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Analysen und Berichte


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02/2004
 

[ Interview mit Finanzmarktexperte Heribert Dieter ]

„Asien will sich selbst vor Finanzkrisen schützen“

Die Länder Süd- und Südostasiens haben seit der Asienkrise 1997/98 ihre Währungsreserven drastisch erhöht. Allein im vergangenen stiegen sie um den Rekordbetrag von 400 Milliarden Dollar auf insgesamt über 1,8 Billionen Dollar. Fragen an Dr. Heribert Dieter, Mitarbeiter der Forschungsgruppe „Globale Fragen“ bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Herr Dieter, wozu braucht Asien derart hohe Währungsreserven?
Japan will durch den Ankauf von US-Dollar den Wechselkurs der eigenen Währung schwächen, um damit japanische Produkte auf dem Weltmarkt billiger zu machen. Bei China und anderen Ländern der Region, deren Wechselkurse an den Dollar gebunden sind, ist der Schutz vor neuen Attacken gegen die eigene Währung das Hauptmotiv. Die Lehre dieser Länder aus der Asienkrise ist, dass sie genügend Devisenreserven brauchen, um bei Turbulenzen die eigene Währung zu stützen.

Reichen die Reserven dazu? Können die Länder sich aus eigener Kraft schützen?
Während der Asienkrise wurden Indonesien, Südkorea und Thailand von bi- und multilateralen Gebern mit insgesamt 110 Milliarden Dollar unterstützt. Heute belaufen sich die eigenen Reserven dieser drei Länder auf das Doppelte. Man darf die stabilisierende Wirkung der asiatischen Währungsreserven also nicht unterschätzen. Je höher sie sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass eine Attacke den Kurs einer Währung zum Einsturz bringt.

Stehen die Ausgaben für Währungsreserven noch in einem vertretbaren Verhältnis zu anderen Staatsausgaben?
Besser wäre natürlich, das Geld würde nicht niedrig verzinst in amerikanischen Staatsanleihen bei der Notenbank liegen, sondern in Bildung, Infrastruktur und andere Bereiche investiert. Angesichts der Erfahrung aus der Asienkrise aber, dass es im Krisenfall keine angemessene Hilfe vom Internationalen Währungsfonds gibt, ist es klug, selbst Vorsorge zu treffen. Sinnvoller wäre es allerdings, die Länder würden das im Kollektiv tun und nicht jeder für sich.

Umgekehrt heißt das: Fortschritte bei der Stabilisierung des internationalen Finanzsystems würden potenzielle Krisenländer entlasten und Mittel für andere Aufgaben freisetzen ...
Richtig. Wenn der politische Wille vorhanden wäre, die internationalen Wechselkursbeziehungen zu stabilisieren, dann müsste Asien nicht derart hohe Währungsreserven anhäufen.

Warum kauft Asien in erster Linie Dollar? Warum wird nicht stärker in andere Währungen investiert?
Länder wie China, deren Währungen an den Dollar gekoppelt sind, müssen den Wechselkurs zum Dollar stabilisieren; der Kurs zu anderen Währungen ist weniger wichtig. Deshalb ist es sinnvoll, Dollar zu kaufen. Andererseits dürfte einen der unangenehmsten Jobs zurzeit der Präsident der chinesischen Notenbank haben, der auf 400 Milliarden Dollar sitzt, die täglich an Wert verlieren. Derart hohe Reserven in Dollar zu haben ist in Zeiten eines sinkenden Dollarkurses eine zusätzliche Belastung für die asiatischen Länder.

Wie wirkt die asiatische Strategie auf die US-amerikanische Wirtschaft?
Für die ist das zurzeit die beste aller Welten: Die US-Amerikaner konsumieren, ohne sparen zu müssen, und lassen sich das von asiatischen Notenbanken finanzieren. Das Risiko besteht darin, dass die Asiaten irgendwann aufhören könnten, Dollar-Staatsanleihen zu kaufen. Freilich wird dieses Szenario seit vielen Jahren prognostiziert, ohne dass es bislang eingetreten ist.
Die Fragen stellte Tillmann Elliesen.