Editorial


02/2003
 

Eine Katastrophe von globalen Ausmaßen

1979 wurden amerikanische Ärzte auf die neue Krankheit aufmerksam. 1983, in einer ersten Bilanz, war eine (damals) erschreckende Zahl zu vermelden: 1556 Fälle waren bis dahin registriert. Heute, 20 Jahre später, sind es 40 Millionen, und die wirklich bedrohlichen Dimensionen werden überhaupt erst jetzt sichtbar. Bis 2010 könnten es 100 Millionen oder mehr sein, und für manche Länder im Süden und Osten des Globus zeichnet sich die Gefahr ab, dass das politische und wirtschaftliche System zusammenbricht. AIDS wird zu einem zentralen Thema der Entwicklungszusammenarbeit, und es wird zu einem zentralen Thema der Weltpolitik werden – die meisten Politiker haben das noch nicht begriffen.


Eine Studie des US-Geheimdienstes NIC (National Intelligence Council) mit dem alarmierenden Titel „The Next Wave of HIV/AIDS“ befasst sich mit einigen der bevölkerungsreichsten und politisch einflussreichsten Länder der Welt, darunter Russland, China und Indien, in denen die Infektionsraten bisher noch relativ niedrig waren (oder nicht veröffentlicht wurden). Für diese Länder, in denen die Epidemie sich gerade erst auszubreiten beginnt, sagt der NIC für das Ende des Jahrzehnts 50 bis 75 Mio. HIV-Infizierte voraus – noch mehr als für das südliche und mittlere Afrika, wo für den selben Zeitpunkt 30 bis 35 Mio. Neuinfektionen prognostiziert werden. Die Studie wurde rascher als üblich freigegeben, weil die Regierung der USA katastrophale Folgen für die politische und wirtschaftliche Stabilität dieser Länder befürchtet, wenn große Teile gerade jener Generation wegsterben, die gut ausgebildet ist und die die politischen und ökonomischen Entscheidungen trifft.

Der Chef des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP), Mark Malloch Brown, hatte schon Ende 2001 vorausgesagt, dass „die Zahl der Infizierten bald Hunderte von Millionen erreichen wird“, und dass „ganze Volkswirtschaften zusammenbrechen werden, da der Verlust der arbeitsfähigen Erwachsenen zu Gesellschaften führen wird, die nur noch aus den ganz Jungen und den ganz Alten bestehen.“ Peter Piot, Exekutivdirektor von UNAIDS, stellte kürzlich fest: „Es ist jetzt klar, dass die AIDS-Epidemie sich noch in einem Frühstadium befindet; und wir sollten uns auch darüber klar sein, dass wir mit unserem Kampf dagegen in einem noch früheren Stadium sind.“

Dass der Kampf gegen HIV/AIDS nicht vergeblich sein muss, haben einige Länder bewiesen. In Brasilien wurde bereits Ende der 80er Jahre ein nationales Programm gegen AIDS und sexuell übertragbare Krankheiten geschaffen. Zu den Prinzipien des Programms gehört, dass die gesamte Bevölkerung das Recht auf kostenlose HIV-Tests sowie Zugang zu Präventions- und Therapiemaßnahmen hat. Die Kranken werden vom Staat mit antiretroviralen Medikamenten versorgt. In der Mehrzahl der brasilianischen Schulen wird im Unterricht Aufklärung geleistet. Die Folge: Die jährliche Zahl der Neuinfektionen ist stark rückläufig, sie bleibt inzwischen unter den von UNAIDS vorausgesagten Zahlen.

Aber viele der Länder, in denen AIDS ein großes Problem darstellt, sind einfach zu arm, um die erforderlichen Gegenmaßnahmen finanzieren zu können, oder diese werden durch Bürgerkriege unmöglich gemacht. Ein Beispiel ist Burundi, wo in den sieben Jahren der inneren Kämpfe die Zahl der infizierten Erwachsenen auf 7 % gestiegen ist. Das Land müsste jährlich 43 Mio. $ für die AIDS-Bekämpfung ausgeben – angesichts der Außenschulden von 195 Mio. $ völlig unmöglich. In anderen Ländern scheitern Maßnahmen gegen die Ausbreitung von HIV/AIDS daran, dass die Regierungen sich immer noch weigern, die Krankheit öffentlich zu diskutieren. Das Problem des uneinsichtigen Präsidenten von Südafrika ist bekannt. In China lässt die Obsession, das sozialistische System müsse ständig Erfolge vorweisen, nicht zu, dass realistische Zahlen über die Verbreitung der Krankheit veröffentlicht werden. Die offizielle Zahl der HIV-Infizierten beträgt 30 736, UNAIDS schätzt die Zahl auf 850 000. Die UN-Organisation kritisiert, dass die chinesische Regierung „noch nicht einmal die grundlegenden Vorkehrungen gegen ein Ausbreiten der AIDS-Epidemie getroffen“ habe. Eine erste Konferenz zu dem Thema fand im Jahre 2001 statt. Erst seit 2002 dürfen die Medien mehr über AIDS berichten, und es haben Aufklärungskampagnen begonnen. Aber an eine umfassende medizinische Versorgung der Kranken ist angesichts des desolaten Zustands des staatlichen Gesundheitssystems nicht zu denken.

Natürlich ist es in Gesellschaften, in denen sexuelle Fragen nicht mit solcher Offenheit erörtert werden können, wie das selbst bei uns erst seit einigen Jahrzehnten möglich ist, schwierig, diese Haltung innerhalb weniger Jahre zu verändern. Der Aufklärungsprozess kann nicht die breite Masse der Bevölkerung erreichen, wenn er die meinungsbildenden Eliten und die politische Führung noch nicht erreicht hat. Die Entwicklungszusammenarbeit, die hier helfen will, muss also auf beiden Ebenen zugleich tätig werden. Welche Probleme sich dabei stellen, wird allein schon im Sprachgebrauch deutlich. Darf man von „HIV-Infizierten“ sprechen oder muss man beschönigende Formeln verwenden wie „Menschen, die mit HIV leben“? Es gab darüber eine Debatte mit einigen der Autoren dieses Heftes. Ich denke, dass es nicht weiterführt, wenn man einen Schleier über die Wahrheit hängt. Formulierungen, die vorgeben, „politisch korrekt“ zu sein, sind nur ein Symptom der eigenen Unaufgeklärtheit.

Zum Schluss muss noch einmal gesagt werden, dass der Kampf gegen HIV/AIDS Geld kostet. Kofi Annan hat die jährlich benötigte Summe auf 7-10 Mrd. US$ beziffert. Zusammengekommen sind für den von ihm begründeten Global Fund in den ersten zwei Jahren etwas mehr als 2 Mrd. $. Das macht deutlich, dass der Ausbreitung der Pandemie auch künftig wenig Hindernisse entgegenstehen werden.

Von Reinold E. Thiel