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01/2007
 

ASEAN + 3

Die Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) will mit China, Japan und Südkorea eine Freihandelszone bilden. Der Handel innerhalb der Region ist in Schwung gekommen. Eine klug gestaltete Ostasiatische Wirtschaftsgemeinschaft würde dazu beitragen, Asien zum Zentrum der Weltwirtschaft zu machen.


[ Von Jaleel Ahmad ]

Die Weltwirtschaft ist von fast 200 regionalen und bilateralen Handelsabkommen gekennzeichnet, die 50 Prozent des Welthandels umfassen. Aber in Asien, dem größten Kontinent mit über drei Vierteln der Weltbevölkerung, gibt es nur eine rudimentäre regionale Vereinbarung, das ASEAN-Freihandelsabkommen (AFTA). Allerdings gibt es eine Menge bilateraler Verträge sowohl zwischen ostasiatischen Ländern als auch mit Ländern außerhalb der Region. Es liegen einige offizielle und akademische Vorschläge vor, wie dieser Zersplitterung mit einem umfassenden regionalen Handelskonzept begegnet werden könnte.

Am weitesten geht der 2004 in Tokio vorgestellte ASEAN-Vorschlag, aus den zehn ASEAN-Mitgliedern und den drei Wirtschaftsriesen Japan, China und Südkorea eine Ostasiatische Wirtschaftsgemeinschaft zu formen. Gedacht ist an eine Art „offenen Regionalismus“, dem sich andere Länder später anschließen könnten (insbesondere Australien und Neuseeland). Seit einiger Zeit werden ähnliche Ideen auf wissenschaftlicher Ebene unter der Bezeichnung „ASEAN + 3“ diskutiert. Ziel ist, den Handel innerhalb der Region und ausländische Investitionen in Ostasien zu fördern, aber auch andere Themen wie Frachtschifffahrt und sicherheitspolitische Fragen anzugehen.

Die Ostasiatische Gemeinschaft hätte (ohne Australien und Neuseeland) eine Bevölkerung von über zwei Milliarden – etwa ein Drittel der Weltbevölkerung – und ein gemeinsames Bruttoinlandsprodukt (BIP) von etwas mehr als sieben Billionen US-Dollar, rund ein Fünftel des weltweiten BIP. Allein durch ihre Größe würde die Gemeinschaft der EU und der nordamerikanischen Freihandelszone Konkurrenz machen.


Fortschritte

Die asiatischen Länder haben sich bisher darauf konzentriert, ihre Exporte in den Westen zu steigern. Diese Strategie hat jedoch an Reiz verloren, seit sich Ostasien selbst zu einer reichen und dynamischen Region entwickelt. Der Fast-Zusammenbruch der Doha-Handelsrunde hat die Dringlichkeit regionaler Integration verstärkt. Ostasien muss sich ein eigenes Handelssystem schaffen. Selbst wenn die Doha-Runde wiederbelebt wird, ist kaum zu erwarten, dass dort die Interessen der ostasiatischen Länder vertreten werden. Bisher jedenfalls wurden sie immer der einseitigen, von den reichen WTO-Ländern bestimmten Agenda untergeordnet. Das Versagen der APEC und des IWF, die asiatische Finanzkrise von 1997 in den Griff zu bekommen und ein Übergreifen auf andere Länder zu verhindern, hat den Eindruck verstärkt, dass asiatische Probleme asiatische Lösungen verlangen.

Ein Vorläufer zur Ausweitung des Handels mit Gütern und Dienstleistungen in Ostasien ist die Chiang-Mai-Initiative von 2000, in der alle Mitglieder von ASEAN-Plus-Drei finanzpolitisch zusammenarbeiten. Dieses Netzwerk zur gegenseitigen Hilfe in Währungskrisen soll Hilfsempfänger davor bewahren, IWF-Sparprogramme durchführen zu müssen.

Der Erfolg einiger ostasiatischer Länder auf westlichen Märkten spiegelt nur einen Teil der Handelsmacht der Region. Bemerkenswerter ist, wie stark die ostasiatischen Länder untereinander Waren austauschen. Rund 50 Prozent der ostasiatischen Warenexporte bleiben in der Region.

Gegenwärtig macht der innerregionale Handel fast 60 Prozent des gesamten Handelsvolumens Ostasiens aus und erreicht damit fast den Vergleichswert der Europäischen Union von 70 Prozent. Das starke Handelswachstum in der Region geht fast vollständig auf den überdurchschnittlichen Anstieg des inner-industriellen Handels zurück (Ng and Yeats, 2003). Diese Art von Handel treibt sich selbst an, stützt sich auf spontane Kräfte des Marktes und funktioniert ohne politische Initiativen wie Zollpräferenzen. So gesehen ist die ostasiatische Bilanz möglicherweise sogar beeindruckender als die der EU, wo die nunmehr fünfzigjährige Integration von jeher durch Zollpolitik geprägt ist. Die Intensität des innerindustriellen Handels in Ostasien macht Hoffnung auf die Lebensfähigkeit einer Handelszone in der Region.

Aber Handel ist nur ein Aspekt von Integration. Andere Faktoren wie ausländische Direktinvestitionen sind ebenfalls wichtig. Da eine Wirtschaftsunion Industrieansiedlungen nach regionalen anstatt nach nationalen Gesichtspunkten fördert, bekämen Investitionen aus dem Ausland einen zunehmend regionalen Charakter.

Doch der wichtigste Grund dafür, möglichst schnell eine Ostasiatische Union zu schaffen, ist paradoxerweise das starke und unkoordinierte Wachstum von bilateralen Handelsabkommen in der Region (Hufbauer and Wong, 2005). Bis 2005 hatten ostasiatische Länder (ohne China) untereinander 14 bilaterale Abkommen ratifiziert und über 30 weitere mit asiatischen und nichtasiatischen Partnerländern verhandelt. Bilaterale Abkommen bedrohen die ökonomische Kohärenz Ostasiens. Sie führen zu einem Wirrwarr an Ursprungsregeln, die grundsätzlich auf Schutz abzielen und den Handel mit Zwischenprodukten bremsen. Solche Regeln betonen die Interessen einzelner Länder und können bewirken, dass Handel in Zukunft restriktiver gehandhabt wird. Zudem sind die bilateralen Handelsabkommen in Ostasien ein Versuch der globalen Hegemonialmächte, ihre Interessen in der Region zu sichern. Eine Ostasiatische Wirtschaftsunion verheißt, dass überflüssige bilaterale Vereinbarungen verschwinden.

Die Tokioter ASEAN-Erklärung enthält keine Details einer möglichen Ostasiatischen Union, außer dass die EU als Vorbild dienen soll. Aber das Modell EU ist nicht einfach übertragbar. Einerseits gibt es große Unterschiede im Pro-Kopf-Einkommen und in den ökonomischen Strukturen. Zum anderen ist es unrealistisch anzunehmen, in Ostasien würden Mitgliedsländer einen wichtigen Teil ihrer ökonomischen Entscheidungsgewalt – und damit ihrer Souveränität – an eine übergeordnete Institution abgeben. Eine einfachere Konstruktion, die nur Handel und Investitionen umfasst, wäre für den Anfang beser.

Die Erfinder der Gemeinschaft stehen vor großen politischen Schwierigkeiten, wie zum Beispiel den Spannungen zwischen China und Japan. Andererseits zeigt die EU, dass die Last der Geschichte wirtschaftliche Zusammenarbeit und schließlich auch stärkeren politischen Zusammenhalt befördern kann.

Gut durchdacht könnte die Ostasiatische Gemeinschaft Modell für ein wirklich offenes Handelssystem werden, das Armut und andere Probleme in der Region lindern hilft. Sie würde auch dazu beitragen, Asien zur wichtigsten Region der Weltwirtschaft zu machen. Die Ostasiatische Wirtschaftsgemeinschaft würde sich aber nicht abschotten, um mit anderen Regionen zu konkurrieren, sondern wäre eine engagierte Partnerin. Es handelt sich nicht um einen Nullsummen-Vorschlag, wie manche Kreise übereilt annehmen.




Prof. Dr. Jaleel Ahmad
lehrt Ökonomie an der Concordia University in Montreal, Kanada.
ahmj@alcor.concordia.ca



Literatur:

Hufbauer, Gary Clyde and Yee Wong, 2005:

Prospects for Regional Free Trade in Asia, Working Paper No. WP 05-12, Institute for International Economics, Washington, D.C.
Ng, Francis and Alexander Yeats, 2003:
Major Trade Trends in Asia: What are their Implications for Regional Cooperation and Growth? Working Paper No. 3084, The World Bank, Washington, D.C.