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Schöngerechnet


01/2007
 

[ Armut ]

Schöngerechnet

Die Weltbank-Statistiken zur Einkommensarmut weltweit gelten als wichtigste Gradmesser. Einige Experten jedoch kritisieren die Berechnungen der Bank. Sie unterschätzten die Zahl der Armen, und auch ihre Aussagen über die Zu- oder Abnahme der Armut seien unzuverlässig.


[ Von Bernd Ludermann ]

Um eine Zahl der Armen weltweit zu bestimmen, sind willkürliche Festlegungen nötig. Die Statistik der Weltbank gibt an, wieviel Menschen in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeiten weniger Einkommen haben als ein konstantes „absolutes“ Minimum. Die Bank musste also zunächst dieses Minimum bestimmen. Dazu wertete sie 1990 die nationalen Armutsgrenzen in 33 Ländern aus. Ausgehend von den Schwellenwerten der ärmsten dieser Länder, definierte die Bank Menschen als absolut oder extrem arm, deren Einkommen geringer war als die Kaufkraft von einem US-Dollar im Jahr 1985; wer weniger als doppelt soviel hatte, galt noch als arm. Trotz methodischer Probleme setzte sich diese Definition international durch. Sie liegt etwas über der Armutsgrenze in Indien.

Vor sieben Jahren brachte die Weltbank die Armutsgrenze auf einen neuen Stand. Seitdem gelten 1,08 beziehungsweise 2,15 US-Dollar aus dem Jahr 1993 als Grenzwerte. Die neue Grenze liegt laut Berechnungen des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) unter den typischen Armutsgrenzen in den ärmsten Ländern. Doch die Art, wie die Weltbank bei der Armutsmessung Währungen umrechnet und die Inflation berücksichtigt, ist nach Ansicht von Thomas Pogge, Philosophieprofessor an der New Yorker Columbia University, unhaltbar. Pogge erläuterte seine Kritik auf einer Tagung von terre des hommes und des Global Policy Forum Europe im Dezember in Bonn.

Die Bank konvertiert zunächst die globale Armutsschwelle in nationale Währungen. Hierfür sind offizielle Wechselkurse ungeeignet, weil sie nur die Preisverhältnisse von international gehandelten Produkten grob wiedergeben. Lokale Güter wie Wohnkosten sind in armen Ländern typischerweise sehr billig, so dass die Gesamtkaufkraft der Währung im Inland größer ist, als der Wechselkurs angibt. Daher rechnet die Weltbank mit Kaufkraftparitäten für 1993, die Währungen nach ihrer Inlandskaufkraft vergleichen.

So erhält die Bank nationale Schwellenwerte für absolute Armut im Basisjahr 1993. Um festzustellen, wie viele Menschen in anderen Jahren unter diese Schwelle fielen, muss sie die Einkommen auf das Basisjahr 1993 umrechnen. Hierzu benutzt sie die Inflationsraten der betreffenden Länder.


Arme kaufen keine Computer

Das führt laut Pogge zu Verfälschungen. Denn die Kaufkraftparitäten und die nationalen Inflationsraten beruhen auf globalen beziehungsweise lokalen Warenkörben, die mit dem Konsum der Armen nichts zu tun haben. Die Armen kaufen nicht, was in Entwicklungsländern besonders preiswert ist, zum Beispiel persönliche Dienste wie Haushaltshilfen, erläutert Pogge. Sie kaufen vor allem Grundnahrungsmittel. Die aber, so Pogge, werden international gehandelt und sind in armen Ländern nicht viel billiger als in reichen. Die Folge: Die Weltbank bewerte durch die Währungsumrechnung die Kaufkraft der Armen zu hoch.

Der Einwand Pogges gilt allerdings nur bedingt: Reis wird zwar international gehandelt, afrikanisches Yams oder Kochbananen dagegen gibt es fast nur aus lokaler Produktion. Zudem werden Grundnahrungsmittel von manchen Regierungen subventioniert und verbilligt. Die Kaufkraftparitäten führen demnach vor allem dort zu einer Unterschätzung der Armut, wo vorwiegend international gehandelte Grundnahrungsmittel verzehrt und diese nicht stark subventioniert werden.

Auch die Inflationsraten machen den Vergleich der Länder problematisch, da sie alle auf verschiedenen Warenkörben beruhen. Weil diese sich außerdem ändern, verfälschen sie laut Pogge auch den Vergleich über die Zeit: Das Gewicht von Dienstleistungen wächst, und die Preise ändern sich unterschiedlich stark – zum Beispiel werden Computer oder Telefoneinheiten gegenüber Nahrungsmitteln billiger. Deshalb, so Pogge, sind Aussagen über die Zu- oder Abnahme der Kaufkraft armer Menschen fragwürdig, solange sie auf derartigen durchschnittlichen Warenkörben beruhen. Er fordert daher, der Armutsschwelle die Kosten des tatsächlichen lokalen Konsums armer Menschen zugrunde zu legen. Zusammen mit dem Ökonomen Sanjay Reddy hat er errechnet, dass dies die Zahl der extrem Armen im Vergleich zu den Weltbank-Daten um rund zwei Fünftel erhöhen dürfte.

Die Weltbank-Ökonomen Shaohua Chen und Martin Ravallion verteidigen ihre Daten unter anderem mit dem Hinweis darauf, dass andere Ökonomen ihnen vorwerfen, sie setzten die Zahl der Armen viel zu hoch an. Hier ist der Streitpunkt nicht die Umrechnungsmethode, sondern die Datengrundlage. Die Weltbank gewinnt die Einkommensdaten aus etwa 450 stichprobenartigen Haushaltsbefragungen, die Behörden in knapp 100 Entwicklungsländern (in denen über 90 Prozent der Bevölkerung von Entwicklungsländern leben) durchgeführt oder in Auftrag gegeben haben. Die Datenlage ist für Afrika in den 1980er Jahren dürftig. Den Umfragen liegen außerdem unterschiedliche Methoden zugrunde, so dass sie nur eingeschränkt vergleichbar sind.

Einige Ökonomen nutzen deshalb anstelle von Haushaltsbefragungen die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Sie errechnen die privaten Einkommen aus dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen der Haushalte und aus Daten über die Ungleichheit. Diese Berechnungen, zum Beispiel von Surjit Bhalla, ergeben für die vergangenen Jahrzehnte einen deutlich stärkeren Rückgang der extremen Einkommensarmut als die Statistik der Weltbank. Die Gründe für diese Diskrepanz sind nicht restlos geklärt. Einer dürfte sein, dass die Weltbank nur Konsumausgaben, nicht aber gesparte Einkommen berücksichtigt. Ein anderer ist, dass die volkswirtschaftliche Statistik – anders als Haushaltsbefragungen – nur Einkommen aus Markttransaktionen erfasst, nicht aber kostenlos verfügbare Güter (etwa Holz). Einerseits unterschätzt die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung daher die Höhe des Einkommens der Ärmsten. Andererseits aber überschätzt sie dessen Anstieg als Folge von Wirtschaftswachstum: Denn Wachstum geht mit der Umwandlung kostenloser Güter in Waren einher – ein zunehmender Teil der wachsenden Einkommen muss also für früher freie Güter ausgegeben werden.


Armut ist nicht nur eine Frage des Einkommens

Angaben zur globalen Zahl der Menschen mit weniger als einem Dollar pro Tag sind mit großer Skepsis zu betrachten. Ohnehin hängt Armut nicht nur vom Einkommen ab – grundlegende Sozialdienste sind ebenso wichtig. Sie spiegeln sich in einer Reihe anderer Indikatoren – etwa der Kindersterblichkeit. Auch Lebenserwartung und Bildungsstand, die in den Human Development Index des UNDP einfließen, hängen vom Stand der Sozialdienste ab; sie spiegeln deren Auf- oder Abbau aber nur mit großer Verzögerung.

Einen neuen Indikator, den Basic Capabilities Index (BCI), hat die von nichtstaatlichen Organisationen getragene internationale Initiative Social Watch entwickelt. Der BCI kombiniert Daten für die Kindersterblichkeit, den Anteil der von professionellem Personal begleiteten Geburten sowie den Anteil der Kinder, die die fünfte Klasse abschließen, erläuterte Karina Batthyany von Social Watch auf der Tagung in Bonn. Pogge kritisiert diesen Index als zu stark auf Kinder fokussiert; es müssten auch Arbeitslosigkeit und Unterernährung berücksichtigt werden.

Batthyany räumt ein, dass der BCI die Armutsmessung kaum verbessert. Sein Mehrwert, so ein Ergebnis der Tagung, liegt in der Eignung für lokale Anwaltschaft: Er misst Defizite sozialer Grunddienste und kann auch für einzelne Regionen eines Landes erhoben werden – ohne Haushaltsbefragung, also auch von NROs. In einer Region auf den Philippinen ist es gelungen, auf diese Weise die Behörden stärker in die Pflicht zu nehmen. Der Verzicht auf die von Pogge angemahnten Indikatoren hat also pragmatische Gründe: Der BCI ist so konzipiert, sagt Batthyany, dass er leicht aus vorhandenen Daten erstellt werden kann.

Solch ein politischer Umgang mit Statistik ist für Klaus Heidel von der Werkstatt Ökonomie in Heidelberg durchaus angemessen. Es gebe keine „richtige“, von politischen Interessen freie Art der Armutsmessung. Pogge stimmt zu: Die Weltbank rechnet die Armut bewusst klein, sagt der Philosophieprofessor. Dennoch hält er Statistiken über Einkommensarmut nicht für bedeutungslos: Man kann daraus Trends ablesen sowie die am meisten von Armut betroffenen Staaten ermitteln. Wenn man sich ihrer begrenzten Aussagekraft bewusst bleibt, dann, so Heidel, kann man auch von mangelhaften Indikatoren etwas erfahren.




Bernd Ludermann
ist freier Journalist mit Schwerpunkt Entwicklungspolitik in Essen.
bernd.ludermann@t-online.de




Literatur:
Angus Deaton, 2004:

Measuring Poverty. Research Program in Development Studies. Princeton University
http://www.princeton.edu/ ~deaton/ poverty.html
The Economist, 11. 3. 2004:
Global economic inequality: More or less equal?
UNDP, 2004: Dollar a Day – How Much Does It Say? Themenheft von Poverty in Focus, September, mit Beiträgen von T. N. Srinivasan, Sanjay Reddy, Nanak Kakwani und Martin Ravallion
http://www.undp-povertycentre.org/ipcpublications.htm
Shaohua Chen und Martin Ravallion, 2004:
How have the world's poorest fared since the early 1980s? World Bank
Research Observer, Washington D.C.

Im Internet:
Auf der Website des Institute of Social Analysis, das auf eine Initiative von Mitarbeitern der Columbia University, New York, zurückgeht, lässt sich die Debatte zwischen Thomas Pogge und Sanjay Reddy auf der einen und Weltbank-Ökonom Martin Ravallion auf der anderen Seite verfolgen:
http://www.socialanalysis.org