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Entwicklungsperspektiven für den Nordosten

Mit deutscher Unterstützung nach Europa

Korrekturen an Berichterstattung aus
Entwicklungsländern nötig



02/2005
 

[ Afghanistan ]

Entwicklungsperspektiven für den Nordosten

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit (EZ) in Afghanistan hat seit November 2003 die nordöstlichen Provinzen Badakhshan, Baghlan, Kunduz und Takhar verstärkt im Blick. Die Region erfordert nicht zuletzt im Rahmen der Anti-Drogen-Politik der Zentralregierung in Kabul konkrete Perspektiven. In enger Abstimmung mit der Bundesregierung hat InWEnt Anfang Dezember eine Konferenz über Entwicklungsmöglichkeiten und Herausforderungen in den vier Provinzen organisiert.


[ Von Sonja Nelles und Reimut Düring ]

Eines der wichtigsten Ergebnisse der Konferenz ist die Forderung der Zentralregierung sowie von Vertretern der vier Provinzen, 2005 in kleinerem Rahmen Folgeworkshops in Badakhshan, Baghlan, Kunduz und Takhar durchzuführen. Diese sollen den Entscheidungsträgern auf Provinz- und Distriktebene methodische Hilfestellungen bei der Umsetzung ihrer Aufgaben im Rahmen der genannten Programme bieten.

In der Provinz Kunduz haben sowohl die afghanischen Vertreter als auch die Vertreter der internationalen Institutionen die Einrichtung von „provincial development steering committees“ unter Führung des Gouverneurs vorgeschlagen, um zukünftig die Koordination der einzelnen Programme zu verbessern und für mehr Transparenz zwischen den beteiligten Akteuren zu sorgen. Dies hätte Modellcharakter auch für die anderen Provinzen.

„Entwicklungsmöglichkeiten und Herausforderungen für die Provinzen Badakhshan, Baghlan, Kunduz and Takhar – Akteure, Programme und Perspektiven“ lautete das Thema der Konferenz. InWEnt führte es in enger Abstimmung mit dem Bundesentwicklungsministerium (BMZ) vom 29. November bis 02. Dezember 2004 in Kunduz durch. Ziel der Veranstaltung war, die nationalen Entwicklungspläne und ihre Bedeutung für die Entwicklung der vier Provinzen bekannter zu machen. Außerdem sollte das Treffen einen Erfahrungsaustausch zwischen den Provinzen ermöglichen.

Als Schirmherren der Konferenz konnte die afghanische Zentralregierung, vertreten durch die Reformkommission unter dem Vorsitz des Vizepräsidenten Hidayat Amin Arsala, die Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan UNAMA und das BMZ gewonnen werden. Finanziert wurde die Konferenz vom BMZ.

Die nordöstlichen Provinzen umfassen ein Gebiet so groß wie Bayern und Hessen. Hier leben etwa drei Millionen Menschen. Unter ihnen befinden sich mehr als 300 000 Flüchtlinge. Eines der zentralen Probleme der Region sind die fehlenden Entwicklungsperspektiven auf kurz-, mittel- und langfristiger Sicht für die einzelnen Provinzen und die Region insgesamt. Zu den Schwachstellen gehört, dass auf Provinz- und Distriktebene keine leistungsfähigen Verwaltungen existieren. Eine völlig unzureichende Infrastruktur macht den inner- und intra-provinziellen sowie den zwischenstaatlichen Handel fast unmöglich. Insbesondere in Badakhshan fehlen wirtschaftliche Alternativen zum Schlafmohnanbau. Um die Möglichkeiten auszuschöpfen, die sich im Rahmen der nationalen Entwicklungsprogramme (ADF, NSP und ASP) bieten, bedarf es einer übergreifenden Entwicklungs- und Regionalplanung für die gesamte Region.

Trotz der organisatorischen Schwierigkeiten durch die immer noch fehlende Kommunikationsinfrastruktur im Nordosten Afghanistans erreichte die Konferenz einen sehr hohen Mobilisierungsgrad. Mehr als 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Kabul, den vier Provinzen Badakhshan, Baghlan, Kunduz und Takhar nahmen an der dreitägigen Veranstaltung teil.

Der hohe Stellenwert der Konferenz wurde unter anderem dadurch sichtbar, dass Vizepräsident Arsala, drei Provinzgouverneure, Vertreter der Provinzverwaltungen und von Distriktverwaltungen, von afghanischen und internationalen Nichtregierungsorganisationen (NRO) mitwirkten. Von den internationalen Organisationen arbeiteten unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), der Deutsche Entwicklungsdienst (DED), die Deutsche Welthungerhilfe (DWHH), das britische Department for International Development (DFID), die irische Hilfsorganisation Concern und die Agha Khan Foundation mit. Ebenso beteiligten sich Repräsentanten der regionalen Sicherheitskräfte und der internationalen Schutztruppe (ISAF) aktiv an der Konferenz.

Die EZ ist der dritte Pfeiler des deutschen Engagements in der Region. Sie steht neben der militärischen Unterstützung im Rahmen des ISAF-Mandats, dem Engagement beim Aufbau der Polizei und der Unterstützung des politischen Dialogs (gefördert durch das Auswärtige Amt und das Bundesinnenministerium).


Perspektiven im Anti-Drogen-Kampf

Die Region mit ihren vier Provinzen benötigt angesichts der vom neu gewählten Präsidenten Hamid Karzai ausgerufenen Anti-Drogen-Politik konkrete Perspektiven im Rahmen der Wiederaufbaubemühungen des Landes. Alle laufenden und geplanten Maßnahmen in den vier Provinzen sind eingebunden in die von der afghanischen Regierung und den internationalen Gebern vereinbarte Rahmenplanung „National Development Framework“. Bei den landesweit gültigen „Nationalen Programmen“ sind insbesondere das „National Solidarity Program“ (NSP) und das „Afghan Stabilisation Program“ (ASP) von Bedeutung.

Die Programme und ihre Zielsetzungen wurden im Gefolge der jüngsten Berlin-Konferenz und der angekündigten Konkretisierung der Geberbeiträge im April 2004 in Kabul von der Zentralregierung vorgestellt. Ein wichtiges Anliegen dieser Programme ist neben den inhaltlichen Schwerpunkten (Bekämpfung der Armut, Förderung des Privatsektors, Steigerung der Staatseinnahmen etc.) die Sicherheit in den Provinzen zu verbessern und die Position der Zentralregierung vor Ort zu stärken. Insbesondere NSP gilt als Flaggschiff der Zentralregierung, um die Provinzen und Distrikte zu fördern.

Inhalte und Möglichkeiten von NSP und ASP wurden im Rahmen der Konferenz von Vertretern der Zentralregierung präsentiert und von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern diskutiert. In Arbeitsgruppen trugen sie Erfolge und Schwierigkeiten der Entwicklungsmaßnahmen seit 2002 in den vier Provinzen zusammen und identifizierten fördernde und behindernde Faktoren von laufenden oder geplanten Projekten. Am letzten Tag wurden konkrete Ansätze für weitere Aktivitäten in den vier Provinzen diskutiert.


Angstfreie Diskussionen als eigentlicher Erfolg

Die Konferenz war die erste dieses Zuschnitts im Nordosten Afghanistans. Die Tatsache, dass so viele Menschen nach Jahren des Krieges in einem öffentlichen Raum sicher, angstfrei, reibungslos und engagiert diskutieren konnten, war ein Novum und für manche Teilnehmer der „eigentliche Erfolg“ dieser Konferenz. Die örtliche Polizei gewährleistete die Sicherheit der Veranstaltung und wurde dabei von der ISAF unterstützt.

Insbesondere Vertreterinnen und Vertreter der Frauenverbände und der Jugend beteiligten sich engagiert an den Diskussionen. Sie kritisierten teilweise die bestehenden Machtstrukturen und die fehlende Einbindung ihrer Gruppen.

Im Oktober 2004 konnte die afghanische Bevölkerung zum ersten Mal nach über 20 Jahren Krieg frei wählen. Über zehn Millionen Bürgerinnen und Bürger beteiligten sich seinerzeit an einem weitestgehend demokratisch verlaufenden Urnengang. Aus ihm ging Übergangspräsident Karsai als Sieger hervor. Für den demokratischen Wiederaufbau des Landes bedeutet er einen Meilenstein. InWEnt wird den demokratischen Prozess – wie bereits in den vergangenen zwei Jahren – weiterhin durch Maßnahmen im Bereich von Training und Capacity Building unterstützen.






Sonja Nelles
war bislang Projektleiterin für Trainingsprogramme in Afghanistan und wechselt in eine neue Abteilung.
sonja.nelles@inwent.org

Reimut Düring
leitet bei InWEnt die „Abteilung Osteuropa,Naher und Mittlerer Osten“.
reimut.duering@inwent.org