Beiträge aus der Rubrik
Monitor


Drogenökonomie zunehmend
mafiaähnlich


Arabische Frauen benachteiligt

BMZ-Etat 2007

Vietnam Pilotland für UN-Reform

Finanzmärkte: Tanz auf dem Vulkan

Somalia: Experten fürchten Eskalation

Genitalverstümmelung: Tiefe Schnitte in Körper und Seele

Informelle Institution: Manchmal nützlich, manchmal schädlich


01/2007
 

[ Finanzmärkte ]

Tanz auf dem Vulkan

Nach der Asienkrise 1997/98 prophezeiten viele Beobachter, die betroffenen Länder würden sich von dem wirtschaftlichen Einbruch lange nicht erholen. Das hat sich mittlerweile als falsch erwiesen: Alle Weltregionen sind seit der Krise wirtschaftlich deutlich gewachsen, auch Länder wie Indonesien, Südkorea und Thailand, die von der Krise Ende der neunziger Jahre am stärksten heimgesucht worden waren. „Makroökonomisch stehen die Entwicklungsländer seit der Asienkrise besser da denn je“, sagt Heiner Flassbeck, Chefvolkswirt der UN-Handelskonferenz UNCTAD.

Laut Flassbeck haben die armen Länder die richtigen Lehren aus der Krise gezogen. Auf einer von der Organisation WEED veranstalteten Tagung zur Rolle der internationalen Finanzmärkte Ende November in Berlin pries Flassbeck China als Erfolgsmodell: Die Volksrepublik kontrolliert den Wechselkurs ihrer Währung und hält Inflation und Leitzinsen niedrig. Das mache China unattraktiv für kurzfristige spekulative Kapitalströme und heize gleichzeitig die Wirtschaft an. Voraussetzung für eine solche Politik ist laut Flassbeck eine positive Leistungsbilanz, wie sie die Entwicklungsländer als Gruppe seit einigen Jahren aufweisen. Das, so Flassbeck, reduziert ihre Abhängigkeit von den internationalen Kapitalmärkten. Seit dem Jahr 2000 führen die Entwicklungs- und Schwellenländer mehr Kapital aus als ein, weil sie in großem Stil fremde Währungen kaufen, vor allem Dollar. Südkorea beispielsweise hat seine Devisenreserven seit der Asienkrise bis heute verzehnfacht, alle Entwicklungsländer zusammen haben sie im selben Zeitraum von gut 700 Milliarden auf 2,3 Billionen Dollar mehr als verdreifacht.

Den Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika bleibt gar nichts anderes übrig, als sich selbst gegen Erschütterungen auf den internationalen Finanzmärkten zu schützen. Denn laut Flassbeck hat es seit der Asienkrise keine ernsthaften Versuche gegeben, die Märkte durch multilaterale Regeln zu stabilisieren. Die „neue internationale Finanzarchitektur“, die Ende der neunziger Jahre nicht nur Globalisierungskritiker gefordert hatten, gibt es bis heute nicht. Vor allem in Asien und in Lateinamerika kehren die Länder daher Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF) den Rücken und diskutieren über unilaterale oder regionale Ansätze zur Vorbeugung und Eindämmung von Finanzkrisen. Bereits vor sechs Jahren richteten im thailändischen Chiang Mai 13 ostasiatische Länder einen eigenen Fonds zur gegenseitigen Unterstützung im Krisenfall ein, weil sie mit dem Krisenmanagement des IWF unzufrieden waren. Dagegen wurde die 1999 geschaffene IWF-Kreditlinie gegen die Ausbreitung von Finanzkrisen (Contingent Credit Line) 2003 schon wieder abgeschafft – laut Heribert Dieter von der Stiftung Wissenschaft und Politik, weil im IWF keine Einigung über die Bewilligungskriterien erzielt werden konnte. „Im Krisenfall kann man aber nicht erst drei Wochen lang über Kreditkonditionen diskutieren“, sagte Dieter auf der Berliner Tagung.

Allerdings ist diese Selbsthilfe mit Kosten und Risiken verbunden. Die großen Devisenreserven binden Kapital, das arme Länder für Investitionen in Bildung, Gesundheit oder andere Bereiche benötigen. Laut Dieter belaufen sich die Kosten aus dem Verzicht auf solche Investitionen auf bis zu 120 Milliarden Dollar jährlich – rund das Doppelte der internationalen Entwicklungshilfe 2005. Zudem tragen die Dollarkäufe vor allem asiatischer Länder dazu bei, dass die Leistungsbilanz der USA immer tiefer ins Minus rutscht. In Berlin herrschte weitgehend Einigkeit darüber, dass diese Schieflage die Instabilität des internationalen Wirtschafts- und Finanzsystems erhöht. Andere Ökonomen hingegen sehen keinen Grund zur Sorge – das Ungleichgewicht sei in Wahrheit ein Gleichgewicht: Die aufstrebenden Länder, vorrangig in Asien, wachsen, indem die US-Bürger ihre billigen Exportgüter kaufen. Die US-Notenbank druckt das dafür nötige Geld und reicht es über Kredite an die Konsumenten weiter. Asien, vor allem China, finanziert das US-Defizit, indem es in Dollar-Anleihen investiert. Solange alle Seiten von diesem System profitieren, hält es auch, sagen die Vertreter dieser so genannten „Bretton Woods II“-Theorie.

Unterschiedliche Ansichten gibt es auch zu Finanzmarkt-Instrumenten wie Hedge-Fonds oder Derivate. Für Rüdiger von Kleist vom Bundesfinanzministerium sind Hedge-Fonds vorrangig innovative Werkzeuge zur Bereitstellung von Risikokapital. Ohne sie würde so manche Investition nicht getätigt werden können. Der Bremer Ökonom Jörg Huffschmid hingegen kann einen solchen Bezug zur Realwirtschaft nicht mehr erkennen. Für ihn haben Hedge-Fonds nur eine Funktion: den Anlegern möglichst hohe Renditen bringen. Um das zu erreichen, müssten Fondsmanager Risiken erst schaffen – zum Beispiel dadurch, dass sie das Kapital ihrer Anleger durch Bankkredite aufstocken und dadurch die Hebelwirkung vergrößern. Gleiches gelte für Derivate: Erfunden, um Risiken, etwa durch Währungsschwankungen, für Investoren und Händler zu verkleinern, dienten sie heute vor allem der Spekulation.

Von Kleist hält die Gefahren, die durch solche Praktiken entstehen, für überschaubar; Missbrauch und Fahrlässigkeit müssten freilich geahndet werden. Für Huffschmid und andere Finanzmarktkritiker dagegen gleicht das Verhalten der Anleger und die Ignoranz der Politik längst einem Tanz auf dem Vulkan: Die eingesetzten Summen sind so gewaltig, die unterschiedlichen Anlagen und Instrumente derart komplex miteinander verwoben und vor allem die außerbörslichen Märkte („over the counter“) mittlerweile so unübersichtlich, dass auch kleinere Zusammenbrüche unkalkulierbare Kettenreaktionen auslösen könnten. (ell)