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Opfer ohne Reparation
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 01/2006
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[ Sierra Leone ]
Opfer ohne Reparation
Im Jahr 2001 beendete der bislang größte und teuerste Blauhelmeinsatz der UN-Geschichte den Bürgerkrieg in Sierra Leone. Die Mission gilt international als großer Erfolg, obwohl Organisationen wie Human Rights Watch auf Menschenrechtsverletzungen durch die UN-Soldaten hinwiesen. Ende 2005 endete der Einsatz, die UN-Truppen zogen ab. Ob der Frieden hält, hängt vor allem davon ab, ob die Regierung und die internationale Gemeinschaft die Opfer des Krieges für ihr Leid entschädigen.
[ Von Anne Jung ]
Um den Frieden zu sichern, startete die UN-Mission (UNAMSIL) gemeinsam mit der britischen Armee 2001 ein Entwaffnungsprogramm für ehemalige Kombattantinnen und Kombattanten: 70 000 Frauen und Männer gaben ihre Waffen ab, darunter Tausende ehemalige Kindersoldaten. Um ihnen eine ökonomische Alternative zum Krieg zu schaffen, erhielten viele Ex-Kämpfer finanzielle Starthilfen in Höhe von rund 150 Dollar sowie die Möglichkeit zu beruflicher Fortbildung. Diese Versuche, die ehemaligen Kämpfer in das gesellschaftliche Leben wieder einzugliedern, war für die Stabilisierung des Landes von großer Bedeutung. Es gab jedoch auch viele Rückschläge: Viele der Ex-Kombattanten gingen nach Liberia, um dort ihr Geld weiterhin im Krieg zu verdienen.
Dagegen erhielten die zahllosen Opfer kaum Unterstützung. Vor allem die Rebellenorganisation RUF (Revolutionary United Front) hatte während des Krieges mit brutalen Amputationen die Bevölkerung terrorisiert. Über 20 000 Menschen hackten sie Hände oder Beine ab, wie viele der Opfer heute noch leben, ist nicht klar. Zudem wurden mindestens 50 000 Frauen und Mädchen vergewaltigt, entführt und zur Prostitution gezwungen. Weil sie keine Hilfe erhielten, gaben sich nach dem Ende der Kämpfe manche Opfer sogar als Täter aus, um beispielsweise einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Die Ungleichbehandlung von Tätern und Opfern gefährdet den Frieden im Land.
Das erinnert an die Zeit vor Ausbruch des Krieges: Der Abschlussbericht der mit UN-Hilfe implementierten Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) stellt fest, dass die tiefen sozialen Ungleichheiten in der Bevölkerung starke Ohnmachtsgefühle ausgelöst hatten. Der Griff zu den Waffen schien als einziger Ausweg aus der ökonomischen Perspektivlosigkeit, der Krieg war der einzige sichere Arbeitgeber. Tausende meist junger Männer schlossen sich als Willing Revolutionaries und als Zwangsrekrutierte der Rebellenbewegung RUF an.
Edward Conteh, dem die Rebellen der RUF bei einem Überfall auf die Hauptstadt Freetown den Unterarm abschlugen, sieht deshalb die Gefahr, dass der Krieg neu aufflammt: Es gibt für mich in Sierra Leone keinen Frieden, weil die Töchter und Söhne der Opfer leiden. Ihre Gemüter sind erhitzt sie warten auf den Moment, sich zu rächen. Conteh ist Mitglied der Selbsthilfeorganisation Amputees and War Wounded Association, die Juso Jaka 2002 mitgegründet hat. Juso Jaka trägt statt seiner Hände zwei metallene Zangen. Im Bürgerkrieg beschützte er seine Tochter vor den Milizen der RUF. Zur Strafe schlugen die Milizionäre dem Vater mit einer Machete beide Hände ab.
Die Association bemüht sich, den Überlebenden einen Teil ihrer Handlungsfähigkeit zurückzugeben. Sie kämpft für soziale Gerechtigkeit und fordert materielle Entschädigung für die Opfer. Reparationen sind ein Zeichen der Entschuldigung seitens des Täters, sagte Jaka bereits im Jahre 2002. Sie wirkten wie Medizin, die hilft, die Schmerzen zu lindern. Die Selbsthilfeorganisation hat nicht viel Geld zur Verfügung, doch ihre Beharrlichkeit hat erste Erfolge gebracht. Das nach Kriegsende eingerichtete Camp am Stadtrand Freetowns, in dem mehrere Hundert Überlebende nach Kriegsende untergebracht waren, wurde aufgelöst, einige haben bereits Häuser erhalten. Dennoch: Ohne Arme oder Beine können sie nicht oder nur schwer das Überleben ihrer Familien sichern. Da bislang niemand regelmäßige Unterstützung erhält, bleibt vielen Kriegsopfern nichts anderes übrig, als betteln zu gehen.
Während der Anhörungen der TRC wurde die Notlage der Opfer offenkundig. Der im August 2005 vorgelegte Abschlussbericht der Kommission plädiert folgerichtig für einen Kriegsopferfonds, den die Regierung binnen drei Monaten nach Veröffentlichung des Berichtes einrichten solle. Der Fonds soll unter anderem Mittel für medizinische Behandlung, psychosoziale Betreuung, Ausbildung sowie finanzielle Entschädigung bereitstellen. Die vier Bände der TRC sind vielleicht das wichtigste Buch, das in Sierra Leone jemals geschrieben wurde, sagt John Caulker, der Leiter der Truth and Reconciliation Working Group, eines Dachverbands, der den Versöhnungsprozess kritisch begleitet. Doch seine wirkliche Bedeutung kann das Buch nur entfalten, wenn seine Empfehlungen umgesetzt werden.
Untätige Regierung
Doch Sierra Leones Präsident Ahmed Tejan Kabbah von der Sierra Leone Peoples Party (SLLP) ließ die Frist zur Implementierung des Fonds untätig verstreichen. Ein Grund dafür könnte nach Einschätzung einer Vertreterin eines Frauennetzwerkes, die namentlich nicht genannt werden möchte, die Befürchtung sein, ein staatlich finanzierter Opferfonds könne als Schuldeingeständnis der Regierung interpretiert werden. Denn: Der TRC-Bericht enthält indirekte Hinweise auf die problematische Rolle der Regierung während der Massaker in Freetown 1999.
Es besteht die Gefahr, dass die SLLP nach Abzug der UNAMSIL nichts mehr für die Kriegsopfer tut, sofern nicht internationaler Druck auf sie ausgeübt wird. Die UN sollten es als ihre Aufgabe ansehen, ihre Mission in Sierra Leone zu vollenden mit dem Ziel, der Bevölkerung im Land das Gefühl von ownership zu geben, das sich während des Friedensprozesses bislang kaum eingestellt hat. Durch den Rückzug der UN entsteht ein Sicherheitsvakuum; viele befürchten die Rückkehr zur Gewalt. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission empfiehlt der Regierung, den Kriegsopferfonds auch aus den Einnahmen des Diamantenhandels zu speisen. Zudem sollten sich ausländische Geldgeber wie die britische Regierung und die EU an dem Projekt beteiligen. Die Kommission nennt außerdem die internen und externen Akteure, die vom Konflikt profitiert haben, und meint damit Länder wie Libyen und Liberia. Internationale NROs fordern darüber hinaus die Diamantenindustrie auf, sich an der Entschädigung zu beteiligen, weil sie im Krieg ihren Geschäften nachging und damit zur Finanzierung der Waffen beitrug.
Sogar die bitterarme Bevölkerung Sierra Leones wäre bereit, zur Finanzierung des Fonds beizutragen. In Kirchengemeinden kann Geld gesammelt werden. Es gibt einen großen Willen zum Frieden, und die Bevölkerung wäre bereit, in den Entschädigungsfonds einzuzahlen, berichtet die Anwältin Jamesina King. Dieser unbedingte Wille zum Frieden sollte für die internationalen Diamantenfirmen Anlass sein, sich ebenfalls zu beteiligen.
Nachdem über ein landesweites Treffen der Amputees and War Wounded Association im September international berichtet worden war, war Präsident Kabbah erstmals bereit, sich mit der Selbsthilfeorganisation zu treffen. Auch wenn der Verband das erste Entschädigungsangebot der Regierung als unzureichend zurückgewiesen hat, setzte das Treffen eine Öffentlichkeitskampagne in Gang, die auch in diesem Jahr von Organisationen wie medico international unterstützt werden wird.
Gerade weil die Regierung für alle Täter außer den vor dem UN-Sondertribunal angeklagten Kriegsverbrechern eine Generalamnestie erlassen hat und die Bevölkerung bereit war, diesen hohen Preis für den Frieden zu bezahlen, sollten jetzt die Bedürfnisse der Opfer in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken. Eine Entschädigung wäre ein Symbol gegen das Unrecht, das ihnen widerfahren ist. Derzeit hat die Bevölkerung das Gefühl, dass die Kriegsverbrecher belohnt und die Opfer erneut bestraft werden. Sollte der Krieg neu ausbrechen, dann hätte das nicht nur für Sierra Leone katastrophale Auswirkungen, sondern für die gesamte westafrikanische Region.
Anne Jung
arbeitet in der Presse- und Öffentlichkeitsabteilung der Frankfurter Hilfsorganisation medico international.
jung@medico.de
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