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 01/2006
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Weltrekord in Sachen Kleinkredit
Rund 25 Millionen arme Haushalte erreicht die indische Agrarentwicklungsbank NABARD über ein Netzwerk verschiedener anderer Institute. Das Konzept baut auf den Erfahrungen anderer asiatischer Länder auf und wird flächendeckend in allen Bundesstaaten umgesetzt.
[ Von Stefan Karduck ]
Linking Banks and Self Help Groups heißt ein schnell wachsendes Programm der National Bank for Agriculture and Rural Development (NABARD) in Indien. Es begann 1992 mit einer Pilotstudie der staatlichen Landwirtschaftsbank mit 500 Selbsthilfegruppen und ist längst das weltweit größte seiner Art. NABARD berichtet, dass das Programm im vergangenen Jahr 24,3 Millionen arme Haushalte Anschluss an die formale Geldwirtschaft vermittelte. Im normalerweise patriarchalisch geprägten Indien hätten zudem 90 Prozent der Selbsthilfegruppen nur weibliche Mitglieder (siehe nächste Seite).
Informelle Selbsthilfegruppen haben in Indien Tradition. Die Leitidee des NABARD-Programms ist, solchen Initiativen den Service richtiger Banken anzubieten. Die meisten Mitglieder der Gruppen versorgen vielköpfige Familien. Entsprechend erreicht das NABARD-Programm inzwischen mehr als 100 Millionen Menschen, mindestens ein Viertel der absolut armen Menschen in Indiens Agrarregionen. Insgesamt hatten Finanzinstitute Anfang 2004 mehr als 870 Millionen Dollar als Darlehn an Selbsthilfegruppen vergeben, davon hat NABARD 470 Millionen refinanziert. Die Ersparnisse der Gruppen wurden auf 130 Millionen Dollar geschätzt. Das Programm stützte sich zu diesem Zeitpunkt auf ein Netzwerk mit etwa 36 000 Filialen einiger Hundert Institute.
Es gibt praktisch keine Rückzahlungsschwierigkeiten. Das macht das Linkage-Geschäft finanziell attraktiv und betriebswirtschaftlicher Erfolg sichert Nachhaltigkeit. Angesichts der weiterhin bitteren Armut im ländlichen Indien ist das nötig. Zwar gibt es das Programm inzwischen in allen indischen Bundesstaaten, doch die Dichte des Netzwerks variiert regional. Vor allem der Nordosten ist weiterhin unterversorgt.
Der nötige Schub
Staatliche Agrarbanken stehen gemeinhin nicht in dem Ruf erfolgreicher Armutsbekämpfung. Sie gelten als schwerfällig und ineffizient. Dennoch hat NABARD den nötigen Schwung gefunden. Dazu trugen verschiedene Faktoren bei. Die Liberalisierungspolitik der frühen 90er Jahre sorgte für Freiräume und der Wachstumsschub, der das Land inzwischen erfasst hat, erleichtert auch Kleininvestoren die ökonomische Expansion. Die indische Zentralbank (Reserve Bank of India, RBI) hat den Finanzsektor dereguliert und Bewegungsspielraum geschaffen, den das NABARD-Management nutzt allen voran Chairman Y.C. Nanda. Die NABARD wirkt als Facilitator und refinanziert die beteiligten Finanzinstitutionen im riesigen Netzwerk (meist staatseigener) Geschäftsbanken, ländlicher Regionalbanken und Genossenschaftsbanken.
Zuvor waren die Armen von den Institutionen des indischen Finanzsystems praktisch ausgeschlossen. Vier Fünftel der Bevölkerung leben in ländlichen Gebieten und produzieren 40 Prozent des Bruttosozialprodukts, aber nur zwei Prozent der Bankkredite fließen in den Agrarsektor. Folglich bleibt der Großteil der Bevölkerung auf informelle Geldverleiher angewiesen. Dabei hatte der Staat seit langem versucht, die Kreditversorgung des ländlichen Raums zu verbessern.
1969 ließ Premierministerin Indira Gandhi 14 private Banken verstaatlichen. Die Regierung hatte danach völlige Kontrolle über die formal verfasste Geldwirtschaft. Um den Ausbau des Filialnetzes voranzutreiben, richtete sie ab Mitte der 70er Jahre ländliche Regionalbanken ein. Diese staatlichen Geldhäuser sollten mittels subventionierter Kredite die Kundenzahl steigern. 1982 gliederte die Regierung dann die NABARD aus der Zentralbank aus wieder mit dem Ziel, die Kreditversorgung der Agrarregionen zu verbessern.
Allerdings erwies sich die staatliche Förderung als problematisch. Vielfach interpretierten die Empfänger Darlehen als Geschenke. Es gibt bis heute massive Rückzahlungsausfälle. Indien hatte einer NABARD-Studie von 1983 zufolge Anfang der 80er Jahre eine für ein Entwicklungsland ungewöhnlich breit ausgebaute finanzwirtschaftliche Infrastruktur. Diese operierte allerdings nicht nach üblichen Branchengepflogenheiten, sondern wurde staatlich dirigiert. Ende der 80er Jahre lag der ländliche Finanzsektor ökonomisch am Boden.
Anfang der 90er schlitterte das Land in die schlimmste Zahlungskrise seiner Geschichte. Unter dem Druck von Weltbank und Internationalem Währungsfonds begann die Regierung die Wirtschaft zu liberalisieren. Die Banken wurden zwar nicht sofort privatisiert, aber das Management gewann die ökonomische Entscheidungshoheit etwa über die Kreditzinsen zurück.
Asiatische Vorbilder
In dieser Zeit wurden in Asien insbesondere in Indonesien neue Mikrofinanzansätze zur Armutsbekämpfung entwickelt. Dabei erwies es sich als aussichtsreich, Selbsthilfegruppen an Finanzinstitute heranzuführen, um ärmere Bevölkerungsgruppen nachhaltig mit deren Dienstleistungen zu versorgen. Der Dachverband APRACA (Asia-Pacific Rural and Agricultural Credit Association) erhob 1986 nach einem internationalen Workshop in Nanjing diese Strategie zum Hauptprogramm.
Auch NABARD-Manager nahmen an dem Workshop teil. Die Bank führte daraufhin eine eigene Machbarkeitsstudie durch. Gleichzeitig rezipierte sie gründlich die Erfolge des Vorbilds Bank Rakyat Indonesia. Nanda reiste 1989 und 1990 dorthin. Als Mitglied von NABARDs Development Policy Department nahm er entscheidenden Einfluss auf die Strategie.
Anders als beim bekannten Grameen-Ansatz in Bangladesh wollte man in Indien nicht auf Kredite oder Zuwendungen der Geberländer, sondern auf das Sparpotential vor Ort und reguläre Bankkredite bauen. Die Voraussetzungen dafür schienen günstig. Es gab zahlreiche Finanzinstitutionen, regierungsunabhängige Initiativen inklusive finanzieller Selbsthilfegruppen. Es kam also darauf an, die verschiedenen Akteure zu vernetzen.
Die eingangs erwähnte Pilotstudie belegte das Erfolgspotenzial. Herausragend war die Rückzahlungsquote von fast 100 Prozent. Für Agrarkredite liegt die Rate in Indien normalerweise nur zwischen 50 und 60 Prozent. In einem Aufsatz erwähnte Nanda Mitte der 90er Jahre 637 Gruppen, die bis Ende Juni 1994 mit 28 Finanzinstitutionen zusammenarbeiteten, und prognostizierte 10 000 Selbsthilfegruppen bis März 1997. Zwei Jahre später wurde das Ziel definiert, 2008 mit einer Million bankverbundener Selbsthilfegruppen 100 Millionen Arme zu bedienen. Als diese Schwelle schon 2004 erreicht wurde, legte das Management ein neues Ziel fest: Bis 2007 sollte demnach das Gesamtvolumen aller vergebenen Mikrokredite auf umgerechnet drei Milliarden Dollar mehr als verdreifacht werden.
Aus heutiger Sicht erscheint das realistisch. Das Programm wird weiter wachsen, weil es sich für alle Beteiligten auszahlt. Das Geschäft mit den Selbsthilfegruppen rentiert sich für die beteiligten Banken und verbessert die Lebensbedingungen der Mitglieder und deren Familien nachhaltig. Während bislang die Neugründung von Selbsthilfegruppen forciert wurde, dürfte sich der Schwerpunkt künftig stärker auf die intensivere Beratung der existierenden Gruppen verschieben. Bei vielen Gruppen vor allem denen, die schon lange dabei sind ist der Kapitalstock mittlerweile auf ein Niveau gestiegen, das eine fundierte Buchführung erfordert.
Dr. Stefan Karduck
arbeitet als wissenschaftlicher Assistent an der Arbeitsstelle für Enwicklungsländerforschung der Universität zu Köln.
Er war an einer Feldstudie zum NABARD-Programm im Auftrag der GTZ beteiligt .
Die GTZ gehört seit 1998 zu den Beratern der NABARD in Kleinkreditangelegenheiten.
stefan.karduck@uni-koeln.de
Link:
NABARD: http://www.nabard.org/roles/mcid/introduction.htm
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