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Beiträge aus der Rubrik Medien
Versöhnung: Auf die Opfer hören
Wenig Neues zum Menschenrechtsschutz
Für eine politisch aktive Zivilgesellschaft
 01/2007
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Versöhnung: Auf die Opfer hören
Ernesto Kiza, Corene Rathgeber, Holger-C. Rohne:
Victims of War:
An empirical study on war victimisation and victims attitudes towards addressing atrocities.
Hamburger edition online, Hamburg 2006, 210 S., ISBN 3-936096-73-6
Download unter
http://www.his-online.de/ Download/Forschungsberichte/978-3-936096-73-6.pdf
Seit den Nürnberger Prozessen wurden in einer Reihe internationaler Tribunale Kriegsverbrechen in einzelnen Konflikten geahndet, zum Beispiel in Ruanda oder auf dem Balkan. Diese Entwicklung mündete 2002 in die Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofs. Die Strafverfolgung von Kriegsverbrechen ist jedoch nur ein Teil der Aufarbeitung der Vergangenheit und in Versöhnungsprozessen. In den letzten Jahrzehnten hat sich gezeigt, dass oft viel mehr nötig ist etwa Wahrheitskommissionen, Reparationszahlungen an Überlebende oder die Reform von Polizei und Armee. All das wird neuerdings unter dem Begriff Transitional Justice zusammengefasst.
Doch welche Bedürfnisse haben die Überlebenden von Genozid, Menschenrechtsverletzungen oder Kriegsverbrechen? Was ist nach ihrer Meinung notwendig, um ein friedliches gesellschaftliches Miteinander neu zu gestalten? Häufig werden diese Fragen nicht gestellt. Die Analyse der Bedürfnisse und Interessen von Opfergruppen ist eines der am stärksten vernachlässigten Gebiete von Transitional-Justice-Maßnahmen. Diese Lücke will der Forschungsbericht von Kiza, Rathgeber und Rohne schließen helfen. In einer vergleichenden empirischen Studie untersucht er die Gewalterfahrungen und die Haltungen von Opfern in elf Krisengebieten darunter Afghanistan, Kambodscha, Bosnien-Herzegowina, die Demokratische Republik Kongo, Sudan sowie Israel und Palästina.
Zunächst klassifizieren die Autoren unterschiedliche Formen der victimisation im Krieg (der Begriff bezeichnet die oft grausame Art, wie eine Gruppe zu Opfern gemacht wird). Sie entwickeln dazu ein Modell, das erstens nach objektiven Gründen beispielsweise Folter, Vertreibung oder Verlust eines Familienangehörigen , zweitens nach subjektiver Wahrnehmung und drittens nach dem Täter-Opfer-Verhältnis unterscheidet. Im zweiten Schritt werden Fragen an die Opfer zum Umgang mit den Tätern formuliert, die sich an den für das Transitional-Justice-Konzept wesentlichen Elementen strafender (retributiver) und integrierender (restorativer) Gerechtigkeit orientieren. Die Fragen beziehen wichtige Aspekte ein wie die Einbindung von Opfern und die langfristigen Ziele der Maßnahmen.
Die Ergebnisse der Erhebungen sind wenig überraschend und offenbaren die Schwachstellen der Publikation. Die Antworten der Opfer bestätigen, dass eine Mischung von strafenden und integrierenden Maßnahmen notwendig und sinnvoll ist, wobei sich eine Mehrheit für formaljuristische Prozesse auf Grundlage internationalen Rechts ausspricht. Erwartungsgemäß sind die Antworten auch von Unterschieden zwischen den regionalen Kulturen und Rechtstraditionen sowie der jeweiligen Glaubwürdigkeit des Staates und internationaler Akteure geprägt. Die Daten und ihre Analyse sollten zudem mit Vorsicht gelesen werden, denn die Gruppen der Befragten sind klein, nicht repräsentativ und zum Teil schwer vergleichbar. Zu ihrem Bildungshintergrund und ihrer sozio-ökonomischen Position macht die Studie keine Angaben.
Dass die Fragestellung nicht immer präzise genug ist, zeigen die schwer verwertbaren Angaben zum Täter-Opfer-Verhältnis: Danach haben 51 Prozent der Befragten in Bosnien, aber 72 Prozent in Palästina erklärt, den Täter gekannt zu haben. Das ist schwer nachvollziehbar, weil Palästinenser und Mitglieder der israelischen Sicherheitskräfte sich seltener persönlich kennen dürften als Opfer und Täter in der ethnisch stark gemischten bosnischen Gesellschaft. Und in Mazedonien ist der Anteil der Zivilisten als Angreifer laut der Befragung mit am höchsten, obwohl das Land die einzige jugoslawische Nachfolgerepublik ist, in der es nicht zur Aufstellung von Bürgerwehren kam. Die Stärke der Studie liegt nicht in der Empirie, sondern in der Entwicklung eines Konzepts von victimisation und den daraus abgeleiteten Fragestellungen sowie im begrüßenswerten Versuch einer vergleichenden Analyse.
Natascha Zupan
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