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 01/2007
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[ Afghanistan ]
Drogenökonomie weist zunehmend
mafiaähnliche Züge auf
Der Kampf gegen die Drogenökonomie in Afghanistan war bislang erfolglos. Laut der UN-Behörde zur Bekämpfung von Drogen und Kriminalität (UNODC) wuchs die Anbaufläche für Schlafmohn dieses Jahr um 59 Prozent, die Menge des in Afghanistan hergestellten Rohopiums stieg um 49 Prozent auf über 6000 Tonnen. Schlimmer noch: Die bisherige Politik gegen den Opiumanbau und -handel hat die Korruption verschärft und dazu beigetragen, dass das Drogengeschäft in Afghanistan immer stärker von einer mafiaähnlichen Organisation kontrolliert wird angeführt von einem kleinen Kartell, das über beste Beziehungen zur Politik verfügt. Zu diesem Ergebnis kommen die Weltbank und UNODC in einem gemeinsamen Bericht, der die gesamte afghanische Drogenindustrie vom Mohnanbau bis hin zur Wäsche von Drogeneinnahmen untersucht.
Danach haben Anbauverbote und die Zerstörung von Mohnfeldern bisher lediglich bewirkt, dass die Produktion von einem Ort zum anderen gewandert ist. Diese Fähigkeit, auf veränderte Rahmenbedingungen flexibel zu reagieren und Verfolgungsdruck auszuweichen, bestehe bis in die oberste Spitze des Drogenkartells: Nach dem Bericht liegt die Kontaktstelle zwischen Drogenwirtschaft und Politik heute im Innenministerium, nachdem das frühere Zentrum, das Verteidigungsministerium, in den vergangenen Jahren grundlegend reformiert wurde. Im Innenministerium hingegen sei alles beim alten geblieben, so dass die Drogenbarone sich dort festsetzen konnten.
Die Verfilzung von Politik, Verwaltung und Drogenmafia reicht von der Spitze bis hinunter auf Distriktebene. Dort ist laut Barnett Rubin vom Center on International Cooperation an der New York University ein regelrechter Markt für lukrative Regierungsposten entstanden. Vor einem Ausschuss des US-Senats sagte Rubin im Herbst, in Drogenanbaugebieten werde der Posten des Polizeichefs an den Höchstbietenden versteigert; für die sechsmonatige Ernennung mit einem Monatsgehalt von 60 US-Dollar würden 100 000 Dollar bezahlt. Laut UNODC und Weltbank kassiert die Polizei von den Bauern Gelder für den Schutz ihrer Felder, konfisziert Opium und verkauft es dann selbst weiter oder lässt sich von lokalen Drogenhändlern die Ausschaltung von Konkurrenten bezahlen.
Nach dem Bericht leiden vor allem die ärmeren Bauern unter der staatlichen Antidrogenpolitik. Bauern in entlegenen Regionen ohne Zugang zu Wasser, Infrastruktur oder Märkten sind auf die Einnahmen aus dem Mohnanbau angewiesen. Weil sie sich anders als ihre wohlhabenderen Kollegen nicht selbst schützen können, sind sie Schutzgelderpressungen hilflos ausgeliefert oder werden einfach vom Markt verdrängt. Der staatliche Druck sorgt laut dem Bericht dafür, dass sowohl der Anbau als auch der Opiumhandel sich auf immer weniger Beteiligte konzentriert, die über genug Geld und die erforderlichen politischen Beziehungen verfügen, sich diesem Druck zu entziehen. Weltbank und UNODC gehen davon aus, dass der Drogenhandel in Afghanistan heute von nur noch 25 bis 30 Leuten an der Spitze kontrolliert wird.
Die beiden Organisationen plädieren für ein umfassendes und zugleich differenziertes Vorgehen gegen die afghanische Drogenökonomie. Zum einen dürfe die Förderung von Alternativen zum Mohnanbau nicht in Gestalt isolierter Projekte betrieben, sondern müsse in die allgemeine Wiederaufbauarbeit integriert werden (mainstreaming alternative development). Zum anderen sollten die afghanische Regierung und die Geber den Kampf gegen Drogen zunächst auf solche Regionen konzentrieren, in denen die Bauern nicht auf den Mohnanbau angewiesen seien, sondern auf andere Produkte ausweichen könnten. Generell, so der Bericht, sollten zuerst Alternativen geschaffen und dann Maßnahmen gegen den Mohnanbau ergriffen werden, nicht umgekehrt. Mit diesen Vorschlägen greift der Bericht Forderungen auf, die Antidrogen- und Entwicklungsexperten schon lange vertreten (siehe E+Z/D+C 7/2006, S. 272).
Weltbank und UNODC gehen davon aus, dass der Kampf gegen die Drogenindustrie in Afghanistan eine Sache von Jahrzehnten ist, nicht von Jahren. Unterdessen ergab eine gemeinsame Umfrage der Fernsehsender ABC und BBC, dass 40 Prozent der Afghanen den Anbau von Mohn für akzeptabel halten, solange es keine Alternativen gibt. Im vergangenen Jahr waren es erst 26 Prozent gewesen.
Auch der Kampf gegen Korruption muss nach Ansicht von Weltbank und UNODC alle Ebenen umfassen von den Ministerien bis hinunter zur Polizei. Vor dem Hintergrund der deprimierenden Zahlen zum Opiumanbau war in jüngster Zeit Kritik an den Bemühungen der Geber um den Auf- und Ausbau der afghanischen Polizei laut geworden. Die International Herald Tribune berichtete, NATO-General James Jones habe die Leistungen Deutschlands bei der Ausbildung von Polizisten wiederholt kritisiert. Deutschland hat die Federführung beim Polizeiaufbau in Afghanistan. Auch der Beitrag der USA weist nach einem gemeinsamen Bericht des US-Außen- und des -Verteidigungsministeriums viele Mängel auf. Für die US-Regierung kümmert sich das private Sicherheitsunternehmen DynCorp International um den Polizeiaufbau. Nach Ansicht der Afghanistan-Expertin der International Crisis Group, Joanna Nathan, ist die bisherige Polizeihilfe einer der größten Fehlschläge der internationalen Geminschaft. Die EU-Kommission schickte Ende November auf Anregung der NATO eine Fact-Finding Mission an den Hindukusch, um den Bedarf an zusätzlicher Hilfe für Polizei und Justiz zu ermitteln. Deutschland sagte unterdessen zusätzliche fünf Millionen Euro für den Polizeiaufbau zu. (ell)
Im Internet:
Der Bericht von Weltbank und UNODC:
http://www.unodc.org/pdf/Afgh_drugindustry_Nov06.pdf
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