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 01/2006
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Soziale Kontrolle und Gruppensolidarität
Und dann haben wir noch ein Kind adoptiert, übersetzt der Dolmetscher die ältere Frau, die mit ihrer Selbsthilfegruppe im einzigen Raum einer Dorfschule im Bangalore Rural District sitzt. Jemand aus der Gruppe hat ein Kind adoptiert?, frage ich zur Sicherheit zurück. Nicht jemand aus der Gruppe die Gruppe hat ein Kind adoptiert, lautet die Antwort. Diese armen Frauen beeindrucken mich. Sie haben auch das Schulgebäude gestrichen und 2001 für Erdbebenopfer gespendet.
Die sozialen Nebeneffekte vieler Mikrofinanzprogramme sind mittlerweile bekannt. Sie beruhen im Wesentlichen auf Empowerment der Gruppenmitglieder und zwar besonders von Frauen. Der Erfolg vermittelt Selbstvertrauen. Individuell und als Gruppe treten sie sicherer auf. Sie verhandeln mit den Banken, übernehmen die familieninterne Finanzplanung oder setzen auch bei der Distriktverwaltung die Schließung des örtlichen Liquor Stores durch, weil Männer dort zuviel Geld vergeuden. Manche Frauen verdienen sich auch ihre Mitgift selbst und verschaffen sich damit ein Mitspracherecht bei der Wahl ihres Ehemanns.
Die Selbsthilfegruppen entstehen zunächst ohne Bankfinanzierung mit dem Ziel, regelmäßig kleine Sparbeträge zu sammeln. Durchschnittlich geht es um 40 Rupien (ca. 80 Euro-Cent) pro Monat und Mitglied. Meistens geben regierungsunabhängige Organisationen oder auch staatliche Stellen den Anstoß zur Gründung. Rund ein Fünftel der Gruppen entstehen auf direkte oder indirekte Initiative einer Bank. Anfänglich brauchen die Gruppen Unterstützung nicht zuletzt wegen des verbreiteten Analphabetismus. Mit der wirtschaftlichen Etablierung aber wächst die Selbständigkeit viele Gruppen bezahlen einen Buchhalter.
Das gesparte Geld wird an die Mitglieder nach selbst bestimmten Kriterien verliehen. Dabei werden zwischen zwei und drei Prozent Zinsen pro Monat fällig, die das Gruppenvermögen mehren. In dieser Phase lernen einerseits die Gruppen die Grundregeln des Verleihens und Zurückforderns, die Mitglieder trainieren derweil individuell das Leihen, Investieren und Zurückzahlen. Disziplin in der Gruppe ist wichtig, wer sie nicht einhalten kann, wird gar nicht erst aufgenommen oder fliegt schnell wieder raus.
Schon früh beobachtet die spätere Partnerbank die einzelnen Gruppen. Kommt die Bank nach sechs bis maximal 18 Monaten zu der Überzeugung, die Gruppe habe sich bewährt, erhöht sie das Gruppenkapital mit einem Darlehn. Dazu eröffnet die Gruppe formal und gesamtschuldnerisch ein Konto bei der Bank.
Die Bank fordert in der Regel zwischen acht und 15 Prozent Jahreszinsen. Das ist ein im Mikrofinanzwesen ausgesprochen niedriges Niveau. Er ist auf die lange Tradition des social bankings in Indien, aber auch auf die nahezu 100prozentigen Rückzahlungsraten zurückzuführen, die eine Querfinanzierung von Ausfällen überflüssig machen. Das frische Geld der Bank wird an die Mitglieder zu den gruppenüblichen Zinssätzen weiter verliehen. So können die Einzelnen größere Kredite aufnehmen und gleichzeitig das Potenzial der Gruppe durch die Zinsmarge weiter stärken.
Soziale Kontrolle und Gruppensolidarität ersetzen bankübliche Sicherheiten. Die Selektion der Individuen nach Kreditwürdigkeit erledigen die Gruppen selbst. Das senkt den Aufwand der Geldgeber Banken, NGOs oder Regierungen und ermöglicht vergleichsweise günstige Konditionen. In der Praxis funktionieren allerdings sicherlich nicht alle Gruppen gleich gut. Als sozialwissenschaftlicher Forscher hatte ich mancherorts den Eindruck, einige Gruppen seien kaum mehr als künstliche Gebilde zur persönlichen Besserstellung der beiden Vorsitzenden. Zeitweilig schien mir der Ehrgeiz auch vor allem darauf gerichtet, staatliche Fördermittel zu kassieren. In den meisten untersuchten Fällen war aber klar: Hier steht eine Selbsthilfegruppe auf festem Boden und genießt wegen ihrer erfolgreichen Arbeit die Anerkennung des ganzen Dorfes.
Stefan Karduck
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