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02/2004
 

Abdolkarim Soruschs Hoffnungszeichen

Von Tilman Altenburg

[ Von Katajun Amirpur ] Konservative Mullahs halten den iranischen Staat politisch weiterhin im Griff, haben aber die Kontrolle über die Auslegung religiöser Vorschriften verloren. Aufgeschlossene Theologen arbeiten an einer liberalen Interpretation des Islam, die über die Grenzen des Landes hinaus Beachtung findet. Der prominenteste Vertreter dieser Denkrichtung ist Abdolkarim Sorusch.

„Wir brauchen eine andere Interpretation des Islams, eine Interpretation, die Raum lässt für Menschenrechte und Frauenrechte.“ Diesen Satz sagte Schirin Ebadi, die Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2003, wieder und wieder, als sie von westlichen Medien auf die vermeintliche Unvereinbarkeit von Islam und Menschenrechten angesprochen wurde. Den herrschenden Konservativen in Iran aber gelten die Menschenrechte als „Sammlung korrupter Normen, die sich die Zionisten ausgedacht haben, um alle wahren Religionen zu zerstören.“ So hat es Staatsgründer Ayatollah Chomeini einst formuliert.

Dass die konservative Geistlichkeit sich nicht über den Friedensnobelpreis für Ebadi freute, muss daher nicht erstaunen. Schirin Ebadi ist ihnen in erster Linie als Kritikerin gegenübergetreten. Außerdem ist sie eine Frau, die für sich gleiche Rechte fordert wie für einen Mann und für die Einhaltung der Menschenrechte eintritt. Hinzu kommt, dass Ebadi ständig das Monopol auf die einzig wahre Deutung des Islams hinterfragt, das die Konservativen als Interpreten des göttlichen Willens für sich beanspruchen.

In Iran ist die Juristin nicht die einzige, die so argumentiert. In der iranischen Reformbewegung besteht Einigkeit darüber, dass der Islam nicht zu den Menschenrechten im Widerspruch steht. Gegen die restriktive Deutung des Islam hat sich auch unter den iranischen Theologen eine Gegenströmung etabliert – eine Strömung, die die gesellschaftlichen Reformkräfte trägt und weit über Iran hinaus für die islamische Welt von Bedeutung ist. Viele, die heute in Iran für Menschenrechte streiten, machen Anleihen bei den bedeutendsten Theoretikern der „neuen Theologie“, von denen Abdolkarim Sorusch der prominenteste ist. Seine wissenschaftliche Haupttheorie hat die Wandelbarkeit der religiösen Erkenntnis zum Inhalt. Weil die Erkenntnis des Menschen wandelbar sei, verändere sich auch die Erkenntnis des Menschen von seiner Religion, denn Erkenntnis sei generell von der Zeit und dem Stand der Wissenschaften abhängig. Mit der Zeit ergeben sich, so Sorusch, immer neue Deutungen des Glaubens; sie seien angepasst an die Umstände, in denen die Interpreten lebten.

Sorusch ist der führende Theoretiker zum Thema „Islam und Moderne“ Irans. Er versucht, ein politisches System zu begründen, das sowohl islamisch als auch demokratisch ist. Er nutzt dazu Ansätze vor allem westlicher Wissenschaften, transportiert aber seine Argumente in ein religiöses Bezugssystem. Sein Ausgangspunkt: die Möglichkeit unendlicher Erkenntniszunahme und der bloße Annäherungscharakter von Erkenntnis. Der Mensch kann also nie wirklich wissen, was Gott von ihm erwartet. Er wird nie erfahren, was das Gesetz Gottes wirklich ist oder was es bezweckt. Gottes Absichten sind unergründlich. Der Mensch kann nur das Ziel Gottes erkennen und verstehen. Mehr nicht. Und dieses Ziel der Religion könne auf keinen Fall zu humanen Konzepten im Widerspruch stehen.


Der interpretationsbedürftige
Koran

Der Korantext ist demnach wie jeder andere Text auch ein offener Text, der zu Interpretationen einlädt. Sorusch sagt, dass die starre Deutung des Glaubens ein Phänomen der Moderne sei. Früher sei man immer von einem Wandel der religiösen Erkenntnis ausgegangen. Diese Wandelbarkeit öffne den Raum für Neuinterpretationen. Und aus diesem Grund sind auch Menschenrechte und Islam vereinbar.
Diese Haltung muss in Iran anecken, wo der Diskurs immer noch maßgeblich von der Meinung des iranischen Staatsgründers Chomeini bestimmt wird. Nach seinem Menschen- und Gottesbild hat nur einer Rechte, nämlich Gott. Der Mensch hat keine Rechte – vor allem hat er sie nicht allein aufgrund der Tatsache, dass er ein Mensch ist, wie im westlichen Kontext
angenommen. Der Mensch hat zwar Pflichten gegenüber Gott, aber nur Gott allein hat Rechte. Eventuell räumt Gott oder sein Stellvertreter auf Erden dem Menschen Rechte ein, aber er kann sie ihm genauso gut wieder nehmen, denn Rechte sind nicht natur-, sondern gottgegeben.

Laut Chomeini muss sich zudem jeder Mensch dem Wohl der Allgemeinheit, das heißt: der islamischen
Gemeinde unterordnen. Chomeini leugnete, dass der Mensch individuelle Freiheitsrechte gegenüber dem Staat habe, wie sie der Liberalismus postuliert. Die Menschenrechte, deren Missbilligung und Missachtung man ihm daraufhin vorwarf, hielt Chomeini für ein Werkzeug der teuflischen Mächte; sie trachteten einzig danach, den Siegeszug des Islam aufzuhalten.

Diese Argumente bestimmen auch heute noch den aktuellen iranischen Diskurs zum Thema Menschenrechte. Der Universalität der Menschenrechte wird bis heute die Forderung nach einem Systemvergleich entgegengesetzt. Kulturelle Unterschiede müssten berücksichtigt werden: Aufgrund der historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in ihrem Kulturkreis wollten die Muslime die Rechte Gottes anstelle der ,Menschen-Rechte’ achten; der Westen hingegen habe seine Ordnung anthropozentrisch ausgerichtet.

Sorusch hat diese kulturrelativierende Position weit hinter sich gelassen. Ihn interessiert die Frage der Übereinstimmung von Islam und Menschenrechten nicht mehr: Für ihn sind die Menschenrechte schlicht ein Gebot der menschlichen Vernunft. Damit könnten sie auch der Religion nicht widersprechen, denn prinzipiell könne nichts Unvernünftiges Gottes Wille sein. Dass die Menschenrechte in einem außerreligiösen Rahmen entstanden sind, hindert ihn nicht daran, ihre Verwirklichung auch in einem islamischen Staatssystem für möglich und sogar notwendig zu erachten. Zwar seien die Menschenrechte von Menschen erdacht worden, da sie aber nicht der Religion widersprächen, bliebe das Recht Gottes gewahrt.


Regeln ersten und
zweiten Grades

Soruschs Argumentation ist ein erster Schritt zu einer säkularen Hermeneutik. Logische Konsequenz dieser Argumentation: Eine ganze Reihe von Gesetzen, die das islamische Recht kennt, könnten nicht mehr angewendet werden – beispielsweise das Abhacken der Hand nach erfolgtem Diebstahl. Laut Sorusch
ist es aber auch nicht unbedingt notwendig, alle islamischen Gesetze im Detail zu befolgen. Um dies zu begründen, unterscheidet er zwischen Werten ersten und zweiten Grades. Die Werte zweiten Grades bezögen sich ausschließlich auf Detailvorschriften des Glaubens und unterschieden sich somit von Religion zu Religion. Die Werte ersten Grades – beispielsweise die Gerechtigkeit – seien hingegen die wirklich wichtigen und deshalb seien sich hinsichtlich ihrer Bedeutung auch die verschiedenen Religionen und ebenso die menschliche Vernunft vollkommen einig. Weniger bedeutend als die Werte ersten Grades sind die Details wie das islamische Strafrecht oder die Kleidungsvorschriften. Sie sind nur die „Haut“, die die Religion nach außen hin zusammenhält, aber nichts mit der eigentlichen Essenz der Religion zu tun haben.

Sorusch argumentiert, im traditionellen Sinne sei Schiit, wer an die fünf unumstößlichen Dogmen der Schia glaube: die Einheit Gottes, das Prophetentum, die zwölf Imame, die Auferstehung und die Gerechtigkeit Gottes. Er nimmt also hinsichtlich der Menschenrechte eine Haltung ein, die gemeinhin nur von Säkularisten vertreten wird, denn er geht wie sie davon aus, dass der Mensch grundsätzlich auch außerreligiöse Rechte hat – und zwar nur, weil er ein Mensch ist.


Menschenrechte schützen
Religion

Was Soruschs Argumente auch für religiös orientierte Reformer wichtig macht: Sie haben immer ein religiöses Motiv. Ihm liegt etwas an seinem Glauben, gerade deshalb hat er aus den Erfahrungen von 24 Jahren real existierendem Islamismus die Konsequenz gezogen, dass Religion und Staat getrennt werden müssen. Hinzu kommt noch etwas Entscheidendes: Nach seiner Meinung ist die Demokratie unter allen Regierungsformen auch diejenige, die am besten die Religion schützt, also die Rechte Gottes. Er will die Religion davor schützen, durch „angebliche Gottesmänner“ zu Zwecken missbraucht zu werden, die dem Willen des Schöpfers widersprechen. Nur eine Demokratie könne den Missbrauch der Religion verhindern, da sie die Einhaltung der Menschenrechte überwache. Wenn die Menschenrechte beachtet würden, könne man auch die Religion nicht missbrauchen. Demokratie als Regierungsform mit einem liberalen Wirtschaftssystem kann zudem die primären Bedürfnisse der Menschen am besten stillen. Längerfristig verwirklicht sie damit am sichersten den Auftrag der Religion.

Soruschs ideale Regierung ist deshalb nicht nur demokratisch, sie ist auch religiös – weil sie die Rahmenbedingungen dafür schafft, dass sich der Mensch überhaupt seinem Glauben widmen kann. Sie ist sogar weit religiöser als eine Regierung des islamischen Rechts, die nur die Bestimmungen der Scharia, des islamischen Rechts, in der Gesellschaft durchsetzt. Deshalb hat die religiöse Regierung auch keine bestimmte, festgelegte Form, sondern nimmt mit jeder Epoche eine andere Gestalt an.

Ein solches Konzept hält sich nicht mehr mit der Deutung des Koran „auf“, sondern orientiert sich am letztendlichen Willen des Schöpfers. Es unterscheidet sich ganz prinzipiell vom liberalen islamischen Diskurs. In einer apologetischen Argumentation versuchen liberale islamische Denker zu zeigen, wie tolerant sich der Islam in seiner Geschichte den anderen Religionen gegenüber verhalten hat. Übergriffe gegen die vom Glauben Abgefallenen werden schöngeredet, ihre Seltenheit und politische, nicht eigentlich religiöse Motivation hervorgehoben. Sorusch hingegen widmet sich der Frage, ob sich der Islam in der Geschichte tolerant gezeigt hat, überhaupt nicht. Das beliebte Argument, dass die muslimischen Herrscher den Juden in Spanien mehr Freiheiten gewährten als die christlichen Eroberer, kommt bei ihm nicht vor. Ebenso verzichtet er darauf, die höheren Steuern und das geringere Blutgeld der Nicht-Muslime zu beschönigen. Für seine Argumentation sind diese Deutungen irrelevant, weil er versucht, sein Religionsverständnis dem modernen Konzept von Menschenrechten anzupassen.

Ganz entscheidend ist wohl der historisch-politische Kontext einer solchen Argumentation, die Erfahrung in der Islamischen Republik im Iran, wo sich immer mehr Menschen vom Islam abwenden, weil Misswirtschaft, Korruption, Vetternwirtschaft et cetera herrschen – und weil sie dafür den Islam verantwortlich machen. Deshalb versucht Sorusch einen anderen Islam vorzustellen. Hinzu kommt natürlich, dass er sich als Hermeneutiker und Koranwissenschaftler der Interpretationsvielfalt des Koran bewusst ist. Er kennt die Vielfalt der Deutungen. Und er hat miterlebt, wie der Koran in den sechziger, siebziger Jahren als Grundlage einer Ideologie herhalten musste, wie in seinem Namen in den achtziger Jahren die Menschen auf die Schlachtfelder des iranisch-irakischen Krieges geschickt und wie in seinem Namen Tausende Unschuldiger hingerichtet wurden.


Inspiration für Künste und Wissenschaft

Diese Erfahrung hat die Erkenntnis in ihm reifen lassen, dass der Koran in den letzten Jahrzehnten beschmutzt worden sei – und dass man ihn deshalb wieder auf das tachtsche legen sollte: Mit dem Wort tachtsche wird im Persischen diejenige Stelle bezeichnet, an der der Koran verwahrt wird, es muss der höchste Platz in der Wohnung sein, also ein hohes Bücherregal oder Ähnliches. Der Ideologe der Islamischen Revolution, Ali Schariati, hatte in den siebziger Jahren beklagt, dass der Koran seine Relevanz für das tägliche Leben der Muslime verloren habe. Er wollte, dass der Koran präsent sei im Leben der Muslime, dass er wieder zur Richtschnur werde für ihr Handeln in Politik und Gesellschaft. Mit diesem Slogan trat die islamische Bewegung Irans an, zu der einst auch Abdolkarim Sorusch gehörte.

Sorusch ist inzwischen zu der Überzeugung gelangt, der Koran würde besser wieder auf das tachtsche zurückgelegt. Dort wenigstens werde er nicht beschmutzt. Dies zeigt pointiert, welcher Umdenkungsprozess bei vielen Befürwortern einer Islamisierung des Staates im Iran eingesetzt hat. Auf dem tachtsche könne der Koran wieder zu dem werden, was er in der islamischen Geschichte immer war: zu einer Inspiration für die Künste und die Wissenschaft. Und zu dem persönlichen Bindeglied zwischen dem Menschen und seinem Gott.

Mit dieser Art von Islam identifizieren sich die iranische Reformbewegung, Schirin Ebadi und große Teile der iranischen Bevölkerung, die zwischen 1997 und 2001 bei drei Wahlen für die Reformer stimmten. Ironischerweise scheint das inzwischen selbst für die nächste Familie des Staatsgründers Chomeini zu gelten. Auch seine Enkelin Zahra Eschraqi, die mit dem Bruder des iranischen Präsidenten, dem Führer des Partizipationspartei des Islamischen Irans, verheiratet ist, erwartete Schirin Ebadi am Teheraner Flughafen, als sie dort landete – wenige Tage nachdem bekannt worden war, dass sie mit dem Friedensnobelpreis des Jahres 2003 ausgezeichnet werde. Mit einem Bouquet weißer Rosen im Arm beglückwünschte sie die Nobelpreisträgerin.








Dr. Katajun Amirpur
ist Islamwissenschaftlerin und lebt in Köln. Ihr aktuelles Buch „Gott ist mit den Furchtlosen – Schirin Ebadi, Nobelpreisträgerin und der Kampf um die Zukunft Irans“ ist 2003 im Herder Verlag erschienen.
Amirpur@aol.com