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Kriegsursachen:
Interpretation zu weit getrieben


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02/2005
 

Kriegsursachen:
Interpretation zu weit getrieben

Sabine Kurtenbach, Peter Lock (Hg.):
Kriege als (Über)Lebenswelten. Schattenglobalisierung, Kriegsökonomien und Inseln der Zivilität.
Bonn, Dietz Verlag 2004, 325 Seiten,
12,70 Euro, ISBN 3-8012-0337-9

Die ökonomische Seite von Kriegen wird zunehmend beachtet: Jede Kriegspartei muss ihre Kämpfer verpflegen und ausrüsten. Das Beschaffen von Material kann besonders für nichtstaatliche Truppen zu einem Kampfzweck werden. Das von Sabine Kurtenbach und Peter Lock herausgegebene Buch betont nun zu Recht: Kriegsökonomien sind Bestandteil globaler Wirtschaftsverflechtungen. Es fasst die damit verbundenen illegalen Transfers von Waffen, Drogen, Bodenschätzen und Schwarzgeld sowie die Migration als informelle Seite der Globalisierung auf, als „Schattenglobalisierung“.

Das Buch macht die Mitverantwortung von Wirtschaftsakteuren aus Industrieländern für bewaffnete Konflikte in Ländern des Südens deutlich. Es zeigt Wege auf, wie sich Kriegsökonomien austrocknen lassen. So fordert Kurtenbach die Industrieländer auf, die „Schattenglobalisierung“ durch Regulierung zurückzudrängen. Wichtig sind auch Angelika Speltens Hinweise, wie transnationale Unternehmen Konflikte schüren oder dämpfen können.

Hinsichtlich der Ursachen der weltweiten Gewaltausbrüche kommen die einzelnen Beiträge zu unterschiedlichen Ergebnissen. Am weitesten gehen Lock/ Kurtenbach: Sie plädieren dafür, nicht länger zwischen Krieg und anderen Formen von Gewalt zu unterscheiden. Lock begründet das mit einem Modell, wonach die Weltwirtschaft aus drei miteinander verschränkten Sphären besteht: einer formellen, einer informellen und einer kriminellen.

Ihm zufolge schrumpfen mit der Globalisierung der Anteil der formellen Wirtschaft und die Steuereinnahmen der Staaten. Gleichzeitig wachse der Anteil junger Leute, die keine Chance auf eine formelle Beschäftigung hätten. Immer größere Bereiche der globalen Gesellschaft entzögen sich staatlichem Recht. Kriminelle Gewalt konkurriere mit „rudimentärer Selbstorganisation“ darum, informelle, ungleiche Tauschverhältnisse zu regulieren. Auch Lock behauptet nicht, dass Bürgerkriege aus ökonomischen Gründen entstehen. Doch ökonomische Erfordernisse bestimmen aus seiner Sicht zunehmend den Charakter der Kriege. Sie und die organisierte Kriminalität fasst er daher als Spielarten desselben Phänomens auf, das er als „regulative Gewalt“ bezeichnet.

Damit macht Lock aus wichtigen Beobachtungen eine Theorie, die nicht überzeugt. So betont Frances Stewart in seinem Beitrag, dass Bürgerkriege nicht auf Armut und Ungleichheit an sich zurückgeführt werden können. Erstens sei die Kausalität wechselseitig, und zweitens seien bestimmte Arten der Ungleichheit konfliktträchtiger als andere. Die Existenz oder Herausbildung von Gruppenidentität und ihr Einsatz für politische Ziele unterscheiden Stewart zufolge Bürgerkriege von Kriminalität.

Erhellend ist die Fallstudie von Luiz Martinez über den Krieg in Algerien: Sie zeigt, wie sich im Laufe des Konfliktes islamische Widerstandsgruppen und kriminelle Banden bildeten und gegenseitig benutzten – während sie der Staat manipulierte. Martinez richtet den Blick auf lokale Organisationen und die Folgen ihrer Zerschlagung und macht dadurch sichtbar, dass vieles, was von außen als kriminelle oder sinnlose Gewalt erscheint, einen politischen Sinn hatte. Denn es war verbunden mit Streit über die „rechte Ordnung“ der (lokalen) Gesellschaft und über die Legitimität von kollektiver Gewalt. Als die Gegner des Staates jede Legitimität verloren hatten und der Bevölkerung nur noch als Kriminelle galten, war ihre Niederlage besiegelt.

Daran wird deutlich: Der begründete Anspruch auf Legitimität unterscheidet politische Gewalt von Kriminalität. Diese Dimension blendet der Begriff der „regulativen Gewalt“ aus. Zwar sind kriminelle und kriegerische Gewalt beide „regulativ“ und können sich vermischen. Doch analytisch bedeutsamer ist, was sie unterscheidet, betont Lothar Brock in seiner Einleitung zu dem Sammelband und widerspricht damit Lock und Kurtenbach.

Lock und andere Autoren des Bandes – etwa Ehrke in seiner lesenswerten Kritik an den ökonomischen Kriegsanalysen der Weltbank – neigen dazu, politische Zustände aus der Ökonomie abzuleiten. So speist sich die Kapazität des Staates nach Lock aus dem Mix von formeller, informeller und krimineller Ökonomie auf seinem Territorium (denn er bestimme das Steueraufkommen). Das Umgekehrte – die Stärke des Staates bestimmt die Mischung – erscheint aber genauso richtig. Doch auch wenn der Ansatz zu weit getrieben wird: Lock und Kurtenbach haben einen anregenden Sammelband vorgelegt. Auch weil sie souverän genug sind, den Widerspruch gleich mitzuliefern.

Bernd Ludermann