten, die vom Welthandel profitieren könnten.
Kein halbes Jahr vergeht ohne hochrangige diplomatische Kontakte zwischen China und Südafrika. Bei seinem ersten Auslandsbesuch pries der chinesische Vizepräsident Zeng Qinghong Mitte des Jahres in Pretoria die engen Bande zu Afrika: Wir haben gemeinsam um unsere Freiheit gekämpft. Es gebe keine Lücke, die erst einmal zu schließen wäre.
Im Alltag verläuft die Verbrüderung indessen nicht so reibungslos. Im Johannesburger EP-Shopping-Center ist das Verhältnis zwischen chinesischen Händlern und arfikanischer Klientel und Belegschaft alles andere als harmonisch. Peter Ngubane arbeitet für einen Händler aus Shanghai, der ihm einen Hungerlohn von weniger als 100 Euro im Monat zahlt. Der Zulu verhehlt seine Aversionen nicht: Wir haben hier ein hygienisches Problem, diese Leute waschen sich nie. Ngubane behagt die Zuwanderung nicht. Ich frage mich manchmal, wie viele von denen denn noch kommen wollen
Dieselbe Frage treibt vorsichtiger formuliert auch die südafrikanische Regierung um, denn Peking will mit Pretoria ein bilaterales Freihandelsabkommen abschließen, um den Güteraustausch zu beschleunigen. Pretoria plagt freilich heute schon ein Handelsbilanzdefizit von jährlich 1,2 Milliarden Euro. Deshalb beauftragte die Regierung Denkfabriken, die Auswirkungen eines neuen Abkommens zu untersuchen und die kamen zu keinem rosigen Resultat.
Von einem Freihandelsabkommen, so Dirk van Seventer vom Johannesburger Institut für Trade and Industrial Policy Studies (TIPS), werde in erster Linie China profitieren. Während nämlich Südafrika derzeit dem asiatischen Riesen vor allem Rohstoffe liefert (für die ohnehin nur geringe Zölle erhoben werden), kommen aus China verarbeitete Produkte wie Elektrogeräte, Spielzeug, Kleider oder Schuhe. Dabei belegt Südafrika solche Güter noch mit Zöllen von bis zu 40 Prozent. Ohne diesen Schutz würde Südafrikas Textilindustrie von einem Tag zum anderen ausradiert.
Südafrikas Sorgen zeigen, dass es im Handel zwischen Schwellen- und Entwicklungsländern nicht ohne Opfer abgeht. Dennoch sehen viele im Süd-Süd-Handel Chancen. Der Süden ist viel zu sehr damit beschäftigt, den Norden zu Konzessionen zu bewegen, sagt Bhagirath Lal Das, ehemaliger Botschafter Indiens beim GATT (General Agreement on Tarifs and Trade), (WTO) dem Vorläufer der Welthandelsorganisation. Handelsabkommen zwischen Entwicklungsländern brächten aus seiner Sicht mehr.
Weltwirtschaftliche Bedeutung
Tatsächlich hat der Süd-Süd-Handel in jüngster Zeit beachtlich zugenommen. Während er 1990 noch lediglich einen Umfang von 219 Milliarden Dollar aufwies, war er elf Jahre später um fast das Dreifache auf 640 Milliarden gestiegen. Der Anteil der Entwicklungsländer am Welthandel legte von 1990 bis 2001 von um 4,2 Punkte auf 10,7 Prozent zu die Tendenz ist weiter steigend. Der brasilianische Präsident Luiz Inacio Lula da Silva spricht denn auch schon von einer neuen Handelsgeographie. Bislang dienten vor allem die nördlichen Industrienationen als Motoren der globalen Konjunktur. Doch zunehmend entscheidet auch die ökonomische Dynamik in aufholenden Volkswirtschaften über Boom oder Rezession weltweit.
Der ehemalige Handelsdiplomat Das schlägt vor, die Staaten der Dritten Welt könnten dem Norden die kalte Schulter zeigen und sich mit Zollabbau gegenseitig fördern. Davon dürfte freilich neben China auch das zweite Milliardenvolk der Welt mit seiner ausdifferenzierten Industrie besonders profitieren.
Politische Strukturen für den Ausbau der Süd-Süd-Beziehungen bestehen bereits. 1982 gründete die Gruppe 77 der blockfreien Entwicklungsstaaten das Global System of Trade Preferences (GSTP). Ziel dieses Staatenclubs von zunächst 40 Ländern war, die Zölle zwischen den Mitgliedern zu reduzieren, um den Warenaustausch anzuregen. Die Initiative hatte aber nur begrenzten Erfolg. Obwohl die Zölle innerhalb der Dritten Welt tatsächlich sanken, liegen sie noch immer wesentlich höher als in den OECD-Ländern, wo der durchschnittliche Zollsatz nur sechs Prozent beträgt. Afrikanische Staaten erheben durchschnittlich 18 Prozent Abgaben auf importierte Produkte, Indien gar 30 Prozent. Dagegen sind China und Südafrika mit jeweils rund zehn Prozent bereits relativ ungeschützt.
Als größtes Hindernis für den Erfolg des GSTP-Handelsinstruments erweis sich die systemisch angelegte Konkurrenz zwischen Entwicklungsländern. Fast alle produzieren Rohstoffe, hängen von der Landwirtschaft ab und bieten als Wettbewerbsvorteil niedrige Löhne. In gewisser Weise ist es sogar einfacher, die Gegensätze zwischen Nord und Süd zu harmonisieren, als die zwischen armen Staaten, weil sich komplementäre Bedürfnisse ergänzen. Ausschließliche Konzentration auf Süd-Süd-Kooperation beziehungsweise die kollektive Autarkie der Entwicklungsländer macht wenig Sinn, urteilt der norwegische Handelsexperte Jarle Møen.
Faizel Ismael, Chefunterhändler der südafrikanischen Regierung in Handelsangelegenheiten, hält den politischen Begriff des Südens sogar für einen Mythos, der höchstens für polemische Debatten, nicht aber für komplizierte Handelsverhandlungen taugt. Ausdrücklich warnt Faizel davor, die WTO-Verhandlungen zugunsten regionaler oder bilateraler Vereinbarungen zu vernachlässigen: Die wachsende Integration der Weltwirtschaft und die daraus resultierende gegenseitige Abhängigkeit der Nationen schließen aus, dass man von dem im Rahmen der Welthandelsorganisation geregelten multilateralen Handelssystem einfach wegläuft.
Dass die Liberalisierung weiter vorangetrieben werden muss, ist unter den meisten Fachleuten unumstritten. Vielleicht ist das chinesische Wirtschaftswunder nicht unbedingt der Liberalisierung des Handel zu verdanken, meint Peter Draper, Ökonom an der Johannesburger Witwatersrand-Universität: Doch ohne freien Handel bliebe von diesem Wunder heute nur noch die Erinnernung. Ausgerechnet das kommunistisch regierte China ist inzwischen zum Champion des Freihandels in der Dritten Welt geworden. Peking hat wie kaum eine andere Regierung seine Märkte geöffnet: Jetzt erwarten die Chinesen, das auch die anderen Nationen folgen, weiß Draper. Südafrikas Textilarbeiter vernehmen das mit Schrecken. Die Regierung in Pretoria weiß allerdings, dass die Tage der geschützten Märkte gezählt sind.
Statt sich verzweifelt an kaum konkurrenzfähige Wirtschaftszweige zu klammern, sollte sich Pretoria lieber darauf besinnen, in welchen Branchen südafrikanische Unternehmen international reüssieren können, schlägt Handelsexperte Draper vor. Für Südafrika interessant könnten etwa Dienstleistungen sein, besonders das Bankenwesen. Diesen Sektor schottet China bislang noch ab, nach bereits anvisierten Reformen dürfte es neue Chancen geben. Wie aber das indische Beispiel lehrt, bietet besonders die Kooperation mit den Servicebranchen reicher Nationen den armen Staaten attraktive Möglichkeiten besonders, wenn ihre Bildungseliten gut Englisch sprechen.
Websites:
Südafrikanisches Institut Trade and Industrial Policy Studies (TIPS): http://www.tips.org.za/research
South African Institute for International Affaires (SAIIA):
http://www.saiia.org.za
Johannes Dieterich
lebt in Johannesburg und arbeitet
als Korrespondent für die
Frankfurter Rundschau.
dieterich@gonet.co.za
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