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01/2007
 

[ Informelle Institutionen ]

Die guten, die schlechten
und die hässlichen

In der Côte d’Ivoire herrschen derzeit Marktversagen und ein institutionelles Vakuum. In dieser Situation sind Dorfgemeinschaften, die auf freiwilliger, nicht gewinnorientierter Basis arbeiten, der Stützpfeiler für lokale Entwicklung. Die so genannten „Mutuelles“, erklärt Ginette-Ursule Yoman, ivorische Staatssekretärin für Gute Regierungsführung, bieten Zugang zu Krediten und Versicherungen, leisten Unterstützung in schwierigen Zeiten und tragen zur Bereitstellung lokaler öffentlicher Güter bei, wie zum Beispiel Infrastruktur.

„Mutuelles“ sind ein gutes Beispiel dafür, dass auch in der zunehmend integrierten Weltwirtschaft informelle Institutionen eine wichtige Rolle spielen. Minibus-Taxis in Südafrika sind ein anderes. Laut Sue van der Merwe, der südafrikanischen Vize-Außenministerin, füllen die Taxis die Lücke, die das unzureichende offizielle Transportnetz hinterlässt; rund 65 Prozent des öffentlichen Personenverkehrs in Südafrika entfallen auf die Minibusse. Die Kehrseite der Informalität sind Sicherheitsmängel, gewaltsam ausgetragene Konkurrenzkämpfe zwischen den Taxiunternehmen und Schwarzarbeit.

Für Jean-Philippe Platteau, Professor für Entwicklungsökonomie an der Namur University, gibt es gute Gründe für das Beharrungsvermögen informeller Institutionen in vielen Ländern Subsahara-Afrikas: Nicht formale Gesetze, sondern soziale Normen regeln oft den Zugang zu Land, die Lösung von Konflikten oder Geschlechterbeziehungen. Platteau, van der Merwe und Yoman waren Teilnehmer einer Konferenz zur entwicklungspolitischen Rolle von informellen Institutionen, die das OECD Development Centre und die Arbeitsgruppe für Governance des OECD-Entwicklungshilfeausschusses (DAC) im Dezember in Paris veranstalteten.

Während „Mutuelles“ und Minibus-Taxis Entwicklung fördern, gibt es auch entwicklungshemmende informelle Institutionen. Dieselben Institutionen, die als Basis für informelle Systeme sozialer Sicherung gelten, können die gegenteilige Wirkung haben und sich zu einer Art „Besteuerung von Erfolg“ entwickeln, erklärt Christian Morrisson, emeritierter Professor an der Sorbonne. Ein hart arbeitender Bauer in Benin zum Beispiel, der es zu etwas Wohlstand gebracht hat, muss normalerweise die Früchte seiner Arbeit mit seiner Großfamilie teilen, einschließlich entfernten Verwandten. Der Druck der Familie verpflichtet ihn, jeden aus seiner Sippe zu versorgen. Aus ökonomischer Sicht kann diese „informelle Norm des Teilens“ von Investitionen abschrecken oder aber – wenn sie nicht auf Gegenseitigkeit beruht – opportunistisches Verhalten fördern.

Schließlich gibt es noch die „hässlichen“ informellen Institutionen, etwa die Tradition der Genitalbeschneidung bei Frauen. Institutionen, die Menschenrechte verletzen, gehören abgeschafft – aber das ist leichter gesagt als getan, sind sie doch oft tief verwurzelt in Normen und Werten.

In Paris herrschte Konsens darüber, dass weder der „romantische“ noch der „modernistische“ Ansatz für institutionellen Wandel Erfolg versprechen. Die Romantiker laufen Gefahr, einem folkloristischem Verständnis von Tradition zu erliegen, das sogar die rückständigsten Gebräuche gutheißt, ungeachtet ihre schädlichen Folgen. Die Modernisierer dagegen neigen in ihrer Hast dazu, alles Alte abzuschaffen und ganz neu anzufangen.

Ein pragmatischer Umgang mit informellen Institutionen sollte drei zentrale Regeln beachten: Wichtig sind erstens gut durchdachte Reformschritte, anstatt alles auf einen Schlag zu ändern. Zweitens sollte das Subsidiaritätsprinzip gelten: Informelle Institutionen, die auf lokaler Ebene gut funktionieren, können durchaus gestärkt werden, während auf Provinzebene und nationaler Ebene formelle Institutionen wichtiger sind. Drittens, Wandel muss aus den Gesellschaften selbst kommen und kann von außen lediglich unterstützt werden. Jahrhundertealte Traditionen zu verändern und informelle Normen in formelle Gesetze zu gießen wirft Fragen nach der Legitimität auf – Fragen, die über die Dauerhaftigkeit von Reformen entscheiden, vor allem wenn sie das persönliche Umfeld oder gar die Privatsphären der Menschen betreffen.

Johannes Jütting


Im Internet:
Die Pariser Konferenz ist dokumentiert unter:
http://www.oecd.org/dac/governance/informalinstitutions