Editorial


02/2004
 

Der universelle Anspruch der Aufklärung

Ende letzten Jahres hat das britische Außenministerium in einem Strategiepapier gewarnt, es rechne künftig mit mehr religiös motivierten Kriegen. Besonders deutlich sei die Problematik im Verhältnis von „westlichen Demokratien und manchen islamischen Ländern und Gruppen“. Samuel Huntingtons alte These vom Clash of Civilisations ist also längst noch nicht obsolet, obwohl ihr schon vielfach qualifiziert widersprochen wurde. Die Tatsache, dass „manche“ Länder und Gruppen in der Tat Sorgen bereiten, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eben nicht um einen Kampf der Kulturen geht.

Leider gibt es bislang keine muslimisch geprägte Musterdemokratie. Allerdings gibt es auch keine Länder im islamischen Kulturkreis, deren sozioökonomische Entwicklung dem Niveau reicher Industrienationen entspräche. Einige Staaten verdanken ihrer Ölwirtschaft ansehnlichen Wohlstand – aber es handelt sich um Gesellschaften mit feudal-autoritären Machtstrukturen. Die überwältigende Mehrheit der Muslime lebt in Armut – unter Bedingungen, die sich auch in christlichen Kulturen nicht als demokratieförderlich erwiesen haben. Die Kirchen haben ihre eigene problematische Geschichte. Sie arrangierten sich etwa vor nicht allzu langer Zeit in Lateinamerika, aber auch in Europa und Deutschland mit rechten Diktatoren und menschenverachtenden Gewalttätern.

Jetzt hat Afghanistan eine neue Verfassung. Sie schreibt als Staatsform die „Islamische Republik“ fest und ist ein Versuch, Religion und Demokratie zu verbinden. Westliche, auch deutsche Unterstützung spielt eine große Rolle, damit nach Jahren von Krieg und Gewaltherrschaft eine bessere Zukunft anbrechen kann. Allerdings prägt das Land eine opportunistische Söldnerkultur, die wohl ein größeres Hindernis auf dem Weg zu einer prosperierenden Demokratie darstellen wird als religiöse Überzeugungen (Interview mit Jochen Hippler, S. 56). In der Tat wäre Afghanistan als Demokratie in der Region ein Sonderfall. Auch die beiden Nachbarländer Iran und Pakistan sind chronische Problemfälle. Sie zeigen aber ihrerseits, dass der Islam keine monolithische Einheit mit stringentem politischen Programm ist. Im Gegenteil: Wie Glaube politisch ausgelegt und instrumentalisiert wird, sieht in Teheran ganz anders aus als in Islamabad.

Im Iran sind fundamentalistische Mullahs seit einem Vierteljahrhundert an der Macht. Dass die Bevölkerung den Sturz des Schahs euphorisch feierte, ist lange her. Inzwischen sind die neuen Herrscher in die Defensive geraten. Daher stammt der Wunsch, liberale Parlamentskandidaten von den Wahlen auszuschließen. Weltanschaulich ringen die frömmelnden Machthaber längst mit Theologen, die den Koran moderner auslegen als sie (Beitrag von Katajun Amirpur, S. 60). In Pakistan dagegen diente der Islam von der Gründung an als Identität stiftendes Kriterium. Der General, der heute regiert, hat früher selbst religiös verbrämte Rhetorik gepflegt und Sympathien für militante Islamisten in Kaschmir oder Afghanistan gezeigt. Heute präsentiert er sich als Verbündeter der USA, bahnt Friedensgespräche mit Indien an und ist – wie die Ereignisse vom Dezember zeigen – selbst zur Terror-Zielscheibe geworden (Interview mit Ayesha Jalal, S. 64).

Auch im arabischen Sprachraum ist der Islam keine einheitliche Kraft. Das belegt das Beispiel Marokko, wo Islamisten die Macht des Monarchen in Frage stellen. Terror der Al-Kaida-Prägung hat dabei den Einfluss der einheimischen Fundamentalisten geschwächt. Der König nutzte das, um – religiös korrekt formuliert – das Familienrecht zu reformieren. Dass er die Gleichstellung von Frauen vorantrieb, half ihm aber zugleich, seine quasi absolute Macht zu festigen (Beitrag von Martina Sabra, S. 68).

Tiefe Konfliktlinien verlaufen quer durch muslimisch geprägte Staaten. Westliche Regierungen müssen aufpassen, dass sie sich nicht als Feindbilder anbieten, gegen die solcherart gespaltene Gesellschaften sich kurzfristig solidarisieren. Das große Demokratiedefizit beruht nämlich nicht auf religiösen Charakteristika. Die überwiegend armen islamischen Gesellschaften kennen viele Formen autoritärer, undemokratischer Herrschaft. Das Bedürfnis nach Recht und Ordnung ist folglich groß – im Zweifel größer als das nach Repräsentation und Mitbestimmung. Diese Sehnsucht nach berechenbaren Lebensverhältnissen nutzen in vielen Ländern islamistische Kräfte. Als (möglicherweise unterdrückte) Opposition scheinen sie vielen Menschen legitimiert. Kommen sie an die Macht wie im Iran oder zeitweilig in Afghanistan, verfliegt dieser Bonus wieder.

Es gibt folglich keinen Anlass, den universellen Anspruch von Demokratie und Menschenrechten religiös einzuschränken. Dieser Anspruch ist ein säkularer Ausdruck der abendländischen Aufklärung. Er ist weder religiös noch geographisch begrenzt. Dass führende Industrieländer dennoch unter Glaubwürdigkeitsproblemen leiden, hat andere Gründe. Sie haben zu oft und zu lang auf autoritäre Herrscher gesetzt. Künftig gilt es deshalb, unabhängig vom jeweiligen religiösen Bekenntnis diejenigen Kräfte zu unterstützen, die für mehr Teilhabe, für verantwortliche Regierungsführung und für positive Entwicklung stehen. Kurzfristige Realpolitik mag zur Kooperation mit Schurken zwingen. Wer aber dauerhaft und kritiklos die falschen Leute stützt, schafft Gefahren, die einem angeblichen Kampf der Kulturen wirklich nicht anzulasten sind.

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Mein Vorgänger Reinold E. Thiel hat, wie er gerne erzählt, E+Z als die Brigitte der deutschen Entwicklungspolitik übernommen und daraus die Zeit dieses Ressorts gemacht. Ich bin ihm für diese Leistung dankbar – denn als neues Redaktionsteam haben wir nun die reizvolle Aufgabe, eine angesehene, kontroverse Fachzeitschrift weiterzuführen.

Hans Dembowski