Meinung

Leserbriefe

Aufklären, nicht belehren


02/2004
 

Kommentar

Aufklären, nicht belehren

[ Von Tillmann Elliesen ] Die Organisationen der Zivilgesellschaft haben sich längst als Mitspieler im politischen Geschäft etabliert. Das zwingt sie dazu, ständig in der Öffentlichkeit präsent zu sein. Der öffentliche Auftritt mancher Nichtregierungsorganisationen ist mittlerweile nicht weniger oberflächlich als der von staatlichen und wirtschaftlichen Institutionen. Das ist bedauerlich, denn hinter dieser Fassade verbirgt sich großer Sachverstand.

Als die Welternährungsorganisation FAO Ende November meldete, in den 90er Jahren habe der Hunger weltweit wieder zugenommen, da hatten die Globalisierungskritiker von Attac die Schuldigen schnell gefunden: die „unheilige Triade“ aus Welthandelsorganisation, Weltwährungsfonds und Weltbank. Die Ursachen für Hunger sind bekanntlich vielfältig, doch Details kümmerten die Öffentlichkeitsarbeiter von Attac nicht. Landreformen, zinslose Kredite und kostenlose Bildung für die Landbevölkerung – die FAO könne zur Bekämpfung des Hungers vorschlagen, was sie wolle: „alles böhmische Dörfer für die neoliberalen Institutionen“ laut Attac. Ein behutsamer Umgang mit natürlichen Ressourcen? Gute Idee, wären da nicht die „Erschließungskredite“ der Weltbank. Ausbau der Infrastruktur in ländlichen Gebieten? Geht nicht, weil die WTO das Feld den Privaten überlassen will, und die interessieren sich nicht für die Armen auf dem Land. Und so weiter.

Das Beispiel ist symptomatisch für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit vieler zivilgesellschaftlicher Organisationen, die sich der Anwaltschaft (advocacy) entwicklungspolitischer Anliegen verschrieben haben. Die Presseerklärungen der Advocacy-Organisationen haben in den letzten Jahren enorm zugenommen. Attac meldet sich mittlerweile nahezu täglich – kaum ein Thema, von dem die Globalisierungskritiker meinen, sie könnten nicht auch dazu etwas sagen. Das hat seinen Preis: Zum einen häufen sich die Fehler. Schlampigkeiten wie die Beförderung des früheren Weltbank-Chefökonomen Joseph Stiglitz zum ehemaligen Präsidenten der Bank in einer Attac-Erklärung zum diesjährigen Weltsozialforum sind noch harmlos. Gravierender sind Schnitzer wie die Behauptung von Evangelischem Entwicklungsdienst und Misereor, das Entwicklungsministerium (BMZ) müsse dieses Jahr zehn Millionen Euro „sachfremd“ – sprich: für militärische Zwecke – für den Bundeswehreinsatz im afghanischen Kundus ausgeben.

Zum anderen ist das Weltbild, das viele NROs in ihrer Öffentlichkeitsarbeit malen, bemerkenswert schlicht. Die Plattheit, in der Attac die FAO-Hungerzahlen interpretiert, ist kein Einzelfall. Es war eine wohltuende Ausnahme, dass die Deutsche Welthungerhilfe sich nach dem Scheitern der Welthandelsrunde in Cancún nicht dem allgemeinen Jubel in der Zivilgesellschaft anschloss, sondern auch auf die Risiken für die Entwicklungsländer hinwies. Als misstrauten sie selbst ihren Argumenten, unterstreichen die NROs in ihren Presseerklärungen ihre Sicht der Dinge zusätzlich durch einen Tonfall, der die Empörung unmissverständlich machen soll, auf die Dauer jedoch vor allem aufdringlich ist. Was die „unheilige Triade“ oder andere tun oder lassen, ist in der Regel nicht nur „inakzeptabel“, sondern „völlig inakzeptabel“, man ist stets „zutiefst enttäuscht“, die Hungerzahlen sind nicht nur ein „Alarmzeichen“, sondern ein „läutendes Alarmzeichen“.

Was Selbstgefälligkeit, Unfehlbarkeitsanspruch und das Zurechtbiegen von Tatsachen betrifft, sind manche Advocacy-Organisationen in ihrem öffentlichen Auftreten den von ihnen kritisierten Institutionen von Staat und Wirtschaft mittlerweile zum Verwechseln ähnlich. Das ist kein Versehen, sondern dem Erfolg der NROs geschuldet: Die organisierte Zivilgesellschaft hat sich längst als Mitspieler im entwicklungspolitischen Geschäft etabliert – national und international. Die Kehrseite dieses Erfolgs besteht im Zwang, in der Öffentlichkeit kontinuierlich präsent zu sein. Das Rezept sind klare, einfache Botschaften und eine auf Effekte setzende, aufwühlende Sprache, die man in der Argumentationstheorie als hot rhetoric bezeichnet. Inhalte bleiben dabei auf der Strecke.

Das müsste nicht sein. Denn hinter der Fassade des oberflächlichen öffentlichen Auftritts verbirgt sich ein Sachverstand, der in der Entwicklungspolitik nicht wegzudenken ist. BMZ-Abteilungsleiter Michael Hofmann hat im Januarheft von E+Z gesagt, die NROs hätten in Deutschland die Rolle von Think Tanks übernommen; sie würden Konzepte nicht nur fordern, sondern sie selbst vorlegen. Insgesamt werden die zivilgesellschaftlichen Organisationen dieser Rolle gerecht; über entsprechend qualifiziertes Personal verfügen sie ohnehin. Umso bedauerlicher ist es, dass die Pressearbeit vieler NROs den Eindruck hinterlässt, sie wollten die Öffentlichkeit belehren statt solide aufzuklären.




Tillmann Elliesen ist E+Z-Redakteur. tillmann.elliesen@fsd.de