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Beiträge aus der Rubrik InWEnt-Forum
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 01/2007
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[ Treibhauseffekt ]
Die Andengletscher schmelzen
Der Klimawandel ist in Lateinamerikas Gebirgen bereits deutlich zu spüren mit Folgen für die Wasserversorgung, die Stromerzeugung und die Landwirtschaft. Allein Ernteausfälle dürften künftig die ökonomisch ohnehin schwache Region vielstellige Millionen-Dollar-Beträge kosten.
James Wolfensohn ist dem Zeitgeist manchmal voraus. Al Gores Film An Inconvenient Truth lief noch nicht in den Kinos und Nicholas Sterns Studie über die volkswirtschaftlichen Konsequenzen des Treibhauseffekts war noch nicht erschienen. Da zitierte Wolfensohn 2004 in seiner letzten Rede als Weltbankpräsident auf einer Jahrestagung des multilateralen Instituts bereits einen alten Mann aus den Anden. Wolfensohn berichtete, der Greis habe ihn mit der einfachen Frage beeindruckt, wie denn die Zukunft seiner Heimat ohne die Gletscher aussehen werde.
Die Sorge des alten Bauern teilen Wissenschaftler. Salvador Sánchez vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) betont, dass Gebirgsregionen wie die in den Anden besonders sensibel für den Klimawandel sind. Der Rückgang der Gletscher wird erhebliche Folgen haben nicht nur für die natürlichen Ökosysteme. Die Landwirtschaft wird in Mitleidenschaft gezogen, die Wasserversorgung und die Stromerzeugung an Staustufen werden in Frage gestellt, und auch die Tourismusbranche wird Konsequenzen spüren.
Genaue Prognosen, wann die Gletschermassen des Andenraumes völlig verschwunden sein werden, sind nicht möglich. Darüber sind sich die französischen Forscher Eric Cardier und Bernard Francou vom Institute de Recherche pour le Développement mit Professor Ekkehard Jordan von der Universität Düsseldorf einig, wie sie im Herbst auf einer von InWEnt organisierten internationalen Konferenz in Quito klarstellten. Zwar wird heute die Ausdehnung der Gletscher durch Luft- oder Satellitenaufnahmen relativ leicht erfasst. Prognosen der künftigen Entwicklung erfordern jedoch auch die Kenntnis der Mächtigkeit der jeweiligen Eisschichten. Um solche Daten zu erheben, sind aufwendige Radarmessungen auf den Gletschern nötig. In Lateinamerika gibt es aber nur wenig einheimische Glaziologen, also wurden solche Untersuchungen bisher kaum durchgeführt.
Schwierig sind Prognosen aber auch deshalb, weil Gletscher in komplexen Mustern abfließen. Um sie zu verstehen, sind Messungen an diversen Schmelzwasserbächen an allen Flanken des jeweiligen Gebirgsmassivs nötig. Relativ gut untersucht ist der ecuadorianische Vulkan Cotopaxi. Dort verursachen aber geothermale Prozesse zusätzliches Abschmelzen. Eine geographische Besonderheit der Anden ist zudem die Páramo genannte Landschaft. Typisch sind für sie Seen und Feuchtgebiete in großer Höhe, die große Mengen von Gletscherwasser absorbieren und ihrerseits als natürliche Speicher dienen. Verschwinden die Gletscher, so reduzieren sich auch diese natürlichen Puffer.
Trotz solcher Unsicherheiten im Detail steht fest, dass sich das Schmelzen der andinen Gletscher seit Beginn der 80er beschleunigt hat. Bei dem bisher beobachteten Temperaturanstieg von jeweils 0,3 Grad in zehn Jahren dürften die kleineren Gletscher in Höhen unterhalb von 5000 Meter in den nächsten zehn bis 15 Jahren verschwinden. Doch auch höher gelegene Gletscher verlieren bereits an Masse. Walter Vergara, der Chefingenieur der Weltbank für umwelt- und sozialverträgliche Entwicklung, veranschlagt die Zunahme der Lufttemperatur in den Anden in den nächsten 100 Jahren in Höhenlagen zwischen 4000 und 5000 Metern auf 3,5 bis vier Grad Celsius.
Indikatoren des Wandels
Als Indikatoren des Treibhauseffekts spielen Gletscher eine zentrale Rolle. Dabei gilt das Hauptaugenmerk international in der Regel den Eismassen in Grönland und der Antarktis, weil ihr Abschmelzen zu einem erheblichen Anstieg des Meeresspiegels führen und wahrscheinlich auch das System der globalen Meeresströmungen verändern würde. Besonderes Interesse gilt in Mitteleuropa den Alpen, nicht zuletzt wegen ihrer Beliebtheit als Ski- und Urlaubsgebiet. In Österreich und der Schweiz wurde schon damit begonnen, Gletscher im Sommer mit Folien zuzudecken, um sie vor Sonnenstrahlen zu schützen und ihr Abschmelzen zu verlangsamen.
Doch auch Gletscher in Äquatornähe sind betroffen. Dass sie lediglich 2500 Quadratkilometer bedecken, macht sie nur vordergründig zu einer vernachlässigbaren Größe. In Peru gibt es derzeit noch 18 Gletschergebiete. Ihre Fläche ist zwischen 1970 und 1997 nach Angaben des Instituto Nacional de Recursos Naturales, einer Einrichtung des Landwirtschaftsministeriums, um 22 Prozent zurückgegangen.
Der Trend ist bedrohlich, denn der Wasserbedarf von Bevölkerung und Wirtschaft wird wachsen. Wenn aber die Gletscher schwinden, schwinden auch die nötigen Ressourcen. Edgar Ayabaca kann einschätzen, was das für die Großstadt Quito bedeutet. Er ist der für Wassergewinnung zuständige Direktor des lokalen Versorgungsunternehmens EMAAP-Q. Berechnungen des Unternehmens zufolge werden sich die zusätzlich anfallenden Investitionen bis 2055 auf bis zu 700 Millionen Dollar belaufen, je nach dem wieviel zusätzliche Stauseen, Kanäle und Tunnel nötig werden. Wie das Geld aufgebracht werden soll, weiß der Manager noch nicht. Bevorzugen würde er jedenfalls die Kreditaufnahme im Inland, damit die Zinslast nicht auch noch durch Wechselkursschwankungen anschwellen kann.
Auch die Elektrizitätsversorgung Perus hängt vom Wasser ab. Das Land erzeugt mehr als 70 Prozent seines Stroms mit Wasserkraft. Besonders beunruhigt Juan Olazabal vom peruanischen Energie- und Bergbauministerium, dass auch durch das El-Niño-Phänomen in regelmäßigen Abständen die Niederschläge regional drastisch zurückgehen. Der niedrigere Wasserstand der Flüsse schränkt dann den Kraftwerksbetrieb erst recht ein. Weltbank-Ingenieur Vergara veranschlagt die Kosten für den Ersatz von einem Megawatt Kraftwerkskapazität auf 1,1 Millionen Dollar.
Die Nachbarländer stehen vor ähnlichen Problemen. Bolivien erzeugt die Hälfte seines Stroms mit Wasserkraft, Ecuador sogar mehr als 70 Prozent. Alarmierend ist, dass die Landwirtschaft gleichzeitig unter Wasserknappheit leiden wird. Der Experte von der Weltbank schätzt, dass allein im Gebiet des Rio Santa in Nordperu jährliche Ernteausfälle im Wert von 200 Millionen Dollar bevorstehen.
Das bedrohliche Szenario macht eine Doppelstrategie erforderlich. Die natürlichen Wasserspeicher der Gletscher müssen mit künstlichen Talsperren und Rückhaltebecken ersetzt werden. Solche Vorhaben erfordern viel Zeit, deshalb muss mit der Arbeit zügig begonnen werden. Zweitens gilt es, in der Landwirtschaft und in der industriellen Produktion den Wasserverbrauch drastisch zu senken, gleichzeitig Energie generell effizienter zu nutzen und Strom aus alternativen Quellen zu erzeugen.
Allerdings ist die wirtschaftliche Lage in den Andenländern Bolivien, Ecuador und auch Peru bereits jetzt angespannt. Folglich muss mit den knappen Mitteln erst recht erfolgreich gewirtschaftet werden. Adäquate kommunale Wasserversorgung im Andenraum gehört denn auch zu den Schwerpunkten der InWEnt-Arbeit (Funcke-Bartz, 2006). Wichtige Partner sind dabei nicht nur die lokalen Wasserversorger und Verwaltungen, sondern auch die nationalen Regierungen, der Privatsektor, die Zivilgesellschaft und internationale Organisationen.
Dass sich die Comunidad Andina de Naciones (CAN) an der Konferenz in Quito beteiligte, ist aus InWEnt-Sicht besonders erfreulich. Diese regionale Organisation erarbeitet zurzeit Empfehlungen dafür, wie Mitgliedsregierungen auf den globalen Klimawandel reagieren sollen. Alan Viale vom CAN-Sekretariat betont, die Umweltministerien in den Hauptstädten hätten die Problematik bereits begriffen. Das gelte aber nicht für andere wichtige Akteure in Industrie, Energiesektor, Landwirtschaft oder Wasserversorgung.
Lateinamerika spielt übrigens als Verursacher des Treibhauseffekts nur eine geringe Rolle. Nur knapp vier Prozent des weltweit ausgestoßenen Kohlendioxid (CO2) stammt aus dieser Region. Die USA dagegen sind für fast ein Drittel und Europa für mehr als ein Viertel der weltweiten Emissionen dieses wichtigsten Treibhausgases verantwortlich.
Michael Funcke-Bartz
arbeitet in der InWEnt-Abteilung Nachhaltige Technologie, Industrie- und Stadtentwicklung. Er hat die erwähnte Regionalkonferenz in Quito geleitet.
michael.funcke-bartz@inwent.org
Literatur:
Michael Funcke-Bartz, 2006:
Wasserengpässe sinnvoll managen, E+Z/D+C, Februar, S. 78-79
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