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Kunden wollen individuelle Kredite
Weltrekord in Sachen Kleinkredit
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Viel versprechende Möglichkeiten
 01/2006
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Kunden wollen individuelle Kredite
Das Mikrofinanzwesen ist ein facettenreiches Geschäft, in dem viele Akteure unterschiedliche Strategien verfolgen manchmal gehört sogar sozialpädagogisches Engagement dazu. Diverse Ansätze funktionieren. Guillermo Salcedo vom ethischen Investmentfonds Oikocredit glaubt jedoch nicht, dass die Märkte schon reif für große Geschäftsbanken sind. Ein angemessenes institutionelles Umfeld ist die beste Voraussetzung, Finanzdienstleistungen für Benachteiligte zu verbessern.
[ Interview mit Guillermo Salcedo ]
Sollte ein Mikrokredit-Programm der anbietenden Organisation Gewinne bringen?
Es ist wichtig, dass die Organisation sich irgendwann selbst trägt. Und das setzt voraus, dass sie in gewissem Umfang Gewinn macht, um Reserven aufzubauen und das Kapitalniveau aufrecht zu erhalten.
Die Organisation sollte also auch von karitativer Unterstützung unabhängig werden?
Ja, das ist die Idee. In den vergangenen 25 Jahren starteten die meisten Mikrofinanzinstitutionen mit Hilfe von Subventionen. Irgendwann jedoch müssen sie ein Niveau erreichen, auf dem sie ihre Kosten aus eigener Kraft decken. Sie müssen ausreichende Zinsen verlangen und durch effektivere Arbeit ihre Kosten senken.
Halten Sie es für notwendig, außer Krediten auch andere Dienstleistungen anzubieten?
Sparprogramme sind sinnvoll. Sie helfen, dass sich ein Unternehmen selbst tragen kann. Abgesehen davon kann man von einem wachsenden Unternehmen immer erwarten, dass es sein Angebot diversifiziert.
Ist es überhaupt vereinbar, den Ärmsten der Armen zu helfen und gewinnbringende Kreditprogramme aufzubauen?
Das kommt auf den Arbeitsschwerpunkt an. Für eine rein kommerzielle Institution mit dem vorrangigen Ziel der Profitmaximierung wird es Konflikte geben wahrscheinlich eher ethischer denn finanzieller Natur. Viele Mikrofinanzeinrichtungen auf der ganzen Welt arbeiten weiterhin ohne Profit. Für Organisationen, die das Ziel haben, die arme Bevölkerung zu erreichen, ist die Balance von finanziellem und sozialem Erfolg sehr wichtig.
Gibt es Ihrer Ansicht nach eine Gewinnspanne, die nicht überschritten werden darf zwei Prozent Profitmarge beispielsweise?
Es ist schwierig, sich derart festzulegen. Es ist durchaus akzeptabel, wenn Privatinvestoren in Mikrofinanzunternehmen investieren, weil es finanziell attraktiv scheint. Es wäre sinnlos, ihnen eine Gewinngrenze zu setzen. Persönlich glaube ich jedoch, dass Mikrofinanzdienste für die Bevölkerungsgruppen da sind, die normalerweise keinen Zugang zu gewinnorientierten Institutionen haben. Meiner Ansicht nach sollte der Profit sich unmittelbar auf die Kostendeckung beziehen einschließlich der Erhaltung des Eigenkapitals und des ursprünglichen Vermögens.
In Bangladesch nutzen Organisationen Kleinkredite als Anreiz, Menschen zur Teilnahme an Programmen zu bewegen mit dem Ziel, ihre Weltsicht zu ändern. Solche Programme definieren zum Beispiel die Rolle der Frauen in muslimischen Dörfern neu, betonen die Alphabetisierung und bieten die Möglichkeit einer handwerklichen Ausbildung an. Diese Organisationen tun Dinge, die nicht direkt zum Bankgeschäft gehören, sondern eher sozialpädagogischer Natur sind. Wie sehen Sie das?
Ich finde, Entwicklungsprogramme sollten aufgrund ihres unmittelbaren Nutzens die Menschen zur Teilnahme bewegen. Mikrokredite sollten nicht dazu dienen, Menschen zur Teilnahme an anderen Programmen zu bewegen. Allerdings dreht sich Entwicklung nicht nur ums Geld. Natürlich können Organisationen, die Kredite mit anderen Dienstleistungen verbinden, eine wichtige Rolle bei der Förderung bestimmter Gruppen wie Frauen oder marginalisierter Schichten spielen. Aber diese Aktivitäten sollten eigene Finanzierungsquellen haben und nicht mit Bankgeschäften vermischt werden.
Gilt das auch für die Grameen Bank?
Ich habe nicht im Detail verfolgt, was die Grameen Bank tut, und kann es deshalb auch nicht kommentieren. Grameen ist eine große und innovative Unternehmung, die sich ständig weiterentwickelt. Es gibt nach wie vor Organisationen, die von Spendern abhängen. Es ist schwierig, selbsttragend zu arbeiten, insbesondere wenn das Unternehmen wachsen und andere Dienste wie Ausbildung und die Stärkung von Frauen erbringen soll. Selbst Organisationen, die hohe Zinsen verlangen, brauchen häufig Unterstützung für solche zusätzlichen Dinge. Meiner Ansicht nach jedoch sollten sich Personen, die Mikrofinanzen anbieten, darauf spezialisieren. Sie sollten sich nicht gleichzeitig als technische Berater versuchen. Innerhalb von Organisationen muss es Spezialisierungen geben und manche Organisationen balancieren ihre verschiedenen Ansätze ziemlich gut aus. Dennoch sehe ich die Vermischung von Programmen auf keinen Fall als Königsweg für Mikrofinanzinstitute.
Was halten Sie davon, die Allerärmsten, die keine andere Sicherheit bieten können, als gegenseitig füreinander zu bürgen, zu Gruppen zusammenzuschließen?
Das kommt auf die lokale Situation an. Gruppenkredite haben in der Vergangenheit in vielen Teilen der Welt funktioniert und werden das auch künftig tun. Sie sind dort erfolgreich, wo es keine anderen Optionen gibt. Aber individuelle Kredite sind generell attraktiver, weil die Kunden wissen, dass sie nicht für die Versäumnisse anderer bezahlen müssen. Zudem kosten Gruppensitzungen Zeit, die Kleinunternehmer wahrscheinlich lieber in ihre Erwerbstätigkeit stecken würden. Über kurz oder lang wollen die Kunden Individualkredite. Ich habe in Lateinamerika, im Kaukasus und in anderen Ländern erlebt, dass auf Gruppenkredite spezialisierte Organisationen anfingen auch individuelle Darlehen anzubieten, weil sie im Markt bleiben wollten.
Sind Gruppenkredite der einzige Weg, um bei der ganz armen Bevölkerung anzusetzen?
Nicht unbedingt, auch individuelle Kredite können funktionieren. Die Situation ist von Land zu Land verschieden. Es kommt auch darauf an, ob sie einen städtischen oder ländlichen Markt bedienen. Wo es keinen anderen Zugang zu Kapital gab, gelang auch schon die Einführung individueller Kredite.
Gruppen taugen natürlich gut dazu, soziale Normen und traditionelle Ansichten zu verändern. Bei Grameen zum Beispiel kommen auf jede Frau in einer Kreditgruppe vier weitere Frauen, die beobachten, was sie tut. Sie treffen sich mindestens einmal pro Woche und besuchen darüber hinaus auch formelle Sitzungen mit anderen Gruppen. Jedes Mitglied ist auf diese Weise einer kontinuierlichen Prüfung durch Dutzende andere Frauen ihres Dorfes ausgesetzt . . .
Ja, diese Methode funktioniert besonders in den frühen Phasen. Ich denke aber, mit der Expansion des Kerngeschäfts der Mikrofinanzierung werden andere Methoden wichtiger.
Oikocredit ist ursprünglich eine christliche Organisation. Spielt das eine Rolle?
Für viele unserer Mitglieder ist es relevant. Oikocredit wird nach wie vor von kirchennahen oder kirchlichen Organisationen unterstützt, auch wenn ihr Anteil gesunken ist. Wir haben auch Fördervereine gegründet, die auf individuellerer Basis arbeiten und nicht die Kirche repräsentieren. Religion spielt bei unserer Arbeit kaum eine Rolle. Wir wählen keine Organisationen auf der Basis ihres Glaubensbekenntnisses aus.
Es gibt verschiedene internationale Netzwerke für Mikrofinanzierung. Das Modell der Grameen Bank wird in anderen Ländern kopiert, es gibt institutionelle Netzwerke in Lateinamerika und anderen Weltregionen. Kooperieren Sie mit denen oder bauen Sie ein eigenes Netzwerk auf?
Wir bedienen Großkunden, mit der Kreditvergabe an die Endkunden haben wir nicht direkt zu tun. Wir haben regionale Büros und investieren über bereits existierende Institutionen unterschiedlicher Größe und Rechtsstrukturen. Wir beobachten, dass sich auf bestimmten Märkten einige Netzwerke gebildet und weiter entwickelt haben. Die Zusammenarbeit mit ihnen hilft uns, unsere Aufgabe zu erfüllen. Außerdem sind wir Mitglied von spezialisierten Vereinigungen wie dem Council of Micro Equity Funds und arbeiten mit Geberinstitutionen wie der Europäischen Bank für Wiederaufbau oder Regierungsorganisationen aus den Niederlanden und anderen Ländern zusammen. Einige davon leisten gute Arbeit und helfen uns, unsere Zielgruppen zu erreichen.
Sie konkurrieren also nicht mit ProCredit, Finca oder Acción?
Nein, ich denke nicht. Wir haben sogar ziemlich viel gemein. Die Welt ist groß, Armut ist weit verbreitet und die Kreditnachfrage längst noch nicht befriedigt. Es gibt erhebliche Unterschiede in der Arbeit der Organisationen und der Märkte, die sie bedienen. Manchmal finanzieren wir Einrichtungen, die von einem Netzwerk unterstützt werden oder darin integriert sind. Wir finanzieren aber auch andere Organisationen.
Einige große kommerzielle Banken fangen an, von Mikrofinanzierung zu reden.
Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass die Märkte, die wir zu entwickeln versuchen, schon den Reifegrad haben, der sie für große kommerzielle Unternehmungen attraktiv macht. Wir beschäftigen uns immer noch mit Fragen nach Best Practice-Beispielen oder Leistungsindikatoren als Grundlage für Kreditbewilligungen. Große kommerzielle Banken sind mit der Methodik längst noch nicht vertraut. Und die Gewinne sind ihnen einfach zu klein.
Spielen etablierte Finanzinstitute im Mikrofinanzsektor überhaupt eine Rolle?
Die meisten erfolgreichen Mikrofinanzinstitutionen haben sich aus Start-up-Unternehmen oder dem Ausbau von NRO-Programmen entwickelt. Denken Sie an die erwähnten Netzwerke. Die sind nicht von etablierten Banken geschaffen worden. Ich kenne nicht viele Beispiele dafür, dass eine große Bank sich bewusst und erfolgreich dem unteren Ende des Marktes geöffnet hat. Allerdings wird der Begriff Mikrofinanzierung heute eher locker verwendet: Manchmal bezieht er sich nur auf besonders arme Bevölkerungsschichten, manchmal allgemein auf Kleinunternehmen.
Brauchen Mikrofinanzinstitutionen eine bestimmte Art von Regulierung?
Sie benötigen unterstützende Rahmenbedingungen, die Kreativität zulassen, damit sie ihre Zielgruppen zu vernünftigen Bedingungen erreichen. Sie müssen transparent und solide arbeiten, sollten aber nicht unter exzessiver Aufsicht stehen.
Es muss also ein Gleichgewicht von Kontrolle und Freiheit geben, das für Effizienz und Wettbewerb sorgt, aber nicht die Arbeit fernsteuert?
Genau. Minimalanforderungen, beispielsweise in Bezug auf die Absicherung verlorener Kredite oder die Risikoeinschätzung, sind sehr wichtig. Sie betreffen Bankgeschäfte. Sie sollten der Stabilität von Mikrofinanzeinrichtungen dienen und nicht den Behörden Eingriffe in Geschäftsentscheidungen ermöglichen.
Sollte der Staat im Falle des Bankrotts für Einlagen garantieren?
Manche Länder haben solche Garantien und ich finde das nicht falsch. Andererseits wird eine gut geführte Institution solche Garantien normalerweise nicht brauchen; zudem sind die Kapazitäten armer Länder in der Regel begrenzt. Gutes Management wiederum hängt von verlässlichen Zahlen ab, und geeignete Vorschriften können dabei helfen, dass Mikrofinanzinstitutionen sie auch liefern.
Wie bewerten Sie den Erfolg des UN-Jahrs des Mikrokredits?
Es hat geholfen, Geld zu mobilisieren. Die Institutionen haben mehr Kapital bekommen, als es sonst der Fall gewesen wäre. Es gab viele Konferenzen mit interessanten Ergebnissen. Dennoch ist mein Eindruck, dass die Mikrofinanzwirtschaft in gewissem Maße vor allem mit sich selbst debattiert hat. Sie hat kaum Regierungen und andere Akteure erreicht, die für die Verbesserung des Klimas für das Mikrofinanzwesen wichtig sind.
Die Fragen stellte Hans Dembowski.
Guillermo Salcedo Jiminez
ist Mikrofinanzmanager von Oikocredit, einem ethisch orientierten Investmentfonds, der Kleinkredit-Programme unterstützt. Ende 2004 arbeitete die Genossenschaft mit Sitz in den Niederlanden mit fast 400 internationalen Projektpartnern und einem ausstehenden Kapital von 114 Millionen US-Dollar.
gsalcedo@oikocredit.org
http://www.oikocredit.org
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